
Am 8. November stimmt das Schweizer Stimmvolk darüber ab, ob zukünftig 200 CHF Jahresbeitrag pro privatem Haushalt für Radio und Fernsehen genug sind. Die Vorlage dieser Mittelkürzung wird gemeinhin als „Halbierungsinitiative“ bezeichnet. Und das nicht, weil gefühlt die Hälfte der Bevölkerung eh kaum mehr Radio hört oder TV schaut. Warum die Kürzung der Mittel auch dieser Hälfte nicht egal sein sollte, will ich zu erklären versuchen.
Eigentlich kann man die Antwort damit geben, dass man sich die Sache mal vom Ende her denkt. Was sind denn konkret unsere Erfahrungen mit jenen Informationsgefässen, die privat finanziert werden?
Wir sind ja völlig frei in der Wahl der Formate, die wir konsumieren wollen, und viele von ihnen waren lange vermeintlich gratis. Vielleicht ist es schon aufgefallen, dass immer mehr Online-News-Angebote hinter Abo-Bedingungen verschwinden – oder wir werden durch irreführende Formulierungen zur Angabe von Daten „motiviert“, bevor wir dann doch auf eine Bezahlschranke stossen? Wir alle haben unsere „Orte“, an denen wir uns wohl fühlen und die wir entsprechend gerne aufsuchen. Unterschwellig werden wir alle gerne lieber in unserer Meinung bestätigt als hinterfragt. Beobachtet man, wie sog. Meinungsbildung heute funktioniert, so geschieht ganz viel schlicht durch Präsenz: Je omnipräsenter ein Thema ist, um so durchsetzungsmächtiger werden jene, die es setzen. Und wohl niemand wird glauben, dass privat finanzierte Medienportale einfach die Vielfalt kultivieren möchten. Sie folgen einer politischen Überzeugung, die nicht unbedingt offengelegt wird, die aber zu den wirtschaftlichen Interessen passt. Information vermischt sich mit Infotainment, soll für eine möglichst grosse Community interessant sein, die werbetechnisch und konsumorientiert Geld einbringen soll. Und alle diese Formate sind ein mögliches Betätigungsfeld für gezielte Falsch- und Desinformation. Reine Social-Media-Portale haben hinlänglich bewiesen, dass sie, wenn nicht unsere Seele so doch zumindest unsere Daten hemmungslos verkaufen, sie bei Druck schnell herausrücken und sich nicht scheuen, schon fast vorauseilend Filter anzuwenden, die uns die Entscheidung abnehmen, was wahr und was falsch ist.
Nun gibt es – natürlich – Leitmedien, die nicht mit der Amoral der Tech-Milliardäre gleich zu stellen sind – doch was geschieht denn in all den Verlagen mit den redaktionellen Angeboten bei den News-Titeln ? Sie werden ausgedünnt, die Redaktionen verkleinert. Womit verdient die Tx-Group denn Geld? Etwas böse gesagt, sind die journalistischen Erzeugnisse einfach die Image-Hülle, die man sich gerade noch leisten mag. Lokaljournalismus ist nicht (mehr) finanzierbar.
Sport, so heisst es, soll nicht mehr vom Schweizer Fernsehen angeboten werden. Welcher Sport? Wie viele Sportarten werden denn auf anderen Portalen wohl zukünftig überhaupt noch Medienpräsenz haben? Und für Fussball brauchen wir aktuell mehrere Bezahlabos, um die Champions League und die Schweizer Super League zu verfolgen. Aktuell kann man sich mit Zusammenfassungen und Einzelübertragungen bei SRF ersatzbefriedigen – das wird zukünftig wegfallen – und es wird für Interessierte nicht billiger werden.
Und was ist mit den Künstlern, die Kleinkunstbühnen brauchen? Sie können keine Alben verkaufen, und kommen bei Spotify auf Kleinstumsätze – ganz sicher erst recht, wenn die Chance auf TV-Präsenz ganz wegfällt. Und wer informiert zukünftig noch über Dinge, die hinter dem nicht nur vermeintlichen Röstigraben in den anderen Sprachregionen geschehen?
Es ist auch nicht so, dass die SRF-Sender es sich leisten könnten, sich auf News-Journalismus zu konzentrieren, obwohl sie das tatsächlich am besten können. denn das generiert nicht das Massenpublikum, das sich dann auch noch bei unbequemen Inhalten genügend repräsentiert fühlen sollte. Die aktuelle Sparübung, welche die SRG schon durchläuft, hat bereits dazu geführt, dass mehrere tolle Radio-Formate für Wirtschaft und Forschung auf srf4news eingestampft worden sind.
Die Welt wird nicht immer informierter, je kommerzieller das Infotainment organisiert wird, sondern immer blöder, denn die Masse, die den Zaster verspricht, will nur Oberflächlichkeit.
Ein gebührenfinanziertes Medienhaus hat zumindest die Möglichkeit, sich nach dem Prinzip einer gewissen Ausgewogenheit um unterschiedliche Themen und Schwerpunkte aus allen Regionen zu kümmern. Es gehört gewissermassen uns, weshalb es auch Ombudsstellen für Beschwerden gibt. Die sind gewiss auch angebracht – auch ich habe mich häufig schon geärgert. Aber es ist bestimmt in Zukunft wirksamer, die Repräsentanten der SRG auf Ausgewogenheit zu verpflichten als, z.B., einen Marc Walder für die journalistische Problematik einer obrigkeitsgetreuen Berichterstattung in die Verantwortung zu nehmen.
Der so genannte Service Public schliesst journalistische Prinzipien mit ein, die reklamiert werden können. Eine kaputt gesparte SRG führt zu einer Versandung der Informationskultur – und die schadet gerade auch der Demokratie, in welcher es darum geht, dass wir Bürger uns unsere Meinung durch die Vielfalt der möglichen Informationsbeschaffung bilden. Ein Haus zu haben, in dem Journalisten schon per se verantwortlich dafür gemacht werden können, dass sie Objektivität anstreben, ist ein Segen. Erfüllt die SRG diesen Anspruch? Womöglich nicht immer oder nicht oft genug. Aber eine Alternative gibt es nicht. Die Reibung mit der bestehenden SRG schadet nicht. Aber hinter dem Antrieb der Befürworter von ganz rechts steht nicht der Wunsch nach mehr und nach breiter Information, sondern mehr Lautstärke und Raum für die eigenen Formate. Für den Bürger sparen zu wollen, klingt immer gut. Wird damit Ausgewogenheit weg gespart, bekommt die Polarisierung noch mehr Raum, und das ist nicht im Sinne der Mehrheit. Auch wenn sie die Angebote der SRG wenig nutzt oder gar nicht. Dass sie es kann, ist aber sehr entscheidend. Auch, weil sie mit Menschen diskutieren dürfte, die ihrerseits mit SRG-Inhalten ihre Positionen vertieft haben.


