Ressort: Sport(Weitere Infos)

22.September 2022, 2:30

Federers Tränen

Roger Federer steht vor seinem wirklich letzten Auftritt als Profi-Tennisspieler. Womöglich wird er morgen ausgerechnet mit Rafael Nadal zum Doppel beim Lavers Cup antreten – mit seinem grössten Rivalen, der ihm nun auch zu einem Freund werden kann. Es wird ein tränenreicher Abschied werden, aber auch ein wunderbarer. Es werden Trauer der Wehmut, aber auch der Erlösung und Dankbarkeit fliessen. Und auch für diese Tränen wird sich Federer nicht schämen.

Der Champion tritt ab. Roger Federers Abschied ist keine Überraschung – dass sein Rücktritt nun mit dem Laver-Cup doch noch einen so feierlichen Rahmen bekommt, hat er sich verdient – es ist aber auch Ausdruck dafür, wie umsichtig auch in diesem Fall die Planung im Management erfolgte. Der Maestro hat es durch seine ganze Karriere hindurch verstanden, neben den Improvisationskünsten auf dem Platz eine Planungs- und Organisationskompetenz mit seinem Team zu entwickeln, die ziemlich beispiellos ist. Was uns mehr als einmal hat denken lassen, dass eine Karriere doch gar nicht so perfekt verlaufen kann. Zu kitschig, zu glatt, zu rund. Wirklich?

Federer hat sein auf so vielen genial intuitiven und technischen Fähigkeiten beruhendes Spiel auf einem unfassbar hohen Niveau stabilisiert, aber er hat uns nie vergessen lassen, dass Siegen auch wieder Niederlagen folgen, und er hat als Sieger wie als Verlierer auf dem Platz in aller Öffentlichkeit oft geweint. Das hat ihm auch Häme beschert, doch das dürfte ihm herzlich egal sein. Er hat erreicht, dass er nie zur Maschine wurde, er ist uns in aller Perfektion als Mensch begegnet und hat uns auch den Respekt gelehrt, den wir alle unseren Fähigkeiten erweisen sollten. Dankbar, aber auch mit dem Bewusstsein für das, was wir gut können und was folglich unseren Einsatz so sehr verdient. Uns zuliebe.

Der Balljunge in ihm freut sich noch heute am Spiel – und das wird so bleiben. Federer hat sich beim Tennis bedankt, dass es ihm so viel gegeben hat. Wir geben den Dank zurück. Wir alle, die wir Tennis spielen. Egal wie gut, aber gerne mit der gleichen Freude.

Federer hat auf und neben dem Platz mit Herz gegeben, sich Bescheidenheit bewahrt, eine Marke geschaffen, und in all den vielen Dingen, die noch auf ihn als Aufgaben warten, wird er ein Gentleman bleiben, der es nett findet, wichtig zu sein, aber noch viel wichtiger, nett zu sein. Das Motto wird ihn weiter liebenswert machen. Und ich glaube, ich werde im Ausland, wenn erkannt wird, dass ich Schweizer bin, auch in zehn, in zwanzig Jahren immer mal wieder auf Federer angesprochen werden. Und dabei kommt nicht nur Bewunderung für den Sportler zum Ausdruck – es ist der Mensch, so, wie er sich zeigt und seine Berufung vorlebt.

31.Juli 2022, 3:45

Heute wird im Wembley erneut Geschichte geschrieben

Mit dem Final der Fussball-Europameisterschaft der Frauen im Wembley zwischen England und Deutschland wird deutlich, welche atemberaubende Entwicklung der Frauenfussball in Europa genommen hat, und wie sehr die Frauen mittlerweile Teil der Fussballwelt geworden sind.

Im WM-Final im Londoner Wembley-Stadion 1966 zwischen England und Deutschland ist es kurz nach fünf Uhr nachmittags. Es läuft die Verlängerung, in welche sich die Deutschen erst 20 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit mit dem Ausgleich zum 2:2 gerettet haben. Es bricht die 101. Minute an und Geoff Hurst schiesst aufs deutsche Tor. Der Ball prallt von der Lattenunterkante auf die Tor-Linie hinter dem deutschen Torhüter, und von dort wieder ins Feld. Doch war der Ball auf der Linie oder dahinter? Bis heute lässt sich herrlich darüber streiten. Absolut geklärt wurde es nie. Den Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst wird man immer mit dieser Szene verbinden. Er entscheidet nach Rücksprache mit seinem sowjetischen Linienrichter Tofik Bahramov auf Tor. Die Deutschen erholen sich nicht mehr von diesem Niederschlag und verlieren schliesslich 2:4 und erweisen sich rund um Uwe Seeler als faire sportliche Verlierer. Das Bild, wie Seeler zwischen englischen Bobbys geknickt vom Platz geht, hat ikonischen Erinnerungswert. Kein Mensch im Stadion hätte dir in diesen Minuten geglaubt, wenn du ihm gesagt hättest, dass England damit zum ersten und letzten Mal einen grossen Titel gewonnen hat, und dass exakt 56 Jahre und ein Tag nach diesem denkwürdigen Spiel die Finalpaarung der Europameisterschaft wiederum England gegen Deutschland lauten würde – im erneut prall gefüllten, inzwischen für hunderte Millionen Euro rund erneuerten und doch immer noch so traditionsreichen Wembley-Stadion – aber im Frauenfussball.

Mit diesen Analogien, dieser Linie in der Geschichte – und durch die Begeisterungsfähigkeit nicht nur der englischen Zuschauer bekommt der Frauenfussball eine Bühne und die entsprechende Beachtung, die sich die Frauen wahrhaftig auch verdient haben. Lange mussten die Mädchen in den Clubs echt unten durch, und noch heute liest sich der Karriereverlauf mancher Frau sehr abenteuerlich, weil es einfach zu wenig Mädchenmannschaften gab und gibt. Aber die Frauen holen mächtig auf. Ein gutes Beispiel ist Österreich. Es hat der deutschen Nationalmannschaft das Leben im Viertelfinal richtig schwer gemacht – bis zum Abpfiff. Das steht für eine herausragende Entwicklung in unserem Nachbarland: Als Deutschland 1989 zum ersten Mal Europameister wurde, gab es den österreichischen Frauenfussballverband noch gar nicht… Aber die Entwicklung in vielen Ländern ist sehr dynamisch, was dazu führte, dass Deutschland, hinter der USA bei den Frauen die zweiterfolgreichste Nation der Welt, nun selbst eine kleine Durststrecke hinter sich hat und seit den Olympischen Spielen 2016 keine Meisterschaft mehr gewonnen hat. Nun also zum neunten Mal Deutschland oder zum ersten Mal England?

Es wird ein Fest der Emotionen – und ziemlich sicher ein Abbild der Begeisterung, die Frauenfussball wecken kann. Natürlich ist das Spiel nicht so physisch und temporeich wie bei den Männern – aber die haben auch 50 Jahre Vorsprung als reine Profisportart – was bei den Frauen noch immer in den meisten Nationen unvorstellbar ist. Dafür wird mit sichtbarem Engagement nicht nur gekämpft, sondern auch gespielt. Mit (noch) weniger Mätzchen und Theater. Und ein Phänomen ist eine weitere Beobachtung wert: Die grossen Clubs unterhalten heute alle Profiteams auch bei den Frauen – und während bisher Begegnungen bei den Frauen häufig auf kleineren Plätzen ausgetragen wurden, wechseln sie nun in die grossen Stadien – und können sie gar füllen. Barcelona gegen Madrid in der Champions League im Viertelfinal sahen 91.553 Besucher. Weltrekord. Es findet eine interessante Symbiose statt: Die Clubs und die Spielerinnen erkennen das Marketingpotential, und Social Media ist das ideale Gefäss dafür – egal welches Portal mann und frau sich anschaut.

Und was auch herrlich ist: Das ist ja eigentlich ein Genderthema, nicht wahr? Aber ich habe mich noch keinen Moment ernsthaft gefragt, ob ich jetzt Frauschaft schreiben soll? Gendergerecht bedeutet hier, dass man die Frauen nicht nur Fussball spielen lässt, sondern ihnen attestiert, dass es toller Sport ist – und dass wir alle einfach Freude daran haben können.

Also: Heute Abend. Anpfiff ist 18h00. SRF, ARD und ORF möchten mit ausführlichen Vorberichten gerne, dass wir schon früher zuschauen. Auch das wie bei den Männern.

Ich werde es geniessen, auch weil ich Sympathien für beide Teams habe. Die Trainerin Deutschlands, Martina Voss-Tecklenburg, hat zuvor viele Jahre herausragende Arbeit in der Schweiz geleistet und ist nicht nur eine ausgewiesene Fachfrau, sondern auch eine Person mit sehr gewinnender Ausstrahlung, der man die Fähigkeit zur Teamführung sofort abnimmt. Und England, weil eine Party im Wembley doch einfach auch eine Party für die Gastgeber sein soll. Und wie schön ist das denn, wenn die Frauen das erreichen, was die Männer so lange vergeblich versuchten, zuletzt letztes Jahr, an gleicher Stätte, gegen Italien, mit der Niederlage im Elfmeterschiessen. Und so was wie eine Ersatzveranstaltung ist es längst nicht mehr – dafür sorgt allein schon die Bühne, sorgen wir Zuschauer, die an dieser EM auch sehr oft hingeschaut haben, wenn die eigenen Mannschaften nicht dabei waren oder schon ausgeschieden. Die Rekorde purzeln in allen Messbereichen.

02.Februar 2022, 22:30

Ein empathischer Manager schaut nun zu sich selbst

Es gibt wohl keinen zweiten Sportdirektor eines Fussballbundesliga-Vereins, wie das Max Eberl in Gladbach war. Das bezieht sich auf seine fachlichen, aber auch und gerade auf seine menschlichen Qualifikationen. Kaum ein Manager hat sich so sehr hinter seine Trainer gestellt und eine so menschliche Linie verfolgt, überzeugt, dass es den Respekt für die Mitarbeiter braucht, will man von ihnen Zusammenhalt für den Erfolg des Vereins einfordern.

Eberl war die verkörperte Verlässlichkeit, und dass dieser Mann nun erklärt hat, öffentlich und unter Tränen, dass er keine Kraft mehr hat, macht sehr betroffen. Er will mit uns nichts mehr zu tun haben, und das sollten wir auch genau so verstehen. Denn auch wir Konsumenten und Fans, Fussballinteressierte und News-Konsumenten hocken täglich den Rattenfängern auf, die unsere Aufmerksamkeit, unsere Klicks mit möglichst aufregenden Schlagzeilen abgreifen wollen. Und wir stöbern gerne nach, lassen uns jedes Gerücht unter die Nase halten, für dessen Verbreiterung der Journi oder der SocialMedia-Betreiber nicht mehr braucht als ein Hörensagen – ohne jede Nachprüfung des Wahrheitsgehalts. So verkommen Transferperioden zum Spiessrutenlauf – in dem gerade die finanziell nicht so stark da stehenden Vereine die Zeche bezahlen. Und es ist gut zu beobachten, dass zunehmend alle Beteiligten an der Aushandlung eines neuen Vertrages keine Manipulationen mehr scheuen, um mit der Speisung solcher „Meldungen“ Druck aufzubauen.

Max Eberl hat auf die schmerzhafteste Weise erfahren, dass Menschlichkeit und Anstand keine Garantie in sich tragen, dass in genau gleicher Weise zurück gezahlt wird. Oh nein. Wir sind uns alle selbst die Nächsten.

Ja, der Chef muss vorangehen, und es kommt selten gut, wenn der Leitwolf nicht wirklich brennt für seinen Job. Doch wenn er erlebt, dass für nächste Mitarbeiter im Führungsteam eine ähnliche Verbindlichkeit obsolet ist und bessere Verträge andernorts jede vorherige Beteuerung von der Liebeserklärung zur Ohrfeige mutieren lassen, dann kommt der Moment, in dem die eigene Kerze an beiden Enden zu brennen anfängt. So ist es zu erklären, dass der Überzeugungstäter Max Eberl viel zu spät erkennen konnte, dass ihn die menschlichen Enttäuschungen viel mehr beschäftigen und an seinen Kräften zehren, als er es zulassen wollte. Es hilft auch nicht, wenn in jedem Einzelfall die objektive Sachlage dazu veranlasst, eine angestrebte Trennung auch zuzulassen, weil man Reisende nicht aufhalten soll. Die schiere Häufung der Hiobsbotschaften und ihrer Auswirkungen waren schlussendlich nicht mehr zu tragen. Der Trainer Marco Rose wollte dem Verein, der ihm die Etablierung in der Bundesliga ermöglichte, nicht über den Sommer hinaus zur Verfügung stehen, trotz laufendem Vertrag, Nationalspieler verlängerten ihre Verträge nicht, die sportliche Schieflage wurde, gemessen am Kader, immer grotesker, und Corona verschärft jedes wirtschaftliche und personelle Problem betreffend der Führungsaufgaben zusätzlich.

Max Eberl hätte es anders verdient. Ganz anders. Den Respekt fast aller Beobachter wird er nie verlieren. Da hat ein Mensch gearbeitet und ist ein Mensch abgetreten, sich öffentlich eingestehend, dass es nun einfach nur noch um ihn gehen darf und muss. Wohl noch nie hat ein Manager in der Öffentlichkeit so ehrlich und berührend von seiner Not erzählt, und es ist typisch Eberl, dass seine Sätze druckfertig daher kamen bis zum Schluss – ohne dass auch nur ein Satz aus Worthülsen bestanden hätte. Ist er gescheitert? Ich hoffe, viele Chefs nehmen sich genau Max Eberl zum Vorbild. Und ich hoffe, ihre Botschaft kommt so bei ihren Angestellten an, dass die Lust und Freude gross bleibt, zurück zu zahlen. Und das ist keine Währung aus Euros oder Franken. Das ist die Überzeugung, einen Job zu haben und ihn so erfüllen zu wollen, wie er vereinbart wurde, wie man sich dafür verwendet und beworben hat, mit der klaren Idee, dass der Job auch getan sein soll, bevor man über Veränderungen verhandelt. Genau das kann Max Eberl nun nicht mehr. Es wäre ihm zu wünschen gewesen, er hätte dabei auf der gegenüberliegenden Tischseite Menschen vorgefunden, die ihm empathisch wenigstens ein bisschen gerecht hätten werden können. Nun, mindestens öffentlich war dem nicht so. Nicht nur Eberl ist in Mönchengladbach zuletzt überfordert…

Ich möchte noch zurückblenden in die Jahre 2011 bis 2015: Max Eberl hatte das Gespür für die richtige Trainerverpflichtung, als Borussia Mönchengladbach scheinbar hoffnungslos abgeschlagen wie der Absteiger feststand. Lucien Favre schaffte es nicht nur, die Klasse doch noch zu halten, er entwickelte die Mannschaft weiter, bis sie gar die Championsleague erreichte. Die Spieler glaubten bedingungslos an seine Philosophie, und die Erfolgserlebnisse taten ihr Übriges. Doch dann begann eine neue Saison – und nichts schien mehr zu funktionieren. Favres Mannschaft verlor sechs Spiele in Folge, und die Zweifel steckten den Spielern in jedem gespielten Pass auf dem Feld in den Füssen. Das Herz mochte noch so genau erinnern, dass dieser Trainer schon wusste, was sie brauchten – es funktionierte nicht. Niemand hätte Favre entlassen, erst recht nicht ein Mensch wie Max Eberl. Er glaubte, Favre alles zu verdanken. Man würde da wieder rauskommen. Favre bot den Rücktritt an. Er wurde abgelehnt. Worauf Favre seinen Rücktritt einseitig erklärte und die Arbeit niederlegte. Das hängt ihm heute noch nach. Aber ein Trainer spürt, wenn er seine Jungs nicht mehr erreicht, wenn er deren Zweifel im Kopf nicht beseitigen kann. Favre begriff, dass die Loyalität der Vereinsspitze, getragen von Eberl, verhindern würde, die Sackgasse zu erkennen. Er entschloss sich zu einem radikalen Schritt, der alle im Verein schockierte. Von einem Moment auf den andern war der ehemalige Heilsbringer nicht mehr greifbar. Erst das aber liess alle Verantwortlichen, die Führungsspieler inklusive, begreifen, was es geschlagen hatte – und Eberl zog mit Andre Schubert genau die richtige, ganz andere Person nach, die sofort Erfolg hatte. Ich bin sicher, Max Eberl hat damals sehr gelitten unter Favres Entscheidung – aber sie hatte wohl auch ihren Grund in der Bedingungslosigkeit, mit welcher Eberl an Favre festgehalten hätte, allen Anzeichen grundlegender Probleme zum Trotz. Auch das war die Geschichte eines Trainers, der auf Eberls Schiff von Bord ging – aber eine ganz andere…

19.Januar 2022, 6:21

Der Andere und die Anderen

Alphatiere mit Selbstüberschätzung haben Hochkonjunktur. Irgendwie scheinen sie anzunehmen, dass für sie andere Regeln gelten. Während António Horta-Osório sich als Verwaltungsratspräsident der Grossbank Credit Suisse in einer Welt bewegt, die Vielen nicht so geläufig sein mag und seine Missachtung der Corona-Verhaltensregeln vielleicht auch nur willkommen war, um ihn schnell wieder loszuwerden, sind Menschen wie der lange Zeit erfolgreichste Tennisspieler Novak Djokovic geradezu süchtig danach, uns ihre Welt zu zeigen und sie für uns zu malen. Dafür gibt es dann Social Media und wenn es schief geht ganz schnell ganz viele Wahrheiten über einen Impfskeptiker, der für sich einen Sonderweg ausgemacht zu haben schien. Davon werden dann auch gleich ganz viele Geschichten erzählt, von denen die Saga, dass sie wahr sei, eben erst mal einfach eine Saga ist, eine Version.

Und während auf dem Tennisplatz ganz viele Situationen ganz sensationell von ihm noch zu kontrollieren sind, ist die grösste Hybris dieses Stars (und ganz vieler Anderer auch) wohl die, zu glauben, er könnte auch das rapportierte Bild von sich abseits seiner Bühne dauerhaft selbst bestimmen.

Die Manipulation kehrt sich gegen den Manipulierenden, und das macht es für uns alle nicht besser. In Djokovic nun den weltweiten Repräsentanten der Impfkritiker zu sehen, ist absurd. Das wird ja auch nicht wirklich von den Impfkritikern behauptet, sondern vielmehr von den Kritikern der Impfkritiker kolportiert. Mit Verlaub: Djokovic ist ein serbischer Einzelsportler, der im Tennis einmalige Erfolge feiert, ohne damit den Frust überwinden zu können, nicht wie seine Kontrahenten geliebt zu werden. Also biegt er Bestimmungen zurecht, fordert besondere Rechte und sucht Hintertürchen, um mit einigermassen den Erfordernissen entsprechenden Dokumenten eine Starterlaubnis zu erhalten. Denn Sieg Nr. 21 bei einem Grand Slam Turnier ist das, was wirklich für ihn zählt und wofür er alle Energie aufwendet.

Dass er nun in einem Atemzug mit anderen impfkritischen Sportlern wie Joshua Kimmich genannt wird, ist ein Witz und eine Beleidigung für letzteren. Denn Kimmich hat sich hin gestellt und seine Bedenken geäussert, ist zu einer Haltung gestanden und hat entsprechend das Fett abbekommen, ohne dass ihm irgend ein Fehlverhalten hätte vorgeworfen werden können. Jeder Tennisspieler, der auf Grund der absurden Bestimmungen als Ungeimpfter zur Zeit nicht mal mit 3G in einer riesigen Tennishalle mit einem einzigen Tennispartner spielen kann, die Regel aber akzeptiert, weil die Bestimmungen nun mal so sind und anderen es im Beisein nur so wohl sein kann, fühlt sich von den Tricks eines selbstgerechten Egomanen ganz sicher nicht wirklich repräsentiert. Dass es eine zu grosse Versuchung ist, angesichts dieses vernichtenden Zeugnisses, das Djokovic abgegeben hat, zusätzlichen Druck für die Impfpflicht aufzubauen, ist ja klar.

An Euch da draussen „im öffentlichen Leben“ geht die Botschaft, dass es – wie langweilig, das immer und immer wieder zu wiederholen – ganz viele nicht Geimpfte gibt, die einfach nicht in Eure Schemata passen wollen und können, während Ihr von Euren eigenen Ängsten weiter getrieben werdet und es zunehmend absurder wird, Euch über den Respekt anderer vor der Impfung zu mokieren. Wir nehmen Euch nichts, und wir sind in nicht so kleiner Anzahl alles andere als Hasardeure, welche die Gesundheit irgend eines Mitmenschen mehr riskieren als ganz Viele von Euch es tun, die Ihr dem normalen Leben nachrennt und dafür sehr viel schneller als wir Grenzen missachtet, die es halt leider auch für Geimpfte weiter geben müsste. Es sei denn, wir legen die Angst an sich ab und greifen nach jener Art von Vernunft, welche den Respekt für Andere mit einschliesst. Und dann, ja, dann könnte man „einfach“ leben. Das ist ganz sicher nicht das, was Herr Djokovic anstrebte. Für ihn war nie akzeptabel, nicht der Beste unter Allen zu sein und entsprechend anders – er hat einfach ausser Acht gelassen, dass die Norm für die Anerkennung eines Menschen einer wandelbaren Stimmung der Masse folgt, was es sehr ungesund macht, ihr nachzujagen. Ganz viele Menschen erleben das in diesen Jahren, die sich vorher nie am Rande der Gesellschaft sahen und auch nie so fühlten. So gesehen ist am Ende Djokovic doch vielen Menschen plötzlich näher, als ich dachte… ??

05.Juli 2021, 2:00

Die Deutschschweiz und Vladimir und seine Schweizer

Die Schweizer Fussballer haben ihr Land verzückt. Sie haben erstmals seit 67 Jahren wieder eine K.O.-Runde an einem der grossen Fussball-Endrunden überstanden. Und geschafft hat das die Nationalmannschaft mit einem wunderbaren, konstruktiven Auftritt voller Herz und Kampfgeist – gegen den amtierenden Weltmeister. Im ZDF wurde der Schweiz und Frankreich geradezu gedankt für diese Sternstunde des Fussballs, für das bis dato mitreissendste Fussballspiel des Turniers. Und das Deutschschweizer Fernsehen? Es leistet sich eine Peinlichkeit sondergleichen.

Da flippt Kommentator Sascha Rufer live am Mikrofon komplett aus, der Tonmitschnitt seines „Kommentars“ beim entscheidenden, vom Goalie Yann Sommer gehaltenen Elfmeter ist in der ZDF-Studiosendung das besondere Schmankerl, doch als ich dann zurück auf SRF schalte, sitzen da die drei Herren Salzgeber, Rufer und Huggel am runden Tisch, der so trostlos wirkt wie ein halb vergessener Stammtisch in einer leeren Beiz, und über was reden sie? Sie leiden. Sie wälzen die Frage, wie es denn sein könne, dass „diese Schweizer Mannschaft“ so viele Auf und Abs habe, immer erst durch unbedachtes Verhalten auffalle und dann durch pitoyable Leistungen (0:3 gegen Italien), bevor sie dann bereit sei, zu überraschen. Rufer sass da, als hätte er einen sauren Drops gelutscht und Salzgeber mühte sich in bedeutungsschweren Sinnfragen, die einfach niemanden interessieren konnten. Nicht heute, nicht jetzt. Dieses Spiel, dieses wohl grösste Spiel einer Schweizer Mannschaft in den letzten 70 Jahren war für alle ein Vergnügen, DIE Antwort und Punkt. Aber dabei wollten sie es nicht bewenden lassen, wohl angepiekst durch Xhakas Interview nach dem Match, in dem er sehr deutlich machte, wie ihm die Kritik auf den Sack gegangen war und nun Mäuler gestopft worden seien. Hey, ihr alten Männer im Studio. Einfach schlucken, abhaken und sich freuen – und registrieren, dass die Spieler nicht nur dicke Autos fahren, zur Unzeit Tattoo-Studios besuchen und teure Friseurtermine wahrnehmen, sondern auch den Anspruch an sich haben, an keinem Turnier einfach nur dabei zu sein, sondern auch gewinnen zu wollen. Und spätestens in diesem Fall hatte der Gewinner einfach recht. Punkt.

In diesen Minuten, in dieser Stunde nach dem Abpfiff des Spiels, waren die Kommentatoren von SRF weiter weg von den Fans und Zuschauern, als es die Mannschaft je war. Eine Korrektur wurde im Viertelfinale versucht, aber beim verlorenen Elfmeterschiessen gegen Spanien war es dann auch irgendwie einfach, denn das Spiel ging ja unglücklich verloren. So, wie wir Schweizer es gewohnt sind, nicht wahr?

Die Shaqiris, Xhakas und wie sie alle heissen, die Secondos vom Balkan, die Spieler mit dunklerer Hautfarbe und entsprechend vielfältigem Hintergrund – sie Alle zeigen uns eine andere Einstellung, mit Druck umzugehen. Sie haben an dieser EM noch etwas geschafft, was vielleicht noch wichtiger ist: Sie haben uns verständlich gemacht, dass sie auch mit dem Gefühl, zwei Heimatländer zu haben, alles für die Schweiz und das Team geben, und wenn man ihnen nun zuhört, dann glaubt man es ihnen auch. Obwohl es genau gleich klingt wie schon vor Jahren – und auch da schon gültig war. Ein Erfolg verändert eben alles – und das sollte auch in einem Fernsehstudio dann mal gelten dürfen – wenigstens als Momentaufnahme.

Ach ja, in der Romandie und im Tessin, hört man, waren all die Randgeschichten zum Lifestyle der Spieler kein Thema. Abarbeiten daran tun wir uns nur in der Deutschschweiz. Auch der Trainer Vladimir Petkovic ist in unserem Landesteil am meisten Thema gewesen in den sieben Jahren, in denen er nun im Amt ist. Und er? Er steht da wie ein Turm, 1m90 gross, an der Seitenlinie wie auf dem Spielfeld, tröstet einen Spieler, schaut stoisch in die Runde, trifft bei den Spielen viele sehr richtige Entscheidungen – und bleibt bei seiner Linie, die er von Anfang an vorgegeben hat:

Dem Fussballverband ist ein Lob auszusprechen, dass man auf diesen Trainer gesetzt hat. Er hat schon bei den Young Boys und dann bei Lazio Rom mutige Entscheidungen getroffen und offensiven, selbstbewussten Fussball spielen lassen. Und es gehört etwas dazu, nach den Lichtgestalten Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld die Mannschaft zu übernehmen und ihr vom ersten Moment an einzutrichtern: Und ihr könnt noch mehr. Ihr könnt besser Fussball spielen. Er hat die Mannschaft weiter entwickelt. Und ist in keinem Moment, bei keinem Rückschlag von seiner Philosophie abgewichen. Kritik scheint ihn nicht zu kümmern. Er mag reserviert wirken, vielleicht manchmal sogar etwas arrogant, aber er glaubt an seine Spieler und sie an ihn. Und das hat uns schon ein paar wirklich wunderbare Momente beschert. Selbst aus Ex-Jugoslawien stammend, versteht er die Mentalitäten vieler Spieler in der Mannschaft sehr gut, er kann sie auffangen und ist mit seinem eigenen Lebensentwurf bereits ein Fixpunkt, ein Beispiel, an dem sich die Spieler orientieren können. Und ein Scheitern bedeutet nur eine Chance, dazu zu lernen. Beim nächsten Mal bekommt der Spieler das Vertrauen wieder. Nun haben sie es ihm zurückgezahlt, und das wollten sie unbedingt. Auch das war zu spüren.

Die EM geht noch weiter. Ich schaue sie mir gerne weiter an. Auch, weil „wir“ ein paar der richtig schönen Geschichten des Turniers mit geschrieben haben. Wie ich vom Deutschen Fernsehen weiss…

13.Februar 2021, 22:45

Der Spieler, das Renditeobjekt

Ljubo Milicevic war Fussballprofi, und am 29. Januar hat er Reto Kirchhofer im Tages-Anzeiger erzählt, warum dieser Abschnitt als ein ganzes Leben hinter ihm liegt. Sein erster Vertrag im Ausland führte den sehr talentierten Australier nach Zürich zum FCZ. Manager Erich Vogel war einer Empfehlung gefolgt und hatte zugegriffen. Obwohl der Spieler verletzt war. Der Anfang einer Irrfahrt.

Es wurde ein Vierjahresvertrag. Grundsätzlich ein Grund zur Freude. Langfristige Verträge bedeuten einen Anflug von Sicherheit weit ab von der Heimat. Eine halbe Million Franken brachte ein externer Investor auf, nicht nur damals ein gängiges Finanzierungsmodell in Clubs ausserhalb der ganz grossen Ligen. In der Zeitung liest man dann immer von Beteiligungs-vereinbarungen bei einem allfälligen Weiterverkauf des Spielers. Der junge Australier ist gerade mal zwanzig Jahre alt, aber vor allem ein Renditeobjekt.

Der Manager bekommt Krach mit dem Trainer und verlässt den FCZ. Milicevic ist weiter verletzt. Wohnt im Hotel. Vermisst die Heimat. Hat keinen Platz in der Garderobe und nicht auf dem Teamfoto. Neun Monate lang interessiert sich niemand für ihn. Dann soll er plötzlich gut genug sein und spielen. Er verweigert sich und wechselt nach Basel. Ausgerechnet. Von dort wird er nach Thun ausgeliehen und nach etwas Anlauf zum Stammspieler. Der FC Thun wird Zweiter der Meisterschaft und qualifiziert sich für die Champions League (heute sind sie zweitklassig). Milicevic ist angekommen, fühlt sich wohl. Doch der Investor setzt ihn unter Druck, anderswo einen höher dotierten Vertrag zu unterschreiben. Ein Mittelsmann taucht auf, schaltet sich ein. Offenbar wird der Spieler wahllos Clubs im In- und Ausland angeboten und dabei sehr viel Geld verlangt. Auch der Mittelsmann will verdienen. Milicevic fühlt sich manipuliert. Und tatsächlich spielt man mit dem an sich guten Typ Spielchen. Aber dieser Typ hat eh einerseits Anlagen zur Depression, aber auch einen starken Charakter, stellt sich hin, sagt seine Meinung, behält seinen Stolz, aber auch seine grosse Verletzlichkeit.

Seine Laufbahn bleibt eine Folge von Abbrüchen, nirgends fasst er wirklich Fuss. Das gelingt erst wieder zuhause, nach der Karriere, im wirklichen, einfachen Leben. Er muss das Spitzensportmodell aus seinem persönlichen Speicher löschen, weil er sich nicht am Erfolg und an materiellen Dingen messen lassen will.

Heute führt Milicevic in Sydney am Bondi Beach eine Kaffeebar. Sitzt auch mal einfach am Strand und spürt den Sand zwischen den Zehen. Sein Paradies ist das einfache Leben, in welchem die dunklen Gedanken sich nicht mehr durch ihn hindurch fressen können.

Er hat Lehrgeld bezahlt. Viele Leben gelebt. Und Frieden geschlossen. Er ist kein Renditeobjekt mehr. Definitiv nicht. Nie mehr.


Tages-Anzeiger, 29. Januar 2021: „Dieses Leben habe ich hinter mir“

05.Juli 2020, 17:00

Ich ziehe den Hut vor Gelson Fernandes

Stade rennais vs USM Alger, July 16th 2016 - Gelson Fernandes 2Am Samstag vor einer Woche hat ein ausserordentlicher Mensch und Fussballer seine besondere Karriere beendet – als Ersatzspieler, in einem wegen Corona leeren Stadion – still und leise. Gelson Fernandes war bis zum Schluss der absolute Teamplayer, der mit seiner positiven Ausstrahlung und seiner Auffassung vom Spiel und dessen Teamwork in jeder Mannschaft seinen Einfluss hatte – und das vollkommen zurecht.

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19.Oktober 2019, 17:15

Spitzensport

Verfolgt man Spitzensport und seine Protagonisten am Fernsehen, so bekommt man in der Begleitung einer Karriere mit, wie viel Entwicklung da auch noch geschieht, wenn schon lange Erfolg da ist. So viel ist schon geschafft, doch die nächste Herausforderung wartet schon. Erfolg ist nichts Dauerhaftes. Nach dem Spiel, dem Wettkampf, ist vor dem Wettkampf.

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08.Dezember 2018, 9:00

Der Final der Copa Libertadores wird in… Spanien gespielt!

(c) Thinkabout 2018 – Quartier Boca, Buenos Aires

Während ich an unseren Besuch vor zwei Wochen im Quartier Boca in Buenos Aires denke, wie wir durch die Gassen mit den farbig angemalten Holz- und Wellblech-fassaden gelaufen sind, wie wir am Fussball-Stadion der Boca Juniors vorbeifuhren, das so irrwitzig steile Stehrampen hat, dass die Spieler auf dem Feld das Gefühl haben müssen, die Zuschauer würden direkt über ihnen pfeifen, johlen, schreien und singen, sind die Mannschaften der ewigen Rivalen Riverplate und Boca Juniors längst in Madrid gelandet, wo der Final der Copa Libertadores gespielt werden wird:

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02.Juli 2018, 7:00

Zwei Nationalmannschaften mit Solidarität

Mit Schweden und der Schweiz treffen zwei Länder im Achtelfinal der Fussballweltmeisterschaft aufeinander, die „traditionell“ viele Immigranten in der Bevölkerung haben. Interessant, wie unterschiedlich sich diesbezüglich die Nationalmannschaften der beiden Länder präsentieren. Und wie ähnlich sie sich doch in ihrer Solidarität sind.

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