Ressort: Tagebuch(Weitere Infos)

14.März 2021, 19:00

Nicht schweigen. Nicht schreien.

Ich würde mich informiert nennen. Einigermassen. Und interessiert. Vieles, was „in der Welt“ geschieht, treibt mich um. Ich habe schnell eine Meinung. Und ich äussere sie. In Kommentaren, Foren, Briefen. Ich bin mit meinen Betrachtungen direkt bei der Gesellschaft, die wir alle bilden, und sehe mich darin bestätigt, dass wir uns nicht wirklich entwickeln, sondern verlieren.

Dann schreibe ich dagegen an. Ich bin emotional. Es schreit in mir. Und wenn der Text das einmal nicht verrät, so unterdrücke ich es nur. Im Schrei aber liegt Verzweiflung. Ich bin enerviert über die Dummheit anderer und kann doch nie ausschliessen, dass am Ende doch ich der Dumme bin. Meine Kritik setzt sich auch immer dem Verdacht aus, auf der Arroganz einer Besserwisserei zu gründen, so dass der so häufig gehörte Satz viel zu gut passt: „Man weiss es nicht.“ Ich weiss es nicht. Es fühlt sich aber so viel einfach so falsch an. Und ich frage mich schon, ob diesem Gefühl, das wir in uns tragen, nicht mehr zu trauen wäre – und wie nahe wir dabei wohl einander sind?

Die Kunst ist, den gefühlten Aufruhr sanft auszuhalten, Momentaufnahmen mit all ihren Unsicherheiten zu erstellen und darauf zu hören, was mir meine inneren Koordinaten sagen. Dann ist es auch möglich, nicht zu schreien. Dann mache ich keinen Lärm, gebe aber auch keine Ruhe. Ich spare Energie und schaffe positives Denken, um DAS nicht zu lassen, was mir wichtig ist: Ich beobachte und sehe meine Welt und die unsere, und ich bin gewiss nicht allein im Gefühl, dass wir ganz vielen Herausforderungen der Gegenwart nicht im bisherigen Trott gewachsen sein werden. Ob wir einen anderen Weg, überhaupt einen Weg finden? Spätestens die Enkelkinder Eurer Kinder könnten es Euch wohl sagen. Und ich hoffe, dass sie dabei nicht zu Schreien beginnen.

12.März 2021, 0:25

Hinaus, mir entgegen

Es liegt nicht an Corona, dass ich nicht Joggen gehe. Erst haben mir das Hunde überforderter Frauchen und Herrchen vor Jahren schon madig gemacht, und mittlerweile bin ich auch zu träge dafür geworden. Vielleicht juckt es mich ja wieder, wenn ich lange genug in früheren Texten stöbere und an ihnen rum bastle. Allerdings hat das ein Jahr Corona noch nicht geschafft…

Ich lasse mich nicht einsperren. Auch heute will ich joggen.
Ich freue mich, gleich mit meinen Gedanken allein zu sein.
Ich hoffe auf etwas Schwerelosigkeit in meinem Körper, auf die ganz bestimmten Minuten, die mir suggerieren, genau so endlos weiter laufen zu können.

Asthma hat mich in den letzten Tagen zweimal abbrechen lassen. Deprimiert hat mich das nicht. Die langen Wege der letzten Monate haben mich schon etwas gelehrt:

Für mich geht es nicht um Leistung. Fehlt mir die Luft, dann habe ich eben Zeit, inne zu halten.
Anhalten, rasten. Wer sagt, dass es immer vorwärts gehen muss? Ist der Schritt vorwärts immer ein Fortschritt?

Ich muss immer seltener wissen, wie weit ich laufe. Oder wie schnell.
Ich laufe mit mir.
Bin ich bei mir?
Tanzen meine Gedanken davon oder sammeln sie sich?
Die frische Luft kühlt meine Haut.
Gott legt mir die Freude auf den Weg vor meinen Füssen und in jeden Atemzug. Frei atmen können. Ich weiss, wie wunderbar das ist. Ich staune über die Quelle unserer Energie. Rund hunderttausendmal schlägt unser Herz jeden Tag, versorgt uns, ohne dass wir einen Gedanken dafür haben.

Ich bin dankbar für jedes Stück Bewusstsein, für jede Zeile, die ich schreibe, für jeden Schritt, den ich auf meiner Strasse mache.



thinkabout.myblog.de vom 6.11.04, heute redigiert

27.Februar 2021, 22:30

Eine Art Gelübde

Du erleichterst mir
den Zugang zu meiner Seele.
Würde ich Dir nicht glauben,
wenn du sagst, dass ich schön bin
und Schönes schreibe,
würde ich uns Beide beleidigen.

Stattdessen will ich Dich
und meinen Schöpfer ehren,
indem ich mich ehrlich bemühe,
meine Kreativität zu schulen,
und mit meinen Talenten zu arbeiten.
Ich will die alten Reflexe ablegen,
die mich alles verwerfen liessen.
Ich erahne meine Talente.
Ich werde keine Projekte mehr weglegen,
bevor ich damit nicht wirklich gescheitert bin –
vor mir, unabhängig von anderen.

Ich werde mich nicht länger scheuen,
mir selbst zu begegnen,
mag es auf einer einsamen Landstrasse sein…
oder in der stillen Schreibstube.


thinkabout.myblog.de am 14.11.04, Titel: Dein Blick für mich; heute redigiert

27.Februar 2021, 18:30

Mit Zeit und Herz

Ich geniesse es so,
bei Dir auch bei mir zu sein,
und die Zeit zu vergessen,
weil die Intensität der Langsamkeit
den Genuss des Augenblicks
noch intensiver macht:

Mit Dir erlebe ich alles
so tiefgründig langsam –
als wäre es gleichzeitig
das erste und letzte Mal.

Ich sehe Dich an
mit dem Gefühl,
im Leben Platz zu finden.
Und schon ist das,
was ich spüre,
ein Heimkommen
zu mir selbst.

(c) Thinkabout

thinkabout.myblog.de am 5.11.04 – heute redigiert

27.Februar 2021, 18:00

Ein Arbeitsumfeld wie eine Oase

Neben unserem Vertriebslager besteht seit Jahren eine kleine Autowerkstatt. Der Inhaber ist ein junger Italiener, ein Secondo, der in der Schweiz aufgewachsen ist und sich hier einen kleinen Traum erfüllt.

Der Mann ist auch der Traum jedes Nachbars: Zuvorkommend, freundlich, mit dem hilfsbereiten, aber nicht aufdringlich neugierigen Blick über den Zaun. Und seine Angestellten verbreiten gute Laune. Über dem geschäftigen Treiben ruht ein guter Geist, der auch in Hektik, Trubel oder bei plötzlichen Schwierigkeiten nicht so schnell verloren geht.

Ihre Arbeit verrät Kompetenz. Als Kunde fühlt man sich wohl, gut aufgehoben, weil die Mitarbeiter wirklich Mitarbeit leisten. Kein Hochglanz, keine Markenvertretung, keine Image-Kampagne ist dafür verantwortlich. Es sind die Menschen, die sich ergänzen und sich hier zusammen gefunden haben.

Das Geschäft scheint gut zu laufen. Ich gönne es meinem Nachbarn von ganzem Herzen. Er darf mir auch ruhig mal ein Auto auf den Parkplatz stellen. Gibt mir irgendwie das gute Gefühl, auch ein wenig Teil des Betriebes zu sein.

Seht her, DAS ist ein Mensch, der Gutes bewirkt. Nachhaltig, Tag für Tag, obwohl er darauf wahrscheinlich keinen Gedanken verschwendet. Er hat einfach seine Linie gefunden, nach der zu leben ihm Freude bereitet. Sein kleines Glück ist mehr als gross genug für ihn. Wüsste er, wie sehr er mich beeindruckt, wäre er erstaunt. Die selbstverständliche Bescheidenheit ist auch Teil seiner Zufriedenheit.


thinkabout.myblog.de am 4.11.04, heute redigiert

21.Februar 2021, 9:00

Schreiben ist nie banal

Schreiben ist ein Prozess, der Alleinsein erfordert. Es kann sehr erfüllend sein, die eigenen Gedanken in eine Form zu bringen, in welcher sie auch durch die Zeilen fliessen können – oder die Ecken und Kanten zu schärfen, die sie ausmachen. Aber sehr oft ist Schreiben ein gescheiterter Versuch. Der Umgang damit muss irgendwie gelingen. Und bleibt doch immer schwierig.

Tatsächlich lesen wir auch immer unseren eigenen Text. Das bedeutet, dass ich als Redender oder Schreibender immer falsch (oder anders) verstanden werden kann, als ich mich mitteilen wollte. Aber Dialog, Mitteilung bedeutet einfach, dass wir unser Erleben, unsere Erfahrungen und Gedanken und Gefühle mit anderen teilen. Genau so wie wenn wir singen, einer Melodie lauschen, uns von ihr tragen lassen und Worte wirklich einen Klang bekommen – dann fragt niemand, warum wir das gerade tun? Es ist klar und erfüllt sich im Sinn der Sprache selbst.

Texte können berühren. Allen Lesenden möchte ich sagen, dass es die Schreibenden auch immer wieder erdet, wenn sie erfahren, dass diese Berührung zugelassen oder ein Gedanke weiter getragen wird. Ein Text, ist er mal geboren und für den Schreibenden „fertig“, braucht im Gegensatz zum Verfasser keinen Applaus. Er hat sich schlicht schon dadurch erfüllt, dass er da steht und zu lesen ist. Was mit ihm weiter geschieht, hat sehr oft nichts mit seinem Gehalt zu tun. Er bleibt in jedem Fall schlicht Ergebnis eines stattgefundenen Prozesses.

Dieses objektivierte Verhältnis zum Text ist kein Selbstläufer. So souverän gehe zumindest ich damit nicht um. Es gibt unzählige Schreibende, die damit hadern, dass sie nicht verstanden werden, keine Fürsprecher finden – oder nicht gelesen werden.

Doch welchen Anspruch haben wir denn an einen guten Satz? Braucht er die weite Verbreitung – oder einfach eine innere Kraft, die ihn nötig gemacht hat? In einem bestimmten Moment, für einen bestimmten Menschen? Für den Menschen, der ihn geschrieben hat?

Darum ist es so wunderbar, wenn wir uns schreiben. Wenn wir keine Worte zurück halten, nur weil wir denken, sie wären banal. Wie könnte etwas banal sein, mit dem wir einen anderen Menschen „im Sinn“ haben? Worte können so mächtig und kraftvoll sein. Auch banale. Weil DU sie aussprichst. Für IHN oder SIE.

15.Februar 2021, 17:30

Zufall, so schön

Rauhreif am frühen Morgen. Er liegt wie Schnee auf dem Rasen. Wie beiläufige, flüchtige Saat der Natur.

Dass ich ihn erlebe, bevor er wegschmilzt wie der kalte Atemhauch auf einer beheizten Scheibe im Winter, habe ich dem Zufall eines selten frühen Termins zu verdanken, den ich gestern noch verflucht habe.

Jetzt ist mir diese Begegnung mit Schönheit ein Sinnbild für das kleine Glück, das wir in unserem Gefangensein in Unwichtigem zu oft nicht sehen.

Diese Schönheit lässt sich nicht festhalten. Aber sehen. Entdecken. Das Geschenk tut der Seele so gut wie der einsetzende Tau, der den Rasen tränkt.

Ist es nicht ein wunderbares Ziel, solche Augen-Blicke wo und wann immer möglich in unserer Seele zu speichern und mit zu nehmen in alle neuen Tage unseres gewohnten „alten“ Alltags?

Was wir Zufall nennen, ist der Zufluchtsort der Unwissenheit.

Spinoza

[myblog-Text vom 29. Oktober 2004, redigiert]

09.Februar 2021, 18:00

Worte mit Seele.

Ich schreibe einen Brief. Ich schreibe einen Text. Ich setze meinen Namen darunter. Ich schicke ab oder stelle online. Die Worte gehen auf eine Reise. Sie sind nicht mehr einzufangen. Sie bleiben ein Zeugnis meiner Gedanken. Sie erreichen. Sie berühren. Sie verpuffen. Sie machen still. Sie provozieren Widerstand. Sie bestätigen. Sie geben recht. Vielleicht haben sie unrecht. Wenn sie nur nicht unrecht sind. Sie machen Freude. Hoffentlich. Sie haben vielleicht auch Ansprüche.

Denk mal nach. Thinkabout. Das klingt überheblich. Es bleibt einfach ein Erzählen. Schau: Das denke ich.

Darauf folgen Deine Gedanken. Dein Weg geht weiter. Wie meiner, wie jeder Weg weiter geht bis zu seinem scheinbaren Ende. Wir fehlen. Wir lernen. Wir wachsen. Wir leiden. Wir freuen uns. Wir leben. Wir teilen. Wir gehen den Weg weiter. Manchmal erfahre ich, dass ich berührt habe. Manchmal vertraue ich einfach darauf. Schreiben ist ein einsamer Prozess. Ich ziehe mich in mich selbst zurück und komme mit einem Teil von mir wieder zurück. Ich gebe etwas von mir fort. Ist es verloren? Hilft es? Macht es Sinn? Es wird vielleicht genau so von mir nicht wieder gedacht und empfunden. Ein Tagebuch einer momentanen Erkenntnis oder eines aktuellen Irrtums. Aber mit Seele. Für mich wahr. Und richtig. Dann lege ich die Tastatur zur Seite. Manchmal warte ich auf Bestätigung. Aber es braucht sie nicht. Worte mit Seele waren eben reif, geschrieben zu werden. Als meine Worte. Auf meinem Weg. Heute. Und das, was ihre Seele ist, bleibt bei mir. Darum ist es ein Text von mir. Nicht weil mein Name drunter steht. Ich bin da drin.

Und ich komme zu dir. Und deine Seele liest. Und findet ihre eigene Sprache. Sie ist für dich wichtig. Du liest für deinen Weg und gehst ihn weiter.

25.Dezember 2019, 21:34

Nachrichtentage

In diesen Tagen werde ich überrascht von Nachrichten von Menschen, von denen ich keine Botschaft erwartet hätte – und andere bleiben aus, denen ich keine enttäuschte Erwartung entgegen stelle. Die Weihnachtstage sind keine Aufrechnungstage – sie bieten vielmehr Gelegenheit, Dankbarkeit zu zeigen, vielleicht auch neu zu entdecken, für den Reichtum, den ich im eigenen Leben habe. Ich mag dabei selber in guter Stimmung sein, glückliche Weihnachten haben oder eher traurige – die Tage können auf jeden Fall einen Zauber für mich entfalten – und mir gut tun.

Ich denke an Menschen, die dieses Jahr bewusst einmal Weihnachten als Tage ohne Familie brauchen, an solche, die Verlust fühlen müssen, an eine Familie, die eben noch um das Leben eines jungen Menschen fürchten musste und gerade wieder Mut findet, an Menschen, welchen eine Trennung noch ganz frisch auf der Seele brennt, an Menschen, die ihre kleinen Zeichen nicht nur an Weihnachten uns schenken, sondern damit weiter machen werden, eben genau so, wie es immer sein kann, nicht wahr? Jeder Tag ist einer, an dem man einen Gedanken an einen Menschen packen kann, um gerade in diesem Moment bei ihm zu sein. Und die unzähligen Momentaufnahmen packen sich dazu, die uns allen bewusst machen, wie wechselhaft das Leben sein kann, wie beständig aber auch. Und Veränderungen, ob wir sie begrüssen, befürchten oder ob wir beklagen, was wir vermissen, verloren haben – der Schmerz kann und wird weichen, schwächer werden, sich wandeln lassen, weil die Erinnerung gerade auch die liebevollen Begebenheiten, die Wärme und die Liebe zu einem Menschenb, zu einem Lebewesen, einem Heim, nie leer wird. Die geschenkte und erfahrene Liebe wird nicht in der Enttäuschung verenden – sie will sich erneuern, sie will leben, und mag der Samen noch so tief vergraben sein – er kann wieder zum Licht drängen und es finden. In Schritten, oder jederzeit, unverhofft. Vielleicht tragen wir dazu bei, indem wir einem Impuls folgen und uns jemandem zuwenden, wenn wir an ihn denken. Und dafür ist jeder Tag so geeignet wie Weihnachten.