04.Januar 2021, 19:00

10min schreiben über: Sprache

Unsere Sprache ist eines unserer Ausdrucksmittel, aber bei weitem nicht unser Einziges. Oft ringen wir mit ihr, weil wir den Eindruck haben, es würde uns nicht gelingen, mit Worten einzufangen, was wir fühlen. Und wenn es anderen gelingt, ist das schön zu hören oder zu lesen, aber es kann auch erschlagen. Wie oft höre ich von Freunden oder sonst mir zugewandten Menschen, dass sie sehr gern lesen, was ich schreibe, ihnen aber auf Briefe – und ja, so bezeichne ich durchaus auch Mails – keine Antwort einfiele, die dem gerecht werden könnte, was sie selbst zu lesen bekommen haben. Ich versuche dann zu erklären, wie segensreich eine Sprache sein kann, die einfach daher kommt. Der Kern einer jeden Sprache ist Klarheit und Einfachhheit. Sie gibt den Worten den Raum, den sie brauchen, um wirken zu können. Ich kann, wenn ich jemanden empfange, sagen, wie sehr ich mich freue, seine Geschichten zu erfahren, wie lange wir uns nicht gesehen hätten und wie sehr ich diesen Moment ersehnt habe, diesen Menschen hier zu haben. Oder aber ich kann einfach sagen:

Schön, bist Du da.

Niemand will da werten, welche Worte mehr ankommen. Den Worten wird auch ein Klang mitgegeben, eine Wärme, ein Lächeln vielleicht – und selbst wenn ich schreibe, glaube ich daran, ja, weiss ich, dass das Lächeln dabei Teil der Botschaft wird. Sprache ist das eine, Verstehen das andere. Vielleicht ist es sogar so, dass, wer seinen Worten vertraut, weniger davon braucht?

Es gibt nicht richtig oder falsch, wenn wir miteinander reden. Aber wahr oder unwahr, achtsam oder gleichgültig, wach oder abwesend. Sprache kann Umarmung sein oder Abweisung, kann beides wollen, in beidem unbeholfen bleiben und doch wirken. Denn es gibt auch den, an den sie gerichtet wird, und auch als Empfangende haben wir es in der Hand, zu lesen und zu hören, was uns gesagt wird.

Sprache teilt mit. Und den Inhalt empfangen Zugeneigte. So findet jeder Satz sein Ausrufezeichen und sein Inhalt ein Herz, einen Verstand, der geneigt ist, hinzuhören.

30.Dezember 2020, 8:32

Wie mit Skeptikern umgehen?

Es ist schon eine Crux – wie soll „man“ mit Impfverweigerern umgehen? Wir diskutieren Fragen des Impfzwangs. Die Staatsrechtsprofessorin Eva Maria Belser beklagt im Schweizer Radio, dass Impfskeptiker und „Angstmacher“ gerade Aufwind bekommen, weil wir keine klaren Antworten auf deren Verweigerungsargumente hätten. Dabei geht es ihr wohl wie den meisten: Her mit diesen klaren Antworten, damit die Bremser und kategorischen Verweigerer und Verschwörungstheoretiker weg argumentiert werden können und wir endlich vorwärts machen können mit dem Impfen – und mit einem demokratischen Diskurs, in dem die Aussicht auf eine gesetzliche Festsetzung einer Impfpflicht eine Chance bekommt.

Dabei werde ich das beklemmende Gefühl nicht los, dass auch hier am falschen Punkt Luft geholt wird: Vielleicht wäre den Skeptikern einfach auch mal in einem positiven Satz zuzubilligen, dass sie Zweifel haben, welche in der gegenwärtigen Situation schlicht nicht zerstreut werden können? Und dass es folglich eine reine Einstellungsfrage des Einzelnen bleibt, wie er sich zur Möglichkeit einer Impfung stellen mag, statt in Betracht zu ziehen, dass Menschen sich gegen den Zwang zu einer Impfung wehren müssten?

Die Gesellschaft wird in den letzten Jahren immer und immer wieder mit der gleichen Situation konfrontiert: Gegen die Mehrheitsströmung formiert sich Widerstand, der vielfältig und laut daherkommt, auch instrumentalisiert wird, aber augenscheinlich ganz viele Menschen aufrüttelt und animiert, mit zu gehen. Und das einzige, was uns einfällt, ist von den Dummen zu reden, den Fehlgeleiteten, den Extremen, den Frustrierten – im besten Fall. Doch dem Antrieb ihrer Unruhe nehmen wir uns nicht an, was dazu führt, dass die Gegenstimmen nicht leiser werden, sondern lauter. Weil wir mit der Reaktion genau dieses ungute Gefühl bestätigen, das diesen Teil der Bevölkerung längst beschlichen hat.

Es gibt keine einfachen Lösungen, rufen wir den Schreienden zu. Und wählen selbst die einfache und hilflose Einstellung der Verweigerung. Damit sind wir alle ein Teil des grösser werdenden Problems.

27.Dezember 2020, 21:30

10min schreiben über: Orientierung

Wissen, wo man hin gehört. Wissen, was ich kann, wer ich bin, was mir entspricht. Manches Unglück ist dadurch bedingt, sich nicht selbst zu kennen – das erschwert die Orientierung – oder lässt einen Ziele anvisieren, die gar nicht für einen gemacht sind.

Wer Orientierung hat, besitzt ein Ziel. Das ist die landläufige Meinung. Orientierung bedeutet aber auch, und das ist ein noch grösseres Glück, den Sinn zu erkennen – für ein Tun, ein Fragen, oder auch schlicht für das Ungeklärte. Auch Offene Fragen aushalten zu können, eine Orientierung gerade nicht zu sehen, aber damit umgehen zu können, ist segensreich. Nicht nur ich nenne das Urvertrauen. Einen Zustand, der mich sicher sein lässt, dass sich antworten zeigen werden. Eine Sicherheit, die unabhängig von Zielen vorhanden ist. Bestätigung, Annahme, Liebe, die keine Bedingungen kennt: Die Orientierung liegt darin, nach sich selbst zu fragen. Zu erkennen, wie schön es ist, zu lernen. Kennen zu lernen, zu entdecken. Wer in sich ruhen kann, weiss, was oben und unten ist, kann mit Komplimenten umgehen, ordnet Lob und Kritik ein. Wer in sich selbst geborgen ist, wird nicht zum Egomanen, er braucht schlicht die Anerkennung nicht, um zu wissen, wessen Zielen seine Aufmerksamkeit gehören soll, was er weiter lernen will – und wie er mit Misserfolgen umgehen kann. Die Orientierung, den Kompass für das eigene Leben und die wichtigen Entscheidungen kann jeder finden, wenn er wirklich auf sich hört. Nicht die anerzogene Orientierung, nicht, was „man“ macht oder zu machen hat, ist gemeint, sondern das innere Wissen, was gut oder schlecht für uns ist. Und weil das nicht einfach zu erkennen ist, fehlt oft die Orientierung. Aber das Drehen im Kreis kann auch zum Rundumblick werden, zum Blick nach innen, und dann wird sich Orientierung einstellen.

26.Dezember 2020, 8:00

Ausblick auf mehr – oder weniger

Auch wenn Weihnachten nicht weit ist – der Jahreswechsel ist nah. Und auch wenn sich alle herbeisehnen, Corona möge bald seine Kraft verlieren, damit wir wieder atmen können – was uns mehr würgt, ohne es zu merken, sind wir selbst. Die Wohlstandssättigung wird uns weiter selbstgefällig sein lassen.

Die Politik wird uns einschärfen, welche Probleme wir angehen müssen, damit, zum Beispiel, die Klimaziele erreicht werden. Die Industrie wird zu steuern wissen, wie dies geschieht, oder besser, scheinbar versucht wird. Wir werden auch im Neuen Jahr ganz viel davon erfahren, wie genial die Forschung Lösungen für die Klimaziele schafft. Und auch im Neuen Jahr wird die Lösung, die einzige, die wirklich garantiert ökologisch ist, nicht favorisiert werden: Braucht weniger.

Wachstum wird weiter das Prinzip unserer Ökonomie sein, und damit wird keines der Probleme gelöst werden. Wir schaffen im besten Fall neue, die tendenziell immer grösser werden.

Warum ich nicht wenigstens an Weihnachten Ruhe geben kann und positiv gestimmt? Nun, ich glaube an viele Dinge, auch an die Gottesliebe und die Liebe zwischen Menschen, aber nicht an die Fähigkeit der Menschen als Spezies, sich die Erde so untertan zu machen, dass wir überleben können.

Oh, für mich ist da keine Gefahr. Ich werde alt und satt und im Überfluss sterben. Und ich kann auch nicht sagen, welche Generation die Zeche am Ende zu hart bezahlen muss. Aber es wird eine Rechnung geben. Und einen Eintreiber.

23.Dezember 2020, 7:00

Corona-Festtage

Die Festtage sind normalerweise bei vielen Menschen durchgetaktet. Es muss ja auch viel auf die Reihe gebracht, erledigt und organisiert werden. Corona könnte da eine Ausnahme machen. Viele Rituale mögen diesmal nicht möglich sein, brauchen Anpassungen – vielleicht aber ist trotz dem bundesrätlichen Aufruf, zu Hause zu bleiben, bezüglich Begegnung nicht alles festgefahren?

Ich stelle mir vor, wie viele Wohnhäuser es geben mag, in denen Personen plötzlich vor einer Weihnacht stehen, die sie allein verbringen werden. Womöglich leben sie gar Tür an Tür? Vielleicht sind sie gerade an Heiligabend dann auch lieber wirklich allein – oder womöglich nicht? Vielleicht gibt es Gelegenheiten zu spontanen Begegnungen, oder auch nur zu einem kleinen kurzen Austausch von Worten, die nicht nichtssagend bleiben, sondern Ausdruck der Herausforderung sind, die an uns gestellt wird. Und die ist ein Klaks, liebe Lesenden, wenn wir uns einfach ein bisschen schubsen lassen, einem Impuls nachgeben und die Herzwärme zulassen, die wir uns selbst auch wünschen. Weihnachten wird genau so kalt wie wir es hinnehmen, oder so warm, wie es sich anbietet.

Vielleicht sind wir allein. Aber das bedeutet nicht, einsam zu sein. Wir können mannigfaltige Verbindungen eingehen, können sie auf unterschiedlichste Weise pflegen und fühlen, dass sie lebendig sind.

Man stelle sich vor, die Welt würde tatsächlich mal durchatmen. Würde ausruhen nicht mit konsumieren gleichsetzen, sondern weniger brauchen, um das, was ist, was man hat, neu zu schätzen. Die Stille muss gar nicht bedrohlich sein, nur weil sie uns lehrt, auch bewusst zu horchen. Es gibt in dem, was ist, was bei uns und in uns ist, so viel zu entdecken, was unbeachtet bleibt, weil wir uns nicht genug Beachtung schenken. Ich meine wirkliche Beachtung, die keine Geschenke braucht, keine Kompensationen – denn sie anerkennt, was vorhanden ist. Wie Viele von uns sind wohl der Meinung, dass sie gewöhnlich sind? Langweilig. Uninteressant.

Es ist der grösste und traurigste Irrtum überhaupt. Denn jedes Leben schafft so viele Geschichten, dass daraus ein sehr spannendes Buch geschrieben werden könnte – mit Achtung und Staunen. Und das nächste dieser spannenden Leben wohnt nebenan.

22.Dezember 2020, 7:00

10min schreiben über: Streit

Wo hört die Diskussion auf und fängt der Streit an? Im Streit vertragen wir eine andere, gegenteilige Meinung nicht mehr. Wir nehmen die Divergenz übel – und die Gefahr ist gross, dass wir es persönlich nehmen und wir auch persönlich werden. Je enger wir mit dem Menschen sind, um so grösser ist oft diese Gefahr. Wir können aber auch einfach verzweifeln, auf eine vermeintlich edle Art, über die Engstirnigkeit, die natürlich im Kopf gegenüber herrscht. Im Streit gibt es nicht nur einzig meine Wahrheit, sie muss sich auch sogleich durchsetzen.

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21.Dezember 2020, 21:28

Allein zu Hause und auch nicht

Corona liefert so viele Fragen und Erkenntnisse, aber es geht uns Allen wohl damit so wie bei vielen politischen Grundsatzfragen: Wir haben eine Meinung, aber die absolute Gewissheit über die Wahrheit haben wir nicht, können wir nicht haben, und wir wünschten uns wohl einfach, es gäbe offenere Diskussionen – und zwar nicht nur unter seinesgleichen links und rechts der grundsätzlichen Trennlinie zwischen den Hauptlagern.

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20.Dezember 2020, 9:00

Weihnachtsworte

Frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr! Vielleicht nimmst Du diese Weihnachtsgrüsse ganz bewusst und persönlich für Dich an, denn so ist es von mir auch gedacht. In einer Zeit, in welcher wir auf unzählige Arten per Social-Media-Erinnerungsfunktionen an Feiertage, Festtage, Hochzeitstage, Geburtstage etc. erinnert werden – und doch immer weniger Kartengrüsse schreiben, schon gar nicht von Hand, scheint es oft wahrscheinlicher, einen Klick zu erhalten statt ein paar Worte, womöglich noch persönlich formuliert.

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