Ressort: Lebenskunst(Weitere Infos)

05.April 2021, 18:55

Lernen wollen: Lust auf mein Leben haben

Eine Gebrauchsanweisung, die ich – je länger je mehr – auf jede Falle anzuwenden versuche, in die ich tappe. Solche Fallen lauern für uns überall, und sie sind für unsere Freiheit ganz kleine oder auch ganz kapitale Katastrophen.

Es ist die deutsche Version der „Autobiographie in fünf Kapiteln“ von Portia Nelson.
(Den englischen Text setze ich ans Ende dieses Beitrags).

1.
Ich gehe die Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren…
Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2.
Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

3.
Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein… aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiss, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4.
Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

5.
Ich gehe eine andere Strasse.


Vieles, das mir in meinem Leben Energie raubt, beruht auf Impulsen, die mich die immer gleichen Runden drehen lassen. Meine Reflexe folgen meinen Mustern, wie wenn mein Verhalten durch mein vegetatives Nervensystems gesteuert wäre. Und das Leid, das es bedeutet, scheint mir lieber Orientierung zu sein, als dass ich es zu überwinden versuchte.

Manchmal ist es allein schon sehr harte Arbeit, das Loch überhaupt zu erkennen, mich darin als Gefangener zu begreifen. Dabei ist das Loch genau dafür so gross und so dunkel – will es mich wirklich verschlucken, oder nicht eher warnen?

So wohlig kann ich mich – scheinbar – fühlen, so zusammengekauert im Loch. Ich verweile da, weil da kein Weg mehr ist, den ich glaube gehen zu können (gehen zu müssen?). Die fehlende Perspektive lockt mich mit Selbstaufgabe. Warum sich wehren? Das Loch ist ja immer da.

Aber die Welt ist viel grösser, als sie aus einem Erdloch gesehen werden kann.
Um dieses Wissen bin ich dankbar, denn es lässt mich aus den tiefsten Löchern krabbeln und am Ende neue Strassen finden, die mir, die uns allen offen stehen. An die stelle von Reflexen kann ein Gestalten treten, ein Plan, ein Weg mit einem Ziel, einem Bewusstsein.

There’s a Hole in my Sidewalk
Autobiography in Five Short Chapters
By Portia Nelson

Chapter One
I walk down the street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I fall in.
I am lost …. I am helpless.
It isn’t my fault.
It takes forever to find a way out.

Chapter Two
I walk down the street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I pretend that I don’t see it.
I fall in again.
I can’t believe I am in this same place.
But, it isn’t my fault.
It still takes a long time to get out.

Chapter Three
I walk down the same street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I see it is there.
I still fall in … it’s a habit … but, my eyes are open.
I know where I am.
It is my fault.
I get out immediately.

Chapter Four
I walk down the same street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I walk around it.

Chapter Five
I walk down another street.

Zu finden hier (und mehr): The Sidewalk of Life


thinkabout.myblog.de vom 7.11.04 – heute redigiert und ergänzt

02.April 2021, 23:15

Begegnung mit einer alten Liebe

Ich bin wieder zuhause. Die Aussicht auf den Zwetschgenkuchen, den wir gestern gebacken haben, hat mich etwas früher aus meiner Jogging-Runde heim gezogen. Kleine Sünde, grosse Freude… Er ist soo herrlich saftig!!

Ich geniesse die behagliche Wärme der geheizten Wohnung, zufrieden mit meiner Welt. Und ich denke an das Paar, das mir beim Laufen immer wieder begegnet ist, auch heute wieder:

Eine alte, freundliche Frau, die ihren Mann in einem Rollstuhl spazieren schiebt, jeden Tag, bei jedem Wetter. Sie spricht ständig mit ihm, lebhaft und voller Liebe. Er aber redet nie, sagt keinen Ton, und sein Gesicht, das bis auf sein kantiges Kinn und einen harten, schmallippigen Mund hinter den dunklen Gläsern einer dicken Hornbrille versteckt ist, verrät keine Regung. Wahrscheinlich hat er eine Lähmung, denn er sitzt stets mit verkrampfter Haltung in seinem Rollstuhl, so, als hätte man seinen Körper zurecht biegen müssen, um ihn hinsetzen zu können.

Wie ich die beiden nach einem kurzen Gruss hinter mir zurücklasse, mit ausholenden Schritten weiter laufend, frage ich mich, ob mir dieser Mann nicht bittere Gedanken nachsenden mag? Auch wenn ich über meine Bestimmung für den morgigen Tag nichts weiss, so ist doch klar, dass unsere Lebenslinien unterschiedliche Krümmungen aufweisen.

Das einzige aber, was ich höre, ist die Stimme seiner Frau, die nicht müde wird, ihm weiter von allem Möglichen zu erzählen. Der Wind trägt mir ihre Stimme noch lange nach, als möchte er damit die Liebe dieser Frau ehren, die ihrem Mann jeden Atemhauch ihrer Kraft schenkt, Tag für Tag.


thinkabout.myblog.de vom 6.11.04 – heute redigiert

01.April 2021, 7:50

10min schreiben über: Freizeit

Freizeit ist freie Zeit. Kein Chef sagt mir, was ich zu tun habe, kein Auftrag mahnt mich, weiter zu arbeiten. Ich bin frei, Zeit zu haben. Sollte ich sein. Wir haben so viele Möglichkeiten, freie Zeit zu nutzen, etwas „Gescheites“ damit anzufangen – und schon packen wir Erwartung in sie hinein und schaffen damit die Grundlage, dass wir ganz sicher zu wenig davon haben. Weil wir enttäuscht sein werden, wenn sie vorbei ist, die freie Zeit. Wie schnell ist sie gerannt, die Zeit!

Wir verstehen Freizeit als eine weitere Zeit mit Betrieb. Aktive Erholung – das Wort muss die Freizeitindustrie erfunden haben! Der Sportartikelverkäufer lebt davon, dass wir uns die Zeit nicht einfach gefallen lassen. Wir müssen sie besetzen mit Sinn. Kaum jemand kommt auf die Idee, dass die Freizeit ihren Sinn genau darin haben könnte, dass die Zeit frei bleibt.

Hat man plötzlich freie Zeit, auch dann, wenn sie einem nicht als Aufgabe gestellt wird, weil man versetzt wird, vom Partner, vom Freund, vom Arbeitgeber, sondern weil die Lebensplanung sich durchaus erfüllt: Teilzeit, die Wahl, mehr Zeit statt mehr Lohn zu haben, erfüllt sich, oder die Pensionierung ist da. Alle, welche diese Ausgangslage kennen, werden bestätigen, dass die grösste Herausforderung darin liegt, nicht ganz schnell auch jetzt „keine Zeit“ mehr zu haben. Es gibt schlicht zu wenig davon. Wir alle sind darauf getrimmt, sie zu füllen. Zeit zu verbringen, ohne wohin kommen zu müssen, hat den Hauch der Vergeudung. Zeit zu haben ist eine Chance für ein Werk. Eine Leistung. Ein Ergebnis. Ich glaube, dass unsere Freizeit viel zu wenig wirklich freie Zeit enthält.

Und auch wenn wir sie suchen, geben wir ihr sofort Struktur. Wir lassen uns anleiten. Wir sind in der Lage, auch zur Kunst, Zeit zu haben, erst mal einen Kurs zu besuchen.

Freie Zeit, die darin besteht, dass ich mich einfach mal hinsetze und aus dem Fenster schaue. Das ist eine Herausforderung. Unglaublich, wie laut es da erst in mir ist. Dann hinter mir, dann… wenn Ruhe nicht beunruhigt, ist das wirklich freie Zeit.


eine Auftragsarbeit

29.März 2021, 0:45

Heimkoller

Im Militär haben wir manchmal vom Lagerkoller gesprochen. In der aktuellen Homeofficezeit, die in ihrer Durchsetzung ja nicht auf einer bewussten Arbeitsplatzgestaltung beruht, sondern von den Unwägbarkeiten und Unverständlichkeiten behördlicher Vorgaben stark mit beeinflusst wird, stelle ich ähnliche Phänomene fest. Es reicht langsam, und ganz allmählich werden wir stinkig.

Ein Video-Chat oder erst recht eine Videokonferenz ist auch kein Telefongespräch. Die Menschen auf den Bildschirmen kommen uns mit ihren Gesichtern sehr viel näher als in jeder tatsächlichen Begegnung, und oft unbemerkt liegt darin eine Nähe, die uns stresst. Sich selbst beim Reden sehen zu können, macht es auch nicht einfacher. Kurz: Unsere „Kontakte“ sind Notbehelfe, und sie ersetzen die persönliche Begegnung in keiner Weise. Mir scheint, dass Viele an dem Punkt angekommen sind, an dem ihnen das Zuwenig eindeutig Zuviel wird.

Tools der Online-Kommunikation, die wir doch ursprünglich mit so viel Freude eingerichtet hatten, weil wir uns damit zeigen konnten, dass wir uns doch zu helfen wissen, nutzen sich ab. Die Chats werden seltener, der Humor wird dünner, die Gehässigkeit grösser, will heissen, Witze werden vermehrt auf Kosten anderer gemacht, oder Luft muss entweichen. Dafür eignen sich Politiker als Zielscheiben immer, aber es kann auch andere treffen – und dabei treffen wir uns selbst. Weil die üble Laune dadurch nicht wirklich entweichen kann, ist das eine Sackgasse, und mit der Zeit wird es im eigenen Oberstübchen so muffig wie in einer wochenlang nicht mehr gelüfteten Studierstube. Mein Rat: Ehrlich mal sagen, wie sehr einem die ganze Situation auf den Keks geht, es aber so formulieren, dass andere durchaus erkennen können, dass es tiefer geht. Hat man mit etwas Mühe, erfordert es eine persönliche Mühe, da raus zu kommen, sich auf ein positives Niveau zurück zu hieven. Wenn man dann dabei durch exakt die angesprochenen Tools Hilfe bekommt, durch Menschen eben, die ja die Situation kennen, dann sind die Onlinehilfen plötzlich wieder so toll, wie sie tatsächlich sein können. Weil wir sie nutzen, indem wir nicht nur an der Oberfläche bleiben.

Ich würde mal vermuten, dass sehr Viele, die als „Verantwortliche“ Corona-Massnahmen in Betrieben umsetzen und durchsetzen mussten, sehr viel Unwillen abbekommen haben, ohne dafür auch nur das Geringste zu können. Mit der Zeit hilft es diesen Personen dann auch nicht weiter, wenn der üblen Laune der Satz nachgeschoben wird: Ich weiss ja, dass Du nichts dafür kannst. Darum gilt wohl auch hier: Wenn wir uns um eine positive Sicht bemühen, immer wieder, helfen wir nicht nur uns. Aber uns ganz sicher.

24.März 2021, 18:30

10min schreiben über: Dankbarkeit

Danke sagen, ist eine Höflichkeit, ein Erziehungsschritt für Kinder, eine gesellschaftlich angebrachte Norm – zumindest war es das lange Zeit. Danke sagen können ist auch eine Fähigkeit – denn sie schliesst ein, dass der Support eines Menschen mir selbst weiter geholfen hat. Ich konnte Hilfe gebrauchen. Vielleicht habe ich sie bekommen, ohne danach zu fragen, vielleicht wurde sie mir aufgedrängt, vielleicht aber habe ich es einfach nicht fertig gebracht, darum zu bitten. Dann also um so mehr Danke! Dankbarkeit ist aber auch eine Lebenseinstellung.

Wer Dankbarkeit empfinden kann für das, was ist, für die Umstände, die sein Leben ausmachen, auch und gerade im Kleinen, der verfügt über eine Ruhe, eine Bescheidenheit, die auch in allfälliger Mühsal erkennt, dass es viele Dinge und Menschen gibt, welche die Herausforderungen leichter machen. Dankbare Menschen sehen das Glas nie leer. Dankbarkeit kann auch auf einer Einsicht beruhen, einer Weisheit, die da weiss, dass unser aller Leben jederzeit zu Ende sein kann. Niemand kann erwarten, dass ihm genügend Zeit bleibt für alles, was im Leben noch geändert gehört. Oder verbessert. Es kann morgen vorbei sein. Also ist es ganz wichtig, dass ich meinen Frieden machen kann mit allem, was war oder noch nicht ist. Auch der grösste Macher ist von der Gnade abhängig, Zeit zu bekommen – und die Fähigkeit, für Umstände dankbar zu sein, die ihm gegeben werden, verhindert Überheblichkeit. Und wenn wir dann also Zeit bekommen, Raum haben, gestalten können, verändern, verbessern, so ist auch dafür die Basis etwas, was uns gegeben wurde, ohne dass wir wirklich wissen, warum. Das Geschick hat uns gütig bedacht, und das kann genau so rätselhaft bleiben wie die Antwort auf die Frage, warum mir gerade dieser oder jener Mensch geholfen hat? In der Hilfe sind wir auch immer Engelsboten, Kameraden, Freunde, und die Stärke, die wir teilen, schenkt uns Vertrauen. Danke dafür. Eine gute Voraussetzung, um den nächsten Moment heller werden zu lassen, oder sein Licht zu sehen.

16.März 2021, 23:30

10min schreiben über: Ende

Das Ende. Wir sehnen es herbei, wir zögern es hinaus. Wir versuchen, dahinter zu kommen, wenn wir glauben, das Danach würde sicher besser. Wir wollen das Schöne festhalten, auf dass es nicht enden möge. Aber ist nicht ganz Vieles gerade deswegen so kostbar, weil es vergänglich ist?

Wir geben uns beherrscht, wir beherrschen Dinge, Tätigkeiten, Verhaltensweisen, kontrollieren unsere Emotionen und bemühen uns um rationale Antworten auf Fragen. Manchmal erliegen wir der Illusion, etwas „endgültig“ zu wissen – oder begriffen zu haben. Aber was kommt denn dahinter, hinter dem Ende unserer Fragen? Wie verhalten wir uns, wenn das Ende da ist? Eine Arbeit, ein Projekt, Ferien, eine Reise, eine Aufgabe, eine Anstellung. Fast alles hat ein Ende. Alles? Gibt es Ewiges? Wissen und Einsichten, Fragen und Zweifel, die uns auf jedem neuen Abschnitt, der wieder ein Ende haben wird, immer begleiten?

Hätten alle unsere Wege nicht dieses Ende, wir wären nicht herausgefordert, über den Weg hinaus zu denken, oder nach links oder rechts zu schauen. Wenn wir alt werden, läuft die Zeit nicht langsamer, aber wir tun es. Wir kommen zu einem Ende. Oder zu einem letzten Anfang, der jedem Ende seine Wahrheit entgegen stellen kann, die wir gar nicht sehen können, bevor wir dieses Ende hinter uns gelassen haben?

Das Ende einer Freude oder einer Mühsal kann bis dahin immer der Anfang einer neuen solchen sein. Wie wir den Weg gehen, wie wir Brüche annehmen und – eben – Enden überwinden und Anfänge wagen, ist eine Frage des Lebens. Bis zum Ende.

12.März 2021, 0:25

Hinaus, mir entgegen

Es liegt nicht an Corona, dass ich nicht Joggen gehe. Erst haben mir das Hunde überforderter Frauchen und Herrchen vor Jahren schon madig gemacht, und mittlerweile bin ich auch zu träge dafür geworden. Vielleicht juckt es mich ja wieder, wenn ich lange genug in früheren Texten stöbere und an ihnen rum bastle. Allerdings hat das ein Jahr Corona noch nicht geschafft…

Ich lasse mich nicht einsperren. Auch heute will ich joggen.
Ich freue mich, gleich mit meinen Gedanken allein zu sein.
Ich hoffe auf etwas Schwerelosigkeit in meinem Körper, auf die ganz bestimmten Minuten, die mir suggerieren, genau so endlos weiter laufen zu können.

Asthma hat mich in den letzten Tagen zweimal abbrechen lassen. Deprimiert hat mich das nicht. Die langen Wege der letzten Monate haben mich schon etwas gelehrt:

Für mich geht es nicht um Leistung. Fehlt mir die Luft, dann habe ich eben Zeit, inne zu halten.
Anhalten, rasten. Wer sagt, dass es immer vorwärts gehen muss? Ist der Schritt vorwärts immer ein Fortschritt?

Ich muss immer seltener wissen, wie weit ich laufe. Oder wie schnell.
Ich laufe mit mir.
Bin ich bei mir?
Tanzen meine Gedanken davon oder sammeln sie sich?
Die frische Luft kühlt meine Haut.
Gott legt mir die Freude auf den Weg vor meinen Füssen und in jeden Atemzug. Frei atmen können. Ich weiss, wie wunderbar das ist. Ich staune über die Quelle unserer Energie. Rund hunderttausendmal schlägt unser Herz jeden Tag, versorgt uns, ohne dass wir einen Gedanken dafür haben.

Ich bin dankbar für jedes Stück Bewusstsein, für jede Zeile, die ich schreibe, für jeden Schritt, den ich auf meiner Strasse mache.



thinkabout.myblog.de vom 6.11.04, heute redigiert

08.März 2021, 21:30

Das soziale Dilemma online

Seit der Ankündigung von Whatsapp über die sich ändernden Datenschutzbestimmungen nimmt die Diskussion über den Wert und die Geissel der verschiedenen Plattformen wieder mal Fahrt auf. Wer hier liest oder mit mir privat Kontakt hat, weiss es längst: Ich habe mich wenigstens mal von den Erzeugnissen aus dem Hause Zuckerberg abgehalftert – und bin mir dabei bewusst, dass das nie komplett gelingen kann. Aber es soll hier mehr um uns gehen, um dich und mich. Denn ganz egal, wie verknechtend Logarithmen agieren wollen – wir bleiben selbst in einer Verantwortung – und entscheiden mit jeder Aktion über die Art und den Gehalt unserer Kommunikation. Dieses Wort ist ein Witz – oder tatsächlich eine Begegnungschance, für welche die virtuelle Welt alle Distanzen überwinden kann. Das bestimmen wir tatsächlich.

Wenn treffend festgestellt und uns auch vor Augen geführt wird, dass wir für die Social Media – Kanäle nicht die Kunden sind, sondern das Produkt, dann liegt es trotz aller Manipulationen doch nach wie vor und unbestreitbar an uns, welchen Gehalt unsere Nutzung der Kanäle hat – für die mit uns verbundenen Menschen und für uns selbst.

Schauen wir auf die Jungen und sind wir uns dabei bewusst, dass wir mit unserem eigenen Verhalten gewissermassen das Vorbild sind. Jaaah, so ungern das heute Menschen hören wollen, aber es gilt nach wie vor: Junge beobachten und imitieren die Erwachsenen, und selbst wenn sie in der Pubertät vor allem Ablehnung entwickeln und sich exakt über Kontras definieren wollen, kehren sie zur Auseinandersetzung mit den Vorgaben zurück, wenn sie selbst Entscheidungen treffen müssen. Das Schlimmste dabei ist eh, wenn wir einfach machen lassen – oder die Auseinandersetzung mit dem galoppierenden Fortschritt nicht annehmen – wenn wir für unsere Kids so für von gestern gelten, wie es die Politiker oft tatsächlich sind, dann wird es sehr schwer. Damit das anders kommt, ist aber vor allem die eigene Auseinandersetzung mit dem persönlichen Verhalten angesagt: Wie reagiere ich darauf, wenn ein Facebook-Post viel weniger Likes erhält als normal? Wie, wenn Kollegen viel mehr Beachtung finden? Selbst wenn wir nur eine Zahl registrieren oder eine Einblendung, so sollten wir uns bewusst sein, dass das etwas mit uns macht. Social Media zwingt uns – ist uns denn unsere eigene Psychologie und Denkweise Wert, geschützt oder überprüft zu werden – ganz persönliche Fragen an uns selbst zu richten:

Was ist meine Motivation für meine Online-Aktivität? Wie reagiere ich auf fehlende Beachtung? Wie oft kehre ich zu meinem Handy zurück, weil ja vielleicht noch jemand geantwortet hat? Wie stark weicht meine tatsächliche Online-Präsenzzeit (vor allem am Handy) von meinem vermuteten Wert ab? Wieviel Bestätigung brauche ich? Und wie soll sie aussehen? Bin ich davon abhängig?

Oder:

Würde ich mich mit den Personen, mit denen ich „in Kontakt stehe“, auch gerne treffen wollen?
Habe ich Zeit, aus einem Chat ein Gespräch werden zu lassen?

Bild: iStock/megamix

Es ist unfassbar, was zum Beispiel sog. Filterprogramme, mit denen Selfies bearbeitet werden können, bei Jugendlichen anrichten. Der Druck, so aussehen zu wollen und dann zu müssen, wie eine Instagram-Vorlage oder eine Selfieoptimierung, die ja doch augenscheinlich „schöner“ ist als ich selbst, kann in der virtuellen Blase, in welcher die Kinder stecken, rasend schnell ein Problem werden.

Und wie lesen wir Nachrichten? Aus welchen Quellen? Sind wir uns bewusst, was „googeln“ für die Informationen, die wir ausgespuckt bekommen, bedeutet? Was geschieht mit uns, wenn wir uns hauptsächlich über unsere Twitter- und Facebook-Accounts und über Youtube und Google News informieren? Über Kanäle, die EIN Ziel haben: Dass du möglichst schnell auf viele weitere Impulse mit Clicks reagierst. Liest Du aber einen Text in aller Ruhe zu Ende und denkst dann auch noch darüber nach, bist du schon fast der Albtraum der Portalkonstrukteure… Der Gedanke gefällt mir gerade sehr…

Und dann muss diese Bemerkung unbedingt noch sein: Aktuell werden die verschiedenen Messenger wie WhatsApp, Signal, Telegram und Threema (und es gibt noch einige mehr) mit einander verglichen. Threema hat den Nachteil, dass es als einziger dieser Anbieter kostenpflichtig ist. Aber nicht dass ihr nun meint, Threema koste eine monatliche Nutzungsgebühr oder so. Nein. Es geht schlicht um 3 Märker, die ihr einmalig abdrücken müsst, wenn ihr den Dienst nutzt. Aber alle Testberichte führen diesen Umstand ernst gemeint als Nachteil auf. Weil sie wissen, wie die Online-Welt darauf reagiert: Es herrscht eine Pfennigfuchserei vor, die unfassbar ist. Der Anspruch, dass alles gratis verfügbar sein soll, hockt ganz tief – und so braucht sich wirklich niemand zu wundern, dass die Firmen Wege suchen, dass sie anderweitig mit uns Geld verdienen – aber dann so richtig. So ergibt eines das andere: Wir wollen gratis konsumieren und finden uns darin vereint mit der Welt, bilden die grösstmögliche Ansammlung von Klickvieh und sind so ein Paradies für noch grössere Datensammlungen und Datenverwertungen.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde das Internet fantastisch. Ich habe Leser. Ich werde immer wieder überrascht. Ich bleibe motiviert, so lange ich mir bewusst bin, dass ein vertiefter Kontakt sehr viel mehr Wert ist als eine Vielzahl von „Views“, „Clicks“, „Likes“.
Ich habe übers Internet viele hoch spannende Menschen kennen gelernt, und echte Freunde gewonnen. Vielleicht habe ich, im dankbaren Bewusstsein über diese Tatsache, endlich kapiert, WIE das gelungen ist. Durch wirkliche Kommunikation, durch Teilung und Zuhören mit Herz und Seele. Und Meinungen durfte ich mir bilden, vertieft. Durch gründliche, sachliche Argumentationen, die mich erreicht haben, durch gesetzte und gelebte Beispiele. Das Internet kann phantastisch sein. Wenn es zu meiner Lebendigkeit beiträgt. Und mit ihr ist nicht das helle Display gemeint, nicht wahr?


Netflix-Dokumentation: Das Dilemma mit den sozialen Medien.

Trailer:

04.März 2021, 7:12

Arbeit macht froh??

Genau so wie Arbeit nicht frei macht, ist sie ganz bestimmt für viele Menschen auch kein Freudespender. Arbeit macht erst richtig froh, wenn man darin eine Berufung erkennt – oder wenn man ein Team erleben und als dessen Teil etwas mit gestalten darf zu einem ganzheitlichen Gelingen. Unsere Freude an und bei der Arbeit ist also davon abhängig, wie sehr wir gefördert werden, weil die Arbeit zu unseren Talenten passt und die Menschen, die uns dabei begegnen, uns etwas zutrauen. Oder wir haben das Wissen über unsere Arbeit, dass sie notwendig und daher sinnvoll ist. Deshalb finden wir einen positiven Bezug zu ihr.

(c) Thinkabout: Bäuerin im Ladakh

Wer arbeitet, um schlicht das Pensum abzuspulen, das er zum überleben braucht, nach dem Motto, ohne Knete kein Brot, kann es vielleicht nicht besser treffen, für den Moment. Was aber, wenn sie oder er sich damit zufrieden gibt, dass Arbeit einfach sein muss, egal ob sie Spass macht? Es gelingt nicht, acht Stunden des Werktages in einer stumpfen Ecke seines Bewusstseins zu vergraben, um dann nach Büroschluss oder Schichtende mit dem Leben anfangen zu können. Das funktioniert nicht:

„Wer an der Arbeit keine Freude findet, dem wird sie in der Freizeit keinesfalls geschenkt.“

Ernst R. Hauschka

Wir sollten uns immer selbst so wichtig sein, dass wir unsere Erwartungen von Arbeit und Freizeit nicht vollständig trennen. Denn wir tragen immer unser ganzes Ich bei uns, auf dem Weg ins Kino genau so wie frühmorgens auf dem Weg „in den Stollen“. Wir brauchen Nahrung für uns selbst, für unseren inneren Frieden, für die Balance unserer Schritte durch den GANZEN Tag. Wenn der Job also öde ist, ist das ein Problem. Und finde ich keinen anderen oder besseren, so muss der Tag eben mit diesem Job besser werden. Also versuche ich doch besser, auch bewusst zu arbeiten, etwas mit Hand und Fuss abzuliefern, damit ich für mich selbst eine positive Rückmeldung über mein Tun und Verhalten bekommen kann.
Mag mir die Anerkennung auch versagt bleiben, ich für mich weiss, wann ich zufrieden mit mir sein kann. Wie werde ich danach den Kinobesuch noch freudvoller geniessen!

Und übrigens: Der Chef, der meine Arbeit nicht wertschätzt, trägt den eigenen Frust mit in seine Tage. Dass ich das von ihm abbekomme, ist nur scheinbar nicht sein Problem. [Und jaaah, es kann auch die Chefin sein!!]


thinkabout.myblog.de vom 6.11.2004, heute in mehreren Teilen redigiert

01.März 2021, 0:10

Die Sache mit der Aufmerksamkeit

Den folgenden Text habe ich im November 2004 geschrieben. Bis das erste iPhone in Europa auf den Markt kam, sollte es noch drei Jahre dauern:

Wie viele Möglichkeiten elektronischer Unterhaltung und Kommunikation hat unser Erfindungsgeist uns in den letzten 50 Jahren beschert?
Die Werbung preist uns alle diese Erzeugnisse an, ob Handy, Computer, Internet etc. Alles für uns und unsere Kommunikation!

Und was machen wir daraus?
Wir stürzen uns darauf, schaffen uns hoch auflösende Displays und „multiphone“-Klingeltöne an und was weiss ich was noch alles – um uns damit in Belanglosigkeiten selbst zu ertränken.
Wir verbreiten bedeutungslose Hülsen, statt uns um Inhalte zu kümmern. Wichtig ist, dass wir die Dinger alle brauchen, dass wir sie besitzen, aber nicht, was wir damit anstellen. Und statt dass wir Zeit gewinnen würden damit, verbrauchen wir sie durch Ablenkung. Den Wert, den diese neuen Möglichkeiten haben, erfassen wir nicht. Wir verwechseln ihn, verdecken ihn, indem wir Statussymbole aus den Tools machen. Jeder will erreichbar sein und misst damit die eigene Bedeutung. Dabei gibt es nichts Armseligeres als einen Gesprächspartner, der eine Unterhaltung unterbricht, weil er nervös seinen ganzen Körper abtastet, um das Hosentelefon, das gerade nicht dort zu sein scheint wo es sein sollte, zum Schweigen zu bringen.
Verzeihung, wertes Vis-à-Vis… reicht das, um zu erkennen, dass wirklich bedeutend ist, wer NICHT erreichbar sein muss oder will?

Man könnte ja hoffen, dass – wenn wir erst mal etwas Übung haben – wir uns schon wieder einkriegen und die moderne Technologie sinnvoller anwenden, , so dass der allgemeine Fortschritt nicht vor allem den persönlichen Rückschritt offenbart…

Aber wie ist es denn aus uns im Umgang mit dem guten alten Fernseher geworden? Wer schaut denn von uns bewusst fern? Selektiv, mit Bedacht – und konzentriert? Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen ganz ohne Programmzeitung auskommen. Das Ding läuft ja eh und es darf gezappt werden, was das Zeug hält. Wie viel Zeit vernichten wir doch täglich mit dieser Kiste! Ich nehme mich da nicht aus, weiss Gott nicht!

Von Zeit zu Zeit macht es allerdings „Klick“, und ich begreife für einen Tag, welchem Bock ich da aufsitze.

Ein gutes Buch macht dann den Abend zu etwas Besonderem, und wenn ich am ncähsten Tag eine gute Dokumentation bewusst auswähle, sie mir anschaue und nachher den Kasten auch wieder ausschalte, ja, dann finde ich mich gut. Ich darf mir dann einbilden, die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und Unterhaltung kontrollieren und tatsächlich gewinnbringend einsetzen zu können. Und dann, ja dann ist es tatsächlich toll, alle diese Möglichkeiten zu haben und sich wie in einem Gespräch von Menschen berühren zu lassen. Dann schaue ich ihre Berichte aufmerksam an und es ist fast, als begegnete ich den Menschen, von denen sie erzählen, selbst persönlich.

Aber eine Begegnung mit Freunden für einen Fernsehabend eintauschen? O nein! Nichts geht über eine reale Begegnung, in der Wärme, Herz, Seelentiefe ausgetauscht und immer wieder neu angeboten wird.


thinkabout.myblog.de vom 7.11.2004, heute redigiert

Unfassbar… ich darf gar nicht daran denken, dass diese Gedanken und Beobachtungen aus einer Zeit stammten, in welcher es noch nicht mal Smartphones gab. Heute haben viele Menschen Schwierigkeiten, fünf Minuten nichts zu tun. Es macht sie nervös, während sie die ständige innere Unruhe im eindimensionalen Multitasking mit ihrem Smartphone gar nicht mehr wahrnehmen. Wann hast Du das letzte Mal fünf Minuten nichts getan?