Ressort: Sport(Weitere Infos)

05.Juli 2021, 2:00

Die Deutschschweiz und Vladimir und seine Schweizer

Die Schweizer Fussballer haben ihr Land verzückt. Sie haben erstmals seit 67 Jahren wieder eine K.O.-Runde an einem der grossen Fussball-Endrunden überstanden. Und geschafft hat das die Nationalmannschaft mit einem wunderbaren, konstruktiven Auftritt voller Herz und Kampfgeist – gegen den amtierenden Weltmeister. Im ZDF wurde der Schweiz und Frankreich geradezu gedankt für diese Sternstunde des Fussballs, für das bis dato mitreissendste Fussballspiel des Turniers. Und das Deutschschweizer Fernsehen? Es leistet sich eine Peinlichkeit sondergleichen.

Da flippt Kommentator Sascha Rufer live am Mikrofon komplett aus, der Tonmitschnitt seines „Kommentars“ beim entscheidenden, vom Goalie Yann Sommer gehaltenen Elfmeter ist in der ZDF-Studiosendung das besondere Schmankerl, doch als ich dann zurück auf SRF schalte, sitzen da die drei Herren Salzgeber, Rufer und Huggel am runden Tisch, der so trostlos wirkt wie ein halb vergessener Stammtisch in einer leeren Beiz, und über was reden sie? Sie leiden. Sie wälzen die Frage, wie es denn sein könne, dass „diese Schweizer Mannschaft“ so viele Auf und Abs habe, immer erst durch unbedachtes Verhalten auffalle und dann durch pitoyable Leistungen (0:3 gegen Italien), bevor sie dann bereit sei, zu überraschen. Rufer sass da, als hätte er einen sauren Drops gelutscht und Salzgeber mühte sich in bedeutungsschweren Sinnfragen, die einfach niemanden interessieren konnten. Nicht heute, nicht jetzt. Dieses Spiel, dieses wohl grösste Spiel einer Schweizer Mannschaft in den letzten 70 Jahren war für alle ein Vergnügen, DIE Antwort und Punkt. Aber dabei wollten sie es nicht bewenden lassen, wohl angepiekst durch Xhakas Interview nach dem Match, in dem er sehr deutlich machte, wie ihm die Kritik auf den Sack gegangen war und nun Mäuler gestopft worden seien. Hey, ihr alten Männer im Studio. Einfach schlucken, abhaken und sich freuen – und registrieren, dass die Spieler nicht nur dicke Autos fahren, zur Unzeit Tattoo-Studios besuchen und teure Friseurtermine wahrnehmen, sondern auch den Anspruch an sich haben, an keinem Turnier einfach nur dabei zu sein, sondern auch gewinnen zu wollen. Und spätestens in diesem Fall hatte der Gewinner einfach recht. Punkt.

In diesen Minuten, in dieser Stunde nach dem Abpfiff des Spiels, waren die Kommentatoren von SRF weiter weg von den Fans und Zuschauern, als es die Mannschaft je war. Eine Korrektur wurde im Viertelfinale versucht, aber beim verlorenen Elfmeterschiessen gegen Spanien war es dann auch irgendwie einfach, denn das Spiel ging ja unglücklich verloren. So, wie wir Schweizer es gewohnt sind, nicht wahr?

Die Shaqiris, Xhakas und wie sie alle heissen, die Secondos vom Balkan, die Spieler mit dunklerer Hautfarbe und entsprechend vielfältigem Hintergrund – sie Alle zeigen uns eine andere Einstellung, mit Druck umzugehen. Sie haben an dieser EM noch etwas geschafft, was vielleicht noch wichtiger ist: Sie haben uns verständlich gemacht, dass sie auch mit dem Gefühl, zwei Heimatländer zu haben, alles für die Schweiz und das Team geben, und wenn man ihnen nun zuhört, dann glaubt man es ihnen auch. Obwohl es genau gleich klingt wie schon vor Jahren – und auch da schon gültig war. Ein Erfolg verändert eben alles – und das sollte auch in einem Fernsehstudio dann mal gelten dürfen – wenigstens als Momentaufnahme.

Ach ja, in der Romandie und im Tessin, hört man, waren all die Randgeschichten zum Lifestyle der Spieler kein Thema. Abarbeiten daran tun wir uns nur in der Deutschschweiz. Auch der Trainer Vladimir Petkovic ist in unserem Landesteil am meisten Thema gewesen in den sieben Jahren, in denen er nun im Amt ist. Und er? Er steht da wie ein Turm, 1m90 gross, an der Seitenlinie wie auf dem Spielfeld, tröstet einen Spieler, schaut stoisch in die Runde, trifft bei den Spielen viele sehr richtige Entscheidungen – und bleibt bei seiner Linie, die er von Anfang an vorgegeben hat:

Dem Fussballverband ist ein Lob auszusprechen, dass man auf diesen Trainer gesetzt hat. Er hat schon bei den Young Boys und dann bei Lazio Rom mutige Entscheidungen getroffen und offensiven, selbstbewussten Fussball spielen lassen. Und es gehört etwas dazu, nach den Lichtgestalten Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld die Mannschaft zu übernehmen und ihr vom ersten Moment an einzutrichtern: Und ihr könnt noch mehr. Ihr könnt besser Fussball spielen. Er hat die Mannschaft weiter entwickelt. Und ist in keinem Moment, bei keinem Rückschlag von seiner Philosophie abgewichen. Kritik scheint ihn nicht zu kümmern. Er mag reserviert wirken, vielleicht manchmal sogar etwas arrogant, aber er glaubt an seine Spieler und sie an ihn. Und das hat uns schon ein paar wirklich wunderbare Momente beschert. Selbst aus Ex-Jugoslawien stammend, versteht er die Mentalitäten vieler Spieler in der Mannschaft sehr gut, er kann sie auffangen und ist mit seinem eigenen Lebensentwurf bereits ein Fixpunkt, ein Beispiel, an dem sich die Spieler orientieren können. Und ein Scheitern bedeutet nur eine Chance, dazu zu lernen. Beim nächsten Mal bekommt der Spieler das Vertrauen wieder. Nun haben sie es ihm zurückgezahlt, und das wollten sie unbedingt. Auch das war zu spüren.

Die EM geht noch weiter. Ich schaue sie mir gerne weiter an. Auch, weil „wir“ ein paar der richtig schönen Geschichten des Turniers mit geschrieben haben. Wie ich vom Deutschen Fernsehen weiss…

13.Februar 2021, 22:45

Der Spieler, das Renditeobjekt

Ljubo Milicevic war Fussballprofi, und am 29. Januar hat er Reto Kirchhofer im Tages-Anzeiger erzählt, warum dieser Abschnitt als ein ganzes Leben hinter ihm liegt. Sein erster Vertrag im Ausland führte den sehr talentierten Australier nach Zürich zum FCZ. Manager Erich Vogel war einer Empfehlung gefolgt und hatte zugegriffen. Obwohl der Spieler verletzt war. Der Anfang einer Irrfahrt.

Es wurde ein Vierjahresvertrag. Grundsätzlich ein Grund zur Freude. Langfristige Verträge bedeuten einen Anflug von Sicherheit weit ab von der Heimat. Eine halbe Million Franken brachte ein externer Investor auf, nicht nur damals ein gängiges Finanzierungsmodell in Clubs ausserhalb der ganz grossen Ligen. In der Zeitung liest man dann immer von Beteiligungs-vereinbarungen bei einem allfälligen Weiterverkauf des Spielers. Der junge Australier ist gerade mal zwanzig Jahre alt, aber vor allem ein Renditeobjekt.

Der Manager bekommt Krach mit dem Trainer und verlässt den FCZ. Milicevic ist weiter verletzt. Wohnt im Hotel. Vermisst die Heimat. Hat keinen Platz in der Garderobe und nicht auf dem Teamfoto. Neun Monate lang interessiert sich niemand für ihn. Dann soll er plötzlich gut genug sein und spielen. Er verweigert sich und wechselt nach Basel. Ausgerechnet. Von dort wird er nach Thun ausgeliehen und nach etwas Anlauf zum Stammspieler. Der FC Thun wird Zweiter der Meisterschaft und qualifiziert sich für die Champions League (heute sind sie zweitklassig). Milicevic ist angekommen, fühlt sich wohl. Doch der Investor setzt ihn unter Druck, anderswo einen höher dotierten Vertrag zu unterschreiben. Ein Mittelsmann taucht auf, schaltet sich ein. Offenbar wird der Spieler wahllos Clubs im In- und Ausland angeboten und dabei sehr viel Geld verlangt. Auch der Mittelsmann will verdienen. Milicevic fühlt sich manipuliert. Und tatsächlich spielt man mit dem an sich guten Typ Spielchen. Aber dieser Typ hat eh einerseits Anlagen zur Depression, aber auch einen starken Charakter, stellt sich hin, sagt seine Meinung, behält seinen Stolz, aber auch seine grosse Verletzlichkeit.

Seine Laufbahn bleibt eine Folge von Abbrüchen, nirgends fasst er wirklich Fuss. Das gelingt erst wieder zuhause, nach der Karriere, im wirklichen, einfachen Leben. Er muss das Spitzensportmodell aus seinem persönlichen Speicher löschen, weil er sich nicht am Erfolg und an materiellen Dingen messen lassen will.

Heute führt Milicevic in Sydney am Bondi Beach eine Kaffeebar. Sitzt auch mal einfach am Strand und spürt den Sand zwischen den Zehen. Sein Paradies ist das einfache Leben, in welchem die dunklen Gedanken sich nicht mehr durch ihn hindurch fressen können.

Er hat Lehrgeld bezahlt. Viele Leben gelebt. Und Frieden geschlossen. Er ist kein Renditeobjekt mehr. Definitiv nicht. Nie mehr.


Tages-Anzeiger, 29. Januar 2021: „Dieses Leben habe ich hinter mir“

05.Juli 2020, 17:00

Ich ziehe den Hut vor Gelson Fernandes

Stade rennais vs USM Alger, July 16th 2016 - Gelson Fernandes 2Am Samstag vor einer Woche hat ein ausserordentlicher Mensch und Fussballer seine besondere Karriere beendet – als Ersatzspieler, in einem wegen Corona leeren Stadion – still und leise. Gelson Fernandes war bis zum Schluss der absolute Teamplayer, der mit seiner positiven Ausstrahlung und seiner Auffassung vom Spiel und dessen Teamwork in jeder Mannschaft seinen Einfluss hatte – und das vollkommen zurecht.

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19.Oktober 2019, 17:15

Spitzensport

Verfolgt man Spitzensport und seine Protagonisten am Fernsehen, so bekommt man in der Begleitung einer Karriere mit, wie viel Entwicklung da auch noch geschieht, wenn schon lange Erfolg da ist. So viel ist schon geschafft, doch die nächste Herausforderung wartet schon. Erfolg ist nichts Dauerhaftes. Nach dem Spiel, dem Wettkampf, ist vor dem Wettkampf.

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08.Dezember 2018, 9:00

Der Final der Copa Libertadores wird in… Spanien gespielt!

(c) Thinkabout 2018 – Quartier Boca, Buenos Aires

Während ich an unseren Besuch vor zwei Wochen im Quartier Boca in Buenos Aires denke, wie wir durch die Gassen mit den farbig angemalten Holz- und Wellblech-fassaden gelaufen sind, wie wir am Fussball-Stadion der Boca Juniors vorbeifuhren, das so irrwitzig steile Stehrampen hat, dass die Spieler auf dem Feld das Gefühl haben müssen, die Zuschauer würden direkt über ihnen pfeifen, johlen, schreien und singen, sind die Mannschaften der ewigen Rivalen Riverplate und Boca Juniors längst in Madrid gelandet, wo der Final der Copa Libertadores gespielt werden wird:

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02.Juli 2018, 7:00

Zwei Nationalmannschaften mit Solidarität

Mit Schweden und der Schweiz treffen zwei Länder im Achtelfinal der Fussballweltmeisterschaft aufeinander, die „traditionell“ viele Immigranten in der Bevölkerung haben. Interessant, wie unterschiedlich sich diesbezüglich die Nationalmannschaften der beiden Länder präsentieren. Und wie ähnlich sie sich doch in ihrer Solidarität sind.

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24.Juni 2018, 17:00

Unwürdige zweite Sieger

Gerade ist mit der Fussball-WM wieder die Zeit der grossen Spiele und Emotionen angebrochen. In einem weltweit verfolgten Wettbewerb wird ein neuer Sieger erkoren. Einer. Der Zweite ist der erste Verlierer, und, weil er so nahe am Sieg sein wird, der grösste aller Verlierer überhaupt. So ist die heute gängige Wahrnehmung. Der Sieg ist alles. Das ist unsere Leistungsgesellschaft. Aber es ist alles andere als eine Leistungskultur.

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03.Oktober 2017, 18:46

Ein Walliser mit Talent und Charakter

Am Donnerstag um ein Uhr in der Nacht nach MEZ startet die neue NHL-Saison, die unbestritten beste Eishockeyliga der Welt, und wenn diese Saison mit mehr Aufmerksamkeit in der Schweiz verfolgt wird, dann hat das vor allem mit einem jungen noch nicht 19jährigen Mann aus Naters zu tun. Nico Hischier ist nicht besonders gross und schon gar nicht besonders schwer – und war im ausgeklügelten Scouting- und Draftsystem der NHL dennoch der begehrteste Junior dieses Jahres. Was zeichnet diesen Jungen also aus?

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22.März 2017, 18:00

Vom Siegen und Scheitern. Vom Leben

Roger Federer – ich kann kaum etwas über ihn sagen, was nicht andere schon geschrieben hätten. Dieser aussergewöhnliche Sportler scheint keine Limiten zu kennen und erfindet sich und sein Spiel dabei gewissermassen immer nochmals neu – er verschiebt Grenzen dank seines Talents und der Demut, dafür auch Dankbarkeit zu empfinden und das Talent zu nutzen. Doch in seinem Schatten verbringen andere mindestens so Erstaunliches.

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