Ressort: Tagebuch(Weitere Infos)

14.März 2022, 0:45

Die grosse fremde und die eigene kleine Welt

Mir ist nicht so ums Schreiben. Worte, die nicht in einem Brief oder in einer Nachricht direkt an einen Menschen gerichtet sind, scheinen gerade im allgemeinen Geschrei unter zu gehen.

Es ist ein Klagen spürbar, ein Hader, der zwischen Unwille und Unverständnis wabert. Was ist nur mit uns los? Jaaah, wir haben mit Krieg nichts am Hut, aber plötzlich auch nicht mehr so sehr mit Corona. Alles relativiert sich, aber auf den asozialen Medien ist immer eine Suppe am Kochen. Garantiert. Das Erschrecken über die plötzliche Nähe des Irrsinns ist gross, und gerade jetzt vermisse ich die leiseren Töne. Das Netz ist ein Ort der Parteien, der Debatten, der Anklagen und der Lügen. Allerdings scheint mir, dass mit dem Ukrainekrieg vermehrt erkannt wird, dass Manipulation und Information sehr oft nicht auseinanderzuhalten ist. Was also tun? Einen Schritt zurück machen und mehr darüber nachdenken, was denn für mein Leben wirklich Bedeutung hat? Was ist real, ist fassbare Wahrheit, was kann ich greifen und mit ein wenig Achtsamkeit gar beeinflussen?

Wie müssen diese Zeiten für die Kranken unter uns sein? Wie absurd mag ihnen manches Geschrei vorkommen und sie entsprechend anrühren, wie belastend kann es wirken, dass die Menschen aufsaugen, was in der Ferne geschieht oder sie irgendwann bedrohen könnte, während ihnen nahes Leid unangenehm ist? Dabei ist gerade da, wo ein grauer Schleier über der aufgehenden Sonne hängt, ein Lächeln ein Segen. Ein gutes Wort, ein Moment des Zuhörens, ein kleiner Schalk, ein Innehalten. Wir brauchen auch im Nahen, im Kleinen nicht immer Antworten haben. Aber einen Zustand einfach mal aushalten, eine Antwort auf unser „Wie geht’s?“ aufnehmen, wenn sie nicht so freudig klingt. Nachhören, noch nicht mal insistieren, drängen, aber einmal zeigen, dass die Welt, die grosse, weiter ziehen mag, während unser Platz gerade jetzt bei einfach einem Menschen ist – das ist schön. Das ist Leben. Wahrhaftige Bedrohungen machen uns empfindsam. Wer weiss, wie verletzlich er ist, steht einem tatsächlich Verletzten womöglich offener bei. Entrüstung und Empörung über die Welt da draussen sollte keinen Funken Energie verbrennen, den wir stattdessen für unsere kleine Welt verwenden können. In ihr entsteht das Lächeln, nährt sich die Liebe, wird Angst überwunden und Zuversicht geschöpft. Die Verzweiflung über „die Welt“ ist abstrakt, wirkt beinahe anmassend, wenn die Menschen um mich herum Probleme zu bewältigen haben, die ich sehr wohl sehen kann, wenn ich es will.

Und wenn aus dieser realen, unmittelbaren Welt ein Lächeln zurück kommt oder an mich heran getragen wird, dann geht die Sonne wirklich auf. Denn da gibt es ja noch meine innere Welt, und jede Hilfe, die mich Demut lehrt für das Glück und Kraft für die Bewältigung von Unglück, ist reales Erleben.

11.Dezember 2021, 23:45

Der Blick meiner Muse auf mich

Du erleichterst mir
den Zugang zu meiner Seele.
Würde ich Dir nicht glauben,
wenn du sagst, dass ich schön bin,
und Schönes schreibe,
würde ich uns Beide beleidigen.

Stattdessen will ich Dich
und meinen Schöpfer ehren,
indem ich mich ehrlich bemühe,
meine Kreativität zu schulen,
und mit meinen Talenten zu arbeiten.

Ich will die Reflexe ablegen,
die mich alles verwerfen liessen.
Ich erahne meine Talente.
Ich werde keine Projekte mehr weglegen,
bevor jemand anderer als ich selbst gesagt hat,
dass sie nichts taugen,
nein, bevor ich damit nicht wirklich gescheitert bin.


thinkabout.myblog.de vom 14.11.04, heute redigiert
und heute dazu weiter gedacht:

Na, das habe ich ja bisher prächtig hinbekommen, denke ich spontan. Doch hätte ich die innere Wahrheit zwischen den Zeilen nicht doch ein gutes Stück weit verinnerlicht, so gäbe es Thinkabout als Blog heute natürlich nicht mehr. Die letzten Jahre in den Tasten haben nicht nur mich auf eine neue Weise mürbe gemacht, und es ist höchste Zeit, weniger die Welt verändern zu wollen als mich selbst mehr zu finden. Da habe ich dann auch wirklich etwas davon. Eine Impfung hilft auch dabei nicht weiter, aber nach wie vor mit dem Verlangen getränkt zu sein, etwas Kreatives zu versuchen, immer wieder, macht mich glücklich.

11.November 2021, 8:00

Ein Herbst- und Wintermärchen in Einem

Wir haben Ferien gemacht. Zwei Wochen im Oberengadin, weit weg von jeder Corona-Regel, uns selbst genügend in der gemieteten Wohnung, gebucht für einen Zeitpunkt, der Nachsaison genannt wird. Bahnen: Stillgelegt für die Revision vor der hoffentlich brummenden Wintersaison. Restaurants und viele Läden: Geschlossen. Kein Eintritt, mit oder ohne Zertifikat. Der Volg in Sils hatte offen – und das reichte vollkommen.

Wir spekulierten auf den Indian Summer im Oberengadin, die Zeit, wenn die Lärchen goldgrün leuchten und der erste Schnee, das Gelb der Wälder und das Blau der Seen atemlos machen können. Und wir hatten nicht nur Glück. Wir hatten Schwein. So was von. Ich bin noch immer besoffen vor Freude, wenn ich die Bilder ansehe. Ihr Lieben, die Ihr diese Bilder seht: Genau so schön war es. Ohne Flugzeug, keine drei Stunden von Zürich entfernt.

Die erste Woche schenkte und strahlendes, stabiles Wetter, und das Timing war einfach perfekt. Die Ebene um Sils bietet unfassbare Ausblicke und Flanierwege am See zuhauf, und Wanderungen auf der Via Engadina oder ins Fextal sind reine Sinnesfreuden für Augen, Nase und Herz. Ich habe bestimmt noch nie so viele glückliche Menschen auf Wanderwegen gesehen, so viele offene, lachende Gesichter und staunende Blicke.

Und dann war es zwei Tage wolkenverhangen. Und es begann zu schneien. Die Wolken schütteten nicht etwa einfach etwas weissen Zucker aus, sondern mehr als einen halben Meter Schnee. Es war, als würden wir sanft in eine Zauberwelt gesetzt – und da sitzt Du dann und staunst und wirst ganz still.

Ich habe mich nicht zum Reporter machen wollen. Ich wollte einfach staunen, geniessen, Kindergeburtstag feiern. Aber das hier möchte ich noch teilen. Denn es gibt Fotos, die im goldenen Herbst und dann im Winterzauber gemacht wurden, an der praktisch gleichen Stelle. Hier einfach zum Geniessen!

Hotel Waldhaus, oberhalb von Sils:

Blick auf den Beach Club am Silvaplanersee:

Sils Maria:

Mit neuer Demut und Dankbarkeit und vollgetankt tauche ich wieder ein in unseren Irrsinn. So herrlich unwichtig und unnötig sind so viele unserer Aufregungen.

12.Oktober 2021, 1:30

Wir verlieren uns

Der Bundesrat und der Mainstream der Politik kämpft um eine Verbesserung der Impfquote. Und ich bin überzeugt, jeder zusätzliche Pieks wird als Erfolg gefeiert.
Es gibt für ganz viele Menschen und Unternehmen ganz viele gute Gründe für die Impfung. Und ein jeder Mensch soll das für sich entscheiden können. Doch so weit sind wir schon lange nicht mehr, nicht wahr?

Wir müssen gar nicht mehr darüber diskutieren, ob es einen Impfzwang gibt oder nicht. Entscheidend für den bröckelnden Zusammenhalt der Gesellschaft ist, dass dieser Zwang subjektiv als solcher empfunden wird. Was wir also als Erfolg verbuchen, bei den Prozenten, die wir jetzt noch zulegen in der Impfstatistik, ist nicht wirklich einer. Wir handeln uns mit dieser ganzen Übung einen viel zu hohen Anteil von Bürgern ein, die sich mehr als nur ein bisschen gegängelt fühlen. Sie gehen verloren. Und das Problem sind nicht jene, die laut protestieren – sondern die stillen, die sich scheinbar schicken. Aber die Erfahrung, plötzlich am Rand gestanden und auch so beurteilt worden zu sein, die bleibt. So manche, die sich jetzt umstimmen lassen, behalten bei sich ein stilles Kopfschütteln – mit der Feststellung, dass man selbst nie für möglich gehalten hätte, dass das geschieht: Meine eigene Gruppe hat kein Problem, über meine körperliche Integrität zu befinden. Menschen, die sich immer als Teil einer Gemeinschaft verstanden haben, sehen sich plötzlich an den Rand gedrängt und zu einem Schritt genötigt, den sie eigentlich nicht gehen möchten. Wenn sie ihn dann doch gehen, bedeutet das nicht, dass sie „verstanden haben“. Oft bleibt etwas zurück. Es entsteht eine Distanz, eine Entfremdung. Das erfahrene Unbehagen sitzt tiefer als der Pieks selbst je eindringen mag.

Und immer wieder die Frage, wie selbstverständlich sich alle über die nicht wirklich beantwortbaren Fragen hinweg setzen können – aber auch das gelingt, natürlich, in der Gruppe ganz leicht. Es gelingt uns immer ganz leicht, wenn wir uns auf der richtigen Seite wähnen, wie auch immer wir uns das zu garantieren glauben. Die Bestätigung ist ja da. Auf Schritt und Tritt.

Wir werden das Virus meistern. Mit ihm leben lernen. Irgendwann. Und ganz schnell werden ganz Viele von uns weiter leben wie zuvor. Denn das ist das, was alle wollen. Aber für ganz Viele von uns wird es nicht mehr das Gleiche sein wie zuvor. Die Solidarität, so wie sie jetzt eingefordert wird, ist für sie nicht wirklich eine. Sie sind nicht gehört und nicht verstanden worden. Es gab eigentlich noch nicht mal den Versuch dazu. Auf jeden Fall viel zu selten.

Die Lebensqualität einer demokratischen Gesellschaft misst sich daran, wie die Mehrheit mit der Minderheit umgeht. So gesehen sind wir gerade dabei, die grösste uns bisher auferlegte Prüfung maximal zu versauen. Die Regierung ist die Exekutive. Wie passend ist diese Bezeichnung!

25.Juni 2021, 1:15

Vom Umgang mit Unterschieden

Manchmal werde ich gefragt, warum ich das mache mit „diesem Bloggen“. Und dann müsste ich ehrlich antworten, dass ich eigentlich nicht wirklich ein Blogger bin. Ich verschreibe mich keinem Thema, keiner Glaubensansicht, keinem politischen Flügel. Mich interessiert so Vieles. Und ich riskiere eine Meinung, die vielleicht gerade demjenigen nicht passt, der mir eben noch applaudiert hat.

Es ist gar nicht möglich, sich auf diesen Seiten für alles zu interessieren. Und schon gar nicht, immer einverstanden zu sein. Ich bin den Weg vieler Bloggerkollegen nicht gegangen, als die Social Media – Kanäle mehr Klicks versprachen, wenn man seine Texte auf ihren Portalen verortete, und bin in meinem Häuschen geblieben. Und ich habe meine Themen nicht eingegrenzt. Will ich einfach nicht. Das hier ist einfach eine Art Tagebuch meiner Gedanken. Ich habe auch hier keine Mission. Und doch gibt es etwas, das mir wirklich wichtig ist. Wozu ich ermuntern möchte, ein wenig Beispiel sein:

Auch wenn ich scharf zu schreiben vermag, so sollten die Worte nie jemanden zum Schweigen bringen. Im besten Fall erscheinen sie bedenkenswert. Argumentation sollte so daher kommen, dass du auch mit anderer Meinung zu Ende zu lesen vermagst. Du brauchst auch nicht mit mir streiten. Geschieht ja auch kaum je auf diesen Seiten. Aber freuen würde mich, wenn es mal sein kann, dass du hier wieder weg gehst, und meine Sicht nachklingt. Ich habe keine Wahrheit gepachtet. Aber ich mitte sie auch für keine Staatsraison ein. Die Wahrheitssuche bedingt die Freiheit der Gedanken. Und wenn ich selbst Leser bin, versuche ich, mich genau so zu verhalten.

Ich möchte nicht bedrängen. Und schon gar nicht in ein Geschrei einstimmen. Ich liebe die Zwischentöne, die Differenzierung. Dort, wo die andere Ansicht gehört und nicht niedergeschrien wird, kann Reflexion entstehen. Ich mag in meinem Glauben an den Diskurs aus der Zeit gefallen sein, aber ich glaube eben gerade nicht, dass die Zeiten so dramatisch sind, dass wir uns unterschiedliche Meinungen und Haltungen nicht leisten können.

18.Juni 2021, 2:00

E-Biken als neues leichtes Jogging. Vielleicht.

Die Zeiten, in denen ich regelmässig joggen war, sind lange vorbei. Ich erinnere mich an die Limiten, die sich mir zeigten: In dem Moment, über den hinaus sich meine Distanzleistung nicht mehr erhöhte mit dem möglichen und gewollten Aufwand, schwand der Zauber, und die Konfrontation mit den Einschränkungen durch das Asthma schob sich in den Vordergrund. Dazu kamen streunende herrenlose Hunde im Wald mit Interesse an Joggerbeinen, und irgendwann habe ich es gelassen. Aber ich erinnere mich auch an die meditativen Momente im Einklang mit meinen Körper…

MEIN KÖRPER – MEINE WOHNUNG

Still laufe ich, mit gebändigten Gedanken. Ich staune, dass meine Beine vom ersten Schritt an den leichten Schritt des Vortags annehmen, eifrig bereit, mich weit zu tragen. Ich komme heute meinem Ziel ein paar ruhige Atemzüge näher: Beim Laufen mein eigenes Tempo finden. Die Geschwindigkeit, den Schritt entdecken, der der Meine ist und der zu mir gehört für den Lauf durch mein Leben, hin zu mir selbst. Ich suche die Schrittlänge und den Rhythmus, der meine Gedanken verschmelzen lässt, meinen Kopf leert und mein Inneres öffnet. So ist jeder neue Lauf ein Dialog mit mir selbst, ein Hinhorchen auf meinen Körper, eine Mahnung, ihn zu ehren, zu pflegen, zu nutzen, zu belasten, zu entlasten: Ich lerne meine Wohnung kennen. Und ich freue mich schon, morgen dahin zurück zu kehren, und die Tage danach ebenso.

Es gibt segensreiche Wiederholungen und Gewohnheiten, Zeiten der Einkehr, die wie Tempelgänge in unserem Tagesablauf stehen können.


thinkabout.myblog.de vom 14.11.04, teilweise wieder gegeben und redigiert

und so freue ich mich nun auf mein E-Bike, auf das ich, wie viele andere auch, sehnlichst und viel länger warte, als vorausgesagt… Die Lieferengpässe durch Corona lassen grüssen…

28.Mai 2021, 14:50

Die Nacht als Tageszeit

Ich weiss gar nicht mehr, wann das angefangen hat, dass ich die Nacht gerne zu einem Teil meines Tages gemacht habe. Es hat mir schon als Student entsprochen und ist bis heute so:

WACHE NACHT

Ich liebe die Nacht,
die mich empfängt
mit Stille und Geschichten.
Ich sitze da und denke
ganz anders als am Tag,
wenn helle Lichter blenden.

Ich lief ganz jung schon
nachts durch dunkle Strassen,
den spiegelglatt glänzenden Asphalt
regennass unter meinen Füssen:
Zuflucht für bedrängte Herzen,
Wanderpfad für meine Seele.

Nicht Bedrohung fühle ich,
nicht Angst, nicht Ruhelosigkeit.
Es bescheint ein fahlgelber Mond
meine springenden Gedanken,
bis mich schläfrige Sanftmut
in eine neue Ruhe entführt.

thinkabout.myblog.de am 12.11.04, heute bearbeitet

In der Nacht bin ich unter Menschen allein. Ich weiss sie schlafend, arbeitend, unter der Decke, in den Freuden oder Sorgen wegen morgen. Das ein Morgen ist. An dem die Sonne wieder aufgeht. Ganz sicher. Was für ein Wunder, jeden Tag. Ich bin in diesen Stunden allein – aber bin ich es wirklich? Und mehr als am Tag, wenn ich unter ebenfalls wachen Menschen bin? Wir kommen allein und wir gehen allein. Der erste und der letzte Teil des Weges kann nicht geteilt werden. Und die Entwicklungsschritte, die wir gehen, sind auch die unseren. Wir können sie nicht abgeben. Niemand geht den Weg für uns und niemand geht genau den gleichen. Aber ich trete aus der Nacht und dem folgenden Schlaf heraus in einen Tag, der Begegnungen bereit hält. In denen ich wahrhaftig sein kann, wenn ich in mir selber wohne in einer Weise, die auch und gerade in der Nacht der Unsicherheit standhält, Angst aushält und überwindet. Viele Briefe, die ich schreibe, schreibe ich nachts. Wenn ich bei mir bin. Und etwas davon zu jemandem tragen will. Einen Gruss. Einen Gedanken. Das Gefühl, das ich habe, wenn ich den Mond betrachte, und wieder mal sehe, welch unfassbare Kraft er besitzt. Er blendet nicht. Aber er scheint. Leuchtet. Geht seinen Weg und vergisst dabei die Erde nie. Wenn ich ihn am Himmel suche und finde, ist alles gut.

26.Mai 2021, 18:15

Von der Schreibsucht zur Unlust

Im November 2004, noch mitten in meinem früheren Berufsleben, habe ich, kurz nachdem ich das Bloggen für mich entdeckt hatte, erfüllt vom Erleben, wie reich die Gedankenvielfalt war, die da ihr Ventil fand, folgendes geschrieben:

Schreibsucht

Es gibt Tage, da rasen meine Gedanken vor Sehnsucht.

Ich möchte aus Blind- und Taubheit neu aufsteigen,
wie ein neu geborenes Geschöpf hören und sehen lernen.

Nicht arbeiten und doch ständig bei der Arbeit, bei mir selber sein.

Die Arbeit aber, die ich im Büro vor mir her schiebe, ist immer weniger die meine.

Nichts an ihr zieht mich an.
Diese Macht hat nur ein Blatt Papier –
eine Anziehung, wie sie von einer bildhübschen, jungen Frau ausgeht.

Schreiben ist meine Zu-Flucht.

Ich sehne die fünfte Stunde des Nachmittags herbei.
Dann Aufbruch, Wegfahrt. Kleiderwechsel.
Joggen, laufen. Nur weg, hin zu mir selbst.

thinkabout.myblog.de vom 11. Nov. 2004

Nun, meine Arbeit ist nicht zu einer Qual geworden – ich konnte ihr ihren Platz zuordnen, meine Aufgaben erfüllen und meinen Partnern gerecht werden (oder bleiben), zumindest glaube ich das. Nun, nach dem Ausscheiden aus der Arbeitswelt, wäre also erst recht Raum für mein Schreiben, für das laute Denken. Doch nun fehlen mir weniger die Gedanken als die Stimme dafür. Ich bin angezählt. Die Art, oder besser die Unart, mit welcher wir alles andere als einen wahrhaftigen Diskurs über das Für und Wider im Umgang mit der Pandemie führen, beschäftigt mich enorm und raubt mir die Lust und den Glauben, wir könnten etwas anderes anstreben in der ganzen Irrlichterei als die möglichst schnell eingeimpfte Rückkehr zur Normalität. Etwas Anderes will scheinbar niemand – und diese fast alte Normalität wird dazu führen, dass wir das Erlebte ablegen wie einen Albtraum, der hoffentlich nicht wiederkommt. Und jene, die das nicht können, sind die bleibenden Opfer der Pandemie, und jene, die das nicht wollen, sind unverbesserliche Schwarzmaler mit Aluhüten auf dem Schrank und der Nazifahne im Schrank. Absurder könnten die Abstraktionen nicht betrieben und die Verunglimpfungen nicht geführt werden.

02.April 2021, 23:15

Begegnung mit einer alten Liebe

Ich bin wieder zuhause. Die Aussicht auf den Zwetschgenkuchen, den wir gestern gebacken haben, hat mich etwas früher aus meiner Jogging-Runde heim gezogen. Kleine Sünde, grosse Freude… Er ist soo herrlich saftig!!

Ich geniesse die behagliche Wärme der geheizten Wohnung, zufrieden mit meiner Welt. Und ich denke an das Paar, das mir beim Laufen immer wieder begegnet ist, auch heute wieder:

Eine alte, freundliche Frau, die ihren Mann in einem Rollstuhl spazieren schiebt, jeden Tag, bei jedem Wetter. Sie spricht ständig mit ihm, lebhaft und voller Liebe. Er aber redet nie, sagt keinen Ton, und sein Gesicht, das bis auf sein kantiges Kinn und einen harten, schmallippigen Mund hinter den dunklen Gläsern einer dicken Hornbrille versteckt ist, verrät keine Regung. Wahrscheinlich hat er eine Lähmung, denn er sitzt stets mit verkrampfter Haltung in seinem Rollstuhl, so, als hätte man seinen Körper zurecht biegen müssen, um ihn hinsetzen zu können.

Wie ich die beiden nach einem kurzen Gruss hinter mir zurücklasse, mit ausholenden Schritten weiter laufend, frage ich mich, ob mir dieser Mann nicht bittere Gedanken nachsenden mag? Auch wenn ich über meine Bestimmung für den morgigen Tag nichts weiss, so ist doch klar, dass unsere Lebenslinien unterschiedliche Krümmungen aufweisen.

Das einzige aber, was ich höre, ist die Stimme seiner Frau, die nicht müde wird, ihm weiter von allem Möglichen zu erzählen. Der Wind trägt mir ihre Stimme noch lange nach, als möchte er damit die Liebe dieser Frau ehren, die ihrem Mann jeden Atemhauch ihrer Kraft schenkt, Tag für Tag.


thinkabout.myblog.de vom 6.11.04 – heute redigiert

29.März 2021, 0:45

Heimkoller

Im Militär haben wir manchmal vom Lagerkoller gesprochen. In der aktuellen Homeofficezeit, die in ihrer Durchsetzung ja nicht auf einer bewussten Arbeitsplatzgestaltung beruht, sondern von den Unwägbarkeiten und Unverständlichkeiten behördlicher Vorgaben stark mit beeinflusst wird, stelle ich ähnliche Phänomene fest. Es reicht langsam, und ganz allmählich werden wir stinkig.

Ein Video-Chat oder erst recht eine Videokonferenz ist auch kein Telefongespräch. Die Menschen auf den Bildschirmen kommen uns mit ihren Gesichtern sehr viel näher als in jeder tatsächlichen Begegnung, und oft unbemerkt liegt darin eine Nähe, die uns stresst. Sich selbst beim Reden sehen zu können, macht es auch nicht einfacher. Kurz: Unsere „Kontakte“ sind Notbehelfe, und sie ersetzen die persönliche Begegnung in keiner Weise. Mir scheint, dass Viele an dem Punkt angekommen sind, an dem ihnen das Zuwenig eindeutig Zuviel wird.

Tools der Online-Kommunikation, die wir doch ursprünglich mit so viel Freude eingerichtet hatten, weil wir uns damit zeigen konnten, dass wir uns doch zu helfen wissen, nutzen sich ab. Die Chats werden seltener, der Humor wird dünner, die Gehässigkeit grösser, will heissen, Witze werden vermehrt auf Kosten anderer gemacht, oder Luft muss entweichen. Dafür eignen sich Politiker als Zielscheiben immer, aber es kann auch andere treffen – und dabei treffen wir uns selbst. Weil die üble Laune dadurch nicht wirklich entweichen kann, ist das eine Sackgasse, und mit der Zeit wird es im eigenen Oberstübchen so muffig wie in einer wochenlang nicht mehr gelüfteten Studierstube. Mein Rat: Ehrlich mal sagen, wie sehr einem die ganze Situation auf den Keks geht, es aber so formulieren, dass andere durchaus erkennen können, dass es tiefer geht. Hat man mit etwas Mühe, erfordert es eine persönliche Mühe, da raus zu kommen, sich auf ein positives Niveau zurück zu hieven. Wenn man dann dabei durch exakt die angesprochenen Tools Hilfe bekommt, durch Menschen eben, die ja die Situation kennen, dann sind die Onlinehilfen plötzlich wieder so toll, wie sie tatsächlich sein können. Weil wir sie nutzen, indem wir nicht nur an der Oberfläche bleiben.

Ich würde mal vermuten, dass sehr Viele, die als „Verantwortliche“ Corona-Massnahmen in Betrieben umsetzen und durchsetzen mussten, sehr viel Unwillen abbekommen haben, ohne dafür auch nur das Geringste zu können. Mit der Zeit hilft es diesen Personen dann auch nicht weiter, wenn der üblen Laune der Satz nachgeschoben wird: Ich weiss ja, dass Du nichts dafür kannst. Darum gilt wohl auch hier: Wenn wir uns um eine positive Sicht bemühen, immer wieder, helfen wir nicht nur uns. Aber uns ganz sicher.