07.Juni 2021, 6:34

Wie die direkte Demokratie ausgehebelt wird

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Wir Schweizer sind uns wohl gar nicht bewusst, dass viele Blicke aus dem Ausland auf das kommende Abstimmungswochenende bei uns gerichtet sind. Denn wir stimmen über das sog. Covid-19-Gesetz ab. Unser System der direkten Demokratie erlaubt es, dass die Bürger die Corona-Massnahmen der Regierung gutheissen oder verwerfen können. Nirgends sonst ist es möglich, dass das Volk das beanspruchte Notrecht bejahen oder verwerfen kann, nachträglich – und für eine befristete weitere Zeit. Das ist die Theorie, nach welcher Regierung und Parlament Aufschluss darüber bekommen, ob das Volk hinter der politischen Führung steht. Aber das wird nicht der Fall sein, denn die Vorlage weiss es zu verhindern, den Volkswillen klar zu befragen, indem sie gegen den Grundsatz der Einheit der Materie verstösst.

Dieser Grundsatz ist ein Rechtsinstitut, ein Prinzip der Bundesverfassung der Schweizer Eidgenossenschaft, der besagt, dass zwischen den einzelnen Teilen einer Abstimmungsvorlage ein sachlicher Zusammenhang bestehen muss. Auf den ersten Blick scheint das gegeben, denn wir stimmen über die Prinzipien und Grundlagen ab, nach denen der Bundesrat seine Massnahmen im „Kampf“ gegen Covid-19 beschliesst. Doch unser Ja oder Nein sanktioniert eben nicht nur die Massnahmen des Bundesrates, sondern es entscheidet auch darüber, ob die finanziellen Entschädigungen und Unterstützungen, die für die Betroffenen gesprochen wurden und weiter bezahlt werden, weiter geführt werden können oder im September auslaufen. Und damit ist der Grundsatz der Einheit der Materie grundlegend verletzt, denn sein tieferer Sinn ist, dass die Stimmbürger ihren politischen Willen frei und unverfälscht bilden und auch äussern können. Genau dies wird hier aber nicht gewährleistet, denn ich kann sehr entschieden gegen die Anwendung und Interpretation des Notrechts durch den Bundesrat und die daraus abgeleiteten Beschränkungen der Freiheitsrechte sein, setze mich mit einem Nein aber dem Vorwurf aus, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohten Berufs- und Bevölkerungsgruppen ab September endgültig ins Elend zu stürzen. Ein erheblicher Teil des Stimmvolks hat grundlegende Bedenken gegenüber den Einschränkungen und Massnahmen, anerkennt aber umgekehrt, dass der Bundesrat mit seinen getroffenen Abfederungen, z.B. mit den Regelungen für Kurzarbeit oder den Erwerbsersatz für die Selbständigen, die wirtschaftlichen Benachteiligungen schnell, speditiv, erstaunlich unbürokratisch und relativ breit zu lindern möglich gemacht hat. Nur ist ein einigermassen dichter Flickenteppich kein Argument dafür, die Handlungen, welche die Flicken notwendig gemacht haben, aufrecht zu erhalten. Und genau dies festzustellen, wird den Stimmbürgern sehr schwer gemacht, weil im Abstimmungskampf dem Volk die Verantwortung für die finanzielle Abfederung der Schäden für die Benachteiligten zugeschanzt wird. Und es wird nicht möglich sein, zu eruieren, wie gross der Prozentsatz der Stimmbürger ist, welche nur ein Ja eingelegt haben, weil sie die Folgen der Massnahmen abgefedert wissen wollen, aber nicht, weil sie die ursprünglichen Entscheidungen für richtig halten. Die beiden Fragen müssten, wenn schon, getrennt vorgelegt werden, und wenn der Charakter der Gesetzgebung eine solche Trennung nicht erlaubt, so hätte das Parlament die notwendigen Schritte einleiten müssen, welche die Fortführung der bisher gewährten Entschädigungen in jedem Fall erlaubt hätte.

Ich bin im Übrigen überzeugt, dass es diese Überlegungen auch gibt und Notfallpläne bestehen, um bei einem Nein Härtefälle im Herbst eben doch zu verhindern. Als Parlamentarier zu behaupten, das wäre nun nicht mehr möglich, ist eine Bankrotterklärung – und in erster Linie eine Aussage, welche bescheinigt, dass das Parlament selbst seiner Aufgabe überhaupt nicht nachgekommen ist. Das politische Kalkül ist offensichtlich, mit dieser Unsicherheit genau diese grosse Gruppe von Ja-Stimmen zu sichern und so die Handhabung des Notrechts in seiner Gänze sanktioniert zu bekommen. Mit allen offenen, nur vorläufig zu beantwortenden Fragen zur Handhabung von Impfzertifikaten und dergleichen, und, notabene, mit einem Gesetzestext, der so, wie er in der Abstimmungsbroschüre aufgelegt und in alle Haushaltungen verschickt wurde, schon nicht mehr gültig ist. Denn gleich zu Beginn gibt es seit der Drucklegung eine massgebliche, sehr bedeutsame Änderung:

Im Abstimmungsbüchlein regelt das Bundesgesetztes über die gesetzlichen Grundlagen für Verordnungen des Bundesrates zur Bewältigung der Covid-19-Epidemie (Covid-19-Gesetz) in Art. 1 „Gegenstand und Grundsätze“ und in Art. 2 „Massnahmen im Bereich der politischen Rechte“.

Im Netz kann der Gesetztestext mit Stand am 1. April 2021 aufgerufen werden, und der enthält einen Gummiparagraphen: Art. 1a:

Der Bundesrat legt die Kriterien und Richtwerte für Einschränkungen und Erleichterungen des wirtschaftlichen und gesellschaftli­chen Lebens fest. Er berücksichtigt nebst der epi­demiologischen Lage auch die wirtschaftlichen und ge­sellschaftlichen Konsequenzen.

Wie problematisch oder nicht eine solch dynamisch sich weiter verändernde Vorlage ist, wie beabsichtigt es sein mag, die Variante vom 1. April dieses Jahres in die im Mai verschickten Unterlagen nicht zu integrieren, so dass dieser Art. 1a nicht gelesen werden kann im Abstimmungstext, kann nur gemutmasst werden, und ich höre schon wieder den Totschlagspruch auf mich niederprasseln, ein Verschwörungstheoretiker zu sein.
Ich weiss auch nicht, ob die Feststellung die Sache besser macht, dass schlicht der Text des BG vom 20. September 2020 ohne später erlassene Zusatzartikel – mehr als ein Dutzend mit lit. a) oder b) – abgedruckt wurde.

Ich bin sehr stolz auf unsere direkte Demokratie. Ich bin schon um sie besorgt durch die Beurteilung und Massnahmen der Politik in Situationen, wie wir sie in den letzten 15 Monaten erlebt haben, aber das ist wahrscheinlich viel leichter erklärbar und korrigierbar als das, was diese unsägliche Vorlage über unsere Legislative verrät. Es sind Taschenspieler- und Hütchentricks, welche ein bestimmtes, gewolltes Ergebnis garantieren sollen. Das Quälendste daran ist, dass sie gar nicht nötig wären. Im Dialog mit dem Volk wären sehr brauchbare Prinzipien zu erarbeiten, welche das Vertrauen in die Regierung stärken und die Sicherheit erhöhen würden, mit dem Rückhalt der Bevölkerung auch für sie tätig sein zu können. Wahrscheinlich muss der Weg dazu in der weiteren Aufarbeitung der Epidemie-Erfahrungen liegen, in welche dann auch die Praktikabilität und Plausibilität des angewendeten Epidemiengesetzes von 2016 einfliessen kann.

28.Mai 2021, 14:50

Die Nacht als Tageszeit

Ich weiss gar nicht mehr, wann das angefangen hat, dass ich die Nacht gerne zu einem Teil meines Tages gemacht habe. Es hat mir schon als Student entsprochen und ist bis heute so:

WACHE NACHT

Ich liebe die Nacht,
die mich empfängt
mit Stille und Geschichten.
Ich sitze da und denke
ganz anders als am Tag,
wenn helle Lichter blenden.

Ich lief ganz jung schon
nachts durch dunkle Strassen,
den spiegelglatt glänzenden Asphalt
regennass unter meinen Füssen:
Zuflucht für bedrängte Herzen,
Wanderpfad für meine Seele.

Nicht Bedrohung fühle ich,
nicht Angst, nicht Ruhelosigkeit.
Es bescheint ein fahlgelber Mond
meine springenden Gedanken,
bis mich schläfrige Sanftmut
in eine neue Ruhe entführt.

thinkabout.myblog.de am 12.11.04, heute bearbeitet

In der Nacht bin ich unter Menschen allein. Ich weiss sie schlafend, arbeitend, unter der Decke, in den Freuden oder Sorgen wegen morgen. Das ein Morgen ist. An dem die Sonne wieder aufgeht. Ganz sicher. Was für ein Wunder, jeden Tag. Ich bin in diesen Stunden allein – aber bin ich es wirklich? Und mehr als am Tag, wenn ich unter ebenfalls wachen Menschen bin? Wir kommen allein und wir gehen allein. Der erste und der letzte Teil des Weges kann nicht geteilt werden. Und die Entwicklungsschritte, die wir gehen, sind auch die unseren. Wir können sie nicht abgeben. Niemand geht den Weg für uns und niemand geht genau den gleichen. Aber ich trete aus der Nacht und dem folgenden Schlaf heraus in einen Tag, der Begegnungen bereit hält. In denen ich wahrhaftig sein kann, wenn ich in mir selber wohne in einer Weise, die auch und gerade in der Nacht der Unsicherheit standhält, Angst aushält und überwindet. Viele Briefe, die ich schreibe, schreibe ich nachts. Wenn ich bei mir bin. Und etwas davon zu jemandem tragen will. Einen Gruss. Einen Gedanken. Das Gefühl, das ich habe, wenn ich den Mond betrachte, und wieder mal sehe, welch unfassbare Kraft er besitzt. Er blendet nicht. Aber er scheint. Leuchtet. Geht seinen Weg und vergisst dabei die Erde nie. Wenn ich ihn am Himmel suche und finde, ist alles gut.

26.Mai 2021, 18:15

Von der Schreibsucht zur Unlust

Im November 2004, noch mitten in meinem früheren Berufsleben, habe ich, kurz nachdem ich das Bloggen für mich entdeckt hatte, erfüllt vom Erleben, wie reich die Gedankenvielfalt war, die da ihr Ventil fand, folgendes geschrieben:

Schreibsucht

Es gibt Tage, da rasen meine Gedanken vor Sehnsucht.

Ich möchte aus Blind- und Taubheit neu aufsteigen,
wie ein neu geborenes Geschöpf hören und sehen lernen.

Nicht arbeiten und doch ständig bei der Arbeit, bei mir selber sein.

Die Arbeit aber, die ich im Büro vor mir her schiebe, ist immer weniger die meine.

Nichts an ihr zieht mich an.
Diese Macht hat nur ein Blatt Papier –
eine Anziehung, wie sie von einer bildhübschen, jungen Frau ausgeht.

Schreiben ist meine Zu-Flucht.

Ich sehne die fünfte Stunde des Nachmittags herbei.
Dann Aufbruch, Wegfahrt. Kleiderwechsel.
Joggen, laufen. Nur weg, hin zu mir selbst.

thinkabout.myblog.de vom 11. Nov. 2004

Nun, meine Arbeit ist nicht zu einer Qual geworden – ich konnte ihr ihren Platz zuordnen, meine Aufgaben erfüllen und meinen Partnern gerecht werden (oder bleiben), zumindest glaube ich das. Nun, nach dem Ausscheiden aus der Arbeitswelt, wäre also erst recht Raum für mein Schreiben, für das laute Denken. Doch nun fehlen mir weniger die Gedanken als die Stimme dafür. Ich bin angezählt. Die Art, oder besser die Unart, mit welcher wir alles andere als einen wahrhaftigen Diskurs über das Für und Wider im Umgang mit der Pandemie führen, beschäftigt mich enorm und raubt mir die Lust und den Glauben, wir könnten etwas anderes anstreben in der ganzen Irrlichterei als die möglichst schnell eingeimpfte Rückkehr zur Normalität. Etwas Anderes will scheinbar niemand – und diese fast alte Normalität wird dazu führen, dass wir das Erlebte ablegen wie einen Albtraum, der hoffentlich nicht wiederkommt. Und jene, die das nicht können, sind die bleibenden Opfer der Pandemie, und jene, die das nicht wollen, sind unverbesserliche Schwarzmaler mit Aluhüten auf dem Schrank und der Nazifahne im Schrank. Absurder könnten die Abstraktionen nicht betrieben und die Verunglimpfungen nicht geführt werden.

18.Mai 2021, 14:25

Freundschaft hat eine ewige Kraft

Es gibt Begegnungen, die machen ein Leben so reich, und dabei schaut man staunend auf sein Glück: Unfassbar, dass mir das geschieht – dass ich Dinge erlebe, die ich mir so nicht mal vorgestellt habe. Das Glück einer tiefen Freundschaft ist unerklärbar, aber der Versuch, sie zu pflegen und zu schützen, immer weiter zu vertiefen, ist nicht nur menschlich – er ist auch Ausdruck von Selbstliebe, denn in der Freundschaft erfahre ich Geborgenheit, und ich empfange das Geschenk, angenommen und geliebt zu werden. Meine Stärken können inspirieren, und meine Schwächen werden aufgefangen.

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Wie eine Freundschaft entsteht, kannst du dir nicht verdienen. Wie lange sie anhält, ist auch Ausdruck dessen, wie wertvoll sie Beiden ist. Doch wie ein Mensch in ein Leben tritt, so kann er einem auch wieder genommen werden. Manchmal endgültig. Die gemeinsame Lebensstrecke endet nie dann, wann wir bereit dafür sind. Im Moment des Verlustes ist der Tod ein grausamer, übermächtiger Feind, ein Räuber, ein Monster. Kündigt er sich an und kann man sich darauf vorbereiten, so stellt er riesige Aufgaben. Doch wie er auch erscheint, die Leere, die er bringt, ist auch nur eine Hülle. Wir können ihm so viel entgegen setzen. Und dazu gehören all die gemeinsamem Momente, die Liebe und das Lachen, das Strahlen in unbeschwerten Augenblicken. Keiner von ihnen kann lächerlich gemacht werden, weil er nicht wiederkehren kann. Keiner von ihnen kann uns genommen werden. Denn Freundschaft bedeutet auch, dass wir allen Zuspruch für einander für immer in uns tragen. Und wer weiss? So geheimnisvoll wie das Wunder ist, das wir uns begegnet sind, so voller Geheimnisse bleibt der weitere Weg. Und ich glaube nicht, dass wir uns je im dunklen Nichts verlieren werden, sondern dass es immer Verbindung gibt. Der Reichtum, den wir einander schenken, bleibt lebendig. Liebe hat eine Ewigkeit, aus der sie kommt und in der sie nie verloren geht. Und so lebst Du in all meinen Freundschaften weiter, denn Du hast mir geholfen, mich weiter zu entwickeln und mir gezeigt, wie segensreich es ist, immer an die Kraft der Liebe zu glauben, sie zu schenken – aber auch anzunehmen, dass es sie auch für mich gibt. Und dass Du meine Liebe weiter mit Dir trägst, ist die Gewissheit, die auf jedes Verlustgefühl eines Abschieds folgen darf.

12.Mai 2021, 17:20

Forschungszusammenarbeit kann kein Faustpfand sein

Die Schweiz tut sich schwer mit dem neuen Rahmenabkommen, das die EU als zu Ende verhandelt betrachtet, während es für unsere Seite viel zu viele offene Fragen gibt. Die Folge ist, dass Druck aufgebaut wird. Da bietet es sich an, die Schweiz von den grossen gemeinschaftlichen Forschungsprogrammen in Europa auszuschliessen. Keine Frage, dass das weh tut. Und äusserst fragwürdig ist. Und entlarvend.

Wenn wir etwas in diesen struben und wilden Zeiten lernen, dann ist es das Mantra, dass Lösung und Entwicklung aller offenen und drängenden bis existenziellen Fragen durch die Forschung zu erwarten sind, den technischen Fortschritt, die Entwicklung neuer Medikamente und Energiegewinnungen und -Einsparungen. Doch wenn es den Regierungen tatsächlich so ernst damit ist, dann sollte gerade die Erfahrungen dieser Jahre zeigen, dass die Lösungen, die wir suchen und brauchen, von überall kommen können und die Suche danach eine globale ist. Einen Forschungsstandort wie die Schweiz da mutwillig zurückzubinden, um andere Interessen durchzusetzen, kann ein Schuss in die Beine der eigenen Völker sein und steht eigentlich keinem Verhandlungspartner gut zu Gesicht, genau so wenig wie das koloniale Verhalten von Grossmächten, wenn es um die Regulierung und Sicherung von Impfstoffen oder – früher in dieser Neuzeit – um den Rückbehalt von Maskenimporten geht.

Ich schreibe es ganz ehrlich: Man mag uns Schweizern Sperrigkeit vorwerfen, aber ich habe langsam von dem Gehabe der EU genug. Ich kann zum Beispiel nicht vergessen, dass unsere Nachbarstaaten Italien und insbesondere Deutschland in ihren Zusagen, den Bahnverkehr unseren mit der Neat geschaffenen Verbindungen anzugleichen und entsprechend Bruchteile der Schweizer Investitionen auch selbst zu tätigen, um geschätzte zwei Jahrzehnte hinterher hinken. Es ist also nicht nur ein Jammer, dass wir uns gegenseitig nicht auf neue Verträge einigen können – es bleibt beschämend, was mit den abgeschlossenen Vereinbarungen nicht eingehalten wurde. Das Schweizer Stimmvolk hat – im Gegensatz zu ganz vielen Völkern Europas – mehrmals klar und deutlich zu EU-konformen Verträgen an der Stimmurne ja gesagt. Es muss uns niemand vorwerfen, wir wären Rosinenpicker – schon gar nicht, wenn wir unsere eigenständige, souveräne direkte Demokratie in allen Belangen uns erhalten wollen.

Auch der Druck auf Forschungsimpulse wird daran nichts ändern. Weil zumindest in diesem Bereich doch nicht allen Ernstes die Unvernunft siegen wird. Oder?

09.Mai 2021, 7:00

Die Welt da draussen

Was die Welt so treibt und was sie umtreibt – sie entfremdet sich mir. Ich weiss, das ist mein Problem. Und vielleicht bin ich nicht wirklich gemacht für sie – zumindest nicht so, wie sie sich entwickelt. Oder zeigt sie sich mir einfach erst jetzt so, wie sie eben ist? Mein Wertesystem ist ein anderes – der Vorteil dabei ist einer, der auch Einsamkeit erträgt: Ich muss schauen, dass ich bei mir bleibe.

Im Juni sollen wir über die Kompetenzen des Bundesrates in der Bewältigung der Corona-Zeit abstimmen. Eine Art Nachlegitimation für die Exekutive für die Prinzipien der Krisenbewältigung. Eigentlich ein ganz wichtiges, weil – eben – prinzipielles Thema. Doch ich kenne keinen anderen Aspekt zu Corona, der in der Breite zur Zeit noch interessiert als die Frage, wer wann welchen Impfstoff bekommt – oder eben nicht. Die Menschen haben genug. Sie wollen ihre Freiheit wieder haben, aber sie haben längst akzeptiert und sich zu eigen gemacht, dass sie nach den Risiken beurteilt werden, welche die Impfung als einziges bleibendes Kriterium vorgibt. Der Stand der Impfung wird zum Massstab, welcher den Regierungen nach ihrer eigenen Einschätzung die objektive Begründung liefert, Massnahmen zurück zu nehmen. Der weltweite Erstversuch einer Hypermassenimpfung, für die man Restrisiken sich wegdenkt, wie es noch nie in der Weltgeschichte geschehen ist. Und wer mag vor den Sommerferien und angesichts der Frage der Bedingungen für sich lockernde Reisebeschränkungen noch prinzipielle Diskussionen über grunddemokratische Basisrechte, zumal in einer direkten Demokratie, führen, zum Beispiel über die Bedingungen, unter denen Demonstrationen, welche die Bezeichnung auch verdienen, durchgeführt werden dürfen?

Wir haben seit Anbeginn der Krise der Erhaltung des nackten Lebens mehr Gewicht beigemessen als der Bewahrung einer minimalen Lebensqualität. Wir haben das Recht auf Bildung für mehrere Jahrgänge massiv beschädigt und wir haben für die Bewahrung der wirtschaftlichen Grundfunktionen unserer Gesellschaft Branchen mit nicht allzu grossem Gewicht fürs BIP einer Rosskur unterzogen, deren Kollateralschäden die bereits einkommensschwachen Menschen unserer Vereinzelungsgesellschaft begleichen werden. Wir haben das alles für die so unter Druck stehenden Pflegenden, für die Ärzte und schwer kranken Patienten getan. Doch gleichzeitig ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit weiter angewendet worden, sind Intensivbetten zum Teil noch abgebaut worden, hat der Kampf um Pflegekräfte zu Abwerbungen in anderen Ländern geführt – aber nicht zu sofort an die Hand genommenen Programmen zur Adhoc-Ausbildung weiterer Betreuungspersonen. Es mag sie geben, aber davon zu reden, würde bedeuten, der Angst einen Lösungsansatz entgegen zu stellen, und die Angst wird gebraucht. Aber es bleibt dabei: Ganz viele Pflegekräfte werden uns fehlen, denn Klatschen genügt nicht – und ansonsten hat die Politik wenig bis nichts für sie getan.

Wir haben ganz viel aufgegeben angesichts einer Angst, welche wir absurd gross haben werden lassen in unserer hoch entwickelten Welt, die alles Vergnügen bejaht aber die Endlichkeit ausblendet. Und wir werden viel zu viel davon auch nicht zurück bekommen – weil unser Verhalten eben Gründe hat und zeigt, wie sehr wir als Gesellschaft korrumpierbar sind, weil wir einfach leben wollen im Saus und Braus. Und so werden wir uns auch in der Klimafrage verhalten. Da mache ich mir nichts vor. Denn es wird genügend Fachleute, Experten und, ja, Wissenschaftler geben, welche uns glauben lassen, mit dem technischen Fortschritt würden wir durch weiteres Wachstum sogar weniger Ressourcen verbrauchen. Die Verantwortung für unser Ende und das Ende, das wir herbeiführen, ist etwas für später.

Derweil gibt es unter den Schwächeren unter uns eine vielfache Anzahl von Menschen, die sich mit Angstpsychosen nicht mehr aus der Wohnung wagen. Wenn wir längst nicht mehr von Corona-Statistiken reden werden, wird man uns die ersten Statistiken zu den bleibenden Verlierern der Krise vorlegen. Vielleicht.

In diesen Tagen hat das Schweizer Parlament sich bei der Regelung der Organspende für einen grundlegenden Wechsel des Systems entschieden. Zukünftig wird auch bei uns grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein Hirntoter seine Organe spenden will – und es muss keine ausdrückliche Willenserklärung des Betroffenen mehr vorliegen. Das Recht des Menschen auf körperliche Unversehrtheit weicht dem Verlangen, unbedingt leben zu wollen, Koste es andere, was es auch wolle. Wie viele Menschen erleben heute mit gespendeten Organen plötzlich psychische Probleme? Und was, wenn zukünftig dazu auch der Verdacht nicht mehr weggewischt werden kann, dass der Spender womöglich doch einer ohne tatsächliches Einverständnis ist?

Wir verlieren immer mehr Tiefe in unserem Leben, aber dafür ist das Leben immer lauter und – bitte – sensationeller. Auch deshalb kommen die Fragen nach dem Ende doch bitte immer später oder gar nie. Ich höre immer wieder den Wunsch, der eigene Tod möge einen doch bitte im Schlaf heimsuchen. Noch nie habe ich jemanden die Sorge äussern hören, was mit dem Menschen sein mag, der am Morgen vielleicht neben unserem Körper erwacht? Bewusstsein… Es ist für uns etwas für die Yoga-Stunde, für irgendeine Werkstatt, in welcher wir uns unser Wohlfühlprogramm zurecht schustern, um einen weiteren Tag lang unbeschwert zu sein.

Mit oder ohne Corona, mit eigenen oder fremden Organen, mit Selbstverantwortung oder Fremdbestimmung, in Sicherheit oder Freiheit: Wir leben gar nicht wirklich.

02.Mai 2021, 17:50

Noch etwas über Erfolg

Erfolg ist durchaus eine Sache des persönlichen Blickwinkels. Und nur schon dadurch, dass ich mir bewusst werde, was für mich Erfolg ist, erfahre ich etwas über mich. Wie materiell sind meine Vorstellungen von Erfolg? Was macht mich erfolgreich?
Kinder gross ziehen und sie dann sicher durchs Leben ziehen sehen, ist ein Erfolg, der nicht einfach nur auf der eigenen Umsicht, dem eigenen beispielhaften und Sicherheit gebenden Vorbild beruht. Kindererziehung ist auch stets mit Bangen und Hoffen verbunden. Unmöglich können alle erdenklichen Einflüsse und Nöte vom Kind fern gehalten werden. Es muss auch behütet sein von höheren Händen. Erklärt man solche Ziele als erstrangig und sieht darin den wichtigsten Erfolg, so ist die Demut der Dankbarkeit für den Erfolg etwas, was unweigerlich folgt.

Nicht alle Menschen können Erfolg so von fremden Einflüssen beeinflusst sehen und entsprechend akzeptieren, dass stets Unwägbares unsere Erfolge mit beeinflusst.

Männer neigen dazu, sich Ziele zu setzen, die nach ihrer Vorstellung gänzlich aus eigener Kraft zu erreichen sind, und entsprechend fixiert gehen sie oft Ihre Karriere auch an. Sie mögen davon reden, dass es „immer auch Glück braucht“, aber sie denken im Grunde, dass es ihr Können oder Unvermögen ist, das sie am Ende gewinnen oder scheitern lässt. Solche Menschen haben eine innere Unruhe, die sie treibt und sehr oft auch nicht ruhen lässt, wenn Erfolg durchaus da ist.

Ich werfe einen Blick auf einen Menschen, über den sich ein Urteil eigentlich verbietet.
Nach weltlicher Sichtweise ist der Dalai Lama alles andere als erfolgreich. Aus seinem Land vertrieben, der Tibet ausgeweidet, abgeholzt, ausgehöhlt, sein Volk unterdrückt. Und seine Nachfolge ist alles andere als gesichert: Die Chinesen werden die traditionelle Suche nach der nächsten Inkarnation des Dalai Lama mit aller Macht zu verhindern trachten.
Mit dieser Bilanz tagtäglich konfrontiert – ich weiss nicht, wie ich damit umgehen würde.
Ich bin ziemlich sicher, dass mir seine Heiligkeit mit einem Lächeln begegnen würde, wie es für ihn typisch ist, und mir vielleicht antwortete:
Ein wirklicher Misserfolg, ja ein Desaster für jeden Menschen ist es, wenn er seine Fähigkeit zum Mitgefühl verliert.

Damit sind wir bei Zielen, die wir uns im Leben setzen können, die unabhängig von der bestehenden Lebenssituation gleich schwer oder leicht erreichbar bleiben. Sie sind tatsächlich alleine von uns selbst abhängig, und von der Fähigkeit, über viele unserer Erwartungen und Bedürfnisse hinweg zu kommen, sie mit einem Lächeln abzulegen. Kraft und Einsichten, die ich gewinnen und bewahren kann in jeder Lebenssituation – das kann Quellwasser sein für den Brunnen meiner Seele.


thinkabout.myblog.de vom 11. Nov. 2004 – heute redigiert

01.Mai 2021, 18:20

Sorge um Indien?

Nun sind sie da, die Meldungen von Indien als neuem Corona-Hotspot. Und natürlich fehlen auch die wirksamen Bilder nicht von den Kranken auf Holzbahren, abgelegt auf überfüllten Spitalgängen oder Parkplätzen, und wir können von der indischen Mutation lesen und dass diese in der Schweiz auch schon festgestellt wurde. Und es wird uns hoch gerechnet, was es bedeutet, wenn in einem Land mit 1.5 Milliarden Menschen (oder sind es 1.8 Mia, wer weiss das ganz genau?) die Krankheit unkontrolliert zu wachsen beginnt?

Jetzt sind wir besorgt. Wir schauen hin. Wir lassen uns beeindrucken. Angst fressen Seele vielleicht nicht auf, aber durchgerüttelt werden wir schon. Jetzt.

Wo, frage ich Euch, waren die Bilder von den indischen Wanderarbeitern, die – im dreistelligen Millionenbereich – vor ziemlich genau einem Jahr ihre Arbeit verloren hatten und von einem Tag auf den anderen ohne Verdienst, ohne Absicherung sich teils hunderte Kilometer zu Fuss auf den Weg zurück zu ihren Familien machten, statt ihnen weiter Geld schicken zu können? Es ist dies, was mich in dieser Krise wirklich beschämt: Wir reagieren auf jeden kleinen Deut einer möglichen eigenen Bedrohung in einer Weise, die verheerende Konsequenzen für – schätzen wir mal nicht zu knapp – eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt hat. Während wir hier ein paar tausend belegte statt leere Spitalbetten zum Grund machen, den Waren- und Wirtschaftsverkehr weltweit zu behindern und damit die Armut und das Gefälle unter uns Menschen dramatisch zu steigern, haben gerade diese Menschen keine Lobby, keine Unterstützung, keine Presse, und es gibt keine Fotos, welche uns den Irrsinn unserer Corona-Politik entlarvend vor Augen führten. Und auch keine Statistiken, von denen wir uns doch so gern aufrütteln und manipulieren lassen.

Mit unserer Unfähigkeit, eine relative Krise durch eine minimale Bedrohung in einer übersättigten Welt mit Bedacht einzuordnen und gelassen zu meistern, verschärfen wir die unmittelbare Not all jener Menschen, die wir in der Globalisierung durch miese Arbeitsbedingungen und Tiefstlöhne schon ausbeuten. Jetzt haben sie gar nichts mehr. Und wenn es wieder Arbeit gibt, so lehrt die Erfahrung, sind die Bedingungen dafür nochmals schlechter als zuvor.

Wir hier leben auf einem anderen Planeten, und unsere Ängste sind, wollen wir denn tatsächlich auf die Welt blicken und uns umgekehrt auch beurteilen lassen, einfach absurd, grottesk und beschämend. Wir sind die Kolonisten der Welt geblieben.

28.April 2021, 17:15

Normalität?

Wir wollen zurück zur Normalität. Wir schreien es raus. Wir wollen ausgehen, Kaffee trinken, raus aus dem Home Office, ins Freibad, ins Theater, wir wollen reisen, Konzerte besuchen. Nun bekommen wir vom Bundesrat Perspektive, und fühlen uns gut dabei. Wir verändern dabei gerade weiter unsere Welt. Und die Gemeinschaft. Oder entlarven wir nur, was uns eh schon egal ist?

Wie vermutet, sind die Einschränkungen, welche für Nichtgeimpfte gelten werden, in Kauf zu nehmen. Die Gesellschaft hat längst darüber geurteilt, was für jeden Einzelnen tragbar sein muss, will er sich frei bewegen. Dabei spielt keine Rolle, dass die meisten Menschen, die sich haben impfen lassen, gar nicht wissen, vor was sie sich damit gar nicht schützen können. Sie können nach wie vor infiziert werden, die Krankheit auch übertragen, aber sie haben so was wie eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlich-keit, dass sie selbst keinen schweren Verlauf nach einer Ansteckung mehr haben werden. Was wir alle nicht kennen, ist die Restwahrscheinlichkeit, dass durch das Impfen selbst Langzeitfolgen auftreten können – oder zumindest nicht auszuschliessen sind. Einfach durch den Scheiss hindurch, wird schon gut gehen, und rundum hört man schliesslich auch nichts Schlechtes. Je nach Jobprofil kannst du gar nicht anders, schliesslich musst du ins Flugzeug steigen können. Und jetzt höre ich auf, denn ich will den Prozess gar nicht stören. Denn das gelingt mir sowieso nicht. Die Welt ist so, dass sie sich von einem Virus hat in die Knie zwingen lassen, das mit mehr drohte als nur mit einem Schnupfen. Und ja: Für Einige hat es leider viel mehr bedeutet.

Und auch ein ganz grosses ABER: Für Viele bedeutet es auch mehr. Oder weniger. Etwas weniger ausgehen oder nicht fliegen können ist ein Klax gegen schulische Benachteiligungen, ständige Überforderung in der Pflege, verlorene Jobs, zerstörte Existenzen, angehäufte Schulden, aufgebrauchte Ersparnisse, häusliche Gewalt, psychische Schäden. Doch eigentlich macht mich nichts so traurig wie der Gedanke an jene Menschen, von denen mir erzählt wurde. Menschen, welche wir in ihren Zimmern einsperrten. Sie mussten sich gar nicht das Leben nehmen. Sie beschlossen einfach, dass „es“ das nicht mehr wert ist. Diese Einsamkeit. Der Tod war eine Erlösung von allen Verstörungen und aller aufgetretenen Wirrniss, die nicht mehr einzuordnen war, für die es keine positiven Antworten gab und gibt – nicht für Menschen, die längst gelernt haben, den Tod zu akzeptieren – jetzt lieber früher als später.

Vorsicht, Sarkasmus: Wenigstens sind diese Menschen nicht in voll isolierten, plastifizierten Räumen gestorben. Hoffentlich. Aber meistens, fast immer, allein. Eine Schande ist das. Ein Versagen. Und ich frage wie am ersten Tag: Ist das alles das wert? Und welches Leid sehen wir? Wehe uns, wenn wir zu einer Gruppe gehören, für die es keine Statistik gibt. Denn dann gelingt es ganz sicher nicht, die Normalität, die gerade gilt, zu stören. Der Aufreger fehlt.

25.April 2021, 8:44

Meine deine andere Meinung, unser aller Problem

Rund 50 deutschsprachige Schauspieler steuern für eine koordinierte Aktion ein eigenes Video bei, in welchem sie mit Ironie die Bürger zur Einhaltung der Corona-Massnahmen auffordern, dabei aber deutlich machen, wie entfremdet sie sich in dieser Gesellschaft fühlen, die alles dicht macht (und davon überzeugt ist, dass das nötig ist). Was dann geschieht, zeigt uns auf, wie gross das Problem mittlerweile geworden ist:

Natürlich löst die Aktion viele Beifallsstürme „von der falschen Seite“ aus – und es fühlen sich jene Rechtsaussen ermutigt, die mit den Statements gar nicht unterstützt werden sollten. Gleichzeitig geht ein Shitstorm los, an dem sich auch viele Berufskolleginnen beteiligen. Die Folge sind Rechtfertigungen en masse, mit denen sich die Protagonisten gegen falsche Vereinnahmungen wehren, sich einen Diskurs wünschen, der unmöglich scheint – und Teilnehmer, die ihre Videos wieder löschen.

Auch gelöscht hat seinen Tweet jener ehemalige SPD-Minister eines Bundeslandes, welcher voller Überzeugung verlangte, dass die Teilnehmerinnen dieser Aktion niemals mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten dürften – was aufzeigt, in welcher Meinungsdiktatur sich manche Deutsche wähnen – sie reklamierend oder bejammernd – und es ist nicht etwa so, dass sich da alle Stimmen in der ARD von Anfang an gegen solche Reaktionen verwahrt hätten, um es vorsichtig zu formulieren. Diese Beobachtungen zeigen ein wirklich grosses Problem: Man kann Ironie (oder gar Sarkasmus) als komplett unangebrachte Form für die Kritik bezeichnen, man kann manche der Videos als inhaltlich mässig gelungen oder falsch halten, man kann die Aktion kritisieren – aber die persönlichen Angriffe gegen die Personen sind genau so zu verdammen wie die oben beschriebenen Reaktionen von Politik UND Medien. Dass eine Medienanstalt wie die ARD sich den Vorwurf gefallen lassen muss, ein Staatsmedium zu sein, ist definitiv nicht von der Hand zu weisen. Zum Glück ist das kein homogener Haufen, wofür wiederum steht, dass es in den dritten Programmen durchaus möglich ist, dass dann im HR im Talk 3nach9 postwendend die Sendung so moderiert wird, dass in ihr Jan Josef Liefers zugeschaltet wird, während der CDU-Bundeskanzlerkandidat Armin Laschet in der Runde sitzt. Bemerkenswert, dass Laschet sehr genau fühlt, wie entschieden das eigene Statement gegen die Meinungsdiktatur und jede Benachteiligung von Künstlern der Aktion ausfallen muss und das dann auch zum Ausdruck bringt. Sehr irritierend aber bleibt auch da, dass nach dem Einspieler von Liefers‘ Videobeitrag er in einem ersten Statement die Frage von der Moderatorin gestellt bekommt, ob er sich von seiner Aktion distanzieren wolle, und in welcher Form?

Schon das ist falsch. Liefers hat ein Statement abgegeben, für Menschen gesprochen, die nach seinem Eindruck verstummt sind, und das muss doch einfach auch stehen bleiben können. Wenn dann inhaltlich diskutiert wird, kann auch erklärt und präzisiert werden. Aber der Anspruch, dass sich jeder Kritiker erst für seine Kritik erklären muss, ist schon entlarvend. Wir müssen an den Punkt kommen, an welchem wir wieder sachliche Diskurse führen können, denn es kann wohl niemand mehr behaupten, dass er den Königsweg kennt – zu ähnlich sind sich alle Ergebnisse und Fallzahlen der unterschiedlichsten Strategien. Und zum Beitrag eines solchen Diskurses gehört, dass sich alle, welche die Massnahmen komplett begrüssen, davor hüten, gegenteilige Meinungen in eine politische Ecke zu verorten und so die Diskussion abzuwürgen. Akzeptiert endlich, dass es die Kritik, das Unbehagen und die Opfer der Politik in allen Spektren der Gesellschaft gibt.

Nachtrag: Aus Schweizer Warte erlaube ich mir noch den Hinweis: Die Massnahmen, denen wir uns in der Schweiz ausgesetzt sehen, gehen deutlich weniger weit als in Deutschland. Auch bei uns hat der Bund mit landesweiten Direktiven kantonale Befugnisse weiter reduziert, aber es gibt weder eine einer Ausgangssperre auch nur ähnliche Anordnung noch – und das vor allem – einen Lockout, der Kleinkinder und Primarschüler so lange von den Klassenzimmern fern gehalten hat, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber auch bei uns muss das Bemühen um eine Diskussion, die diesen Namen auch verdient, ständig wach gehalten und unterstützt werden.


Webseite zur Aktion: allesdichtmachen
Haschtags:
#allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer