Ressort: Lebenskunst(Weitere Infos)

06.Oktober 2021, 2:30

Angst zulassen, überwinden, Ruhe finden

Es sind nervöse Zeiten. Doch es ist mir gelungen, mich zurück zu nehmen. Ich habe verstanden, dass die Unruhe nur Raum bekommt, wenn ich mich ihr ausgeliefert fühle. Statt die Welt zu verändern, versuche ich nun, bei mir selbst zu bleiben. Ich begreife die Unruhe, die an mich heran getragen wird, als Chance. Und ich verstehe sie auch besser, denn sie hat einen Treiber, der quält: Eine diffuse Angst treibt die Menschen um, nicht an. So viele Menschen hatten Angst vor Terroranschlägen. Nun haben sie Angst vor Corona. Menschen scheinen Sicherheit zu wollen, nicht Freiheit.

Wir wollen uns sicher fühlen, die Gefahr weg haben. Wir fahren täglich Auto, ohne Angst vor einem Unfall zu haben. Und manchmal wird uns bewusst, wie wunderbar unsere Mobilität ist. Wenn wir sie geniessen, ist das eine bewusste Wertschätzung unserer Freiheit. Wenn uns nun jemand sagt, dass wir jedes Mal, wenn wir uns in den Verkehr begeben, wir unser Leben riskieren, so zucken wir mit den Schultern. Die Gefahr ist es wert, die eigene Erfahrung ist gut. Für die meisten von uns. Ich bin sicher, Viele von Euch kennen jemanden, der das Motorradfahren nach einem schweren, aber gut ausgegangenen Sturz aufgegeben hat. Oder das Rauchen, weil der Husten doch nicht sein muss, oder der Geruch in den Kleidern. Was weiss ich. Die Argumente sind immer persönlich – und dürfen es bei diesen Themen noch sein.

Ich lebe in einer behüteten Welt, der besten, die je eine Generation auf unserem Kontinent erlebt hat, aber es ist, als wäre unser Glück für uns zuviel. Die Sicherheit, die wir suchen, nimmt uns einen Teil dieses Glücks. Sie soll das Glück festhalten, aber Glück lässt sich nicht garantieren. Je unfreier wir werden, um so schwerer ist es für das Glück, uns zu beschenken. Und Angst macht Glück unmöglich.

Wenn wir krank werden, sind wir mit der Flüchtigkeit des Glücks konfrontiert und müssen uns mit Bedrohung auseinandersetzen, oder zumindest mit Mühsal und Schmerzen. Doch sehr oft gelingt es, gerade dann Gelassenheit zu lernen und ein Gespür dafür zu bekommen, dass alles bewältigt werden kann, wenn sich unsere eigene innere Ruhe finden lässt. Ich glaube, dass wir sie alle in uns tragen und sie einen grossen Schatz darstellt – den grössten, den wir überhaupt haben. Diese Ruhe erzählt davon, dass ein jeder Weg, den wir gehen müssen, Schicksal ist – doch ich brauche dafür lieber das Wort Geschick. Mein Fährtenlenker schickt mich auf einen Weg, der mir bestimmt ist, von dem er aber auch weiss, dass ich ihn gehen kann. Erkennen ist dabei jeden Tag möglich. Lernen. Begreifen. Demut. Freude an Geschenktem. Das scheinbar Selbstverständliche wird Besonders, das Unverständliche kann stehen bleiben. Es wird sich alles zeigen, was ich brauche, was ich kann. Und was ich muss, werde ich schaffen, ohne dass ich sicher sein kann, dass ich dabei nicht auch ganz viel Angst werde überwinden müssen. Für mich. Ganz persönlich. Helfen werden mir Menschen, die ich begleiten durfte, die mir entsprechende Haltung vorgelebt haben, mit dem besonderen Lächeln, das Wahrhaftigkeit in seinen Zügen trägt. Und Menschen, welche mir diese Begleitung schenken. Wir Menschen können ganz bewusst Ja sagen zu unserem Dasein – und auch zu seiner Gefährdung.

Mein Leben ist gewollt, mein Sterben wird es auch sein. Und Beides ist gut so, wie es ist und sein wird.

Dass wir Menschen heute ohne Jenseitsvorstellung leben, mag manchen als persönliche Befreiung von religiösem Firlefanz gelten – der Umgang mit dem eigenen Ende bleibt eine Aufgabe, die deswegen nicht kleiner und weniger lohnend geworden ist.

Und wenn wir um das Ende von Corona ringen oder das, was wir dafür halten, und wenn wir darum streiten, wer was wie mitmachen soll und muss, sind alle diese persönlichen Fragen auch mit dabei – doch bitte irgendwann. Nicht jetzt. Noch lange nicht. Dabei machen sie, wenn wir sie zulassen, jeden Tag lebendiger und den Umgang mit uns Allen verständnisvoller.

25.September 2021, 7:11

Wider die Angst

Wenn die Angst uns packt,
das Herz uns in die Hose sackt,
das Denken kreist und schreit,
nur die Flucht uns noch befreit.

Wer uns nun Schutz verheisst,
den Weg ans Licht uns weist,
kann alles von uns kriegen,
mag er nur die Furcht besiegen.

Was uns Angst macht ist die Kunde
möglicher Not in eigner Runde.
Wir leben sicher und auch satt,
im Paradies, das kein Ende hat.

Wird uns Sicherheit genommen,
taumeln wir sofort benommen,
durch den Aufruhr der Gefühle,
im Kopf ein einziges Gewühle.

Die Angst, die uns so sehr bestimmt
uns Allen unsren Frieden nimmt.
Sie überwinden kann gelingen,
wenn wir um Balance ringen.

Nicht nur andre überzeugen,
uns auch in Demut selber beugen,
die Angst als Lehrerin begreifen,
um sie persönlich abzustreifen.

Der Weg ins Licht ist eigen,
persönlich gehbar in dem Reigen
eigener Gelassenheit im Fragen
und von Demut still getragen.

Fragen bleiben, Unbehagen auch,
ein nervöses Flirren tief im Bauch.
Wir reden einander ins Gewissen,
doch niemand hat das letzte Wissen.

Das Ziel bleibt doch am Ende,
dass alles sich zum Guten wende,
wenn wir Unsicherheit aushalten,
und unsren Frieden uns erhalten.

Wir werden alles überstehen,
Licht am Tunnelende sehen.
Versuchen wir, uns zu verstehen.
Lernen wir, uns neu zu sehen.






21.September 2021, 0:20

Die Sache mit dem „Ja, aber…“

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Es ist nicht einfach, einander zuzuhören. Eine Meinung stehen zu lassen. Irrglaube und Irrmeinung muss doch korrigiert werden! Sofort! In der (auch privaten) Debatte über politische Inhalte ist der Widerspruch, der Diskurs ja auch eine Art Programm. Dennoch reden wir so oft an einander vorbei, nicht wahr? Und da ist auch diese feine Art der verweigerten Einlassung, wenn uns unter lieben Menschen ein Gefühl angezeigt wird, das, wie wir finden, nicht sein kann oder darf. Verzagen ist nicht, Aufgeben eh nicht, und also wischen wir weg, was nicht sein soll. Und dabei gelingt es uns sogar, uns gut dabei zu fühlen, weil wir ja vorsagen, was stattdessen zu sehen und zu tun ist.

Das mit dem Zuhören ist in unserer Gesellschaft so eine Sache. Mag sein, dass das nie einfach war und schon immer eine Kunst, aber in Zeiten von Social Media scheint es echt verloren zu gehen. Und die Kakophonie der Meinungen auf allen Kanälen verführt erst recht dazu, sich die Schlagworte rauszusuchen, die einem richtig erscheinen, und dann mit dem gleichen #Hashtag hinterher zu reden. Nein. Zu schreien. Sich empört zu geben. Wohin wir uns als Gruppe begegnen, ist immer seltener eine Frage der Argumente als der Lautstärke – und dass wir dabei sein wollen in der Gruppe ist klar, denn sie verspricht in der Zustimmung Halt und Stärke. Eine andere Meinung wird aufgedeckt, erkannt, ist blitzschnell zu verorten: Das ist „Eine von Denen“, oder „noch so ein Spinner“ oder „ein Verblendeter“. Bis zur „Verlorenen“ ist es dann nicht mehr weit.

Zugehört hat man dabei kaum je, mitgefühlt erst recht nicht. Stattdessen wird eine Vernunft aufgerufen, die ihrerseits auf Abwägungen basiert. Die Mehrheit hat es immer leicht, sich „recht“ zu fühlen und agiert darin sehr oft ungerecht, ohne dass es sie zu scheren bräuchte, denn die andern haben selber Schuld, sind schuld.

Fronten bewegen sich nicht aufeinander zu, es sei denn, um zu schlagen. Im besten Fall verharren sie. Am Grund des Übels gab es und gibt es keinen Meinungsaustausch. Alles wird sofort verortet. Schublade auf und Schublade zu. Vielleicht hat man mal Argumente und passende Fakten oder vorläufige Erkenntnisse aufgereiht und angeführt, und im besten Fall beginnt unsere Antwort als Reflex mit:

Ja, aber…

Dabei gibt es keine mächtigere Pause als jene vor einer Antwort, wenn man denn eine Chance zu einem Gespräch bekommt und wahrnehmen kann. Man darf einfach keine Angst vor dieser Pause haben. Sie hat ja durchaus das Potenzial, dass Gesagtes Nachwirken kann – aber auch, dass die eigene Antwort ruhiger und gerundeter daherkommt. Und was ist denn das Ziel? Die unmittelbare Bekehrung? Der Sieg in einer Diskussion, welche beide Seiten wahrscheinlich nicht zum ersten Mal führen? Ein wirklicher Austausch von Meinungen ist eine Chance, die andere und die eigene Position besser zu verstehen. Das Gegenüber hilft mir, zu verstehen und zu lernen – und auch bei Unverständnis wächst zumindest die eigene Informationsfülle. Wenn ich kein Gefühl für die Menschen mit anderer Meinung bekomme, kann ich nicht erwarten, dass sie umgekehrt mir zuhören, weil ich einfach schlicht so brillant bin.

Mit dem Ja, aber schnappe ich ein, hake ich ein, gehe ich sogleich in den Widerstreit. Das mag ja ein rhetorisches Gefecht geben, aber mit rauchenden Colts wird hier niemand aus dem Feld geschlagen. Wir leben miteinander. So ist es gedacht, und so müssen wir es versuchen, wenn wir Frieden erhalten oder schaffen wollen.

Wenn eine oder einer unserer Lieben erkennen lässt, dass er den Mut verliert, ihn eine Lebenssituation überfordert, wenn ein junger Mensch trübsinnig oder ein alter Mensch lebensmüde wird, sich entsprechend äussert, und wir antworten mit

Ja, aber

haben wir das Ja tatsächlich schon übersprungen. Wir zeigen, dass wir es nicht fühlen. Und tatsächlich werden alte Menschen inmitten ihrer Familie oft noch einsamer, wenn ihnen ihre Herausforderung nicht zugestanden werden kann – und nur eine positive Reaktion auf die Trübsal erwartet wird. Wir schwingen uns auf in eine Position, die ein Stück weit eine Anmassung ist, und was wir gut zu meinen glauben, hat mehr damit zu tun, dass wir das Thema, das den lieben Menschen am meisten beschäftigt, im Grunde scheuen. Doch da ist ganz viel Chance drin für uns alle. Denn wie geschrieben: Es sind liebe Menschen, um die es geht und denen wir auch lieb sind. Also, einfach mal

Ja

sagen und lauschen, wie es klingt, mit aller Hilflosigkeit, die dazu gehören kann. Und aus dem gezeigten Verstehen wird womöglich ein Weg, der zusammen gegangen werden kann, ein Vorleben und Mitnehmen, welches die Tage allen nochmals heller macht.

Tatsächlich ist im Umgang mit nahen und fremden Menschen Empathie eine Kunst, die es erlaubt, mit der Meinung und Empfindung der andern auch den Menschen selbst stehen lassen zu können. Abwenden kann ich mich immer noch. Aber dann weiss ich, dass damit rein gar nichts gewonnen ist.

27.August 2021, 2:30

Liebe Geimpfte

Ich bin in diesem Text bewusst und noch mehr als sonst persönlich. Dies einfach deshalb, weil ich feststelle, dass eine objektive Diskussion der Pandemie zur Zeit kaum mehr möglich ist. Und weil ich immer wieder erfahre, dass wir urteilen, ohne Hintergründe zu kennen. Und auch dabei meine ich persönliche. Umstände und- eben – auch Gedanken.

Der Graben in unserer Gesellschaft hat sich aufgetan. Haben wir über die Einschätzungen zu Corona noch so was wie diskutiert, so ist das bei der Kontroverse um die Impfung scheinbar nicht mehr möglich. Der besagte Graben zwischen Geimpften und Ungeimpften verläuft teilweise mitten durch Familien, Freundschaften, Vereine. Und es scheint nurmehr zwei Kategorien zu geben: Die Geimpften sind die Solidarischen – die Ungeimpften die Schmarotzer.

Die Frage des richtigen Verhaltens zum Wohl der Gesellschaft hat sich auf zwei Pieks reduziert. Dabei müssten wir uns doch alle, mit oder ohne Pieks, nach wie vor fragen lassen, wie wir es denn halten in unserem Alltag mit den Anpassungen an die scheinbar so evident bedrohliche Lage?

Wie Viele von uns sind gepiekst aufgebrochen in die Ferien, in den Süden, den Osten, haben Verwandte besucht oder Freunde, haben Dolce Vita genossen, endlich ein wenig Normalität, haben gefeiert und uns gefreut über die laschen Kontrollen oder gar keine, sind mit dem Auto mehrmals über die Grenzen gefahren, ohne je den ominösen Fackel vorzeigen zu müssen. Alles nicht so schlimm oder praktisch überstanden – und jetzt?

Die Empörung über die Ungeimpften ist gross, und diese sehen sich verallgemeinert als Querschläger und Querulanten, Schwurbler und ewig gestrige Globuliphantasten gebrandmarkt. Angesichts der Tatsache, dass das Virus von Allen mit oder ohne Pieks weiter gegeben werden kann, fragt niemand danach, wer denn wie viele Sozialkontakte hat und sich, ungeimpft, womöglich aus freien Stücken schon ein gutes Stück weit defensiver in der Anzahl seiner Begegnungen verhält als seine Mitmenschen. Bin ich, ungeimpft, mit durchschnittlich vielleicht fünf bis zehn Sozialkontakten pro Woche und einem Restaurantbesuch alle vierzehn Tage das grössere Risiko für eine Ansteckung als jemand Geimpfter mit hunderten davon (in entsprechenden Berufen oder dem häufigen Aufenthalt in geschlossenen Räumen) und einem Clubbesuch pro Monat?

Ich kann mit den Einschränkungen für den Besuch von Massenveranstaltungen leben. Womit ich nicht (gut) leben kann, ist mit der Tatsache, dass der Eingriff in meine körperliche Integrität staatlich verordnet werden soll – für einen Vorgang, über dessen Risiken für mögliche Langzeitfolgen niemand wirklich schon Bescheid wissen kann. Die Gesellschaft trifft mit Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung und ihrem vorläufigen Erkenntnisstand einfach eine Risikoabwägung – die nicht meine eigene sein muss. Ich erwarte Euren Respekt für das Risiko, das ich selber zu tragen bereit bin. Dass sich die meisten von Euch haben impfen lassen, um sich vor der Krankheit zu schützen, kann ich verstehen. Auch verstehe ich, dass viele sich impfen lassen, weil sie beruflich viel reisen müssen und es ansonsten furchtbar mühsam ist. Gleichzeitig ist mir unwohl, dass die Abwägung, ob man die Impfung will oder nicht, für manche von uns mit sehr viel mehr im Alltag entstehendem Druck verbunden ist als für andere. Denn, nochmals, es ist eine höchst persönliche Entscheidung.

Nun bin ich also für Euch noch immer ein Risiko. Ich kann Euch trotzdem mit Covid anstecken, auch wenn Ihr weniger schwer krank werdet, und ich kann von Euch angesteckt werden und die Ansteckung weiter geben. Vor allem aber bin ich bin ein Kostenfaktor und ein möglicher Spitalengpassverursacher zu Lasten moralisch integrerer Patienten. Denn wenn ich, trotz sehr selektiver Kontakte mit Corona angesteckt werde, früher oder später, egal in welcher Welle, kann es sein, dass ich ein Spitalbett belege. Die Chance, dass ich die Krankheit überstehe, ohne auch nur in die Nähe eines Spitals zu müssen, ist zwar viel höher, aber tatsächlich kann ich es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschliessen. Dass ich in keinem Fall intubiert werden will und daher wegen Covid kaum je ein Intensivbett belegen würde, beeinflusst hier nur meine persönliche Ratlosigkeit angesichts der bedingungslosen Bereitschaft, für ein Überleben egal welcher Qualität einfach alles vorgekehrt bekommen zu wollen. Aber diese meine Haltung müsst Ihr mir ja nicht glauben, denn ich muss sie gerade glücklicherweise ja nicht beweisen.

Entgegen anderer Berichte, die ich in diesen Wochen vermehrt lesen kann, glaube ich nicht daran, dass ich als Patient auf Ressentiments der Pflegenden stossen würde. Pflegefachkräfte, die ihren Beruf mit dem Gedanken ausüben, dass der Mensch, der vor ihnen liegt, im Grunde selbst schuld an seiner Lage ist, haben den inneren Spirit ihrer Berufung eingebüsst und müssen den Beruf schnellstens wechseln – und niemand von uns muss Angst vor einer solchen Haltung haben – ganz egal, welche Art von Risiko wir selbst zu verantworten haben, wenn wir sterbenskrank werden. Würden wir diese Grenze wirklich überschreiten und diese Art von Bewertungen vornehmen, so haben wir als humanitäre Wesen wie als Gesellschaft endgültig die Empathie verloren. Was es bedeuten würde, diese Folgen zu tragen, sollte niemand von uns unterschätzen. Die Raucher unter uns, zum Beispiel, können erahnen, welche Dynamik das annehmen kann, denn sie haben in den letzten Jahrzehnten erlebt, wie der Wind drehen kann. Und auch dieser Wind könnte bis ins Spital weiter getragen werden…

Natürlich habe ich Wünsche, aber sie sind in der Weise wohl zu fromm, wie Fromm heute noch verstanden werden kann – nämlich unrealistisch:

Ich wünschte tatsächlich, dass die Pflegeberufe ernster genommen würden – mit verbesserten Löhnen, Arbeitszeitregelungen und explizit im Bereich der Auslastung der IPS (Intensivpflegestationen) mit Ausbildungsprogrammen, welche die Erkenntnisse der ersten Welle der Pandemie zum Anlass nehmen, mehr Personal zu schulen – wenn es getan wird, dann wird davon nicht berichtet, womöglich, um keine „falschen Signale“ zu senden. Und ich wünschte, die Optimierung der Auslastungen von IPS würden weniger unter wirtschaftlichem Druck stehen in Zeiten wie diesen, was dann zu mehr Überhang der Kapazitäten in ruhigeren Phasen führen würde – DAS wären Kostenfaktoren unseres Gesundheitswesens, die unsere Gesellschaft, bezeugt mit ihrem Verhalten, doch eindeutig zu tragen bereit wäre.

Und ich wünschte, die Berichterstattung über alle Aspekte von Covid in unserer Gesellschaft hätte weniger Filter vorgesetzt: Darf die Tatsache, dass ein Grossteil der Covidpatienten Migranten sind, erwähnt werden? Darf darüber berichtet werden, wie gross der Anteil der schweren Fälle unter den Menschen ist, die aus dem Balkan zurück gekehrt sind? Wir wären dann auch hier wieder bei der Empathie, die uns nicht mehr zugetraut wird: Empörung, Klassifizierung, Unruhe wird bei uns eher vermutet als der schlichte Versuch, dem Phänomen mit Aufklärung zu begegnen – und mit Massnahmen, die auch diese Menschen besser schützen.

Womit noch festzustellen bleibt, dass auch und gerade in dieser Pandemie nicht Geimpfte oder Ungeimpfte wirklich die Arschkarte gezogen haben, sondern die wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen, die von Lockdowns, Homeschooling und Covid-Gesundheitsrisiken viel negativer betroffen sind als der Durchschnitt all jener, die diese Zeilen lesen. Und da wäre es vielleicht angebracht, sich auch nochmals die Frage zu stellen, ob es uns nicht zu denken geben müsste, dass die in unserer Gesellschaft mittlerweile komplett fehlende Resilienz gegenüber jeder Art von Bedrohung des Lebens um so heftiger auf die Schwächeren zurückfällt. Denn unsere Massnahmen bedingen Wohlstand – dazu passt, dass auch heute auf tausend Stimmen in unserer Presse, welche sich Gedanken über die Verbesserung unserer Impfquote machen, vielleicht eine kommt, welche die Scheinheiligkeit unseres Rufs nach Solidarität brandmarkt angesichts der Tatsache, dass unsere Thematik an der Landesgrenze aufhört und wir bestens damit leben können, dass Impfstoffe woanders dringend gebraucht würden. Denn wenn wir so dringend Impfung wünschen, müsste sie doch Allen zustehen, nicht wahr?

23.Juni 2021, 2:00

Das Virus und Brock

Brock läuft durch die Strassen, vorbei an leeren Gesichtern hinter Masken. Und die Gesichter ohne Masken sind grau. Er hat das Virus nicht, und doch hat es ihn im Griff, weil es uns alle im Griff hat. Brock war schon immer viel allein, aber lange nicht mehr so oft einsam. Während die Menschen nach der Leichtigkeit haschen, möchte Brock endlich wieder jene Schwere fühlen, die ihm zeigt, dass die Erde anzieht, ihn hält. Er versucht, bewusst zu atmen, und seine Schritte werden langsamer und kürzer. Er sucht nichts mehr in den vorbei huschenden Gesichtern. Er sucht Brock.

Er denkt an den kleinen Jungen und auch an den Teenager, der niemals Zärtlichkeit zwischen Mama und Papa beobachten konnte. Als ihm das bewusst geworden war vor vielen Jahren, hatte er das Gefühl, in einem schwarzen Nichts zu versinken. Wenn die Seele so friert, will sie lieber wieder vergessen. Aber Erinnerungen sind dazu da, eine liebevolle Beobachtung zu versuchen, auf dass der Vergangenheit eine neue Gegenwart folgen kann: Brock betrauert nicht mehr den kleinen Jungen in ihm, aber er wird immer den Schmerz der Zurückweisungen und Frustrationen seiner Eltern fühlen. Noch jetzt kann er die wortlose Verzweiflung fühlen, in welcher Mutter und Vater gefangen blieben, ein Leben lang. Das Virus hätte das nicht geändert. Vielmehr wäre es wohl unerträglich geworden. Für wen zuerst?

Brock kann nicht eine Person nennen, die ihm die Kraft gegeben hat, Gefühle, Zärtlichkeit, Zuneigung und Berührung nicht einfach als Sehnsuchtsgüter zu verstehen sondern ihr Geben und Nehmen zu üben, zu lernen, zuzulassen und zu erfahren, dass dies Güter sind, die jenseits von richtig und falsch einfach unser Leben ausmachen, und damit das Miteinander und unser Dasein mit uns selbst. Brock begreift, so, wie er gerade einen Fuss vor den anderen setzt, dass es gerade die Vielzahl der Begegnungen ist, welche ihn befähigten, das eigene innere Licht zu sehen und leuchten zu lassen.

Brock weiss, dass es seine grösste und wichtigste Aufgabe bleibt, erfahrene Nähe, empfundene und empfangene Liebe in jener Seelentiefe Raum zu geben, in welcher sein Grundvertrauen nur darauf wartet, weiter gestärkt zu werden. Seine Seele will und darf die Enge sprengen, die Liebesworte seiner ihn Liebenden dürfen seine Gewissheit werden. Jedes scheinbar zufällig gehörte oder gelesene liebe Wort hat seine Botschaft für ihn, für Brock. Gelebte, empfundene Liebe und Zuneigung klopft immer bei der eigenen Seele an und fragt: Na, bist Du auch gut zu Dir selbst? Und tut Dir selbst gut, was du machst, gibst, empfängst? Je liebevoller und gütiger Brock an seine Eltern, überhaupt an Menschen denken kann, um so liebevoller ist auch sein Blick auf sich selbst.

Brock lernt. Er weiss, dass er damit niemals „durch sein wird“. Aber es ist schön. Und wenn Momente des Alleinseins Einsamkeit in sich tragen, so kann er sie willkommen heissen, weil sie ihn frei von Ablenkung machen können. Um einen Gedanken fest zu halten, eine Dankbarkeit zu fühlen, einen nächsten Schritt zu machen. Brock will sich weiter begegnen, sich fühlen. Und so wird er auch Menschen begegnen. Er hat unwillkürlich die Maske abgenommen und achtlos in die Hosentasche gesteckt, und eine Frau, die vorbei eilt, lächelt ihn an. Sie gibt ihm zurück, was er ausstrahlt.


Alles, was Brock umtreibt, was ihn beschäftigt, worin er Hilfe sucht und Hilfe schenken kann, ist ein Teil unserer Lebenskunst, die sehr viel mit unserem persönlichen Glück zu tun hat, mit der Qualität und Tiefe unserer Beziehungen, mit der Art und Fähigkeit, Liebe gedeihen lassen zu können. Ganz viel von dem haben wir Corona geopfert. Wir haben pausiert. Einschränkungen auf uns genommen.

Wie viele Menschen haben wir in der Zeit ein Stück weit verloren, weil sie eine andere Einstellung zu den offenen Fragen hatten oder haben, und wir es nicht schaffen, NICHT nur in Schwarz oder Weiss zu denken? Wir teilen Menschen ein in vernünftig und verleitet. In verantwortungsbewusst und fahrlässig. Wir unterstellen Dummheit, wo Unsicherheit herrscht. Nach allen Seiten, damit wir uns hier richtig verstehen.

Herausforderungen wie jene, die in diesem Text oben anklingen, haben ganz Viele unter uns zu meistern. Es wird wohl niemand bestreiten, dass sie seit März 2020 noch viel dunkler auf vielen Menschen lasten können. Und ich behaupte, wir alle kennen einen solchen Menschen. Aber wir sehen sie nicht. Es ist ein Elend, das von keiner Statistik erfasst wird. Und doch verantworten wir es. Wir Alle.
Wie sähe unsere Welt aus, wenn wir uns mehr den inneren Werten unserer Lebensjahre verpflichtet fühlten als der schieren Angst, wir können davon ein paar weniger erleben als erhofft? Was macht unser Dasein auf Erden aus?

Bald soll es ja vorbei sein. Sagen die Einen. Andere bestreiten es, bezweifeln es. Wir werden die Diskussion unter uns Unwissenden endlos weiter führen. Aber Eines ist ganz klar:

Was wir verloren haben, was wir preis gegeben haben, bekommen wir nicht zurück. Nichts von dem, was geschehen ist, ist einfach eine Episode, die wir vergessen werden.

18.Juni 2021, 2:00

E-Biken als neues leichtes Jogging. Vielleicht.

Die Zeiten, in denen ich regelmässig joggen war, sind lange vorbei. Ich erinnere mich an die Limiten, die sich mir zeigten: In dem Moment, über den hinaus sich meine Distanzleistung nicht mehr erhöhte mit dem möglichen und gewollten Aufwand, schwand der Zauber, und die Konfrontation mit den Einschränkungen durch das Asthma schob sich in den Vordergrund. Dazu kamen streunende herrenlose Hunde im Wald mit Interesse an Joggerbeinen, und irgendwann habe ich es gelassen. Aber ich erinnere mich auch an die meditativen Momente im Einklang mit meinen Körper…

MEIN KÖRPER – MEINE WOHNUNG

Still laufe ich, mit gebändigten Gedanken. Ich staune, dass meine Beine vom ersten Schritt an den leichten Schritt des Vortags annehmen, eifrig bereit, mich weit zu tragen. Ich komme heute meinem Ziel ein paar ruhige Atemzüge näher: Beim Laufen mein eigenes Tempo finden. Die Geschwindigkeit, den Schritt entdecken, der der Meine ist und der zu mir gehört für den Lauf durch mein Leben, hin zu mir selbst. Ich suche die Schrittlänge und den Rhythmus, der meine Gedanken verschmelzen lässt, meinen Kopf leert und mein Inneres öffnet. So ist jeder neue Lauf ein Dialog mit mir selbst, ein Hinhorchen auf meinen Körper, eine Mahnung, ihn zu ehren, zu pflegen, zu nutzen, zu belasten, zu entlasten: Ich lerne meine Wohnung kennen. Und ich freue mich schon, morgen dahin zurück zu kehren, und die Tage danach ebenso.

Es gibt segensreiche Wiederholungen und Gewohnheiten, Zeiten der Einkehr, die wie Tempelgänge in unserem Tagesablauf stehen können.


thinkabout.myblog.de vom 14.11.04, teilweise wieder gegeben und redigiert

und so freue ich mich nun auf mein E-Bike, auf das ich, wie viele andere auch, sehnlichst und viel länger warte, als vorausgesagt… Die Lieferengpässe durch Corona lassen grüssen…

14.Juni 2021, 8:30

Erdige Gedanken

Unsere Begegnungen mit der Natur können manchmal so tief empfunden werden, als würden wir von Gott selbst berührt.
Wenn ich Tiere beobachte oder einen besonderen Baum, der im Wechsel der Jahreszeiten Blühen und Welken immer wieder neu durchlebt und ich dabei seine Wurzeln wachsen sehe, dann fühle ich die Sehnsucht danach, „wie die Tiere dem Leben recht geben zu können“ (J.R. von Salis) und entsprechend im Leben verwurzelt zu sein:

Meiner Bestimmung gemäss zu leben. Was bedeutete: Ich weiss wer ich bin und was ich soll. Tiere müssen nicht nach ihrem Sinn fragen – sie scheinen in jedem Moment das zu tun, wofür sie bestimmt und gedacht sind und folgen ihren Instinkten. Wir aber haben ein Bewusstsein, das wir scheinbar erst entwickeln oder wieder freilegen müssen: Wir können uns eine Zukunft denken und womöglich die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Wir vermögen scheinbar sehr schlecht mit der Tatsache der weiter laufenden Zeit umzugehen. Statt Werden und Vergehen in unser Bewusstsein eindringen zu lassen, verscheuchen wir die Fragen nach unserer Herkunft und unserm Hingang und leben in einem diffusen Durcheinander von Augenblicken, abgelenkt vom scheinbaren Trost momentaner Zerstreuung und der Erfüllung aktueller Pflichten.

Dabei wird uns immer die Möglichkeit gelassen, im Bewusstsein unserer physischen Endlichkeit unsere Seele zu nähren und mit beiden Füssen die Erde spürend gleichzeitig den Himmel zu greifen.

thinkabout/myblog.de vom 13. Nov. 2004, heute bearbeitet und ergänzt

18.Mai 2021, 14:25

Freundschaft hat eine ewige Kraft

Es gibt Begegnungen, die machen ein Leben so reich, und dabei schaut man staunend auf sein Glück: Unfassbar, dass mir das geschieht – dass ich Dinge erlebe, die ich mir so nicht mal vorgestellt habe. Das Glück einer tiefen Freundschaft ist unerklärbar, aber der Versuch, sie zu pflegen und zu schützen, immer weiter zu vertiefen, ist nicht nur menschlich – er ist auch Ausdruck von Selbstliebe, denn in der Freundschaft erfahre ich Geborgenheit, und ich empfange das Geschenk, angenommen und geliebt zu werden. Meine Stärken können inspirieren, und meine Schwächen werden aufgefangen.

iStock/MHJ

Wie eine Freundschaft entsteht, kannst du dir nicht verdienen. Wie lange sie anhält, ist auch Ausdruck dessen, wie wertvoll sie Beiden ist. Doch wie ein Mensch in ein Leben tritt, so kann er einem auch wieder genommen werden. Manchmal endgültig. Die gemeinsame Lebensstrecke endet nie dann, wann wir bereit dafür sind. Im Moment des Verlustes ist der Tod ein grausamer, übermächtiger Feind, ein Räuber, ein Monster. Kündigt er sich an und kann man sich darauf vorbereiten, so stellt er riesige Aufgaben. Doch wie er auch erscheint, die Leere, die er bringt, ist auch nur eine Hülle. Wir können ihm so viel entgegen setzen. Und dazu gehören all die gemeinsamem Momente, die Liebe und das Lachen, das Strahlen in unbeschwerten Augenblicken. Keiner von ihnen kann lächerlich gemacht werden, weil er nicht wiederkehren kann. Keiner von ihnen kann uns genommen werden. Denn Freundschaft bedeutet auch, dass wir allen Zuspruch für einander für immer in uns tragen. Und wer weiss? So geheimnisvoll wie das Wunder ist, das wir uns begegnet sind, so voller Geheimnisse bleibt der weitere Weg. Und ich glaube nicht, dass wir uns je im dunklen Nichts verlieren werden, sondern dass es immer Verbindung gibt. Der Reichtum, den wir einander schenken, bleibt lebendig. Liebe hat eine Ewigkeit, aus der sie kommt und in der sie nie verloren geht. Und so lebst Du in all meinen Freundschaften weiter, denn Du hast mir geholfen, mich weiter zu entwickeln und mir gezeigt, wie segensreich es ist, immer an die Kraft der Liebe zu glauben, sie zu schenken – aber auch anzunehmen, dass es sie auch für mich gibt. Und dass Du meine Liebe weiter mit Dir trägst, ist die Gewissheit, die auf jedes Verlustgefühl eines Abschieds folgen darf.

09.Mai 2021, 7:00

Die Welt da draussen

Was die Welt so treibt und was sie umtreibt – sie entfremdet sich mir. Ich weiss, das ist mein Problem. Und vielleicht bin ich nicht wirklich gemacht für sie – zumindest nicht so, wie sie sich entwickelt. Oder zeigt sie sich mir einfach erst jetzt so, wie sie eben ist? Mein Wertesystem ist ein anderes – der Vorteil dabei ist einer, der auch Einsamkeit erträgt: Ich muss schauen, dass ich bei mir bleibe.

Im Juni sollen wir über die Kompetenzen des Bundesrates in der Bewältigung der Corona-Zeit abstimmen. Eine Art Nachlegitimation für die Exekutive für die Prinzipien der Krisenbewältigung. Eigentlich ein ganz wichtiges, weil – eben – prinzipielles Thema. Doch ich kenne keinen anderen Aspekt zu Corona, der in der Breite zur Zeit noch interessiert als die Frage, wer wann welchen Impfstoff bekommt – oder eben nicht. Die Menschen haben genug. Sie wollen ihre Freiheit wieder haben, aber sie haben längst akzeptiert und sich zu eigen gemacht, dass sie nach den Risiken beurteilt werden, welche die Impfung als einziges bleibendes Kriterium vorgibt. Der Stand der Impfung wird zum Massstab, welcher den Regierungen nach ihrer eigenen Einschätzung die objektive Begründung liefert, Massnahmen zurück zu nehmen. Der weltweite Erstversuch einer Hypermassenimpfung, für die man Restrisiken sich wegdenkt, wie es noch nie in der Weltgeschichte geschehen ist. Und wer mag vor den Sommerferien und angesichts der Frage der Bedingungen für sich lockernde Reisebeschränkungen noch prinzipielle Diskussionen über grunddemokratische Basisrechte, zumal in einer direkten Demokratie, führen, zum Beispiel über die Bedingungen, unter denen Demonstrationen, welche die Bezeichnung auch verdienen, durchgeführt werden dürfen?

Wir haben seit Anbeginn der Krise der Erhaltung des nackten Lebens mehr Gewicht beigemessen als der Bewahrung einer minimalen Lebensqualität. Wir haben das Recht auf Bildung für mehrere Jahrgänge massiv beschädigt und wir haben für die Bewahrung der wirtschaftlichen Grundfunktionen unserer Gesellschaft Branchen mit nicht allzu grossem Gewicht fürs BIP einer Rosskur unterzogen, deren Kollateralschäden die bereits einkommensschwachen Menschen unserer Vereinzelungsgesellschaft begleichen werden. Wir haben das alles für die so unter Druck stehenden Pflegenden, für die Ärzte und schwer kranken Patienten getan. Doch gleichzeitig ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit weiter angewendet worden, sind Intensivbetten zum Teil noch abgebaut worden, hat der Kampf um Pflegekräfte zu Abwerbungen in anderen Ländern geführt – aber nicht zu sofort an die Hand genommenen Programmen zur Adhoc-Ausbildung weiterer Betreuungspersonen. Es mag sie geben, aber davon zu reden, würde bedeuten, der Angst einen Lösungsansatz entgegen zu stellen, und die Angst wird gebraucht. Aber es bleibt dabei: Ganz viele Pflegekräfte werden uns fehlen, denn Klatschen genügt nicht – und ansonsten hat die Politik wenig bis nichts für sie getan.

Wir haben ganz viel aufgegeben angesichts einer Angst, welche wir absurd gross haben werden lassen in unserer hoch entwickelten Welt, die alles Vergnügen bejaht aber die Endlichkeit ausblendet. Und wir werden viel zu viel davon auch nicht zurück bekommen – weil unser Verhalten eben Gründe hat und zeigt, wie sehr wir als Gesellschaft korrumpierbar sind, weil wir einfach leben wollen im Saus und Braus. Und so werden wir uns auch in der Klimafrage verhalten. Da mache ich mir nichts vor. Denn es wird genügend Fachleute, Experten und, ja, Wissenschaftler geben, welche uns glauben lassen, mit dem technischen Fortschritt würden wir durch weiteres Wachstum sogar weniger Ressourcen verbrauchen. Die Verantwortung für unser Ende und das Ende, das wir herbeiführen, ist etwas für später.

Derweil gibt es unter den Schwächeren unter uns eine vielfache Anzahl von Menschen, die sich mit Angstpsychosen nicht mehr aus der Wohnung wagen. Wenn wir längst nicht mehr von Corona-Statistiken reden werden, wird man uns die ersten Statistiken zu den bleibenden Verlierern der Krise vorlegen. Vielleicht.

In diesen Tagen hat das Schweizer Parlament sich bei der Regelung der Organspende für einen grundlegenden Wechsel des Systems entschieden. Zukünftig wird auch bei uns grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein Hirntoter seine Organe spenden will – und es muss keine ausdrückliche Willenserklärung des Betroffenen mehr vorliegen. Das Recht des Menschen auf körperliche Unversehrtheit weicht dem Verlangen, unbedingt leben zu wollen, Koste es andere, was es auch wolle. Wie viele Menschen erleben heute mit gespendeten Organen plötzlich psychische Probleme? Und was, wenn zukünftig dazu auch der Verdacht nicht mehr weggewischt werden kann, dass der Spender womöglich doch einer ohne tatsächliches Einverständnis ist?

Wir verlieren immer mehr Tiefe in unserem Leben, aber dafür ist das Leben immer lauter und – bitte – sensationeller. Auch deshalb kommen die Fragen nach dem Ende doch bitte immer später oder gar nie. Ich höre immer wieder den Wunsch, der eigene Tod möge einen doch bitte im Schlaf heimsuchen. Noch nie habe ich jemanden die Sorge äussern hören, was mit dem Menschen sein mag, der am Morgen vielleicht neben unserem Körper erwacht? Bewusstsein… Es ist für uns etwas für die Yoga-Stunde, für irgendeine Werkstatt, in welcher wir uns unser Wohlfühlprogramm zurecht schustern, um einen weiteren Tag lang unbeschwert zu sein.

Mit oder ohne Corona, mit eigenen oder fremden Organen, mit Selbstverantwortung oder Fremdbestimmung, in Sicherheit oder Freiheit: Wir leben gar nicht wirklich.

02.Mai 2021, 17:50

Noch etwas über Erfolg

Erfolg ist durchaus eine Sache des persönlichen Blickwinkels. Und nur schon dadurch, dass ich mir bewusst werde, was für mich Erfolg ist, erfahre ich etwas über mich. Wie materiell sind meine Vorstellungen von Erfolg? Was macht mich erfolgreich?
Kinder gross ziehen und sie dann sicher durchs Leben ziehen sehen, ist ein Erfolg, der nicht einfach nur auf der eigenen Umsicht, dem eigenen beispielhaften und Sicherheit gebenden Vorbild beruht. Kindererziehung ist auch stets mit Bangen und Hoffen verbunden. Unmöglich können alle erdenklichen Einflüsse und Nöte vom Kind fern gehalten werden. Es muss auch behütet sein von höheren Händen. Erklärt man solche Ziele als erstrangig und sieht darin den wichtigsten Erfolg, so ist die Demut der Dankbarkeit für den Erfolg etwas, was unweigerlich folgt.

Nicht alle Menschen können Erfolg so von fremden Einflüssen beeinflusst sehen und entsprechend akzeptieren, dass stets Unwägbares unsere Erfolge mit beeinflusst.

Männer neigen dazu, sich Ziele zu setzen, die nach ihrer Vorstellung gänzlich aus eigener Kraft zu erreichen sind, und entsprechend fixiert gehen sie oft Ihre Karriere auch an. Sie mögen davon reden, dass es „immer auch Glück braucht“, aber sie denken im Grunde, dass es ihr Können oder Unvermögen ist, das sie am Ende gewinnen oder scheitern lässt. Solche Menschen haben eine innere Unruhe, die sie treibt und sehr oft auch nicht ruhen lässt, wenn Erfolg durchaus da ist.

Ich werfe einen Blick auf einen Menschen, über den sich ein Urteil eigentlich verbietet.
Nach weltlicher Sichtweise ist der Dalai Lama alles andere als erfolgreich. Aus seinem Land vertrieben, der Tibet ausgeweidet, abgeholzt, ausgehöhlt, sein Volk unterdrückt. Und seine Nachfolge ist alles andere als gesichert: Die Chinesen werden die traditionelle Suche nach der nächsten Inkarnation des Dalai Lama mit aller Macht zu verhindern trachten.
Mit dieser Bilanz tagtäglich konfrontiert – ich weiss nicht, wie ich damit umgehen würde.
Ich bin ziemlich sicher, dass mir seine Heiligkeit mit einem Lächeln begegnen würde, wie es für ihn typisch ist, und mir vielleicht antwortete:
Ein wirklicher Misserfolg, ja ein Desaster für jeden Menschen ist es, wenn er seine Fähigkeit zum Mitgefühl verliert.

Damit sind wir bei Zielen, die wir uns im Leben setzen können, die unabhängig von der bestehenden Lebenssituation gleich schwer oder leicht erreichbar bleiben. Sie sind tatsächlich alleine von uns selbst abhängig, und von der Fähigkeit, über viele unserer Erwartungen und Bedürfnisse hinweg zu kommen, sie mit einem Lächeln abzulegen. Kraft und Einsichten, die ich gewinnen und bewahren kann in jeder Lebenssituation – das kann Quellwasser sein für den Brunnen meiner Seele.


thinkabout.myblog.de vom 11. Nov. 2004 – heute redigiert