Ressort: 10 Minuten(Weitere Infos)

10min spontan über ein Stichwort schreiben, 2 Min lesen. Gedankenfutter für Anstösse zum eigenen Nachdenken.

20.August 2021, 3:00

10min schreiben über: Solidarität

Mit dem Begriff der Solidarität, so vielfältig er in diesen Monaten benutzt und „verstanden“ wird, geschieht das Gleiche wie mit anderen Verschlagwortungen, die so typisch sind für unsere Gesellschaft (ich denke da zum Beispiel an den Begriff der Nachhaltigkeit, und wie unterschiedlich sie – je nach Interessenlage – bewertet wird). Wer das Schlagwort wo mit welchen Motiven in den Mund nimmt, macht es so vieldeutig wie schwammig.

Solidarität ist erfahrene Nachbarschaftshilfe bei einer Flutkatastrophe. Wie steht es mit der Spende für ein Hilfswerk in Afrika? Bin ich solidarisch, wenn ich die Kollekte bediene, oder tue ich es einfach wegen schlechtem Gewissen? Und was ist mit dem Menschen, der das beurteilt und wertet? Solidarität wird nicht erst heute eingefordert. Dabei geht vergessen, dass Solidarität – ihrer wirklichen Bedeutung entsprechend – niemals erzwungen werden kann. Was wir gerade erleben, ist eine Absurdität, die sich gegen uns alle richtet und Gemeinschaftssinn zerstört, statt ihn zu fördern. Es ist zum Beispiel einigermassen absurd, dass Geimpfte, welche Rambazamba-Ferien machen und sich bei der Heimkehr um Tests scheren und damit dort weitermachen, wo sie in den Ferien angefangen haben, als solidarisch gelten, weil sie den Pieks empfangen haben. Warum erwarten wir von Mitmenschen, dass sie unbedenklich finden, was für uns selbst keine Sache ist und schauen nicht darauf, wie sich unsere Mitmenschen im Alltag verhalten? Wäre es nicht solidarisch, würden wir uns überlegen, ob man nicht auch Respekt empfinden kann für Menschen, die den Pieks nicht annehmen, obwohl sie dafür auf Annehmlichkeiten verzichten müssen?

Wie steht es um eine Solidarität, zu deren moralischer Akzeptanz gehört, dass sie erzwungen werden kann? Sie bedeutet, dass eine Mehrheit entscheidet, was für jeden Einzelnen gut ist. Wenn wir Kranke nicht behandeln wollen bzw. nicht für sie bezahlen – welches pauschale Urteil haben wir dann über sie gefällt? Und warum? Für was? Für welche eigene Bequemlichkeit sind wir bereit, eine Kampagne zu fahren, welche zwangsläufig Mitmenschen unter die Räder geraten lässt?

01.April 2021, 7:50

10min schreiben über: Freizeit

Freizeit ist freie Zeit. Kein Chef sagt mir, was ich zu tun habe, kein Auftrag mahnt mich, weiter zu arbeiten. Ich bin frei, Zeit zu haben. Sollte ich sein. Wir haben so viele Möglichkeiten, freie Zeit zu nutzen, etwas „Gescheites“ damit anzufangen – und schon packen wir Erwartung in sie hinein und schaffen damit die Grundlage, dass wir ganz sicher zu wenig davon haben. Weil wir enttäuscht sein werden, wenn sie vorbei ist, die freie Zeit. Wie schnell ist sie gerannt, die Zeit!

Wir verstehen Freizeit als eine weitere Zeit mit Betrieb. Aktive Erholung – das Wort muss die Freizeitindustrie erfunden haben! Der Sportartikelverkäufer lebt davon, dass wir uns die Zeit nicht einfach gefallen lassen. Wir müssen sie besetzen mit Sinn. Kaum jemand kommt auf die Idee, dass die Freizeit ihren Sinn genau darin haben könnte, dass die Zeit frei bleibt.

Hat man plötzlich freie Zeit, auch dann, wenn sie einem nicht als Aufgabe gestellt wird, weil man versetzt wird, vom Partner, vom Freund, vom Arbeitgeber, sondern weil die Lebensplanung sich durchaus erfüllt: Teilzeit, die Wahl, mehr Zeit statt mehr Lohn zu haben, erfüllt sich, oder die Pensionierung ist da. Alle, welche diese Ausgangslage kennen, werden bestätigen, dass die grösste Herausforderung darin liegt, nicht ganz schnell auch jetzt „keine Zeit“ mehr zu haben. Es gibt schlicht zu wenig davon. Wir alle sind darauf getrimmt, sie zu füllen. Zeit zu verbringen, ohne wohin kommen zu müssen, hat den Hauch der Vergeudung. Zeit zu haben ist eine Chance für ein Werk. Eine Leistung. Ein Ergebnis. Ich glaube, dass unsere Freizeit viel zu wenig wirklich freie Zeit enthält.

Und auch wenn wir sie suchen, geben wir ihr sofort Struktur. Wir lassen uns anleiten. Wir sind in der Lage, auch zur Kunst, Zeit zu haben, erst mal einen Kurs zu besuchen.

Freie Zeit, die darin besteht, dass ich mich einfach mal hinsetze und aus dem Fenster schaue. Das ist eine Herausforderung. Unglaublich, wie laut es da erst in mir ist. Dann hinter mir, dann… wenn Ruhe nicht beunruhigt, ist das wirklich freie Zeit.


eine Auftragsarbeit

24.März 2021, 18:30

10min schreiben über: Dankbarkeit

Danke sagen, ist eine Höflichkeit, ein Erziehungsschritt für Kinder, eine gesellschaftlich angebrachte Norm – zumindest war es das lange Zeit. Danke sagen können ist auch eine Fähigkeit – denn sie schliesst ein, dass der Support eines Menschen mir selbst weiter geholfen hat. Ich konnte Hilfe gebrauchen. Vielleicht habe ich sie bekommen, ohne danach zu fragen, vielleicht wurde sie mir aufgedrängt, vielleicht aber habe ich es einfach nicht fertig gebracht, darum zu bitten. Dann also um so mehr Danke! Dankbarkeit ist aber auch eine Lebenseinstellung.

Wer Dankbarkeit empfinden kann für das, was ist, für die Umstände, die sein Leben ausmachen, auch und gerade im Kleinen, der verfügt über eine Ruhe, eine Bescheidenheit, die auch in allfälliger Mühsal erkennt, dass es viele Dinge und Menschen gibt, welche die Herausforderungen leichter machen. Dankbare Menschen sehen das Glas nie leer. Dankbarkeit kann auch auf einer Einsicht beruhen, einer Weisheit, die da weiss, dass unser aller Leben jederzeit zu Ende sein kann. Niemand kann erwarten, dass ihm genügend Zeit bleibt für alles, was im Leben noch geändert gehört. Oder verbessert. Es kann morgen vorbei sein. Also ist es ganz wichtig, dass ich meinen Frieden machen kann mit allem, was war oder noch nicht ist. Auch der grösste Macher ist von der Gnade abhängig, Zeit zu bekommen – und die Fähigkeit, für Umstände dankbar zu sein, die ihm gegeben werden, verhindert Überheblichkeit. Und wenn wir dann also Zeit bekommen, Raum haben, gestalten können, verändern, verbessern, so ist auch dafür die Basis etwas, was uns gegeben wurde, ohne dass wir wirklich wissen, warum. Das Geschick hat uns gütig bedacht, und das kann genau so rätselhaft bleiben wie die Antwort auf die Frage, warum mir gerade dieser oder jener Mensch geholfen hat? In der Hilfe sind wir auch immer Engelsboten, Kameraden, Freunde, und die Stärke, die wir teilen, schenkt uns Vertrauen. Danke dafür. Eine gute Voraussetzung, um den nächsten Moment heller werden zu lassen, oder sein Licht zu sehen.

20.März 2021, 23:50

10min schreiben über: Ganzheitlichkeit

So viele von uns sind heute zu Netzwerkern geworden. Wir vernetzen uns weitläufig und tiefgehend, um möglichst ganzheitlich abschöpfen zu können, was uns irgendwann mal an Kontakten hilfreich sein könnte. Wir wollen alles, das Ganze, wir träumen von der Übersicht. Dabei ist uns vernetztes Denken nach wie vor eine Herausforderung, an welcher wir immer scheitern, und viel früher, als wir es uns zutrauen, wenn wir von den grossen Eingriffen in die Natur sprechen. Wir verändern einen Baustein, manipulieren ein Gen, transferieren Stammzellen und machen Mensch und Natur zur Reperaturstelle. Wir flicken drauflos – und haben dabei keine Ahnung, was wir damit an Wechselwirkungen und Folgeentwicklungen auslösen. Wir haben so viel gelernt über „die Welt“ – und wissen dabei so wenig. Und genau das müsste uns doch als tiefste Erfahrung bleiben. Doch die Realität ist genau die umgekehrte. Wir denken begrenzt, und beobachten eben auch zeitlich kurzfristig, was wir auslösen – vorausblickend können wir das eh nicht.

Die Ganzheitlichkeit im Denken, welche der Schutz der Natur oder des Klimas im Speziellen erfordern würde, überfordert uns. Dabei scheitern wir schon an der Übungsanordnung, denn schon wie wir Ganzheitlichkeit definieren, ist von unseren Prioritäten abhängig, und solche setzen wir immer. Niemand von uns gewichtet alles gleich, ist komplett wertfrei gegenüber Einschränkungen, die irgend jemand für uns zum Wohle anderer oder Aller andenkt. Und wie bitte wollen wir nur schon neutral berechnen können, was für einen bestimmten Flecken Erde denn besonders wichtig wäre? Die Verbesserung der Luftqualität oder des Grundwassers? Was schützen wir zuerst und wie effektiv, und welcher Eingriff hat denn tatsächlich welchen Effekt und wie schnell?

Die Energiebilanz des Elektroautos ist ähnlich mies wie die des Diesels, aber es stinkt halt schon viel weniger vor der Haustür. Ganzheitlichkeit wirklich zu versuchen, sie im Denken anzustreben, ist schon eine Charakterfrage. Und auch wenn wir dabei gar nicht erfolgreich sein können, wäre es wohl ehrlicher und darum auch zielführender, wenn wir uns schon dieser Problematik gleich zu Beginn bewusst wären. Auf dass kein Hochmut über uns komme. Das Verzagen daran dann zu verhindern, ist die wohl noch grössere Aufgabe. Mit dem Versuch, weniger zu verbrauchen, können wir allerdings GANZ am Anfang jedes Tages neu beginnen.

16.März 2021, 23:30

10min schreiben über: Ende

Das Ende. Wir sehnen es herbei, wir zögern es hinaus. Wir versuchen, dahinter zu kommen, wenn wir glauben, das Danach würde sicher besser. Wir wollen das Schöne festhalten, auf dass es nicht enden möge. Aber ist nicht ganz Vieles gerade deswegen so kostbar, weil es vergänglich ist?

Wir geben uns beherrscht, wir beherrschen Dinge, Tätigkeiten, Verhaltensweisen, kontrollieren unsere Emotionen und bemühen uns um rationale Antworten auf Fragen. Manchmal erliegen wir der Illusion, etwas „endgültig“ zu wissen – oder begriffen zu haben. Aber was kommt denn dahinter, hinter dem Ende unserer Fragen? Wie verhalten wir uns, wenn das Ende da ist? Eine Arbeit, ein Projekt, Ferien, eine Reise, eine Aufgabe, eine Anstellung. Fast alles hat ein Ende. Alles? Gibt es Ewiges? Wissen und Einsichten, Fragen und Zweifel, die uns auf jedem neuen Abschnitt, der wieder ein Ende haben wird, immer begleiten?

Hätten alle unsere Wege nicht dieses Ende, wir wären nicht herausgefordert, über den Weg hinaus zu denken, oder nach links oder rechts zu schauen. Wenn wir alt werden, läuft die Zeit nicht langsamer, aber wir tun es. Wir kommen zu einem Ende. Oder zu einem letzten Anfang, der jedem Ende seine Wahrheit entgegen stellen kann, die wir gar nicht sehen können, bevor wir dieses Ende hinter uns gelassen haben?

Das Ende einer Freude oder einer Mühsal kann bis dahin immer der Anfang einer neuen solchen sein. Wie wir den Weg gehen, wie wir Brüche annehmen und – eben – Enden überwinden und Anfänge wagen, ist eine Frage des Lebens. Bis zum Ende.

22.Februar 2021, 21:15

10min schreiben über: Glück

Glück ist das Gefühl, vom Schicksal geliebt zu werden. Es ist die unfassbare Fülle wunderbarster Eindrücke, der Moment, der in seiner Schönheit und Glückseligkeit jeden Kummer, jede Unsicherheit vertreibt. Glück ist ein Höhepunkt, ein unbeschreibliches Erleben, ist Verliebtsein in eine Person, in den Lebensmoment, die momentane Leichtigkeit, alles gut zu finden, wohl zu sein in einer Bewunderung für etwas Entdecktes. Glück ist flüchtig. Kann kaum ein Zustand sein, aber auch viel mehr als ein Rausch. Glück kann auch nachhaltig wirken. Glück für sich ist so unglaublich grossartig, dass es gar nicht zu packen ist. Es kann nicht festgehalten werden. Es ist ja auch zu uns gekommen wie angeworfen. Es hat uns überfallen. Unverhofft. Und nicht oft. Glück ist hoffentlich nicht einmalig, aber es macht einen bestimmten Augenblick einzigartig. Glück sendet Schmetterlinge in den Bauch, ist Verliebtsein und Leichtigkeit. Glück kann erinnert werden und ersehnt. Glück lässt sich nicht herstellen. Es wird geschenkt. und oft wissen wir nicht, warum wir es erfahren. Glück ist ein Geschenk, ein Ausflug, eine Explosion, ein Feuerwerk. Glück kann nicht bleiben. Es wäre so nicht auszuhalten. Aber die Erfahrung, ein Glück erfahren zu haben, kann anhalten und zeigen, was passieren kann. Was mir passieren kann.

Glück ist, die Schönheit des besonderen Augenblicks einfach sehen zu müssen, gar nicht anders zu können, überwältigt zu werden. Und so kann aus dem Glück die Freude wachsen, das Staunen, Glauben und Wissen, dass es ein Leben gibt, in dem gute Gedanken eine Geborgenheit haben.


eine Auftragsarbeit

18.Februar 2021, 7:00

10min schreiben über: Einsamkeit

In unseren Beziehungen pflegen wir das Gemeinsame, das Verbindende. Es gibt Freundschaften, in denen Menschen für einander durch Dick und Dünn gehen würden. Die Empfindungen für einander sind entsprechend intensiv und stark, und sie machen stark.

Dabei macht jeder Mensch für sich eine Entwicklung durch, er macht Erfahrungen allein. Das ist nicht anders denkbar. Und jeder Mensch kommt allein auf die Welt, wird aus der Wärme und Geborgenheit gerissen und empfindet erst mal grosse Hilflosigkeit. Er wird hoffentlich geliebt und behütet, doch wie für jedes geborene Wesen liegt die Bestimmung darin, einen eigenen Weg zu gehen. Mit dem eigenen Rüstzeug und eigenen Fragen. Die wesentlichen mögen wir uns alle stellen, doch eine jede Person steht an einem anderen Punkt und muss bei sich selbst bleiben oder zu sich finden, um weiter zu kommen.

Wir sind mit uns allein. Dies zu zweit auszuhalten, ist einfacher. Haben wir aber, gerade im Kreis der Lieben, innere Umtriebe, von denen niemand wirklich weiss, so ist das Einsamkeit. Wir können sie durchaus inmitten aufgeschlossener Menschen in lebendiger Runde empfinden, und gerade dann kann sie uns heftig treffen.

Vielleicht ist sogar dies das grosse Geheimnis des Lebens: Dass wir uns rüsten können für ein Alleinsein, das uns am Ende unseres Lebens wieder einholen wird, wenn wir den Weg jedes Lebens gehen, wie Milliarden vor uns, und doch allein. Verbundenheit zu Lieben, zum eigenen Glauben, zur inneren Weisheit kann dann womöglich dazu führen, dass uns der Abschied aller Abschiede nicht einsam werden lässt, dass Geheimnisse und Fragen nicht mehr umtreiben müssen, sondern ruhen können. Es gibt eine innere Ruhe, die sich vor keiner Einsamkeit fürchten muss.

01.Februar 2021, 18:15

10min schreiben über: Wertschätzung

Es gibt Schlagworte in unserer aktuellen Zeit, welche deswegen, weil sie oft in den Mund genommen werden, nicht weniger wichtig sind. Achtsamkeit ist so ein Wort, aber auch Wertschätzung. Dabei denke ich spontan nicht nur daran, dass es unheimlich wichtig und segensreich ist, den Wert eines Menschen überhaupt zu erkennen – es geht auch darum, ihn das wissen zu lassen.

Wir haben so viele negative Nachrichten zu verarbeiten, alle unsere Aufmerksamkeit für Information ist auf Empörung, Aufregung, Aufschreckung ausgerichtet. Wie gut tut es da, zu erfahren, dass ich selber etwas gut gemacht habe, ja, einen tatsächlichen Wert für einen Mitmenschen habe? Und wie schön ist es, jemanden wertzuschätzen, es ihm zu sagen und zu sehen, wie es ihn lächeln lässt? Dabei berührt mich immer wieder auch, zu sehen, dass es uns gar nicht so leicht fällt, ein Lob anzunehmen. „Warum sagt sie oder er das? Ja, ja, schon gut.“ Nein. Es ist wirklich gut, was wir für andere sein können, tun können, empfinden können.

Chefs alter Schule führten oft nach dem Grundsatz, ja nicht zuviel zu loben. Oder gar zu belohnen. Gibt man ihnen den kleinen Finger, so nehmen sie die ganze Hand, heisst es. Als würden sie die Macht der guten Tag nicht kennen… Am Anfang jeder Wertschätzung steht auch die Tatsache, dass, was immer wir bekommen, nicht selbstverständlich ist. Jemand schenkt mir seine Zeit. Ein kleiner Dank kann gar nicht so kurz sein, dass er nicht erkennen liesse, dass wir bemerkt haben, dass wir etwas geschenkt bekommen haben.

Wertschätzung ist auch die sich selbst geschenkte Einsicht, dass wir alle Anerkennung brauchen, und wenn wir tatsächlich frei davon sind, so können wir uns darüber freuen, direkt mitgeteilt zu bekommen, dass wir augenscheinlich etwas Gutes bewirken.

28.Januar 2021, 6:56

10min schreiben über: Gewissen

Es wurde ihm ins Gewissen geredet. Heisst: Eine (Möchtegern-)Autorität hat an die (gute) Erziehung apelliert und die Moral angerufen. Oder die Macht des guten Denkens und Handelns. Ich will das gar nicht kleinreden oder mies machen, denn schlussendlich sind die Werte, die wir anerzogen bekommen, eine Orientierungshilfe.

Das eigentliche Gewissen aber, das liegt sicher und geschützt in uns. Es ist das, was wir über uns selbst wissen, gerade wenn niemand von aussen auf uns einredet, wenn alle Beeinflussung weg fällt, wenn wir fragen, wer wir wirklich sind und was wir wollen. Nein, was uns wirklich gut tut, uns glücklich macht. Oder zumindest so leer, dass wir erkennen, was richtig ist. Wahrheit. Sehr oft kennen wir keine Antworten, wissen wir vielleicht nicht einmal, nach was wir suchen, welche Fragen wir uns stellen sollten. Aber alles, was uns dazu befähigt, jenseits von allen tradierten Vorstellungen, was denn der Sinn unseres Lebens, unserer Tätigkeit wäre, wirklich danach zu fragen, wer wir SIND, führt uns zum wirklich vorhandenen Gewissen:

Wenn wir uns selbst wirklich wichtig sind, wenn wir uns lieben, bekommen unsere Gedanken, unsere Fragen, und irgendwann auch die Antworten die Qualität, die Tiefe und Wahrheit, die wir wirklich unser Gewissen nennen können. Nochmal: Damit ist für mich nicht die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gemeint oder eine bestimmte Vorstellung, was ein jeder mit seinen Talenten, mit seinen Stärken und Schwächen anfangen sollte. Es ist die Antwort auf die Frage gesucht:

Nehme ich mich ernst? Kümmere ich mich um mich selbst? Wessen Geschöpf bin ich? Was sagt mir mein Wissen darüber, was ich soll? Dafür muss ich tief graben, ganz viel Ballast abwerfen, alle künstliche Sinngebung verwerfen und die Leere aushalten, die nicht zugeschüttet zu werden braucht. Denn an ihrem Grund liegt das Gewissen, das uns bei jeder eigenen Frage und Antwort vielleicht keine bequemen Wege zeigt, aber gangbare, lichtvolle. Dem Gewissen folgen, heisst, der eigenen Schöpfung nachgehen.

04.Januar 2021, 19:00

10min schreiben über: Sprache

Unsere Sprache ist eines unserer Ausdrucksmittel, aber bei weitem nicht unser Einziges. Oft ringen wir mit ihr, weil wir den Eindruck haben, es würde uns nicht gelingen, mit Worten einzufangen, was wir fühlen. Und wenn es anderen gelingt, ist das schön zu hören oder zu lesen, aber es kann auch erschlagen. Wie oft höre ich von Freunden oder sonst mir zugewandten Menschen, dass sie sehr gern lesen, was ich schreibe, ihnen aber auf Briefe – und ja, so bezeichne ich durchaus auch Mails – keine Antwort einfiele, die dem gerecht werden könnte, was sie selbst zu lesen bekommen haben. Ich versuche dann zu erklären, wie segensreich eine Sprache sein kann, die einfach daher kommt. Der Kern einer jeden Sprache ist Klarheit und Einfachhheit. Sie gibt den Worten den Raum, den sie brauchen, um wirken zu können. Ich kann, wenn ich jemanden empfange, sagen, wie sehr ich mich freue, seine Geschichten zu erfahren, wie lange wir uns nicht gesehen hätten und wie sehr ich diesen Moment ersehnt habe, diesen Menschen hier zu haben. Oder aber ich kann einfach sagen:

Schön, bist Du da.

Niemand will da werten, welche Worte mehr ankommen. Den Worten wird auch ein Klang mitgegeben, eine Wärme, ein Lächeln vielleicht – und selbst wenn ich schreibe, glaube ich daran, ja, weiss ich, dass das Lächeln dabei Teil der Botschaft wird. Sprache ist das eine, Verstehen das andere. Vielleicht ist es sogar so, dass, wer seinen Worten vertraut, weniger davon braucht?

Es gibt nicht richtig oder falsch, wenn wir miteinander reden. Aber wahr oder unwahr, achtsam oder gleichgültig, wach oder abwesend. Sprache kann Umarmung sein oder Abweisung, kann beides wollen, in beidem unbeholfen bleiben und doch wirken. Denn es gibt auch den, an den sie gerichtet wird, und auch als Empfangende haben wir es in der Hand, zu lesen und zu hören, was uns gesagt wird.

Sprache teilt mit. Und den Inhalt empfangen Zugeneigte. So findet jeder Satz sein Ausrufezeichen und sein Inhalt ein Herz, einen Verstand, der geneigt ist, hinzuhören.