Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Mann mit Zyklus?

∞  21. Oktober 2014, 22:32 Kommentare

Ob ein glücklicher Tag oder ein bestimmtes Ereignis, das meine Fitness voraussetzt, gut ausgeht – wer hat da nicht schon von seinem möglicherweise erst abzugleichenden Biorhythmus geflachst? Seit den Achtzigerjahren ist der Ausdruck Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs geworden. Darin steckt meist Spass, zumal die These, dass wir körperlich, emotional und geistig in unterschiedlich langen Zyklen von Geburt an festgeschriebene und also berechenbare Ups und Downs haben, sich in keiner Weise empirisch je hat belegen lassen. Eine Spielerei also – und doch ist der Flachs eine Art Synonym für eine Beobachtung, die auch Männer machen können:

Denen ist der Zyklus der Frau zwar auf Ewigkeit ein Mysterium, und sie glauben sich in der Rolle jenes Parts der Menschheit, der schwankungsfrei zielsicher linear durch das Wellental der Tage zu schreiten vermag, während die Frau einmal pro Monat Kopfschmerzen hat und missmutig wird, Zeitdauer schwankend. Darüber spasst dann wieder der im Grunde Unverständige, der übrigens zu jener Spezies gehört, der, müsste er sich mit dem gleichen biologischen Phänomen herumschlagen, darüber vor Achs und Wehs gar nicht mehr in die Gänge käme. Männer leiden lauter als Frauen, und viel schneller. Darum gebären sie Gott sei Dank auch keine Kinder.

Je älter ich aber werde, um so häufiger stelle ich an mir selber fest, dass ich wahrscheinlich sehr wohl genau so einen Zyklus habe wie Frauen. Er ist nur nicht so ausgeprägt und darum auch nicht voraussehbar, und sei es nur, weil ich viel zu wenig sensibel mit mir selber umgehe. Vielleicht reagiere ich auch nur auf den Mond, so wie es die Pflanzen tun und meine Haare und Fingernägel, die bei abnehmendem Mond viel weniger schnell wachsen als umgekehrt.

Nun, wenn das zunehmende Alter dazu führt, dass ich besser auf mich acht gebe und ich sensibler für solche Vorgänge werde, gewinne ich ja tendenziell Sinnesfreude hinzu, denn es ist doch schön, Freude, Müdigkeit, Energie und Erschöpfung bewusster zu spüren – und vor allem in den Körper hinein horchen zu können, um ein wenig voraus zu sehen, was er und ich gerade brauchen.

Unsere Würde

∞  20. Oktober 2014, 00:02 Kommentare [1]

Günther Jauch’s Talkshow von heute Abend: Das Thema wird durch Udo Reiters Entscheid, seinem Leben als Querschnittgelähmter ein Ende zu machen, vorgegeben. Einmal mehr wird über aktive und passive Sterbehilfe wie über die Beihilfe zur Sterbehilfe diskutiert, und immer wieder wird die Würde des Menschen angesprochen.

Nur, was ist die Würde des Menschen? Udo Reiters wollte, ähnlich wie Gunter Sachs, nicht sabbernd an der Schnabeltasse hängen. Abhängigkeit bei einfachsten körperlichen Verrichtungen – für ihn unvorstellbar. Entsprechend früh setzte er seine immer wieder kommunizierte Absicht in die Tat um.

Es ist wichtig, ethisch und gesellschaftlich, dass wir anerkennen, dass jedes Leben, ob schwerst pflegebedürftig oder herrlich selbstbestimmt, seine Würde hat. Jedes Leben. Nur: Ob der Mensch seinem eigenen Leben diese Würde zuerkennen kann, ist eine höchst individuelle Angelegenheit, und sie kann keinem von uns aufgezwungen werden. Es gibt dafür eine allgemein gültige Ethik, welche Leben an sich schützt und jedem bedrängten Leben die Pflege anbietet, die möglich ist – aber es gibt keine Pflicht der Menschen, das noch mögliche Ergebnis lebenswert finden zu können.

Was für uns das Leben ausmacht, wie wir es leben und wann wir es gelebt haben – wir können diese Frage nur selbst beantworten. Und am Ende hat kein Freund, kein Verwandter einen Anspruch darauf, den Betroffenen zu einem Ausharren “überreden” zu können – genau so, wie von ihm nicht verlangt werden kann, dass er einen Weg begleitet, den er nicht gut heissen kann. Was ihm die Liebe allenfalls eingibt, vorgibt, möglich macht, das ist wieder etwas anderes und endgültig persönlich.

Die Düfte der Natur

∞  18. Oktober 2014, 22:00 Kommentare [2]

Ich erlebe meine Ferien in einer einzigartig schönen Umgebung. Wenn ich mich auf meinen Spaziergang um den Weiher mache, dann fühlen meine Füsse, sehen meine Augen, hören meine Ohren – aber alles, was ich da wahrnehme, aufnehme, ist auch Teil jenes Sinnes, der bei mir am wenigsten stark ausgestaltet ist: Ich rieche was ich sehe. Und plötzlich noch viel mehr.

Die Feuchtigkeit des Grases, der weiche Boden, die knackende Nuss unter dem Schuh, das Rauschen der Pappeln im Wind, das Klatschen der Karpfenflossen auf dem Wasser, wenn sie abtauchen, bevor ich sie sehen kann. Das lautlose Verwesen der Blätter auf dem Wasser und am Boden, die knackenden Kiesel unter der Sohle, die wärmende Sonne, die das Gras noch einmal duften lässt… Ja, herrschaft nochmal – ich beschreibe Geräusche, weil ich Duft nicht wirklich beschreiben kann. Aber atmen Sie durch, atmen Sie tief und gehen Sie raus.

Die Erde an den Fingern, die Feuchtigkeit im Gemäuer – die Natur ist nicht zuletzt mit all ihren Düften um uns – und mit unseren Parfums imitieren wir Natürlichkeit, um Körpergeruch zu übertünchen. Dabei wäre weniger oft mehr, denn unser Duft ist ein Teil unserer Identität, und wenn wir uns gut riechen können, mögen wir uns auch leiden.

10 Jahre - Zeit für Veränderungen

∞  17. Oktober 2014, 11:07 Kommentare [8]

Thinkabout wird heute 10-jährig.

Dies war der erste Blogbeitrag, den Thinkabout, damals noch auf thinkabout.myblog.de, schrieb:

EIN LEERES BLATT PAPIER
ist schon bedeutungsschwer genug.
Eines, das ins Netz gestellt werden wird, erst recht… Jeder Tag ist eine Art neues, unbeschriebenes Blatt Papier. Wir setzen unseren Fuss neben der Bettkante auf und beginnen, das Papier zu beschreiben.
Vom Leben möchte ich schreiben – und wie ich es empfinde, erlebe oder auch verpasse.
Noch ist es eine Angelegenheit des Bauches und nicht des Kopfes. Strukturen müssen hier neu entstehen wie in meinem Alltag auch.
Aufbruch – er ist immer möglich, spontan oder vorbereitet.
Also steige ich ein in die nächste Aufgabe meines heutigen Tages…
Thinkabout

Damals konnte ich nicht ahnen, dass dieses Schreibprojekt so lange Bestand haben würde – im Gegensatz zu allen anderen Bemühungen der vorherigen zwanzig Jahre, hörte ich damit nie auf. Nein. Bald war es mir selbstverständlich, täglich zu schreiben, und schon vor vielen Jahren beschloss ich, dass es ein Fixpunkt meiner Tage sein und bleiben sollte. Damit soll es jetzt ein Ende haben dürfen. Es wird Thinkabout weiter geben, ich werde auch fast immer täglich weiter daran schreiben, aber mir für Texte mehr Zeit nehmen und nicht täglich veröffentlichen. Und wie im ersten Blog-Eintrag überhaupt beschäftige ich mich erneut mit den Strukturen dieses Auftritts – er wird neu gestaltet werden, aber ich lasse mir damit noch etwas Zeit.

Thinkabout hat mir viel geschenkt. Ich habe Freunde gewonnen und manche Erfahrung gesammelt. Ich habe Menschen als Leser hier, die seit dem Beginn dabei sind. Manchen bin ich persönlich begegnet, andere kenne ich bis jetzt nur virtuell, und doch seid Ihr mir vertraut. Ich war oft enthusisastisch, verschwenderisch mit meinen Ressourcen, träumerisch mit dem, was aus Blogs werden könnte – und aus meinem Schreiben selbst auch. Die Erfahrung bei der Mitarbeit bei facts.ch war in gewisser Weise ein Schock, und ich habe mich in der Folge von Schreibprojekten Dritter fern gehalten. So gab es auf die Frage von Freunden und Bekannten, was das hier eigentlich soll, nie eine andere Antwort, als dass ich daraus privates Vergnügen und Befriedigung beziehe. Ein extravertierter Ego-Trip vielleicht, schon möglich. Ich muss es ja nicht wirklich erklären.

Ich mache einfach weiter. Weil ich gar nicht anders kann. Und genau darin liegt die völlig ausreichende Begründung. Schön, wenn Sie gelegentlcih vorbei schauen, auch wenn ich in Zukunft nie im voraus sagen können, welches Thema mich als nächstes jucken wird.

Ich danke allen treuen Lesern einmal mehr und wünsche uns Allen viel kreative Befriedigung und Anteilnahme am kleinen und grossen Geschehen – und am Leben an sich. Es findet statt. Wir sollten dabei sein. Tag für Tag.

Die Helfer aus dem Wald

∞  16. Oktober 2014, 20:34 Kommentare

Kastanienwälder – im Tessin immer wieder Anziehungspunkt für Sammleraktivitäten im Herbst. Eine wunderbare Gelegenheit, das Sammeln von Kastanien mit einem schönen Waldspaziergang zu verbinden. Aber auch in Frankreich gibt es sie, die Kastanienwälder. Man muss vielleicht ein wenig mehr suchen, oder eben die stoischen, aber sehr netten Einwohner im Aveyron fragen, wo es denn lang geht. Eine träge Handbewegung und eine gegrummelte Kürzesterklärung, und schon sind wir auf der richtigen Fährte. Und man will ja als Tourist nicht negativ auffallen, also parkiere ich mein Auto sehr knapp am Wegrand und also nicht vor einer steilen Waldstrasse, über die kaum ein Auto, auf jeden Fall nicht meines, gelangen könnte, aber man weiss ja nie. Ich setze zurück, und das Auto steht dann auch nicht mehr auf der Strasse, hat aber doch ziemliche Schieflage…

Egal, wir gehen mal auf Kastanienjagd und kommen später mit über 4 kg Ertrag zum Auto zurück. An uns vorbei klappert ein Kleinlaster mit offener Ladebrücke den Berg hoch und ich winke freundlich. Also raus aus der Parkposition, zwei Räder stehen ja immerhin noch auf der Strasse. Doch ich habe keine Chance. Kein Grip, und ich grabe mich nur ein, und der Unterboden liegt auf dem Boden auf. Wir brauchen Hilfe, jemanden, der mich sprichwörtlich aus dem Loch zieht.

Da kommt der Postbote den Berg runter gerattert, doch er fährt mit grossen Augen vorbei ohne anzuhalten… Der Kleinlaster… die Jungs sind zehn Minuten zu früh den Berg hoch gefahren…

Ich überlege gerade, wie ich denn jetzt Hilfe organisieren könnte… wen anrufen? Da, was hören wir? Der Kleinlaster schüttelt sich den Berg runter – und hält auch an…

Die beiden Männer, die aussteigen, sehen aus, wie man sich in solcher Situation Männer wünscht: Waldarbeiter oder zumindest kräftige Handwerker sind es, und die nehmen die Sache in die Hand. Ich habe zumindest Bedienungsanleitung -und Equipement da: Darunter ein Abschleppseil, das wirklich einen Mörderhaken hat und knutschgelb ist. Und die Engel aus dem Wald haben auch schnell raus, wo denn das Ding eingehakt werden muss, und dann geschieht, was ich auch aus Australien und dem Militär immer wieder mit Erstaunen beobachte, auch wenn es einfach Physik ist: Ein sanftes Anziehen und Rucken und schon hat meine Kiste wieder festen Boden unter den Füssen.

Die Jungs wollen erst nicht mal das kleine Trinkgeld annehmen – und wir zuckeln heim. Echt Schwein gehabt. Und die Kastanien? Haben bereits super geschmeckt – also, die ersten paar hundert Gramm.

Fehlbare Rechthaber

∞  15. Oktober 2014, 22:34 Kommentare

Den Zweiteiler Faber gesehen, der den Niedergang von Einzelhandelsketten behandelt, die als Familienunternehmen am Ende nicht zuletzt wegen der Unbeweglichkeit der alten Garde scheitern.

Gerade in Familienunternehmen sind Sätze wie “du hast recht”, “Tut mir leid” genau so selten wie den Einbezug neuer Ideen, sobald diese die Ahnung aufkommen lassen, dass das Betreten neuer Bühnen nötig wird, auf denen Mann selbst sich nicht mehr zuhause fühlt.

Der letzte wache Instinkt ist immer jener, mit dem man versucht, im Sessel zu bleiben. Es geht dann nicht mehr um die Familie, die Firma, es geht nur noch um mich. Erst will ich gewinnen, dann nicht verlieren – und am Ende soll wenn immer möglich auch niemand anders gewinnen – und die Aversion gegen Familienmitglieder kann dabei viel, sehr viel höher sein als gegen irgendwelche Gegner in der Firma.

Rechthaberei ist furchtbar. Rechthaber sind meist rückwärtsgewandt, denn es ist gar nicht möglich, dass die beste Idee in einem Team immer von mir kommt. Der Niedergang ist brutal, die Auswirkung auf die Familie extrem. Vor allem dann, wenn die Situation wie unter dem Brennglas einfach das beleuchtet, was schon immer nicht gestimmt hat.

Die Beratung von Familienunternehmen, welche den Generationenwechsel schaffen müssen, ist genau aus diesen Gründen ein sehr zukunftsträchtiges und wichtiges Business – nicht nur für Beratungsfirmen, sondern auch für Romanautoren.

Sozialpartner. Nicht -Gegner.

∞  14. Oktober 2014, 19:05 Kommentare

Hart aber Fair – der ARD-Polittalk zum Lokomotivführerstreit in Deutschland – und der Frage, welche Art Streiks wann von wem wie durchgeführt werden sollen können dürfen.

Gegen Ende der Sendung verweist Moderator Frank Plasberg auf das Beispiel der Schweiz, wo sich Arbeitgeber und -nehmer zur Wahrung des Arbeitsfriedens bekennen. Im kurzen Bericht wird die Schlichtungsstelle erwähnt, welche bei unüberbrückbaren Differenzen zum Einsatz kommt.

Ein Aspekt, der wichtigste, wurde dabei nicht erwähnt, aber es ist auch ein so genannt weicher Faktor: In dieser Praxis, die seit 1937 gilt, haben die Sozialpartner immer wieder die Erfahrung machen können, dass die Wahrung des Sozialfriedens allen Beteiligten hilft – und damit erkennen Arbeitnehmer UND Arbeitgeber in der Aufrechterhaltung der guten Sozialpartnerschaft einen unbedingt zu wahrenden Standortvorteil – im Interesse der eigenen Seite. Diese Kultur führt wohl nicht selten dazu, dass die Angebote und Forderungen, mit denen beide Seiten in die Verhandlungen für neue Gesamtarbeitsverträge steigen, in aller Regel nicht absurd weit auseinander liegen, wie jetzt in Deutschland im Konflikt der Lokführer mit der Deutschen Bahn. Der Schaden, der in diesem Fall angerichtet wird, ist für Schweizer Beobachter ein absoluter Gau, denn das Gebot der Verlässlichkeit der Produktion betreffend Lieferterminen und Art der Ausführung, die Sicherheit der wirklich abrufbaren Dienstleistung – das ist pures Kapital, das sich beide Seiten nicht kaputt machen wollen – die Beziehung zu Abnehmern der Firma soll in keinem Fall beschädigt werden.

Es wurde mit Recht in dieser Sendung vom neuen Focus-Chefredakteur darauf hingewiesen, dass die Verunglimpfungen der Deutschen Bahn aus den Reihen der gewerkschaftlich organisierten eigenen Lokführer ein No-Go darstellen. Da geht Unternehmenskultur verloren – oder es wird offensichtlich, dass es die nicht mehr gibt.

Das Bewusstsein, dass faire Arbeitsbedingungen zu fairen, guten Produkten und Dienstleistungen führen, die allen Beteiligten dienen und dem Unternehmen die Kunden erhalten, weil diese dies honorieren – es ist hier noch vorhanden, bzw. weit verbreitet – und der gesellschaftliche Druck auf die Sozialpartner, sich im Streitfall zu einigen, ist auch deshalb extrem hoch, weil auch scheinbar unbeteiligte Branchen und Gewerkschaften ein hohes Interesse daran haben, dass diese Kultur weiter erhalten bleibt. Sie ist einer unserer grössten Vorteile im internationalen Vergleich – auch wenn man diesen Vorteil nicht beziffern kann. Aber er steckt uns in den Gliedern, im Hirn und im Herzen, und wir wollen für Firmen arbeiten, die diese Prinzipien ebenfalls vertreten. Für dieses Ziel müssen beide Seiten immer wieder auch etwas geben, und mir scheint, dass dank dieser Grunderfahrung die Knüppel extremer Forderungen oder Verweigerungen eben von vornherein nicht ausgepackt werden. Die Schweiz hat sich hier wirklich einen enormen Standordvorteil erarbeitet – und wir werden hübsch Sorge dazu tragen, dass sich auch zuziehende Firmen an diesem Wechselspiel von Geben und Nehmen beteiligen und diese Kultur nicht verderben.

Freihandelsabkommen - ja oder nein?

∞  13. Oktober 2014, 21:21 Kommentare

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA / Kanada scheint auf der Zielgeraden zu sein – entsprechend lauter werden die politischen Zwischentöne – und die hilflosen Proteste von Bürgergruppen.

Tatsache ist: Warenverkehr zwischen Staaten ohne Zölle fördert den Durchfluss, erleichtert den Handel und bringt damit Wachstumschancen. Gerade so, wie wenn man einen Fluss von Geröll befreit und begradigt. Die Zusammenarbeit, Export und Import zwischen den Staaten wird angeregt. Die Freihandelsabkommen zwischen der Scheiz und Deutschland und der EU sind ein Beispiel für eine pure Erfolgsgeschichte – für beide Seiten. Womit nicht gesagt werden soll, es gäbe bei einem solchen Abkommen keine Verlierer: Jede Veränderung der Voraussetzungen für Warenflüsse verändern die Rahmenbedingungen in einem wirtschaftlichen Wettbewerb unter Umständen dramatisch, und unter dem Schutz einheimischer Zölle hat sich jeweils mancher Wirtschaftszweig bis zu einem gewissen Grad häuslich eingerichtet. Deswegen sind in solchen Fällen genügen lange Vorlaufzeiten notwendig, damit sich die Branchen darauf einstellen können. Die reine Verweigerungshaltung hilft in aller Regel nicht weiter, denn es lässt sich leicht erfühlen, ob das eigene Land ein solches Abkommen vorantreibt oder nicht, ob also die Mehrzahl der Wirtschaftssektoren davon profitiert oder nicht.

Dies sind Erfahrungswerte, die für bilaterale Abkommen in bestimmten Märkten Gültigkeit haben – für einen Wirtschaftsraum also, der regionale Besonderheiten noch immer in Betracht ziehen kann und getrieben wird von entsprechenden spezifischen Interessen.

Was wir mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Übersee vor uns haben, sprengt diesen Rahmen eindeutig, und die Demonstrationen auf der Strasse richten sich dann auch gegen die Globalisierung, die sich in solchen Abkommen ausdrückt. Die Menschen haben längst ein Gefühl dafür, dass der freie Wettbewerb immer nach noch weniger Regulierung verlangt – und Wettbewerb ohne Regeln belohnt den Spieler mit den stärksten Muskeln, bis dieser die Regeln diktiert. Ein globalisierter Markt schafft Wechselwirkungen, die in der Theorie den Kunden im Augen haben – in der Praxis strebt der Markt nach optimalen Margen – und die holt er sich durch Verdrängung. Darum ist Freihandel an sich eine gute Sache, weil er Märkte öffnet – aber diese Märkte können zurück schlagen, und die Sieger von heute können die Verlierer von morgen sein.

Ich kenne die Abkommen nicht im Einzelnen, aber wir sollten nicht vergessen, dass sie am Ende von Staaten abgeschlossen werden, welche nicht nur wirtschaftlichen Druck aufsetzen können. Sie bestimmen im übrigen verschiedenste Parameter in diesem immer grösseren Markt selber: Die Kosten der Energieversorgung zum Beispiel. Der freie Energiemarkt wird immer eine Utopie bleiben, dabei wäre im Umkehrschluss eines Freihandelsabkommens die Überlegung umzusetzen, dass Endergiegewinnung länst globale Auswirkungen hat und deshalb weltweit für Immissionen entsprechende Rückstellungen oder Kompensationszahlungen zu leisten wären – was natürlich nicht geschieht.

Dennoch ist wohl unvermeidlich: Blosser Protest hilft nicht. Er wird plattgewalzt. Und zum Zeitpunkt, in dem Demonstrationen über solche Abkommen beginnen, sind die Vorgänge längst beschlossen. Wir sollten uns daher tatsächlich darauf konzentrieren, dass Energiegewinnung endlich so in die Kosten der Produktion mit einbezogen wird, wie sie faktisch anfallen.

Es ist noch ein weiter Weg – und wahrscheinlich wird er erst dann beschritten, wenn die Natur zu rebellieren beginnt. Zuvor winken riesige Gewinne auf einem riesigen Markt, der dennoch immer weniger Firmen Platz bieten wird.

Gesellschaftsspiele

∞  12. Oktober 2014, 23:57 Kommentare

Welche Rolle haben eigentlich Kartenspiele und dergleichen in meinem Leben gespielt?

Wir haben uns als Familie nie viel zu sagen gehabt. Ich kann mich allerdings an Mittagsruhe erinnern, nach dem Essen, bei der wir in der Stube sassen und Zeitung lasen. Das habe ich genossen. Das war gemütlich, hatte was Rituelles.

Und meine Mutter trommelte Paps und mich manchmal an den Tisch um zu spielen. Dabei liebte sie Spiele, bei denen Glück eine wichtige Rolle spielte, die entscheidende. Yazy, ein Würfelspiel, Uno – ein Kartenspiel, das nur auf Glück beruht. Absolut nicht dumm, erklärte sie dennoch kategorisch, dass es ihr schlicht zu anstrengend wäre, sich zu merken, welche Karten schon gespielt worden seien. Also war Jassen, wenn wir es denn taten, ein ziemliches Spiessrutenlaufen… An Canasta habe ich da die besseren Erinnerungen…

Mit meinen Kameraden lernte ich Monopoly kennen – damals spielten das wohl alle Kinder leidenschaftlich gern. Oder fast alle. Ich staunte, wie sich dabei Kollegen verwandelten und tatsächlich eine Art Rausch entwickelten, einmal Grossgrundbesitzer zu sein, zum Beispiel. Für mich war – bei welcher Art Spiel auch immer – besonders interessant, festzustellen, wie deutlich auch ganz einfache Spiele wie Eile mit Weile offenlegen konnten, wie ehrgeizig Charaktere waren, oder eben auch nicht. Und die Spiele brachten uns an einen Tisch.

Aber ich habe die Bücher vermisst, zuhause, die Musik, die Stille. Ich selbst wäre wohl ein Bücherwurm geworden, wenn da nicht der Sport gewesen wäre: Ich war am liebsten draussen, im Quartier tollten vierzig Kinder umher, eine Dekade lag zwischen den Jüngsten und den Ältesten. Wir spielten Räuber und Polizei bis zum Abwinken, und vor allem kickten wir. Endlos. Oder bearbeiteten mit Hockeystöcken Tennisbälle, denen wir auf Rollschuhen hinterherjagten, die wir uns an die Turnschuhe geschnallt hatten.

Zuhause war ich in der Lage, ganze Westernstories mit Spielfiguren nachzuerzählen, oder, viel besser, laufend zu erfinden. Mein Kinderzimmer war eine verstellte Zone, die blühende Landschaft meiner Phantasie.

Aber Gesellschaftsspiele? Ich habe seither keinen richtigen Zugang mehr dazu. Manchmal klingt meine Mutter in mir nach, wenn ich mich mühsam an die Regeln zu erinnern versuche, und an die einfacheren Strategien beim Jassen. Aber an Canasta habe ich eine bleibend nette Erinnerung, und an ein Kartenspiel, das ich bei meinen Schwiegereltern lernte auch. Aber es ist nicht mehr als eine Erinnerung, die durch Stupser von aussen belebt werden müssten, um wieder eine Rolle zu spielen: Am Spielen zusammen ist genau diese Redewendung entscheidend: Das Zusammensein, die Personen, welche daran beteiligt sind und mit denen übers Spiel eine Verbindung entsteht oder belebt wird.

Aber ich bin mir bewusst, dass Kartenspiele und dergleichen für ganze Kameradschaften ein sehr wichtiges, kittendes und unterhaltendes Element darstellen. Und die innere Einstellung zu Sieg und Niederlage lernt man auch da kennen, bei sich selbst und bei anderen – so, wie ich beim Tennis spielen. Ja – der Sport ist mir eben in diesem Feld das Liebste geblieben.

Bücher lese ich noch immer viel zu wenig. Würde ich es mehr tun, würde ich bestimmt auch anders schreiben. Bestimmt.

TV-Konsum

∞  11. Oktober 2014, 22:54 Kommentare

Wir sind – für unsere Generation – kein typisches Paar, was unseren Verzehr an freier Zeit betrifft, also, zumindest habe ich die darin nicht typische Frau. Während Thinkabout’s Wife selbst auf Zuruf hin kaum mehr dazu zu bringen ist, überhaupt fern zu sehen, schaue ich vor allem Sportsendungen – und bilde mir ein, dies bewusst zu tun und also strukturiert fern zu sehen. Die letzte Zeit vor dem Schlafengehen gehört dann allerdings oft nochmals der Kiste, und das oft länger, als ich es eigentlich vorhatte, obwohl ich dabei meist aufgenommene Serien schaue. Während junge Menschen scheinbar in ihrer Freizeit immer weniger vor dem TV-Gerät sitzen, ist es in unserer und allen älteren Semestern eigentlich fast flächendeckend verbreitet, dass der Kasten einfach läuft.

Unser Zappen, eine Art sich verselbständigender Schnappatmung des rechten Daumens, hat immerhin Michael Mittermaier den Raketenstart in eine beispiellose Comedy-Karriere erlaubt – zwei Stunden Klamauk über unseren TV-Konsum. Er hätte wohl auch sechs Stunden zusammen gebracht.

Und nun sitzen wir also mit unseren Freunden zusammen abends in den Ferien in der guten Stube – und der Kasten läuft. Er läuft oft. Bis sich da vier Personen gefunden haben, um zu entscheiden, was läuft, kann es schon ziemlich schwierig werden. Wir lösen das eigentlich fast immer so, dass mindestens drei Personen sagen, es wäre ihnen egal, was geschaut wird. Ein Beobachter könnte auch einwerfen, manchmal wäre es vier Personen egal, jeder aber wäre froh, dass er läuft, weil die vier so davon ausgehen können, dass mindestens ein Bedürftiger nicht unruhig in sich hinein zu scharren beginnt.

Sie haben es wohl schon geahnt: Das klappt vorzüglich, weil wir alle mindestens teilweise daneben auch mit anderem beschäftigt sind. Im Zeitalter der Handys, Tablets und Laptops ist das nur eine Frage der Übung. Mittlerweile sind wir im fortgeschrittenen Stadium, in dem die Souveränität so ausgebildet ist, dass wir den Kasten manchmal ganz BEWUSST ausschalten.

Aber Halt! Genau so wichtig ist die folgende Feststellung:

Ich habe hier nun schon mehr als eine Sendung oder Filme gesehen, die mir richtig gut gefallen haben, und die ich ohne die zusätzlichen Sitzgenossen mir nie angeschaut hätte. Und das würde sogar Thinkabout’s Wife unterschreiben. Es ist mit diesem Ding wie mit diesem anderen Kasten, in dem das Internet drin hockt: Richtig nutzen muss man es, auf dass es zwar Zeit fressen mag, man am Ende aber das Gefühl hat, diese Zeit wäre nun gut verdaut und man sei dabei einigermassen souverän geblieben… und manchmal gewinnt man dabei wertvolle Erkenntnisse, gerade so, als hätte man eine schöne Begegnung gehabt. Manchmal…

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