Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer. Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Ein Stück Psychologie

∞  2. September 2010, 17:15 Kommentare

Ich komme ja nun langsam in das Alter, in dem man “Urologe” nicht mehr mit “h” schreiben möchte, weil man unter der Bezeichnung den Fachtitel des Uhrmachers vermutet.

Ich laufe also aus der Sprechstunde beim lieben Doktor auf und über die Strasse und setze dabei meine Schritte über einen Abwasser-Kanaldeckel. Und da lese ich dann:
KASTRATION.
Natürlich steht da: Kanalisation.

Die Psychologie ist ja tatsächlich immer wieder ein spannendes Thema. Und so manches im Leben eine Frage der Wahrnehmung…




Vom ehrlichen fröhlichen und traurigen Ausdruck

∞  1. September 2010, 22:04 Kommentare [2]

Als ich heute am späten Abend mich wieder einmal in der absurden Situation befand, die uns allen als Teilnehmer und Verursacher unserer scheinbar so fortschrittlichen Zivilisation viel zu bekannt ist, als ich also im Stau stand, hörte ich Radio. Ich meine, ich hörte da richtig Radio. Ich hörte zu. Grundsätzlich finde ich ja, man sollte am Radio viel mehr reden und nicht nur Musik spielen. Dass ich mich da völlig am Trend vorbei bewege, ist mir sehr wohl klar, aber es gibt eigentlich nichts Schöneres, als ein paar gescheite Sätze geschenkt zu bekommen, während man durch die Gegend ruckelt. Den bösen Satz, dass das mit dem “Gescheit” wohl der Grund ist, dass besser Musik gespielt wird, gilt hier nicht. Es gibt ja auch, nur so zum Beispiel, Hörbücher.

Nun, ich hörte also Radio. Die Rede war vom Schweizer Clown Dimitri und von dessen grundsätzlicher Frage, ob Clownerie angesichts des Leids in der Welt überhaupt noch statthaft wäre und es nicht angebracht sei, den Schabernack zu lassen. Die Frage düfte ihn nicht zum ersten Mal beschäftigt haben. Und nicht zum letzten Mal. Es mag viele Menschen geben, die sich mit einer ähnlichen Frage mit ihrem Tun ein wenig kapriziös in den Mittelpuntk stellen mögen. Wie das hier ist, weiss ich nicht, aber es wäre nicht fair, solches zu vermuten. Denn eigentlich geht es um den alten Künstlerkonflikt, sobald Humor, in welcher Form auch immer, ins Spiel kommt. Die angezweifelte Verflachung, die den Lacher sucht oder zumindest gerne hin nimmt, wird verdächtigt, das eigentlich doch Schlimme zwischen und in uns nicht sehen zu wollen. Dabei ist guter Humor, gar in künstlerische Form gekleidet, tatsächlich DAS künstlerische Sinnbild für die Zerrissenheit zwischen Ausdruck und Gefühl: Es gelingt einerseits nie, wirklich auszudrücken, was man fühlt, zumindest nicht so, dass man wirklich glaubt, verstanden zu werden (oder sich selbst zu verstehen), und will man als ernsthafter Mensch sich anderseits mit dem Humor verbrüdern, so ist es, als würde man die Unmöglichkeit des wahrhaften inneren Ausdrucks akzeptieren und ob der grossen Last der grauen Wolken den kleinen Sonnenschein im spontanen Lacher wecken wollen: Der Clown, sagt man, ist meist ein trauriger Mensch. Und doch ist er in seinem Tun genau deswegen nicht falsch. Denn was er tut, um mich und sich seine und meine innersten Gedanken aushalten zu lassen, ist dem eigenen Gefühl abgerungen. Eine solche Clownerie kann nie so plump sein, dass sie nicht doch auch poetisch wäre.

Wir alle tragen unsere Last mit uns. In einem einzigen Bahnabteil werden Tonnen von schweren Lasten unsichtbar mitgeführt. Wir haben Kollegen, die immer gut drauf sind, wir kennen jemanden, der Depressionen hat, wir wissen um den Spassvogel und um das stille Wesen. Wir fühlen uns in der Gegenwart eines Menschen mehr oder weniger wohl, weil die Art, wie er zu sein scheint, mit dem gut harmoniert, wie ich gerne bin. Nur nach aussen?

Ich begegne ihm mit meiner Laune, meiner Stimmung, und je nachdem, wie ausgeglichen ich bin, was mein Charakter ist oder – auch das – wie entschlossen ich bin, eine Not die meine bleiben zu lassen und sie also für mich zu behalten, bin ich dabei mehr oder weniger so, wie ich erwartet wurde. Weil man “mich kennt”.

Wenn man aber um die gesundheitlichen Probleme eines Menschen weiss, so ist dessen gute Laune je nachdem eine Erlösung für seine Umgebung, oder eine Botschaft, was er eben nicht zu teilen bereit ist. Es ist nicht schwer, einem solchen Menschen in Gesellschaft zu begegnen, und es ist diesem Menschen leichter möglich, sich nicht ausgegrenzt zu sehen. Gerade aber habe ich erzählt bekommen, wie es ist, oder sein kann, wenn ein Spassvogel stirbt. Da kann es sehr still werden, weil kein Wort mehr passt. Das tut es zwar nie, aber hier entsteht eine Situation, in der so manche frühere Kameraderie sich plötzlich spröde und brüchig anfühlt…

Ich habe vor vielen Jahren eine Frau kennen gelernt, die in jeder Gesellschaft gern gesehen wurde. Denn es kam schlicht nicht vor, dass diese Person nicht “gut drauf” war. Egal ob im Gespräch oder im Spiel, da war immer viel Spass dabei und eine einnehmende Gestik, die einen gerne noch ein bisschen sitzen bleiben liess. Diese Kollegin sass nie allein an einem Tisch. Aber ich glaube, dass sie niemand kennt.
Dazu passt ein Phänomen, das ich, so extrem, nie mehr erlebt habe:
Ich habe manchmal bei einem Anlass eine Kamera dabei oder fotografiere auch mal in einer Gesellschaftsrunde, so lange ich das Gefühl habe, für meine Umgebung nicht wriklich zum Stressfaktor zu werden. Diese eben beschriebene Frau ist die einzige Person, bei der es mir nie gelungen ist, ein vernünftiges Bild zu knipsen. Ich habe es nie geschafft, einen natürlichen Gesichtsausdruck festzuhalten. Da kam immer eine Grimmasse heraus. Das Verblüffendste war, dass sie sich völlig unbeobachtet fühlen konnte – es schien einen inneren Reflex zu geben, eine Wahrnehmung, die sofort auf Alarm stellte, wenn Beobachtung drohte. Und auf Produktion. Camouflage total, als Lebenskonzept.

Wir sind alle allein. Früher oder später müssen wir einen Weg allein gehen. Ob wir dabei auch einsam sind, entscheidet sich aber auch mit der Fähigkeit, mit jemandem über diese Tatsache reden zu können. Dabei muss ich gar nicht mit diesem düsteren Gedanken aufhören. Es gilt das Gleiche bei jedem Problem, das umtreibt. Gibt es genügend Menschen, denen ich auf die Frage “wie geht es dir?” gerne eine ehrliche Antwort gebe?

Und wenn meine Antwort negativ ist – woran liegt das? An diesen Menschen, oder an mir? Wie suche ich mir “meine Gesellschaft” aus, und warum?




Bombastisch tot

∞  31. August 2010, 20:29 Kommentare [7]

So ein Tankstellenshop ist ja eine wirkliche Begegnungsstätte geworden. Zumindest treffen sich da all jene, welche nicht mehr kochen wollen, jene, die es nie gelernt haben und alle, die es nie lernen werden. Convenience Food für die Eiligen. Da ist der Schoggi-Gipfel im Frischhaltepapiertütchen schon fast mit Körnchenpickercharme geschmückt. Es kommt eben immer auf die Alternativen an. Aber es ist ja in der Tat praktisch, so bis elf Uhr in der Nacht auch in unserem kleinen Käfflein fast alles kaufen zu können, was man eben so noch auf die Schnelle braucht.

Ich kann mir vorstellen, dass man als Verkäuferin in so einem Shop über den Tag verteilt so viel kuriose Kundschaft zu sehen bekommt, dass man sich tatsächlich besser länger mit seinen Fingernägeln beschäftigt, als dass ich das an meinem Schreibtisch tue. Aber das, ist ja, ich gebe es zu, nicht wirklich der gültige Vergleich, denn ich bin ein Mann und verstehe von Fingernägeln nur so viel, dass man sie nicht kauen sollte. Und auch, dass sie durchaus hübsch anzusehen sind. Ich liebe schöne Fingernägel. Vor allem, wenn sie natürlich gewachsen sind und vorn nicht so absurd abgerundet geschnitten sind, dass mich die Dinger an den Stechspaten erinnern, mit dem ich zu Hause im Gemüsebeet wirken musste.
Warum komme ich überhaupt auf solche Gedanken, die Sie ja nun wirklich nicht interessieren müssen? (Nicht weiterdenken, bitte, auch ich weiss, dass man dies zu allem fragen kann, was ich so den lieben langen Tag denke und womöglich auch noch schreibe).

Ach ja, richtig. Ich war also tanken. Und machte mich auf in den Shop, um zu bezahlen.

Die Bedienung an der Kasse hantierte am Auszug der digitalen Registrierkasse rum und prüfte dazwischen immer wieder kritisch ihre Fingernägel, als wartete sie nur, bis die Katastrohe eintreten würde: Dass eine der glatt lakierten Fingerkopfschaufeln abbrechen möge. Während sie vergeblich versuchte, mit der Tastatur zu reden, hatte ich Zeit zu warten. Und zu starren. Die junge Frau trug unter der offenen Jacke mit dem Logo der Ladenkette eine Art Tracht mit Korsettchen, das die praktische Eigenschaft hatte, das Dekolleté nach oben zu drücken. Mein Auge ruhte also ganz natürlich auf dem Unnatürlichen. Denn solche perfekt geformten Busenausstattungen scheint es mittlerweile ab Stange zu kaufen zu geben. Jedes zweite junge Ding scheint sie zu haben, und ich denke wehmütig an die Zeit zurück, als mir so ein Anblick noch wie die Schönheit der Natur erschien – ein unverhoffter Moment für Frühlingsgefühle, mit dem man dann aus dem Laden laufen konnte, wie wenn man einen Sonnenstrahl eingefangen hätte. So, wie wenn Thinkabouts Wife mir ganz natürlich auseinandersetzt, dass der Kerl da vorne rechts wirklich verd… gut aussieht.

Die junge Frau an der Kasse tat das auch (Gut aussehen, meine ich). Aber sie schien dem nicht zu trauen und im permanenten Stress zu leben, sich überall irgendwie nachhelfen zu müssen. Wahrscheinlich gehört da das Desinteresse an den Kunden mit zum Problem. So abgelöscht und abwesend sein zu können, braucht schon was und verströmt in etwa so viel Leben wie das Silikon im Implantat (ohne Hülle). Dann aber naht Hilfe. Eine Kollegin stürmt herbei, grüsst mich mit fröhlichen Augen, und eine wache, helle Stimme erklärt dem schönen Wachsgesicht vor mir das Geheimnis der richtigen Tastenkombination. Dann rumpelt das nette Mädchen wieder von dannen und nimmt die Sonne mit. Ich blicke ihr nach und den breiten Hüften, auf denen allein etwa zwanzig Kilo Übergewicht haften mögen. Ich stelle mir vor, welches Leuchten an der Kasse herrschte, wenn das Barbie auch nur andeutend so zufrieden mit sich wäre, wie sie es sein könnte – bevor sie sich am Morgen die Rüstung anlegt… Stattdessen streckt sie mir nun das Wechselgeld hin und bringt dabei das Kunststück fertig, ohne Unterbruch aus dem Fenster zu sehen.

Ich bin sicher, sie hat bereits wieder vergessen, wie die Kasse sich beim gleichen Problem nächstes Mal öffnen lässt. Da liegen noch viele ungeknackte Codes am Strassenrand des Lebens. Aber vorläufig wird es genügend Gaffer geben, welche sich, den Daumen hoch, nach ihr verrenken und den Hals verstauchen. Ob der Prinz, der wirklich unverhoffte, darunter sein kann?




Von der stillen Arbeit an Nichts bis zur grossen Reise

∞  30. August 2010, 21:42 Kommentare [1]

Ich höre immer wieder, wie Kollegen über “meinen Ausstoss” staunen. Was ich alles täte, die Projekte, dich ich verfolgen würde, und wie das doch viel Zeit brauchen würde.

Darüber habe ich mich schon in Zeiten vor dem Internet gewundert, über diese Einschätzung. Denn mit all den Menschen, die auf irgend etwas warten, was ich für sie leisten sollte, mit den Projekten, die eben nicht auf meine Power zählen können, teile ich mein Gefühl, dass ich, eigentlich, viel zu wenig aus meiner Zeit machen würde. Früher fiel ich allenfalls mit meinen Fotokarten auf, heute ist es eben der Computer und das Internet. Es ist schon erstaunlich, und wer mich heute kennen lernt, dürfte es kaum glauben. Aber Herr und Frau Thinkabout waren zu Beginn absolute Computermuffel. Wir wollten das Ding nicht in der Nähe haben. Vor allem meine Frau.
Heute hat sie trocken gemeint: “Nicht einmal mehr Kopfschmerzen kriege ich.”

Tja. Der Computer ist zu einem Arbeits-, aber auch zu einem Gestaltungsmittel geworden. Ja, damit beschäftige ich mich viel und gern. Ich glaube auch, dass ich zu Zeiten, als ich in einem 100%-Job tätig war, niemals so viel gearbeitet habe wie heute. Dennoch finde ich, dass ich viel Zeit, sehr viel Zeit habe, und man kann mich denn auch tatsächlich tagsüber zu allen möglichen Zeiten bei einem Spaziergang oder bei einem Tennisspiel antreffen. Umgekehrt aber kenne ich oft keinen Feierabend im eigentlichen Sinn. Unter dem Strich steht da einfach ein Lebensentwurf, der vielleicht ein bisschen anders ist. Aber auch ich, natürlich (vielleicht sogar mehr als andere), habe meine Präferenzen, Vorlieben, bei denen mir die Dinge frei und leicht von der Hand gehen. Und womöglich liegt genau darin die Erklärung – und am stillen Ende meines Schaffens warten die anderen um so länger darauf, dass ich mich endlich bewege.

Ich glaube, dass wir Arbeit, Leistung, Ausstoss etc. sowieso viel zu oberflächlich betrachten. Wir arbeiten viel mehr als wir denken, und wenn wir denken, arbeiten wir auch. Und “es” arbeitet in uns. Immer. Wo müssen wir denn hin kommen in unserem Leben, wenn nicht zu uns? Mal abgesehen davon, dass Körper, Geist und Familie dafür auch ein Auskommen brauchen. Aber die Sorge darum gehört bei uns eben auch eingebettet in den Umgang mit seinem Selbst und den Dingen, welche mehr sind als das Brötchen auf dem Frühstücksteller. Oder scheinbar weniger.

Wir haben heute zu einander bemerkt: Komisch. Die Dinge, die uns am meisten Spass machen, bringen absolut nichts ein. Stimmt. Und so komisch ist das gar nicht. Wenn wir daran sitzen, wenn wir unsere Gestaltungskraft darauf verwenden, dann können wir sehr sicher sein, dass es sich darum um eine Herzensangelegenheit handelt.

Und darum werde ich mich in diesen Tagen immer wieder um alte Bilderschätze kümmern:
Da meine Liebste damit begonnen hat, Ihre Reise-Erfahrungen und das immense Wissen für besondere Destinationen (und die Besonderheiten, die man beachten sollte, wenn man dahin will) zu nützen und vermehrt darüber zu schreiben, gilt es immer wieder, auf der Suche nach Dokumentationsmaterial in alten Bilderarchiven zu graben. Und dann hören wir den andern wieder mal flüstern: “Mensch, war das schön! Und: weisst Du noch, was da war?”
Wir haben phantastische Dinge, Orte und Menschen erleben und kennenlernen dürfen. Heute haben wir uns ganz besonders von den sehr speziellen Erinnerungen an Varanasi neu ergreifen lassen. Und darum stelle ich hier ein paar Bilder ein, die mehr als alle Worte sagen, was ich meine. Es sind mehr Gemälde als Fotos.
Noch dies: Reisen Sie! Wenn Sie immer wieder an einen Ort denken, den Sie besuchen wollten, dann geben Sie sich einen Ruck. Es ist möglich, dass Sie nicht alles toll finden. Aber irgendwann danach werden Sie feststellen: Mensch, diese Reise hat mich weiter gebracht. Sie hat meinen Blick geweitet, mein Herz geöffnet, mich Demut gelehrt oder schlicht vorgezeigt, wie schön die Welt sein kann. Oder auch, wie traurig. Auch dies gehört zum Reisen dazu. Eine Reise ist nie Ferien machen vom Leben. Es ist Leben lernen. Und zwar per Intensivkurs.










Sport für alle mit mehr oder weniger Meisterschaft

∞  29. August 2010, 19:15 Kommentare [4]

Clubmeisterschaten zum Zweiten. Finaltag. Ich bin nur Zuschauer. Da gehöre ich auch hin. Aber wie in jedem Spiel, von dem man wenigstens mal eine Ahnung bekommen hat, ist es schön, in den einzelnen Bewegungen zu erkennen, welches Mass an Koordination, Bewegungstalent und Konzentrationsfähigkeit ein Spiel wie in diesem Fall Tennis erfordern, aber auch fördern kann.

Mir brennen zwar die Augen, vor lauter Fotografieren, aber es ist klasse, die Freude jener zu erleben, die sich danach verewigt sehen – und womöglich aus den Standbildern noch was für das eine Ziel lernen können: Den Ball das nächste Mal in einer ähnlichen Situation genauer zu treffen, besser zu kontrollieren und dabei ruhiger zu agieren.
Tennis ist ein Sport für Jung und Alt. Und es ist einfach erstaunlich, was einige Kollegen da auf dem Platz zu veranstalten vermögen.










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