27.August 2021, 2:30

Liebe Geimpfte

Ich bin in diesem Text bewusst und noch mehr als sonst persönlich. Dies einfach deshalb, weil ich feststelle, dass eine objektive Diskussion der Pandemie zur Zeit kaum mehr möglich ist. Und weil ich immer wieder erfahre, dass wir urteilen, ohne Hintergründe zu kennen. Und auch dabei meine ich persönliche. Umstände und- eben – auch Gedanken.

Der Graben in unserer Gesellschaft hat sich aufgetan. Haben wir über die Einschätzungen zu Corona noch so was wie diskutiert, so ist das bei der Kontroverse um die Impfung scheinbar nicht mehr möglich. Der besagte Graben zwischen Geimpften und Ungeimpften verläuft teilweise mitten durch Familien, Freundschaften, Vereine. Und es scheint nurmehr zwei Kategorien zu geben: Die Geimpften sind die Solidarischen – die Ungeimpften die Schmarotzer.

Die Frage des richtigen Verhaltens zum Wohl der Gesellschaft hat sich auf zwei Pieks reduziert. Dabei müssten wir uns doch alle, mit oder ohne Pieks, nach wie vor fragen lassen, wie wir es denn halten in unserem Alltag mit den Anpassungen an die scheinbar so evident bedrohliche Lage?

Wie Viele von uns sind gepiekst aufgebrochen in die Ferien, in den Süden, den Osten, haben Verwandte besucht oder Freunde, haben Dolce Vita genossen, endlich ein wenig Normalität, haben gefeiert und uns gefreut über die laschen Kontrollen oder gar keine, sind mit dem Auto mehrmals über die Grenzen gefahren, ohne je den ominösen Fackel vorzeigen zu müssen. Alles nicht so schlimm oder praktisch überstanden – und jetzt?

Die Empörung über die Ungeimpften ist gross, und diese sehen sich verallgemeinert als Querschläger und Querulanten, Schwurbler und ewig gestrige Globuliphantasten gebrandmarkt. Angesichts der Tatsache, dass das Virus von Allen mit oder ohne Pieks weiter gegeben werden kann, fragt niemand danach, wer denn wie viele Sozialkontakte hat und sich, ungeimpft, womöglich aus freien Stücken schon ein gutes Stück weit defensiver in der Anzahl seiner Begegnungen verhält als seine Mitmenschen. Bin ich, ungeimpft, mit durchschnittlich vielleicht fünf bis zehn Sozialkontakten pro Woche und einem Restaurantbesuch alle vierzehn Tage das grössere Risiko für eine Ansteckung als jemand Geimpfter mit hunderten davon (in entsprechenden Berufen oder dem häufigen Aufenthalt in geschlossenen Räumen) und einem Clubbesuch pro Monat?

Ich kann mit den Einschränkungen für den Besuch von Massenveranstaltungen leben. Womit ich nicht (gut) leben kann, ist mit der Tatsache, dass der Eingriff in meine körperliche Integrität staatlich verordnet werden soll – für einen Vorgang, über dessen Risiken für mögliche Langzeitfolgen niemand wirklich schon Bescheid wissen kann. Die Gesellschaft trifft mit Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung und ihrem vorläufigen Erkenntnisstand einfach eine Risikoabwägung – die nicht meine eigene sein muss. Ich erwarte Euren Respekt für das Risiko, das ich selber zu tragen bereit bin. Dass sich die meisten von Euch haben impfen lassen, um sich vor der Krankheit zu schützen, kann ich verstehen. Auch verstehe ich, dass viele sich impfen lassen, weil sie beruflich viel reisen müssen und es ansonsten furchtbar mühsam ist. Gleichzeitig ist mir unwohl, dass die Abwägung, ob man die Impfung will oder nicht, für manche von uns mit sehr viel mehr im Alltag entstehendem Druck verbunden ist als für andere. Denn, nochmals, es ist eine höchst persönliche Entscheidung.

Nun bin ich also für Euch noch immer ein Risiko. Ich kann Euch trotzdem mit Covid anstecken, auch wenn Ihr weniger schwer krank werdet, und ich kann von Euch angesteckt werden und die Ansteckung weiter geben. Vor allem aber bin ich bin ein Kostenfaktor und ein möglicher Spitalengpassverursacher zu Lasten moralisch integrerer Patienten. Denn wenn ich, trotz sehr selektiver Kontakte mit Corona angesteckt werde, früher oder später, egal in welcher Welle, kann es sein, dass ich ein Spitalbett belege. Die Chance, dass ich die Krankheit überstehe, ohne auch nur in die Nähe eines Spitals zu müssen, ist zwar viel höher, aber tatsächlich kann ich es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschliessen. Dass ich in keinem Fall intubiert werden will und daher wegen Covid kaum je ein Intensivbett belegen würde, beeinflusst hier nur meine persönliche Ratlosigkeit angesichts der bedingungslosen Bereitschaft, für ein Überleben egal welcher Qualität einfach alles vorgekehrt bekommen zu wollen. Aber diese meine Haltung müsst Ihr mir ja nicht glauben, denn ich muss sie gerade glücklicherweise ja nicht beweisen.

Entgegen anderer Berichte, die ich in diesen Wochen vermehrt lesen kann, glaube ich nicht daran, dass ich als Patient auf Ressentiments der Pflegenden stossen würde. Pflegefachkräfte, die ihren Beruf mit dem Gedanken ausüben, dass der Mensch, der vor ihnen liegt, im Grunde selbst schuld an seiner Lage ist, haben den inneren Spirit ihrer Berufung eingebüsst und müssen den Beruf schnellstens wechseln – und niemand von uns muss Angst vor einer solchen Haltung haben – ganz egal, welche Art von Risiko wir selbst zu verantworten haben, wenn wir sterbenskrank werden. Würden wir diese Grenze wirklich überschreiten und diese Art von Bewertungen vornehmen, so haben wir als humanitäre Wesen wie als Gesellschaft endgültig die Empathie verloren. Was es bedeuten würde, diese Folgen zu tragen, sollte niemand von uns unterschätzen. Die Raucher unter uns, zum Beispiel, können erahnen, welche Dynamik das annehmen kann, denn sie haben in den letzten Jahrzehnten erlebt, wie der Wind drehen kann. Und auch dieser Wind könnte bis ins Spital weiter getragen werden…

Natürlich habe ich Wünsche, aber sie sind in der Weise wohl zu fromm, wie Fromm heute noch verstanden werden kann – nämlich unrealistisch:

Ich wünschte tatsächlich, dass die Pflegeberufe ernster genommen würden – mit verbesserten Löhnen, Arbeitszeitregelungen und explizit im Bereich der Auslastung der IPS (Intensivpflegestationen) mit Ausbildungsprogrammen, welche die Erkenntnisse der ersten Welle der Pandemie zum Anlass nehmen, mehr Personal zu schulen – wenn es getan wird, dann wird davon nicht berichtet, womöglich, um keine „falschen Signale“ zu senden. Und ich wünschte, die Optimierung der Auslastungen von IPS würden weniger unter wirtschaftlichem Druck stehen in Zeiten wie diesen, was dann zu mehr Überhang der Kapazitäten in ruhigeren Phasen führen würde – DAS wären Kostenfaktoren unseres Gesundheitswesens, die unsere Gesellschaft, bezeugt mit ihrem Verhalten, doch eindeutig zu tragen bereit wäre.

Und ich wünschte, die Berichterstattung über alle Aspekte von Covid in unserer Gesellschaft hätte weniger Filter vorgesetzt: Darf die Tatsache, dass ein Grossteil der Covidpatienten Migranten sind, erwähnt werden? Darf darüber berichtet werden, wie gross der Anteil der schweren Fälle unter den Menschen ist, die aus dem Balkan zurück gekehrt sind? Wir wären dann auch hier wieder bei der Empathie, die uns nicht mehr zugetraut wird: Empörung, Klassifizierung, Unruhe wird bei uns eher vermutet als der schlichte Versuch, dem Phänomen mit Aufklärung zu begegnen – und mit Massnahmen, die auch diese Menschen besser schützen.

Womit noch festzustellen bleibt, dass auch und gerade in dieser Pandemie nicht Geimpfte oder Ungeimpfte wirklich die Arschkarte gezogen haben, sondern die wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen, die von Lockdowns, Homeschooling und Covid-Gesundheitsrisiken viel negativer betroffen sind als der Durchschnitt all jener, die diese Zeilen lesen. Und da wäre es vielleicht angebracht, sich auch nochmals die Frage zu stellen, ob es uns nicht zu denken geben müsste, dass die in unserer Gesellschaft mittlerweile komplett fehlende Resilienz gegenüber jeder Art von Bedrohung des Lebens um so heftiger auf die Schwächeren zurückfällt. Denn unsere Massnahmen bedingen Wohlstand – dazu passt, dass auch heute auf tausend Stimmen in unserer Presse, welche sich Gedanken über die Verbesserung unserer Impfquote machen, vielleicht eine kommt, welche die Scheinheiligkeit unseres Rufs nach Solidarität brandmarkt angesichts der Tatsache, dass unsere Thematik an der Landesgrenze aufhört und wir bestens damit leben können, dass Impfstoffe woanders dringend gebraucht würden. Denn wenn wir so dringend Impfung wünschen, müsste sie doch Allen zustehen, nicht wahr?

20.August 2021, 3:00

10min schreiben über: Solidarität

Mit dem Begriff der Solidarität, so vielfältig er in diesen Monaten benutzt und „verstanden“ wird, geschieht das Gleiche wie mit anderen Verschlagwortungen, die so typisch sind für unsere Gesellschaft (ich denke da zum Beispiel an den Begriff der Nachhaltigkeit, und wie unterschiedlich sie – je nach Interessenlage – bewertet wird). Wer das Schlagwort wo mit welchen Motiven in den Mund nimmt, macht es so vieldeutig wie schwammig.

Solidarität ist erfahrene Nachbarschaftshilfe bei einer Flutkatastrophe. Wie steht es mit der Spende für ein Hilfswerk in Afrika? Bin ich solidarisch, wenn ich die Kollekte bediene, oder tue ich es einfach wegen schlechtem Gewissen? Und was ist mit dem Menschen, der das beurteilt und wertet? Solidarität wird nicht erst heute eingefordert. Dabei geht vergessen, dass Solidarität – ihrer wirklichen Bedeutung entsprechend – niemals erzwungen werden kann. Was wir gerade erleben, ist eine Absurdität, die sich gegen uns alle richtet und Gemeinschaftssinn zerstört, statt ihn zu fördern. Es ist zum Beispiel einigermassen absurd, dass Geimpfte, welche Rambazamba-Ferien machen und sich bei der Heimkehr um Tests scheren und damit dort weitermachen, wo sie in den Ferien angefangen haben, als solidarisch gelten, weil sie den Pieks empfangen haben. Warum erwarten wir von Mitmenschen, dass sie unbedenklich finden, was für uns selbst keine Sache ist und schauen nicht darauf, wie sich unsere Mitmenschen im Alltag verhalten? Wäre es nicht solidarisch, würden wir uns überlegen, ob man nicht auch Respekt empfinden kann für Menschen, die den Pieks nicht annehmen, obwohl sie dafür auf Annehmlichkeiten verzichten müssen?

Wie steht es um eine Solidarität, zu deren moralischer Akzeptanz gehört, dass sie erzwungen werden kann? Sie bedeutet, dass eine Mehrheit entscheidet, was für jeden Einzelnen gut ist. Wenn wir Kranke nicht behandeln wollen bzw. nicht für sie bezahlen – welches pauschale Urteil haben wir dann über sie gefällt? Und warum? Für was? Für welche eigene Bequemlichkeit sind wir bereit, eine Kampagne zu fahren, welche zwangsläufig Mitmenschen unter die Räder geraten lässt?

31.Juli 2021, 0:10

Als die Fussball-Weltmeisterschaft noch ein Abenteuer war

Das Netz ist momentan voll von anekdotenreichen Erzählungen von den ersten Fussballweltmeisterschaften anno 1930. In Uruguay fand sie statt, und das nur, weil es das einzige Land war, das sich – in quasi letzter Minute – überhaupt bereit erklärte, die WM durchzuführen. Qualifizieren musste man sich nicht – nur die Einladung, in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, annehmen. Was immerhin vier Mannschaften aus Europa taten. Frankreich, Belgien, Rumänien und Jugoslawien reisten mit dem Schiff an, denn es gab ja noch keine Interkontinentalflüge. Die Überfahrt dauerte gut zwei Wochen, welche die Mannschaften gemeinsam absolvierten, trainiert wurde dabei nicht viel… der jugoslawische Torhüter soll auf der Reise 16kg an Gewicht zugelegt haben…

Der hohen Kosten wegen sollten alle Partien in einem Stadion ausgetragen werden – doch das war zu Beginn der Spiele noch gar nicht fertig gebaut, so dass die ersten Begegnungen „auswärts“ ausgetragen werden mussten. Obwohl eine Tribüne auch danach nicht fertig gestellt war, fasste das Stadion in Montevideo 80td Zuschauer – es entstand das damals grösste Fussballstadion Südamerikas.

Diese erste FIFA-Weltmeisterschaft kreierte auch den ersten grossen Skandal. Als der französische Stürmer alleine auf das argentinische Tor zulief, und kurz davor war, den Ausgleich zu erzielen, pfiff der brasilianische Schiedsrichter die Partie ab. Dass das sechs Minuten zu früh war, löste endlose Diskussionen aus, bis der Schiri die Spieler schliesslich aufs Spielfeld zurück beorderte – die Uruguayer mussten teilweise aus der Dusche geholt werden. Die Partie wurde zu Ende gespielt, Frankreich verlor trotzdem.

Im Halbfinal zwischen Uruguay und Jugoslawien übersah der gleiche Schiedsrichter, dass ein neben dem Tor postierter Polizist den Assist zum 2:1 der Uruguayer spielte.

Den Schiedsrichter fürs Finale zu finden, war gar nicht so einfach. Der schliesslich auserwählte Belgier Langenus war nur bereit, diese ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen, wenn im Hafen ein Fluchtboot für ihn bereit gehalten würde. Weil die Emotionen zwischen Uruguay und Argentinien hoch kochen konnten, bestand er auf einer Waffenkontrolle beim Einlass der Zuschauer – tatsächlich wurden 1600 Revolver von den Zuschauern eingesammelt. Die Mannschaften stritten bis kurz vor Anpfiff über das Spielgerät. Der uruguayische Ball war anders zusammengenäht als der argentinische – schliesslich wurde mit jedem Ball eine Halbzeit gespielt.

Uruguay wurde erster Weltmeister der Fussballgeschichte. Die Mannschaft hatte zuvor schon zweimal das Olympiaturnier gewonnen und war die damals anerkannt beste Mannschaft und José Leandro Andrade der beste Spieler der Welt. Allerdings hatte Argentinien in der ersten Halbzeit noch geführt, stand aber schlussendlich nur noch mit acht Spielern auf dem Feld wegen Verletzungen. Ausgewechselt durfte damals noch nicht werden…

Kaum zu glauben, aber die WM ist dennoch der Beginn einer unglaublichen Erfolgsgeschichte:

„Wir Europäer waren uns einig: Jeder, der nicht dabei war, hat einen Fehler gemacht.“

Mihailo Andrejevic (jugoslawischer Verbandssekretär, Jahre später)

08.Juli 2021, 23:00

Oh Gott, wir Menschen

Immer wieder hörte ich von Menschen, dass Gott nicht existieren könne. Wie könnte er ansonsten all das Unrecht zulassen? Ja, ich habe die Vergangenheitsform benutzt. Denn heute scheint die Frage niemanden mehr zu beschäftigen. Wir brauchen Gott nicht.

Wir haben mit der Entschlüsselung der menschlichen Gene all seine Wunder erklärbar gemacht – so tönt es nicht selten. Wir suchen das Heil in der Forschung, der Technik, dem Fortschritt. Kein Politiker wird gewählt, uns zu regieren, wenn er uns höhere Steuern in Aussicht stellt – oder gar im Interesse der Umwelt Verzicht und Entschleunigung auch nur zur Diskussion stellt. Nein, wer uns führen will, muss das Heil versprechen. Und das Heil ist immer Wachstum. Verbesserung der Lebensumstände. Und mit diesen sind die Annehmlichkeiten des Alltags gemeint.

Wir wollen überall hin in die Ferien reisen können. Und bringen dann gigaweise Fotos nach Hause. Aber wir schauen nicht wirklich hin. Schon gar nicht zweimal. Keines der Naturparadiese, die ich persönlich besuchen durfte, wäre bei einer nächsten Reise zwanzig Jahre später noch gleich anzutreffen. Mit rasendem Tempo verändert sich die Erde. Weil sie so absurd klein ist, weil wir kein Gefühl für ihre Verletzlichkeit haben, und schon gar kein Gefühl für die Zeit, in welcher wir uns bewegen. Was wir zu dehnen versuchen, unser eines Leben, an das wir glauben, weil wir es unmittelbar atmen, jede Sekunde, ist ein Wimpernschlag im Dasein des Planeten. Wir verhalten uns so, als lebten wir ewig – als Individuen wie als Spezies. Unser Ende gibt es nicht, bis es da ist. Der Tod ist ein Skandal, die Niederlage des Arztes, an den wir doch geglaubt haben. Der Tod ist uns nicht Lehrer fürs Leben. Eigentlich ist es doch mittlerweile so, aus der Sicht eines Schöpfers betrachtet, dass wir, von dem Moment an, in dem wir auf die Welt kommen, stören, bis wir gegangen sind.

Und doch sage ich:

Gott resigniert nie. Mögen wir noch so taub sein, er spricht immer weiter zu uns – in der Natur und in unseren Begegnungen.

Gott lässt tatsächlich eine ganze Menge zu. Es gehört eben zum Entwurf, der wir selber sind, dass wir die Wahl haben. Und wenn wir schon so massiv gescheit sind, dann sollten wir uns einfach fragen lassen: Für welches übergeordnete, besondere Ziel setzen wir denn unsere Intelligenz ein? Und wie erfolgreich sind wir dabei? Und ist es nicht schlicht Blasphemie, einen Gott zu verhöhnen, an den wir nicht glauben, weil wir ihn nicht sehen, während wir die Schönheit der Leben, die sich trotz uns vielfältig entwickelt haben, nicht beachten aber sehr wohl gefährden?

Sind wir fähig, die Schöpfung zu verwalten? Welche Antwort gibt unser Umgang mit Corona darauf? Wir sind uns nicht einig? Was wissen wir, worin irren wir? Es gibt keine Antworten, wenn wir ehrlich sind, sobald wir nach dem Sinne des Wortes Forschung meinen: Forschung akzeptiert den Irrtum als mögliches Resultat, mag sie ihn auch – hoffentlich – noch so vehement zu vermeiden trachten. Die Demut, die uns abhanden gekommen ist – sie würde unserem Stand des relativen Unwissens gut tun.

Sie würde uns helfen, Fragen ohne Verzweiflung zu stellen, und Antworten mit dem Gewissen zu suchen, das Unsicherheiten aushält. Bedrohungen sind real. Es wird die EINE Spritze dagegen nie geben.

05.Juli 2021, 2:00

Die Deutschschweiz und Vladimir und seine Schweizer

Die Schweizer Fussballer haben ihr Land verzückt. Sie haben erstmals seit 67 Jahren wieder eine K.O.-Runde an einem der grossen Fussball-Endrunden überstanden. Und geschafft hat das die Nationalmannschaft mit einem wunderbaren, konstruktiven Auftritt voller Herz und Kampfgeist – gegen den amtierenden Weltmeister. Im ZDF wurde der Schweiz und Frankreich geradezu gedankt für diese Sternstunde des Fussballs, für das bis dato mitreissendste Fussballspiel des Turniers. Und das Deutschschweizer Fernsehen? Es leistet sich eine Peinlichkeit sondergleichen.

Da flippt Kommentator Sascha Rufer live am Mikrofon komplett aus, der Tonmitschnitt seines „Kommentars“ beim entscheidenden, vom Goalie Yann Sommer gehaltenen Elfmeter ist in der ZDF-Studiosendung das besondere Schmankerl, doch als ich dann zurück auf SRF schalte, sitzen da die drei Herren Salzgeber, Rufer und Huggel am runden Tisch, der so trostlos wirkt wie ein halb vergessener Stammtisch in einer leeren Beiz, und über was reden sie? Sie leiden. Sie wälzen die Frage, wie es denn sein könne, dass „diese Schweizer Mannschaft“ so viele Auf und Abs habe, immer erst durch unbedachtes Verhalten auffalle und dann durch pitoyable Leistungen (0:3 gegen Italien), bevor sie dann bereit sei, zu überraschen. Rufer sass da, als hätte er einen sauren Drops gelutscht und Salzgeber mühte sich in bedeutungsschweren Sinnfragen, die einfach niemanden interessieren konnten. Nicht heute, nicht jetzt. Dieses Spiel, dieses wohl grösste Spiel einer Schweizer Mannschaft in den letzten 70 Jahren war für alle ein Vergnügen, DIE Antwort und Punkt. Aber dabei wollten sie es nicht bewenden lassen, wohl angepiekst durch Xhakas Interview nach dem Match, in dem er sehr deutlich machte, wie ihm die Kritik auf den Sack gegangen war und nun Mäuler gestopft worden seien. Hey, ihr alten Männer im Studio. Einfach schlucken, abhaken und sich freuen – und registrieren, dass die Spieler nicht nur dicke Autos fahren, zur Unzeit Tattoo-Studios besuchen und teure Friseurtermine wahrnehmen, sondern auch den Anspruch an sich haben, an keinem Turnier einfach nur dabei zu sein, sondern auch gewinnen zu wollen. Und spätestens in diesem Fall hatte der Gewinner einfach recht. Punkt.

In diesen Minuten, in dieser Stunde nach dem Abpfiff des Spiels, waren die Kommentatoren von SRF weiter weg von den Fans und Zuschauern, als es die Mannschaft je war. Eine Korrektur wurde im Viertelfinale versucht, aber beim verlorenen Elfmeterschiessen gegen Spanien war es dann auch irgendwie einfach, denn das Spiel ging ja unglücklich verloren. So, wie wir Schweizer es gewohnt sind, nicht wahr?

Die Shaqiris, Xhakas und wie sie alle heissen, die Secondos vom Balkan, die Spieler mit dunklerer Hautfarbe und entsprechend vielfältigem Hintergrund – sie Alle zeigen uns eine andere Einstellung, mit Druck umzugehen. Sie haben an dieser EM noch etwas geschafft, was vielleicht noch wichtiger ist: Sie haben uns verständlich gemacht, dass sie auch mit dem Gefühl, zwei Heimatländer zu haben, alles für die Schweiz und das Team geben, und wenn man ihnen nun zuhört, dann glaubt man es ihnen auch. Obwohl es genau gleich klingt wie schon vor Jahren – und auch da schon gültig war. Ein Erfolg verändert eben alles – und das sollte auch in einem Fernsehstudio dann mal gelten dürfen – wenigstens als Momentaufnahme.

Ach ja, in der Romandie und im Tessin, hört man, waren all die Randgeschichten zum Lifestyle der Spieler kein Thema. Abarbeiten daran tun wir uns nur in der Deutschschweiz. Auch der Trainer Vladimir Petkovic ist in unserem Landesteil am meisten Thema gewesen in den sieben Jahren, in denen er nun im Amt ist. Und er? Er steht da wie ein Turm, 1m90 gross, an der Seitenlinie wie auf dem Spielfeld, tröstet einen Spieler, schaut stoisch in die Runde, trifft bei den Spielen viele sehr richtige Entscheidungen – und bleibt bei seiner Linie, die er von Anfang an vorgegeben hat:

Dem Fussballverband ist ein Lob auszusprechen, dass man auf diesen Trainer gesetzt hat. Er hat schon bei den Young Boys und dann bei Lazio Rom mutige Entscheidungen getroffen und offensiven, selbstbewussten Fussball spielen lassen. Und es gehört etwas dazu, nach den Lichtgestalten Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld die Mannschaft zu übernehmen und ihr vom ersten Moment an einzutrichtern: Und ihr könnt noch mehr. Ihr könnt besser Fussball spielen. Er hat die Mannschaft weiter entwickelt. Und ist in keinem Moment, bei keinem Rückschlag von seiner Philosophie abgewichen. Kritik scheint ihn nicht zu kümmern. Er mag reserviert wirken, vielleicht manchmal sogar etwas arrogant, aber er glaubt an seine Spieler und sie an ihn. Und das hat uns schon ein paar wirklich wunderbare Momente beschert. Selbst aus Ex-Jugoslawien stammend, versteht er die Mentalitäten vieler Spieler in der Mannschaft sehr gut, er kann sie auffangen und ist mit seinem eigenen Lebensentwurf bereits ein Fixpunkt, ein Beispiel, an dem sich die Spieler orientieren können. Und ein Scheitern bedeutet nur eine Chance, dazu zu lernen. Beim nächsten Mal bekommt der Spieler das Vertrauen wieder. Nun haben sie es ihm zurückgezahlt, und das wollten sie unbedingt. Auch das war zu spüren.

Die EM geht noch weiter. Ich schaue sie mir gerne weiter an. Auch, weil „wir“ ein paar der richtig schönen Geschichten des Turniers mit geschrieben haben. Wie ich vom Deutschen Fernsehen weiss…

25.Juni 2021, 1:15

Vom Umgang mit Unterschieden

Manchmal werde ich gefragt, warum ich das mache mit „diesem Bloggen“. Und dann müsste ich ehrlich antworten, dass ich eigentlich nicht wirklich ein Blogger bin. Ich verschreibe mich keinem Thema, keiner Glaubensansicht, keinem politischen Flügel. Mich interessiert so Vieles. Und ich riskiere eine Meinung, die vielleicht gerade demjenigen nicht passt, der mir eben noch applaudiert hat.

Es ist gar nicht möglich, sich auf diesen Seiten für alles zu interessieren. Und schon gar nicht, immer einverstanden zu sein. Ich bin den Weg vieler Bloggerkollegen nicht gegangen, als die Social Media – Kanäle mehr Klicks versprachen, wenn man seine Texte auf ihren Portalen verortete, und bin in meinem Häuschen geblieben. Und ich habe meine Themen nicht eingegrenzt. Will ich einfach nicht. Das hier ist einfach eine Art Tagebuch meiner Gedanken. Ich habe auch hier keine Mission. Und doch gibt es etwas, das mir wirklich wichtig ist. Wozu ich ermuntern möchte, ein wenig Beispiel sein:

Auch wenn ich scharf zu schreiben vermag, so sollten die Worte nie jemanden zum Schweigen bringen. Im besten Fall erscheinen sie bedenkenswert. Argumentation sollte so daher kommen, dass du auch mit anderer Meinung zu Ende zu lesen vermagst. Du brauchst auch nicht mit mir streiten. Geschieht ja auch kaum je auf diesen Seiten. Aber freuen würde mich, wenn es mal sein kann, dass du hier wieder weg gehst, und meine Sicht nachklingt. Ich habe keine Wahrheit gepachtet. Aber ich mitte sie auch für keine Staatsraison ein. Die Wahrheitssuche bedingt die Freiheit der Gedanken. Und wenn ich selbst Leser bin, versuche ich, mich genau so zu verhalten.

Ich möchte nicht bedrängen. Und schon gar nicht in ein Geschrei einstimmen. Ich liebe die Zwischentöne, die Differenzierung. Dort, wo die andere Ansicht gehört und nicht niedergeschrien wird, kann Reflexion entstehen. Ich mag in meinem Glauben an den Diskurs aus der Zeit gefallen sein, aber ich glaube eben gerade nicht, dass die Zeiten so dramatisch sind, dass wir uns unterschiedliche Meinungen und Haltungen nicht leisten können.

23.Juni 2021, 2:00

Das Virus und Brock

Brock läuft durch die Strassen, vorbei an leeren Gesichtern hinter Masken. Und die Gesichter ohne Masken sind grau. Er hat das Virus nicht, und doch hat es ihn im Griff, weil es uns alle im Griff hat. Brock war schon immer viel allein, aber lange nicht mehr so oft einsam. Während die Menschen nach der Leichtigkeit haschen, möchte Brock endlich wieder jene Schwere fühlen, die ihm zeigt, dass die Erde anzieht, ihn hält. Er versucht, bewusst zu atmen, und seine Schritte werden langsamer und kürzer. Er sucht nichts mehr in den vorbei huschenden Gesichtern. Er sucht Brock.

Er denkt an den kleinen Jungen und auch an den Teenager, der niemals Zärtlichkeit zwischen Mama und Papa beobachten konnte. Als ihm das bewusst geworden war vor vielen Jahren, hatte er das Gefühl, in einem schwarzen Nichts zu versinken. Wenn die Seele so friert, will sie lieber wieder vergessen. Aber Erinnerungen sind dazu da, eine liebevolle Beobachtung zu versuchen, auf dass der Vergangenheit eine neue Gegenwart folgen kann: Brock betrauert nicht mehr den kleinen Jungen in ihm, aber er wird immer den Schmerz der Zurückweisungen und Frustrationen seiner Eltern fühlen. Noch jetzt kann er die wortlose Verzweiflung fühlen, in welcher Mutter und Vater gefangen blieben, ein Leben lang. Das Virus hätte das nicht geändert. Vielmehr wäre es wohl unerträglich geworden. Für wen zuerst?

Brock kann nicht eine Person nennen, die ihm die Kraft gegeben hat, Gefühle, Zärtlichkeit, Zuneigung und Berührung nicht einfach als Sehnsuchtsgüter zu verstehen sondern ihr Geben und Nehmen zu üben, zu lernen, zuzulassen und zu erfahren, dass dies Güter sind, die jenseits von richtig und falsch einfach unser Leben ausmachen, und damit das Miteinander und unser Dasein mit uns selbst. Brock begreift, so, wie er gerade einen Fuss vor den anderen setzt, dass es gerade die Vielzahl der Begegnungen ist, welche ihn befähigten, das eigene innere Licht zu sehen und leuchten zu lassen.

Brock weiss, dass es seine grösste und wichtigste Aufgabe bleibt, erfahrene Nähe, empfundene und empfangene Liebe in jener Seelentiefe Raum zu geben, in welcher sein Grundvertrauen nur darauf wartet, weiter gestärkt zu werden. Seine Seele will und darf die Enge sprengen, die Liebesworte seiner ihn Liebenden dürfen seine Gewissheit werden. Jedes scheinbar zufällig gehörte oder gelesene liebe Wort hat seine Botschaft für ihn, für Brock. Gelebte, empfundene Liebe und Zuneigung klopft immer bei der eigenen Seele an und fragt: Na, bist Du auch gut zu Dir selbst? Und tut Dir selbst gut, was du machst, gibst, empfängst? Je liebevoller und gütiger Brock an seine Eltern, überhaupt an Menschen denken kann, um so liebevoller ist auch sein Blick auf sich selbst.

Brock lernt. Er weiss, dass er damit niemals „durch sein wird“. Aber es ist schön. Und wenn Momente des Alleinseins Einsamkeit in sich tragen, so kann er sie willkommen heissen, weil sie ihn frei von Ablenkung machen können. Um einen Gedanken fest zu halten, eine Dankbarkeit zu fühlen, einen nächsten Schritt zu machen. Brock will sich weiter begegnen, sich fühlen. Und so wird er auch Menschen begegnen. Er hat unwillkürlich die Maske abgenommen und achtlos in die Hosentasche gesteckt, und eine Frau, die vorbei eilt, lächelt ihn an. Sie gibt ihm zurück, was er ausstrahlt.


Alles, was Brock umtreibt, was ihn beschäftigt, worin er Hilfe sucht und Hilfe schenken kann, ist ein Teil unserer Lebenskunst, die sehr viel mit unserem persönlichen Glück zu tun hat, mit der Qualität und Tiefe unserer Beziehungen, mit der Art und Fähigkeit, Liebe gedeihen lassen zu können. Ganz viel von dem haben wir Corona geopfert. Wir haben pausiert. Einschränkungen auf uns genommen.

Wie viele Menschen haben wir in der Zeit ein Stück weit verloren, weil sie eine andere Einstellung zu den offenen Fragen hatten oder haben, und wir es nicht schaffen, NICHT nur in Schwarz oder Weiss zu denken? Wir teilen Menschen ein in vernünftig und verleitet. In verantwortungsbewusst und fahrlässig. Wir unterstellen Dummheit, wo Unsicherheit herrscht. Nach allen Seiten, damit wir uns hier richtig verstehen.

Herausforderungen wie jene, die in diesem Text oben anklingen, haben ganz Viele unter uns zu meistern. Es wird wohl niemand bestreiten, dass sie seit März 2020 noch viel dunkler auf vielen Menschen lasten können. Und ich behaupte, wir alle kennen einen solchen Menschen. Aber wir sehen sie nicht. Es ist ein Elend, das von keiner Statistik erfasst wird. Und doch verantworten wir es. Wir Alle.
Wie sähe unsere Welt aus, wenn wir uns mehr den inneren Werten unserer Lebensjahre verpflichtet fühlten als der schieren Angst, wir können davon ein paar weniger erleben als erhofft? Was macht unser Dasein auf Erden aus?

Bald soll es ja vorbei sein. Sagen die Einen. Andere bestreiten es, bezweifeln es. Wir werden die Diskussion unter uns Unwissenden endlos weiter führen. Aber Eines ist ganz klar:

Was wir verloren haben, was wir preis gegeben haben, bekommen wir nicht zurück. Nichts von dem, was geschehen ist, ist einfach eine Episode, die wir vergessen werden.

18.Juni 2021, 2:00

E-Biken als neues leichtes Jogging. Vielleicht.

Die Zeiten, in denen ich regelmässig joggen war, sind lange vorbei. Ich erinnere mich an die Limiten, die sich mir zeigten: In dem Moment, über den hinaus sich meine Distanzleistung nicht mehr erhöhte mit dem möglichen und gewollten Aufwand, schwand der Zauber, und die Konfrontation mit den Einschränkungen durch das Asthma schob sich in den Vordergrund. Dazu kamen streunende herrenlose Hunde im Wald mit Interesse an Joggerbeinen, und irgendwann habe ich es gelassen. Aber ich erinnere mich auch an die meditativen Momente im Einklang mit meinen Körper…

MEIN KÖRPER – MEINE WOHNUNG

Still laufe ich, mit gebändigten Gedanken. Ich staune, dass meine Beine vom ersten Schritt an den leichten Schritt des Vortags annehmen, eifrig bereit, mich weit zu tragen. Ich komme heute meinem Ziel ein paar ruhige Atemzüge näher: Beim Laufen mein eigenes Tempo finden. Die Geschwindigkeit, den Schritt entdecken, der der Meine ist und der zu mir gehört für den Lauf durch mein Leben, hin zu mir selbst. Ich suche die Schrittlänge und den Rhythmus, der meine Gedanken verschmelzen lässt, meinen Kopf leert und mein Inneres öffnet. So ist jeder neue Lauf ein Dialog mit mir selbst, ein Hinhorchen auf meinen Körper, eine Mahnung, ihn zu ehren, zu pflegen, zu nutzen, zu belasten, zu entlasten: Ich lerne meine Wohnung kennen. Und ich freue mich schon, morgen dahin zurück zu kehren, und die Tage danach ebenso.

Es gibt segensreiche Wiederholungen und Gewohnheiten, Zeiten der Einkehr, die wie Tempelgänge in unserem Tagesablauf stehen können.


thinkabout.myblog.de vom 14.11.04, teilweise wieder gegeben und redigiert

und so freue ich mich nun auf mein E-Bike, auf das ich, wie viele andere auch, sehnlichst und viel länger warte, als vorausgesagt… Die Lieferengpässe durch Corona lassen grüssen…

14.Juni 2021, 8:30

Erdige Gedanken

Unsere Begegnungen mit der Natur können manchmal so tief empfunden werden, als würden wir von Gott selbst berührt.
Wenn ich Tiere beobachte oder einen besonderen Baum, der im Wechsel der Jahreszeiten Blühen und Welken immer wieder neu durchlebt und ich dabei seine Wurzeln wachsen sehe, dann fühle ich die Sehnsucht danach, „wie die Tiere dem Leben recht geben zu können“ (J.R. von Salis) und entsprechend im Leben verwurzelt zu sein:

Meiner Bestimmung gemäss zu leben. Was bedeutete: Ich weiss wer ich bin und was ich soll. Tiere müssen nicht nach ihrem Sinn fragen – sie scheinen in jedem Moment das zu tun, wofür sie bestimmt und gedacht sind und folgen ihren Instinkten. Wir aber haben ein Bewusstsein, das wir scheinbar erst entwickeln oder wieder freilegen müssen: Wir können uns eine Zukunft denken und womöglich die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Wir vermögen scheinbar sehr schlecht mit der Tatsache der weiter laufenden Zeit umzugehen. Statt Werden und Vergehen in unser Bewusstsein eindringen zu lassen, verscheuchen wir die Fragen nach unserer Herkunft und unserm Hingang und leben in einem diffusen Durcheinander von Augenblicken, abgelenkt vom scheinbaren Trost momentaner Zerstreuung und der Erfüllung aktueller Pflichten.

Dabei wird uns immer die Möglichkeit gelassen, im Bewusstsein unserer physischen Endlichkeit unsere Seele zu nähren und mit beiden Füssen die Erde spürend gleichzeitig den Himmel zu greifen.

thinkabout/myblog.de vom 13. Nov. 2004, heute bearbeitet und ergänzt

08.Juni 2021, 2:00

Lebensmittel für ein gutes Leben

Wir stimmen am nächsten Wochenende über eine Volksinitiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung ab, und über die Volksinitiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“. Wieder mal ist es einigermassen kompliziert, als Laie den Durchblick zu bekommen.

Die Schweiz ist ein kleines Land – und eine einigermassen autarke Landwirtschaft verheisst uns ein wenig Sicherheit. Gerne wird auch behauptet, dass Schweizer Produkte eh schon einen hohen Standard an Natürlichkeit erfüllen. Die entsprechenden Werbespots der Grossverteiler haben teilweise etwas von einer Märchenstunde, so übertrieben wird uns die Idylle auf dem Bauernhof vorgegaukelt.

Schlussendlich werden Produkte produziert, mit dem Ziel, Gewinne zu erwirtschaften. Die Schweizer Bauern haben seit Generationen eine starke Lobby. Es tut sich auch Einiges in Sachen Bio, aber der Wildwuchs der Labels ist grotesk und die Kriterien dafür müssen nicht immer logisch oder sinnvoll sein. Das Prinzip treibt der guten Absicht manchmal den Sinn aus den Tier- und Pflanzenfasern…

Aber nun ist Feuer im Dach. Im kleinen Schweizer Land häufen sich die Nachrichten über eine immer schlechtere Grund- und Quellwasserqualität, und die Rückstände an Pestiziden im menschlichen Körper nehmen laufend zu.

Die Bauern prognostizieren uns bei Annahme eine ausgedünnte Angebotsvielfalt, einen Ausstieg aus den Direktzahlungsprogrammen, welche den Einsatz von Pestiziden kontrollieren, und, das vor allem, viel höhere Gestehungskosten und damit höhere Preise. Da scheint guter Rat teuer. Also vielleicht doch nach dem Bauchgefühl gehen…

Welche Angst ist nun grösser? Diejenige, auf Angebote verzichten oder dafür viel mehr bezahlen zu müssen – oder uns in all der Vielfalt der Speisen still und heimlich weiter zu vergiften? Weniger radikale Lösungen suchen, auf entsprechende Initiativen der ursächlichen Landwirtschaftsproduktion vertrauen? Aber deren Verlautbarungen und Absichten haben schon vor Jahrzehnten ähnlich geklungen… Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Die junge Generation scheint mir bereit zu sein, neue Standards zu wollen. Koste es auch, was es solle.