Die SVP-Fraktion scheiterte beim Versuch, Demokratie zu spielen
∞ 27. Januar 2012, 20:36 Kommentare
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Die Fraktion des SVP-Bundesparlaments hat also eine neue Fraktionsspitze “gewählt”. Dabei haben sich fünf Kandidaten um die vier Posten des Vizepräsidiums beworben. Ausgerechnet der junge Shootingstar unter den Bundesparlamentariern, Nathalie Rickli, schied in dieser Wahl eigentlich als überzählig aus. Das hat dem Parteibaron Blocher so sehr missfallen, dass er eine Wiederholung des Wahlprozederes verlangte oder “vorschlug”, die Zahl der Vizepräsidenten auf fünf zu erhöhen.
Man kann das alles im Einzelnen in der Presse nachlesen [via mycomfor], auch den daraus folgenden Verzicht des an sich gewählten Alex Kuprecht. Klar wird dabei einmal mehr, dass es in der grössten Partei der Schweiz ein höchst merkwürdiges Verständnis von Demokratie gibt. So langsam bröckelt allerdings zumindest die Fassade. Man hört von Parlamentariern, welche die Sitzung wutschnaubend vorzeitig verlassen haben, Nathalie Rickli ärgert sich über die Motivation einzelner Kollegen, Internas nach aussen zu tragen, wundern wird sie sich darüber aber nicht wirklich. Tatsache ist: Sie hat schlussendlich die “Wahl” angenommen und damit gezeigt, dass sie das Prinzip der Macht frühzeitig begriffen hat und bereit ist, entsprechend Kreide zu fressen.
Dass sie das nicht hindert, öffentlich pointiert pro Hardliner-SVP zu politisieren, ist ihr nicht übel zu nehmen. Da macht sie tatsächlich nur Politik. Dass aber genau die Vertreterin der Partei, die in der Fraktion ganz offensichtlich nicht mehrheitsfähig ist, die SVP in grossen Medienauftritten wie der Arena im Schweizer Fernsehen reglmässig vertritt, zeigt auch hier: Wer wann wo welches Banner der Partei wie hoch hält, wird in der SVP ausschliesslich von Christoph Blocher bestimmt.
Schweizer, welche SVP wählen, wählen Vertreter einer Partei, welche sich in der nationalen Politik an Christoph Blocher verkauft haben.
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Der Final der Sirenen
∞ 27. Januar 2012, 14:46 Kommentare
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Wenn Sie morgen vormittag ab halb zehn durch die Fernsehprogramme zappen, sollten sie den Fernseher vorsorglich leiser stellen… Dann werden nämlich Maria Scharapowa und Victoria Azarenka im Final des Australian Open die erste Tennis-Championne des Jahres unter einander ausmachen und sich dabei quiekend, stöhnend und kreischend über den Platz hetzen. Je enger die Ballwechsel werden, um so lauter wird gestöhnt, und hörte man zwischendurch nicht das Ploppen des Balles, so könnte man, ohne aufs Bild zu schauen, meinen, man würde einer überdrehten Porno-Szene lauschen.
Allerdings hält sich der Rausch der Begeisterung bei immer mehr Zuschauern und Gegnerinnen in immer engeren Grenzen, und es mehren sich die Stimmen, die nach einer Korrektur verlangen. Verbieten will das Gestöhne zwar (noch) niemand, aber man will bei jüngeren Spielerinnen darauf hinwirken, dass die damit gar nicht erst anfangen. Das allerdings dürfte schwierig werden, denn nicht wenige vermuten, dass das Stöhnen in Dezibel-Bereichen, die sich mittlerweile mit den Geräuschen einer Kreissäge vergleichen lassen, Vorteile bringt. So hat die Altmeisterin Martina Navratilova darauf hingewiesen, dass durch das Geschrei der Treffpunkt des Balles auf dem Schläger von der Gegnerin nicht gehört werden kann, was für die schnelle Reaktion für den Rückschlag sehr wichtig sein kann. Zudem kann jeder Spieler eines selbst beobachten:
Stöhnt er selbst einmal ein paar Games lang, indem er die Luft beim Atmen laut aus den Lungen presst beim Schlagen, wird er feststellen, dass dies hilft, die Atmung beim Schlagen zu optimieren. Es ist schwer anzunehmen, dass diese Beobachtung am Anfang dieser Unsitte stand. Daher wird das auch weiter so gehen, so lange niemand den Mumm hat, schlicht eine neue Regel einzuführen. Aber da ist es wohl wie mit der 25-Sekunden-Regel zwischen den Ballwechseln: Die ist wirklich nur Theorie und könnte man auch streichen.
Dabei könnte es morgen so schön sein und nur um Tennis gehen: Hiesse der Final Kim Clijsters gegen Petra Kvitova, dann wäre das ein ganz normales und noch immer sehr gutes Tennismatch: Beide Damen stöhnen höchtstens über einen schlechten Punkt und haben ansonsten ihre Stimmorgane im Griff. Aber die beiden haben gegen die oben erwähnten Sirenen verloren… Es scheint also etwas dran zu sein an der bizarren Atemtechnik. Ich für meinen Teil werde morgen mal rasch reinsehen. Also, reinhören, denn es ist geradezu bizarr, wie sich das entwickelt hat. Dann werde ich mich anderem widmen. Frauentennis schaue ich genau wegen solchen Begleiterscheinungen schon lange nicht mehr. Irgendwann wird es vielen so gehen – und dann dämmert es vielleicht auch der WTA und den Hauptpersonen, dass es so nicht weiter gehen kann.
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Eine gute Erfahrung und ein entsprechender Nachhalt
∞ 26. Januar 2012, 17:31 Kommentare
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Kontrolluntersuchung im Spital. Alles ist in Ordnung. Aber noch etwas ist in Ordnung, und die Tatsache, dass es mir so bekräftigt wird, macht mich schon fast wieder nachdenklich.
Die Ärztin weist nochmals darauf hin, wie zufrieden sie über den positiven Verlauf wäre und wie viel ich dazu beigetragen hätte. Auf der Abteilung hätte man sich mehrmals nach mir erkundigt und gefragt, wie es mir gehe.
Das ist alles wahnsinnig nett und aufmerksam, und ich muss nochmals sagen, dass ich rundum sehr fürsorglich und kompetent betreut worden bin. Die Sympathie beruht also auf Gegenseitigkeit. Ganz offensichtlich ist es für die Pflegenden oft frustrierend, sich entweder nur mit Erwartungshaltungen konfrontiert zu sehen – oder aber von jedem gut verlaufenden Pflegefall nach dem Spitalaustritt nichts mehr zu hören.
Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Das ist zwar der Lauf der Dinge, in unserer so schnell getakteten Welt sowieso, dennoch finde ich das eine bedenkliche Entwicklung: Wir verlieren die Bindung unter einander, ja, wir stellen sie gar nicht erst her, im Bewusstsein, dass das alles nur Haltestellen sind auf einer Weiterreise. Ebenso haben wir Lebensabschnittspartner. Was für ein grässliches Wort.
Immerhin gilt offensichtlich eines: Mit ein bisschen Aufmerksamkeit und gutem Willen, mit positiver Einstellung und ein bisschen Demut, war es offensichtlich möglich, Menschen, die eh schon eine hohe Motivation für ihre Arbeit mitbringen müssen, noch mehr zu motivieren. Eines ist darüber hinaus klar: In diesen Begegnungen käme niemand auf den Sinn, ein Gegenüber als “Gutmensch” zu beizeichnen. Es ist eben nur einfach gut, sich zum Menschsein zu bekennen. Mehr braucht es nicht. Aber es braucht schon ein bisschen mehr neue alte Achtsamkeit, wenn wir uns mit der Zeit nicht alle mit emotionaler Sparflamme durchs Leben beamen wollen…
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Die Aids-Hilfe und wir: Ein Spiegel
∞ 25. Januar 2012, 14:32 Kommentare
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Die Aids-Hilfe Schweiz hat Probleme. Der Bund verteilt seine Gelder neu auf verschiedene Organisationen und spezifischer auf einzelne Projekte, und vor allem die privaten Spenden sind zurück gegangen. Laut der Aids-Hilfe Schweiz ist das Hauptproblem, dass die Krankheit ihren Schrecken verloren hat: Im Bewusstsein der Menschen hat sich festgesetzt, dass man “an Aids ja nicht mehr stirbt”.
Dabei ist an Aids zu erkranken, ja, nur schon HIV-positiv zu sein, nach wie vor kein Spaziergang. Die Einnahme von Medikamenten muss peinlich genau eingehalten werden, und die Nebenwirkungen können sehr einschränkend sein. Und man bleibt chronisch krank. Aber der verbliebene Schrecken ist nicht gross genug, um unsere “Solidarität” uneingeschränkt einzufordern. Ich sage es mal provokativ:
Die wenigsten Menschen betrachten sich so sehr als Saubermänner und –frauen, dass sie ernsthaft behaupten wollten, wer Aids bekomme, sei in jedem Fall selber schuld und erfahre womöglich die Strafe Gottes, habe in jedem Fall eine moralische Schuld. Für einen Fehltritt ein Todesurteil zu kassieren – das mag man dann doch nicht als allgemein verträglich betrachten, da ist der Blick auf eigene Fehler doch wach genug. Aber wenn “man” damit ja doch irgendwie leben kann – ja, dann bleibt es viel schneller das Problem der anderen und eine Konsequenz, welche diese anderen, um die es doch geht, dann eben doch zu tragen haben. Die Homosexuellen und die Drogensüchtigen. Die da, diese anderen. Denn offenkundig gilt doch weiterhin:
Wir mögen gleichgeschlechtliche Partnerschaften dulden und vielleicht gar erwähnen, dass dadurch doch ein Beweis unserer offenen Gesellschaft und vorhandener Toleranz erbracht werde, in Tat und Wahrheit aber wollen wir mit “solchen” nichts zu tun haben. Sie bleiben uns fremd, und wir sind garantiert bereit, bei uns zu denken, dass diese Gruppen bestimmt und in jedem Fall ein sorgloseres und verantwortungsloseres Sexualverhalten haben als “unsereiner”.
Die Schere in Kopf und Verstand: Sie ist da. Und die Aids-Hilfe Schweiz baut diese Scheren mit ihren Kampagnen auch nicht ab. Sie konzentriert sich von sich aus stark auf homosexuelle Männer – und feiert ein Jubiläumsfest schon mal in einer Lack- und Leder-Umgebung. Damit wird der Ghetto-Verortung in den nicht direkt zugewandten Köpfen zusätzlich Vorschub geleistet, und das ist, zumindest aus der Sicht des Fundraisings, schlicht ungeschickt.
Die Plakatkampagnen mit Persönlichkeiten aus Sport und Kultur, auf denen diese fragen, ob man ihre Auftritte verfolgen oder gar besuchen würde, wenn man wüsste, dass sie HIV-positiv sind, leisten hierzu kein Gegengewicht: Musik hören und immer noch mögen von einem Musiker, der Aids hat oder bekommen könnte, ist kein Akt der Solidarität. Das ist schon mit etwas Gleichgültigkeit möglich.
Nein. Die Aids-Hilfe Schweiz bekommt die nötigen Gelder nicht, weil es die dafür nötige Solidarität tatsächlich nicht gibt. Unsere Gesellschaft ist bei weitem nicht so frei, wie sie sich gibt. Und darum wird die Seuche weiterhin Ausgrenzung bedeuten, welche über unsere Scheu vor schweren Krankheiten hinausgeht.
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Unser Energiebedarf lässt uns blinde Kuh spielen
∞ 24. Januar 2012, 16:44 Kommentare
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Die Frage, welche Form von Energie wir verwenden wollen, haben wir als Gesellschaft nie endgültig beantwortet. Das wäre auch nicht der Fall, würden wir darüber abstimmen. Denn wir stellen die Frage nach den effektiven Kosten einer Energiequelle gar nicht. Kein einziges Land dieser Erde ist hier ehrlich, nirgends werden die Kosten für die Energie wirklich konsequent zu Ende gerechnet.
Am Beispiel der Solarenergie kann man zudem erkennen, dass die Frage, ob eine Technik und damit auch eine Form der Energiegewinnung erfolgreich ist, praktisch vollumfänglich vom Ausmass der Subventionen abhängig ist – und damit vom politischen Willen, eine Energiequelle zu puschen.
So haben ursprünglich unzählige deutsche Firmen Spitzenplätze in der Erforschung von Solartechnik eingenommen. Sie sind längst zu Übernahmekandidaten geworden. Der neue Weltmarktplayer heisst, mit staatlichen Mitteln entsprechend gefördert, China.
Inzwischen fragt sich Deutschland, wie es die Subventionen, die sie für Dach-Solaranlagen in Aussicht gestellt hat, bezahlen soll?
Und wie steht es mit der Windenergie? Auch hier prallt die notwendige Planungssicherheit privatwirtschaftlicher Unternehmen auf die Abwägung von Risikoinvestitionen, den Stand der Technik und politische Durchsetzbarkeit – was natürlich nach staatlichen Garantien ruft. Alle diese Grundparameter haben eines gemeinsam: Ein möglicher Kollateralschaden für die Umwelt und damit, hoffentlich möglichst indirekt, auch für uns wird immer irgendwie in Kauf genommen.
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Die Not der Stromkonzerne und das entsprechende Risiko, die Energiewende als “privatwirtschaftlich” vollziehbaren Kehrtwende interpretieren zu können, erkennt man an zwei Schlagzeilen, die heute kurz nach einander bei mycomfor aufgeschaltet wurden:
Hohe Wertberichtigungen: Windkraftprojekte belasten Siemens
und
Windparks im Ausland statt Schweizer Atomkraft (Axpo plant nach massivem Gewinneinbruch Investitionen in Höhe von 21 Milliarden Franken).
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Offen für mehr Lebensqualität
∞ 23. Januar 2012, 17:00 Kommentare
Nordrhein-Westfalen prüft den Rückschritt, der vielleicht ein Fortschritt wäre: Die Verkürzung der Ladenöffnungszeiten und damit frühere vorgeschriebene Ladenschlusszeiten abends an den Werktagen und am Wochenende.
Da haben wir sie wieder, die Diskussion rund um die so genannte Lebensqualität. Natürlich werden die üblichen wirtschaftlichen Sachzwänge vorgekehrt und mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht oder auf die Attraktivität dieser Arbeitszeiten für Teilzeit-Jobsuchende hingewiesen. Im Artikel [gefunden via mycomfor] auf welt.de fehlt natürlich nicht der Hinweis, dass gerade Verkäuferinnen diese Abendjobs suchten, weil
“dann ihr Partner auf die Kinder aufpassen könne”.
Was liegt wohl im Grossteil der Fälle näher: Die absolute Notwendigkeit eines Zusatzverdienstes aus wirtschaftlicher Not oder ein kleines Stück vermeintliche Eigenständigkeit der erziehenden Mütter, die damit zum Zweitauto beitragen? Was verschlagworten wir mit dem Begriff Lebensqualität? Dass ich in unserem verschlafenen Pendlerquartier an der Tanke bis abends um elf noch Chips kaufen kann – oder ein Leben, das um diese Zeit Ruhe für alle vorsieht – und so viel Voraussicht und Lebensplanung, dass die Einkäufe zuvor gemacht werden können?
Die Frage muss politisch beantwortet werden – und wird es auch, schlussendlich nach wirtschaftlichen Kriterien. Alle anderen Beurteilungspunkte sind “weicher” Natur, auf die wir selbst offensichtlich sehr ambivalent reagieren. Daraus resultiert dann der Schritt durch den Notausgang: Freiheit für den Bürger, das Unternehmen, jeder soll selbst entscheiden können.
Und dann schaue ich fern und bekomme einen “Bericht vom Land” vorgesetzt, bei dem die Familie sonntags am Morgen in die Kirche geht. Oder zum Frühschoppen. Oder auf Familienbesuch. Es gibt oder gab Zeiten der Arbeit, der Ruhe, es gab einen Rhythmus, in dem man sich auch rituelle Begegnungspunkte schaffen konnte. Man ruhte. Pflegte auch Gemeinschaft. Bekam einen dafür fest vorgesehenen Raum.
Alles war bei unserer frühen Reise nach China 1985 exotisch. Nichts aber hat auf mich einen so starken Eindruck gemacht (weil die Auswirkungen im gesellschaftlichen Alltag so leicht zu beobachten waren) wie der Umstand, dass in den Familien jedes Mitglied an einem anderen Tag frei hatte. Das war praktisch, hiess es, denn so war immer jemand da, der die Hütedienste für die Kinder übernehmen konnte.
Auch unsere “Wahl” freier Ladenöffnungszeiten ist eine schleichende Veränderung in diese Richtung, hin zu einem Modell, in dem es möglichst vielfältig möglich sein soll, für seine pekuniären Bedürfnisse zu sorgen – als Konsument wie als Jobsucher. Liegt darin nicht auch eine stille Kapitulation? Das Zugeständnis, dass wir keine Gemeinschaft mehr haben, welche gemeinsame freie Zeit braucht und geniesst und sie nicht durch spontane, möglichst komfortable Konsumgänge “füllen” muss?
Wo sie so schwer fällt, die Liebe
∞ 22. Januar 2012, 16:52 Kommentare [5]
Um Gelassenheit und Festigkeit zu erwerben, gibt es nur ein Mittel: die Liebe, die Liebe zu deinen Feinden.
Leo Tolstoi
