Ressort: Lebenskunst(Weitere Infos)

13.Juli 2022, 0:15

Das Zipperlein darf unwichtig werden

Warum treibst du Sport? Bist du gut darin? Wie wichtig ist dir das? Ich habe als Junge und junger Mann leidenschaftlich gerne Fussball gespielt, und heute spiele ich Tennis. Eigentlich war ich der Meinung, dass ich in jedem Sport, für den man einen (runden) Ball braucht, ganz gut zurecht komme. Nun, die Verklärung der Erinnerung an die Fussballerzeiten nimmt mit dem zunehmenden Alter ab… ein schmerzliches Beispiel dafür, dass Erinnerungen auch gern so was wie Erfindungen werden… und im Tennis, zum Teufel, ist die Erkenntnis der höchst relativen Begabung quasi live über mich gekommen…

Im Tennis fordert praktisch jede Spielsituation ein reaktives Verhalten auf eine dynamisch entstehende Situation, und streng genommen ist keine einzige Aktion genau gleich wie eine frühere, auch wenn man für die unterschiedlichsten Situationen den „richtigen“ Schlag trainiert – und das natürlich auch Sinn macht und Sicherheit schaffen kann. Koordination und Timing sind eine faszinierende Herausforderung, und ein technisch gelungener Schlag, ein ideal getroffener Ball, verschafft ein tolles Gefühl.

Gott sei Dank, würde man meinen, gibt es da auch noch den Aufschlag. Die einzige Situation, der einzige Schlag, bei dem du die absolute Kontrolle hast. Du bestimmst das Timing, du hast Zeit. Und genau dieser Schlag, mit dem ich den Ballwechsel beginne, funktioniert bei mir nicht. Noch schlimmer. Nicht der Schlag an sich, von dem man durchaus mit Recht sagen kann, dass er in seinem Ablauf komplex ist, funktioniert bei mir nicht. Ich komme gar nicht so weit. Es ist der Ballwurf, der mich schon wahnsinnig macht. Den gelben Filzball mit der linken – ruhigen – Hand in vernünftige Höhe, sagen wir höchstens anderthalb Meter hoch, und an den wenigstens in etwa immer gleichen Punkt vor dem Körper zu werfen – ich schaff es nicht. Es ist sogar immer schlimmer geworden. Nun habe ich die professionelle Hilfe eines sehr guten Trainers gesucht – und habe gute Ratschläge getankt, mit denen ich mein Zipperlein aktiv in der Situation bekämpfen kann. Sofort recht gute Erfolge im Training – doch im „Wettkampf“ ein Fiasko nach dem andern. Diesen Montag war es dann die maximale Katastrophe. Also keine Turniere mehr. Zeit lassen. Damit umgehen lernen. Und mir nicht die Freude nehmen lassen. Denn mein Problem mache ich zwar ganz offensichtlich in Kopf und Körper riesengross – aber es ist so winzig klein gegenüber anderen…

Ich habe einem Turnier für geistig behinderte Menschen beigewohnt, und was ich da gesehen habe, was ich für Eindrücke bekommen habe, was es wirklich heisst, motorische und sensorische Probleme zu meistern – und jetzt kommt’s – und dabei reinen Spass zu empfinden, auch wenn es nicht gut gelingt – das hat mich schwer beeindruckt. Ich möchte davon weiter lernen. Und mir den Spass nicht verderben lassen. Das mache nämlich ich ganz alleine. Und wenn ich das einordnen kann, mag ich eines Tages auch das Gleiche sagen, was mir all die Cracks an dem Turnier vorgelebt haben: Ich hab mein Zipperlein überwunden – und wenn nicht, hab ich es eine Nebensache bleiben lassen. Ich darf Tennis spielen. In welcher Form auch immer. Und es ist eine Lust – mit welchen Voraussetzungen auch immer.

Und jetzt müsst ihr mich entschuldigen. Ich muss noch ein paar alte Schläger sammeln. Schläger, welche wir weg gelegt haben, weil wir denken, mit dem allerneusten Modell wären wir erfolgreicher. Die gebrauchten liegen dann viele Jahre rum – während die Cracks, die ich oben angesprochen habe, damit ganz wunderbar zu spielen verstehen.

26.Mai 2022, 1:06

10min schreiben über: Liebe

Einleitend: Jaaah, über die Liebe wird so oft so viel gesprochen, gepredigt, geredet. Wie langweilig, es also auch hier in dieser Form zu bearbeiten. Doch gerade das Format der 10min-Texte – Genau 10min spontanes Schreiben zu einem Begriff – zeigt, wie unterschiedlich und vielfältig die Gedanken – und Gefühle – dazu sein können. Und so lehne ich auch nie einen Begriff ab, mag er noch so „allgemein“ erscheinen (oder, nebenbei erwähnt, umgekehrt auch „ausgefallen“). Und es wird mir auch nie langweilig, weil auch für mich natürlich die gleichen Themen besondere Bedeutung haben – und so ist es auch für mich schön, mich immer wieder damit zu beschäftigen und dabei die verschiedensten Gedanken und Sichtweisen zu einem Thema zu entdecken. Dieses Format soll ja Interessierten genau dies sein: Eine Anregung zu eigenen Gedanken, eine Ergänzung oder eine initiale Ideengebung, um für eine Rede, einen Essay oder schlicht eigene private Gedanken Input zu bekommen. Also: Immer wieder gerne.

Die Liebe ist nach meiner Erfahrung die alles bestimmende Kraft auf Erden, die positive Energie, die nicht auszuradieren ist. Und wie trübe auch ein Herz gerade verhangen ist, eine Seele hadert: Dahinter ist bereits Lebensenergie am Werk, welche auch dieser Seele wieder Licht zuführen will. Liebe ist Lebenskraft, und jedes auf der Erde entstehende Leben ist mit ihr verwandt. Das Göttliche, das wir vermuten, von dem wir überzeugt sind oder dem wir uns verschliessen, oder an das wir nicht glauben können – es kann uns in der Liebe erreichen. In jener, die uns anspringt wie eine Verliebtheit, die einfach über uns kommt, unerwartet, plötzlich, unabwendbar, aufgesogen mit aller Vehemenz, mit der ein Herz klopfen kann, oder in derer, die uns in die Arme nimmt, wenn uns Fehler verziehen werden, Freundschaften neu aufblühen, Ehepartner sich stützen:

Die Liebe kann eine Kraft entfalten in uns, die nicht aufrechnet, nicht einfach antwortet, sondern getragen wird von einem Grundgefühl, einem Urvertrauen, dass es ein Zusammensein gibt mit jemand Besonderem – und ein Entdecken der eigenen Einzigartigkeit. Die Liebe mag heute auch chemisch bis neurologisch erklärt werden, die Wissenschaft mag von Botenstoffen reden und Synapsen, die uns Energien schenken – Tatsache bleibt, dass, wer liebt, unfassbar viel schenken und empfangen kann – mit einem Blick auf die Welt, welcher den Einklang, das Auskommen mit sich selbst, der eigenen Person, unserem Ich mit meint. Wir sind mehr als Atemzüge zwischen Leben und Tod. Und die Liebe erzählt uns davon.

23.Mai 2022, 19:00

10min schreiben über: Disziplin

Vielleicht kommen uns erst Situationen in den Sinn, in denen Disziplin eingefordert wird – in autoritären Verhältnissen, von Eltern, Trainern zum Beispiel. Doch in aller Regel braucht die Disziplin eine Motivation. Für einen Freigeist wie mich reicht ein Müssen nicht weit… es sei denn, ich setze dieses Müssen mir selbst.

Jeder Sportler, der Training braucht, benötigt Disziplin. Sie wehrt sich gegen Ablenkung, Trägheit. Sie überwindet den inneren Schweinehund. Sie kennt ein Ziel. Und in diesem Ziel einen Wert, den zu erreichen, zu erleben die Mühe lohnt. Disziplin hilft, Leere zu überwinden, Müdigkeit zu verdrängen, Kraft zu kanalisieren.

Disziplin hat scheinbar nichts Charmantes. Sie wirkt spröde, kasernistisch. Ist jemand diszipliniert, wird das anerkannt, vielleicht gar bewundert, aber für eine Person, die dabei stört und erlebt, dass sie nun gerade dafür zurück treten muss, ist das oft nicht so schön. Disziplin fällt also leichter, wenn Begleiter ihren Sinn teilen, wenn sie sehen, dass diese Disziplin hilft, einen Fokus zu setzen, eine Priorität zu befolgen, die einem Menschen hilft, ihm Identität gibt, einen Weg.

Disziplin freut sich über Unterstützung, doch sie muss aus dem Menschen heraus immer wieder gefunden werden, genährt, bekräftigt. Sie kann auch zu einer Identität werden, die ich vorschiebe: Wenn ich meine Morgenrunde nicht gejoggt bin, kann mein Tag nicht gut werden. Wenn ich heute nichts schreibe, wird mein Tag nicht vollendet sein. Disziplin schafft manchmal Serien. Einen Monat ohne „Ausfall“. Das macht es leichter, die Disziplin zu verlängern. Disziplin wirkt der Wankelmütigkeit vor. Aber keine Disziplin kann sich selbst genug sein. Denn nicht nur andere fragen nach dem Resultat. Wem tut sie gut, und wem nicht? Und warum?

07.April 2022, 16:20

Die Wahrheit in uns

Was, wenn alle Wahrheit, die wir erkennen können, bereits in uns angelegt ist? Wenn in unserer Tiefe, dort, wo wir nur selten hin gelangen, vielleicht auch, weil wir uns nicht trauen, eine Geborgenheit angelegt ist, in welcher wir immer ruhen können?

In meinem Umfeld reden wir manchmal vom Urvertrauen, und ich denke, das versuche ich einleitend zu beschreiben. Es ist eine Art Fügsamkeit gegenüber dem eigenen Schicksal, eine Demut, mit welcher wir die Angst vor der Zukunft ablegen können wie die Rastlosigkeit, etwas Nächstes und dann Übernächstes unbedingt erreichen zu wollen, zu müssen. Was macht mich aus? Was ist bestimmend für mein Leben? Wie viele Bedingungen stelle ich, um mein Leben schön zu finden, es annehmen zu können und zufrieden damit zu sein? Und wem will ich diese Bedingungen denn stellen? Eine Unzufriedenheit über andere, die „Gemeinschaft“, den „Staat“, die „Familie“ – beruht oft auf der Lernkurve, auf der wir erkennen, dass das, womit wir konfrontiert werden, nicht wirklich zu kontrollieren ist. Und wir alle wissen nicht, ob wir stets die richtige Strategie zur Hand haben, wenn wir uns bedroht fühlen werden.

Doch es gibt Menschen, an denen kann das Schicksal noch so sehr rütteln, kann ihnen so manches Unglück aufbürden – und sie werden dennoch Gutes in ihrem Dasein sehen, in ihrer Geschichte, in Erlebtem und Bestehendem – und sich nicht von der Angst vor der Zukunft auffressen lassen, sondern ganz bei sich bleiben oder zu sich finden.

Wenn mich jemand fragt, wer oder was Gott ist, dann antworte ich gerade spontan: Das Göttliche liegt in den Antworten, die Du auf die Fragen Deines Lebens finden kannst. Gott straft nicht. Die Schöpfung hat uns Menschen so erschaffen, dass wir in allem die Liebe finden oder sie gestärkt bewahren können. So unsäglich Vieles, das wir zu brauchen glauben, ist am Ende so leicht, dass es getrost fortgeweht werden kann. Was uns aber ausmacht, kann uns nicht genommen werden.

Nachrichtenlagen wie die aktuelle führen erst recht dazu, dass der Schrecken dominiert und damit das Zeugnis der Schlechtigkeit des Menschen. Doch auch wenn die vielen kleinen und grossen Geschichten der Nächstenliebe, der Nachbarschaftshilfe und des Lebensmutes kaum erzählt werden, so gibt es sie doch, und sie sind nicht auszulöschen. Sie finden überall statt, und die Tatsache, dass sie unterzugehen scheinen, ist nur ein vermeintlicher Sieg der Kriegsraserei, der Krankheit, der Pandemie. Denn tausendfach, millionenfach findet es immer wieder statt: Das Wunder der Barmherzigkeit, der Grossherzigkeit, des beherzten Mutes einer liebenden Seele, die Kraft eines Lebens, das sich getragen fühlt von guten Mächten. Vielleicht sind Zeiten wie diese heutigen unsere Gelegenheiten, zu überdenken, ob wir wirklich alles scheinbar Unwirkliche, Übersinnliche, Spirituelle belächeln sollen? Und ob es umgekehrt nicht persönlicher, individueller, realer zu erleben wäre als in einem Kurs, der gerade angesagt ist und den zu besuchen ja sicher nichts schaden kann?

Ein gebasteltes Patchwork, das gute Energien verspricht, muss sich am Ende auch einfach darauf besinnen wollen, was wir wirklich als unsere Wahrheit erkennen können. Das vermeintlich schreckliche an ihr ist nie das Ende, sondern der Anfang eines neuen, persönlichen Weges.

14.März 2022, 0:45

Die grosse fremde und die eigene kleine Welt

Mir ist nicht so ums Schreiben. Worte, die nicht in einem Brief oder in einer Nachricht direkt an einen Menschen gerichtet sind, scheinen gerade im allgemeinen Geschrei unter zu gehen.

Es ist ein Klagen spürbar, ein Hader, der zwischen Unwille und Unverständnis wabert. Was ist nur mit uns los? Jaaah, wir haben mit Krieg nichts am Hut, aber plötzlich auch nicht mehr so sehr mit Corona. Alles relativiert sich, aber auf den asozialen Medien ist immer eine Suppe am Kochen. Garantiert. Das Erschrecken über die plötzliche Nähe des Irrsinns ist gross, und gerade jetzt vermisse ich die leiseren Töne. Das Netz ist ein Ort der Parteien, der Debatten, der Anklagen und der Lügen. Allerdings scheint mir, dass mit dem Ukrainekrieg vermehrt erkannt wird, dass Manipulation und Information sehr oft nicht auseinanderzuhalten ist. Was also tun? Einen Schritt zurück machen und mehr darüber nachdenken, was denn für mein Leben wirklich Bedeutung hat? Was ist real, ist fassbare Wahrheit, was kann ich greifen und mit ein wenig Achtsamkeit gar beeinflussen?

Wie müssen diese Zeiten für die Kranken unter uns sein? Wie absurd mag ihnen manches Geschrei vorkommen und sie entsprechend anrühren, wie belastend kann es wirken, dass die Menschen aufsaugen, was in der Ferne geschieht oder sie irgendwann bedrohen könnte, während ihnen nahes Leid unangenehm ist? Dabei ist gerade da, wo ein grauer Schleier über der aufgehenden Sonne hängt, ein Lächeln ein Segen. Ein gutes Wort, ein Moment des Zuhörens, ein kleiner Schalk, ein Innehalten. Wir brauchen auch im Nahen, im Kleinen nicht immer Antworten haben. Aber einen Zustand einfach mal aushalten, eine Antwort auf unser „Wie geht’s?“ aufnehmen, wenn sie nicht so freudig klingt. Nachhören, noch nicht mal insistieren, drängen, aber einmal zeigen, dass die Welt, die grosse, weiter ziehen mag, während unser Platz gerade jetzt bei einfach einem Menschen ist – das ist schön. Das ist Leben. Wahrhaftige Bedrohungen machen uns empfindsam. Wer weiss, wie verletzlich er ist, steht einem tatsächlich Verletzten womöglich offener bei. Entrüstung und Empörung über die Welt da draussen sollte keinen Funken Energie verbrennen, den wir stattdessen für unsere kleine Welt verwenden können. In ihr entsteht das Lächeln, nährt sich die Liebe, wird Angst überwunden und Zuversicht geschöpft. Die Verzweiflung über „die Welt“ ist abstrakt, wirkt beinahe anmassend, wenn die Menschen um mich herum Probleme zu bewältigen haben, die ich sehr wohl sehen kann, wenn ich es will.

Und wenn aus dieser realen, unmittelbaren Welt ein Lächeln zurück kommt oder an mich heran getragen wird, dann geht die Sonne wirklich auf. Denn da gibt es ja noch meine innere Welt, und jede Hilfe, die mich Demut lehrt für das Glück und Kraft für die Bewältigung von Unglück, ist reales Erleben.

21.Februar 2022, 1:00

Wenn Stigmas sich auflösen

So viel in unserem Leben wird uns scheinbar hingeworfen, und während wir das Pech beklagen, sind wir uns des Glückes oft nicht bewusst. Wenn ich dann Erzählungen höre vom Aufwachsen von Kindern in fremden Ländern, sagt mir zwar mein Verstand, wie gut ich es doch getroffen habe, doch mein Herz berührt es nicht immer: Vielleicht zu oft gehört, zu oft gesehen? Was mich aber umhauen kann, sind Schilderungen vom Leben hier, bei uns, an meinem Platz – nur, sagen wir mal, eine Generation früher.

Wie war es schwer, das Thema Alzheimer zu benennen? Es war quälend schwierig, einen Angehörigen zu pflegen und die Contenance zu halten zwischen der Kaschierung der Verwirrung des Vaters oder der schieren Verzweiflung ob der Herausforderungen, welche die geistig abbauende Mutter an einen stellte. Alle überfordert, alle stigmatisiert, kein Verstehen zu erwarten, und Lösungen schon gar nicht.

Oder Autismus… Wie erklären und selbst verstehen, dass das Kind in einer eigenen Welt gefangen blieb, während wir von aussen aus es betrachten mit einer Mischung zwischen Faszination für bestimmte Auffassungsgaben und der Befremdung über die Blockade gegenüber jeder menschlichen Berührung… und dann legt eine Gesellschaft irgendwie den Schalter um, und scheinbar innert weniger Jahre gibt es plötzlich Kinofilme zum Thema Altersdemenz – und ganze populäre Serien, in denen Autisten eine markante Neben- oder sogar die Hauptrolle spielen. Und wo vorher Unwissen und Verdrängung oder einfach Nichtbeachtung war, eifern nun Hashtags in den asozialen Medien dem Phänomen nach, eifrig bemüht, etwas vom Trend mitzunehmen und Beachtung zu erhalten. Wie fragwürdig das auch sein mag, eindeutig kann man feststellen: Welch Laune des Schicksals, einen Angehörigen mit einer solchen Aufgabe zu versehen – und das nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Wie bizarr muss es sein, als Betroffener zurück zu blicken und sich zu fragen, wie viel leichter es gewesen wäre, auch als Pflegende und Begleiter genügend Kraft zu haben, wäre betroffenen Menschen schon damals menschlicher und verständnisvoller begegnet worden.

Und während wir als Gesellschaft auf den Wogen der Launen von Beachtung oder Ignoranz oder gar Stigmatisierung dahin dümpeln, wünsche ich Menschen, die gerade jetzt und heute einen solchen Kampf im Grau unserer Missachtung führen, dass wir alle, wenn wir mit uns Fremdem konfrontiert werden, einfach mal mutmassen, dass das störende Etwas, das bei einem mir bekannten Menschen nicht „funktioniert“, mehr eine Herausforderung für mein Unwissen ist als eine Zumutung. Jedes Stigma ist von Menschen gemacht. Und damit grausam.

09.Februar 2022, 0:20

Einzigartige müssen sich nicht vergleichen

In der Wirtschaft nach westlichem Vorbild dominiert das Konkurrenzdenken. Der Glaube an den Segen des freien Wettbewerbs ist ungebrochen. Die gesellschaftliche Facette, die daraus folgt, ist, dass wir uns immer wieder genötigt sehen, uns zu vergleichen. Damit kreieren wir Bedürfnisse, die wir für unser Glück nicht brauchten. Im Grunde machen wir Glück unmöglich, weil Glück kein Zustand ist, in dem uns noch etwas fehlt.

Unser Wirtschaftssystem ist exakt darauf ausgerichtet, diese neuen Bedürfnisse künstlich zu schaffen. Wir sprechen von unserem Wohlstand. Doch gemeint ist nicht, dass es uns wohl ist im Stand. Im Status Quo. Du sollst mehr wollen, mehr ausgeben. Wir messen uns mit dem Nächsten, und es ist, leider, sehr wichtig, was wir haben. Und so verkehren wir, je älter wir werden, um so mehr, in Kreisen, die ähnlich „unterwegs“ sind wie wir selbst. Wir haben keinen Blick für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Wir könnten fragen: Was kann mir der nächste Mensch heute geben, beibringen, zeigen, wofür ein Beispiel sein? Wir könnten der Frau an der Kasse in die Augen sehen, statt stumpf an ihr vorbei. Nur wenn ich den Menschen anschaue, kann ich das Geschenk seines Lächelns empfangen – und es zurück geben.

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem die Tatsache, dass andere mehr hatten, immer wieder eine Herausforderung war. So waren Momente, in denen es gelang, sich auf sich selbst und seinen Wert zu besinnen für Viele um mich herum viel zu selten. Dabei ist es für jeden Menschen gültig und wichtig, sich sagen zu können:

Ich bin einzigartig.

Ich lernte eben früh sehr viele Menschen kennen, die ihr Leben als Begegnung mit anderen verstanden: Das Gegenüber hatte was zu sagen. Ich war jemand, den zu entdecken sich lohnte. Ich wurde gehört. Und gesehen.

Ich hatte in meinem Leben viel Glück – ganz sicher mehr als andere. Ich bin nicht einzigartiger als sie. Aber es hilft keine Beteuerung, nur das Beispiel. Der offene Blick, das ehrliche Wort, die lebendige Neugier, das achtsame Interesse. Wirklicher Reichtum liegt in der Herzwärme einer Begegnung. Über alle Zäune und Vergleiche hinweg, auf Augenhöhe.

04.Januar 2022, 17:00

Für jeden neuen Tag

Das Alte wird nicht einfach neu. Aber wir können uns neu damit beschäftigen.

Das Neue Jahr hat einfach so begonnen, wie das alte einfach so verging. Nichts macht einen Tag besonders als die Bedeutung, die wir ihm selbst geben. Und wir allein sind es, die ihm seinen Gehalt geben – oder ihn erkennen. Wie auch immer ihr gefeiert habt, wo auch immer ihr sein durftet. Es gab da einen warmen Ort. Eine Bleibe. Womöglich gar ein Daheim. Zur Zeit reden Andere mit, wer dazu gehört und wer nicht. Familien haben nicht nur die normale Herausforderung von Weihnachten hinter sich – und sie hoffentlich gelöst bekommen. Schlussendlich sind die meisten Seelen auf Begegnungen angewiesen, auf Impulse, die, aus Liebe erzeugt werden, gegeben und empfangen.

Nun ist es da, das Neue Jahr. Es hat keine Gespenster verscheucht, kein Problem vergessen. Aber es ist auch eine neue, eine weitere Chance, jedes einzelne Problem neu zu betrachten, und es endlich einzuordnen. Wir Alle neigen dazu, die EINE Sache oder eine Überzeugung über anderes und Andere zu stellen. Wir laden auf mit Emotionen, wir vertreten Meinungen mit dem Anspruch, die Ja- und Neinsager entsprechend zu bewerten. Dabei könnten wir doch ganz aktuell lernen, wie begrenzt unser Wissen ist, und dass zum Lernen die Erkenntnis gehört, dass es eine Gnade ist, auch mal auf einen früheren Punkt zurück kommen zu dürfen. Wenn es in einer Diskussion darum geht, Sieger und Verlierer zu generieren, gewinnt niemand wirklich. Wir gehören dann einfach dazu oder zu den anderen.

Die grösste Herausforderung ist es, den Respekt zu bewahren. Nur wenn wir den aufbringen, hören wir auch wirklich noch zu. Und auch wenn wir es manchmal nicht glauben mögen – Grund zuzuhören und nachzudenken haben wir alle weiterhin. Und das wird uns bleiben. Immerhin. Und glücklicherweise. Für ein gutes Neues Jahr.

06.Oktober 2021, 2:30

Angst zulassen, überwinden, Ruhe finden

Es sind nervöse Zeiten. Doch es ist mir gelungen, mich zurück zu nehmen. Ich habe verstanden, dass die Unruhe nur Raum bekommt, wenn ich mich ihr ausgeliefert fühle. Statt die Welt zu verändern, versuche ich nun, bei mir selbst zu bleiben. Ich begreife die Unruhe, die an mich heran getragen wird, als Chance. Und ich verstehe sie auch besser, denn sie hat einen Treiber, der quält: Eine diffuse Angst treibt die Menschen um, nicht an. So viele Menschen hatten Angst vor Terroranschlägen. Nun haben sie Angst vor Corona. Menschen scheinen Sicherheit zu wollen, nicht Freiheit.

Wir wollen uns sicher fühlen, die Gefahr weg haben. Wir fahren täglich Auto, ohne Angst vor einem Unfall zu haben. Und manchmal wird uns bewusst, wie wunderbar unsere Mobilität ist. Wenn wir sie geniessen, ist das eine bewusste Wertschätzung unserer Freiheit. Wenn uns nun jemand sagt, dass wir jedes Mal, wenn wir uns in den Verkehr begeben, wir unser Leben riskieren, so zucken wir mit den Schultern. Die Gefahr ist es wert, die eigene Erfahrung ist gut. Für die meisten von uns. Ich bin sicher, Viele von Euch kennen jemanden, der das Motorradfahren nach einem schweren, aber gut ausgegangenen Sturz aufgegeben hat. Oder das Rauchen, weil der Husten doch nicht sein muss, oder der Geruch in den Kleidern. Was weiss ich. Die Argumente sind immer persönlich – und dürfen es bei diesen Themen noch sein.

Ich lebe in einer behüteten Welt, der besten, die je eine Generation auf unserem Kontinent erlebt hat, aber es ist, als wäre unser Glück für uns zuviel. Die Sicherheit, die wir suchen, nimmt uns einen Teil dieses Glücks. Sie soll das Glück festhalten, aber Glück lässt sich nicht garantieren. Je unfreier wir werden, um so schwerer ist es für das Glück, uns zu beschenken. Und Angst macht Glück unmöglich.

Wenn wir krank werden, sind wir mit der Flüchtigkeit des Glücks konfrontiert und müssen uns mit Bedrohung auseinandersetzen, oder zumindest mit Mühsal und Schmerzen. Doch sehr oft gelingt es, gerade dann Gelassenheit zu lernen und ein Gespür dafür zu bekommen, dass alles bewältigt werden kann, wenn sich unsere eigene innere Ruhe finden lässt. Ich glaube, dass wir sie alle in uns tragen und sie einen grossen Schatz darstellt – den grössten, den wir überhaupt haben. Diese Ruhe erzählt davon, dass ein jeder Weg, den wir gehen müssen, Schicksal ist – doch ich brauche dafür lieber das Wort Geschick. Mein Fährtenlenker schickt mich auf einen Weg, der mir bestimmt ist, von dem er aber auch weiss, dass ich ihn gehen kann. Erkennen ist dabei jeden Tag möglich. Lernen. Begreifen. Demut. Freude an Geschenktem. Das scheinbar Selbstverständliche wird Besonders, das Unverständliche kann stehen bleiben. Es wird sich alles zeigen, was ich brauche, was ich kann. Und was ich muss, werde ich schaffen, ohne dass ich sicher sein kann, dass ich dabei nicht auch ganz viel Angst werde überwinden müssen. Für mich. Ganz persönlich. Helfen werden mir Menschen, die ich begleiten durfte, die mir entsprechende Haltung vorgelebt haben, mit dem besonderen Lächeln, das Wahrhaftigkeit in seinen Zügen trägt. Und Menschen, welche mir diese Begleitung schenken. Wir Menschen können ganz bewusst Ja sagen zu unserem Dasein – und auch zu seiner Gefährdung.

Mein Leben ist gewollt, mein Sterben wird es auch sein. Und Beides ist gut so, wie es ist und sein wird.

Dass wir Menschen heute ohne Jenseitsvorstellung leben, mag manchen als persönliche Befreiung von religiösem Firlefanz gelten – der Umgang mit dem eigenen Ende bleibt eine Aufgabe, die deswegen nicht kleiner und weniger lohnend geworden ist.

Und wenn wir um das Ende von Corona ringen oder das, was wir dafür halten, und wenn wir darum streiten, wer was wie mitmachen soll und muss, sind alle diese persönlichen Fragen auch mit dabei – doch bitte irgendwann. Nicht jetzt. Noch lange nicht. Dabei machen sie, wenn wir sie zulassen, jeden Tag lebendiger und den Umgang mit uns Allen verständnisvoller.

25.September 2021, 7:11

Wider die Angst

Wenn die Angst uns packt,
das Herz uns in die Hose sackt,
das Denken kreist und schreit,
nur die Flucht uns noch befreit.

Wer uns nun Schutz verheisst,
den Weg ans Licht uns weist,
kann alles von uns kriegen,
mag er nur die Furcht besiegen.

Was uns Angst macht ist die Kunde
möglicher Not in eigner Runde.
Wir leben sicher und auch satt,
im Paradies, das kein Ende hat.

Wird uns Sicherheit genommen,
taumeln wir sofort benommen,
durch den Aufruhr der Gefühle,
im Kopf ein einziges Gewühle.

Die Angst, die uns so sehr bestimmt
uns Allen unsren Frieden nimmt.
Sie überwinden kann gelingen,
wenn wir um Balance ringen.

Nicht nur andre überzeugen,
uns auch in Demut selber beugen,
die Angst als Lehrerin begreifen,
um sie persönlich abzustreifen.

Der Weg ins Licht ist eigen,
persönlich gehbar in dem Reigen
eigener Gelassenheit im Fragen
und von Demut still getragen.

Fragen bleiben, Unbehagen auch,
ein nervöses Flirren tief im Bauch.
Wir reden einander ins Gewissen,
doch niemand hat das letzte Wissen.

Das Ziel bleibt doch am Ende,
dass alles sich zum Guten wende,
wenn wir Unsicherheit aushalten,
und unsren Frieden uns erhalten.

Wir werden alles überstehen,
Licht am Tunnelende sehen.
Versuchen wir, uns zu verstehen.
Lernen wir, uns neu zu sehen.