23.Juni 2021, 2:00

Das Virus und Brock

Brock läuft durch die Strassen, vorbei an leeren Gesichtern hinter Masken. Und die Gesichter ohne Masken sind grau. Er hat das Virus nicht, und doch hat es ihn im Griff, weil es uns alle im Griff hat. Brock war schon immer viel allein, aber lange nicht mehr so oft einsam. Während die Menschen nach der Leichtigkeit haschen, möchte Brock endlich wieder jene Schwere fühlen, die ihm zeigt, dass die Erde anzieht, ihn hält. Er versucht, bewusst zu atmen, und seine Schritte werden langsamer und kürzer. Er sucht nichts mehr in den vorbei huschenden Gesichtern. Er sucht Brock.

Er denkt an den kleinen Jungen und auch an den Teenager, der niemals Zärtlichkeit zwischen Mama und Papa beobachten konnte. Als ihm das bewusst geworden war vor vielen Jahren, hatte er das Gefühl, in einem schwarzen Nichts zu versinken. Wenn die Seele so friert, will sie lieber wieder vergessen. Aber Erinnerungen sind dazu da, eine liebevolle Beobachtung zu versuchen, auf dass der Vergangenheit eine neue Gegenwart folgen kann: Brock betrauert nicht mehr den kleinen Jungen in ihm, aber er wird immer den Schmerz der Zurückweisungen und Frustrationen seiner Eltern fühlen. Noch jetzt kann er die wortlose Verzweiflung fühlen, in welcher Mutter und Vater gefangen blieben, ein Leben lang. Das Virus hätte das nicht geändert. Vielmehr wäre es wohl unerträglich geworden. Für wen zuerst?

Brock kann nicht eine Person nennen, die ihm die Kraft gegeben hat, Gefühle, Zärtlichkeit, Zuneigung und Berührung nicht einfach als Sehnsuchtsgüter zu verstehen sondern ihr Geben und Nehmen zu üben, zu lernen, zuzulassen und zu erfahren, dass dies Güter sind, die jenseits von richtig und falsch einfach unser Leben ausmachen, und damit das Miteinander und unser Dasein mit uns selbst. Brock begreift, so, wie er gerade einen Fuss vor den anderen setzt, dass es gerade die Vielzahl der Begegnungen ist, welche ihn befähigten, das eigene innere Licht zu sehen und leuchten zu lassen.

Brock weiss, dass es seine grösste und wichtigste Aufgabe bleibt, erfahrene Nähe, empfundene und empfangene Liebe in jener Seelentiefe Raum zu geben, in welcher sein Grundvertrauen nur darauf wartet, weiter gestärkt zu werden. Seine Seele will und darf die Enge sprengen, die Liebesworte seiner ihn Liebenden dürfen seine Gewissheit werden. Jedes scheinbar zufällig gehörte oder gelesene liebe Wort hat seine Botschaft für ihn, für Brock. Gelebte, empfundene Liebe und Zuneigung klopft immer bei der eigenen Seele an und fragt: Na, bist Du auch gut zu Dir selbst? Und tut Dir selbst gut, was du machst, gibst, empfängst? Je liebevoller und gütiger Brock an seine Eltern, überhaupt an Menschen denken kann, um so liebevoller ist auch sein Blick auf sich selbst.

Brock lernt. Er weiss, dass er damit niemals „durch sein wird“. Aber es ist schön. Und wenn Momente des Alleinseins Einsamkeit in sich tragen, so kann er sie willkommen heissen, weil sie ihn frei von Ablenkung machen können. Um einen Gedanken fest zu halten, eine Dankbarkeit zu fühlen, einen nächsten Schritt zu machen. Brock will sich weiter begegnen, sich fühlen. Und so wird er auch Menschen begegnen. Er hat unwillkürlich die Maske abgenommen und achtlos in die Hosentasche gesteckt, und eine Frau, die vorbei eilt, lächelt ihn an. Sie gibt ihm zurück, was er ausstrahlt.


Alles, was Brock umtreibt, was ihn beschäftigt, worin er Hilfe sucht und Hilfe schenken kann, ist ein Teil unserer Lebenskunst, die sehr viel mit unserem persönlichen Glück zu tun hat, mit der Qualität und Tiefe unserer Beziehungen, mit der Art und Fähigkeit, Liebe gedeihen lassen zu können. Ganz viel von dem haben wir Corona geopfert. Wir haben pausiert. Einschränkungen auf uns genommen.

Wie viele Menschen haben wir in der Zeit ein Stück weit verloren, weil sie eine andere Einstellung zu den offenen Fragen hatten oder haben, und wir es nicht schaffen, NICHT nur in Schwarz oder Weiss zu denken? Wir teilen Menschen ein in vernünftig und verleitet. In verantwortungsbewusst und fahrlässig. Wir unterstellen Dummheit, wo Unsicherheit herrscht. Nach allen Seiten, damit wir uns hier richtig verstehen.

Herausforderungen wie jene, die in diesem Text oben anklingen, haben ganz Viele unter uns zu meistern. Es wird wohl niemand bestreiten, dass sie seit März 2020 noch viel dunkler auf vielen Menschen lasten können. Und ich behaupte, wir alle kennen einen solchen Menschen. Aber wir sehen sie nicht. Es ist ein Elend, das von keiner Statistik erfasst wird. Und doch verantworten wir es. Wir Alle.
Wie sähe unsere Welt aus, wenn wir uns mehr den inneren Werten unserer Lebensjahre verpflichtet fühlten als der schieren Angst, wir können davon ein paar weniger erleben als erhofft? Was macht unser Dasein auf Erden aus?

Bald soll es ja vorbei sein. Sagen die Einen. Andere bestreiten es, bezweifeln es. Wir werden die Diskussion unter uns Unwissenden endlos weiter führen. Aber Eines ist ganz klar:

Was wir verloren haben, was wir preis gegeben haben, bekommen wir nicht zurück. Nichts von dem, was geschehen ist, ist einfach eine Episode, die wir vergessen werden.

18.Juni 2021, 2:00

E-Biken als neues leichtes Jogging. Vielleicht.

Die Zeiten, in denen ich regelmässig joggen war, sind lange vorbei. Ich erinnere mich an die Limiten, die sich mir zeigten: In dem Moment, über den hinaus sich meine Distanzleistung nicht mehr erhöhte mit dem möglichen und gewollten Aufwand, schwand der Zauber, und die Konfrontation mit den Einschränkungen durch das Asthma schob sich in den Vordergrund. Dazu kamen streunende herrenlose Hunde im Wald mit Interesse an Joggerbeinen, und irgendwann habe ich es gelassen. Aber ich erinnere mich auch an die meditativen Momente im Einklang mit meinen Körper…

MEIN KÖRPER – MEINE WOHNUNG

Still laufe ich, mit gebändigten Gedanken. Ich staune, dass meine Beine vom ersten Schritt an den leichten Schritt des Vortags annehmen, eifrig bereit, mich weit zu tragen. Ich komme heute meinem Ziel ein paar ruhige Atemzüge näher: Beim Laufen mein eigenes Tempo finden. Die Geschwindigkeit, den Schritt entdecken, der der Meine ist und der zu mir gehört für den Lauf durch mein Leben, hin zu mir selbst. Ich suche die Schrittlänge und den Rhythmus, der meine Gedanken verschmelzen lässt, meinen Kopf leert und mein Inneres öffnet. So ist jeder neue Lauf ein Dialog mit mir selbst, ein Hinhorchen auf meinen Körper, eine Mahnung, ihn zu ehren, zu pflegen, zu nutzen, zu belasten, zu entlasten: Ich lerne meine Wohnung kennen. Und ich freue mich schon, morgen dahin zurück zu kehren, und die Tage danach ebenso.

Es gibt segensreiche Wiederholungen und Gewohnheiten, Zeiten der Einkehr, die wie Tempelgänge in unserem Tagesablauf stehen können.


thinkabout.myblog.de vom 14.11.04, teilweise wieder gegeben und redigiert

und so freue ich mich nun auf mein E-Bike, auf das ich, wie viele andere auch, sehnlichst und viel länger warte, als vorausgesagt… Die Lieferengpässe durch Corona lassen grüssen…

14.Juni 2021, 8:30

Erdige Gedanken

Unsere Begegnungen mit der Natur können manchmal so tief empfunden werden, als würden wir von Gott selbst berührt.
Wenn ich Tiere beobachte oder einen besonderen Baum, der im Wechsel der Jahreszeiten Blühen und Welken immer wieder neu durchlebt und ich dabei seine Wurzeln wachsen sehe, dann fühle ich die Sehnsucht danach, „wie die Tiere dem Leben recht geben zu können“ (J.R. von Salis) und entsprechend im Leben verwurzelt zu sein:

Meiner Bestimmung gemäss zu leben. Was bedeutete: Ich weiss wer ich bin und was ich soll. Tiere müssen nicht nach ihrem Sinn fragen – sie scheinen in jedem Moment das zu tun, wofür sie bestimmt und gedacht sind und folgen ihren Instinkten. Wir aber haben ein Bewusstsein, das wir scheinbar erst entwickeln oder wieder freilegen müssen: Wir können uns eine Zukunft denken und womöglich die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Wir vermögen scheinbar sehr schlecht mit der Tatsache der weiter laufenden Zeit umzugehen. Statt Werden und Vergehen in unser Bewusstsein eindringen zu lassen, verscheuchen wir die Fragen nach unserer Herkunft und unserm Hingang und leben in einem diffusen Durcheinander von Augenblicken, abgelenkt vom scheinbaren Trost momentaner Zerstreuung und der Erfüllung aktueller Pflichten.

Dabei wird uns immer die Möglichkeit gelassen, im Bewusstsein unserer physischen Endlichkeit unsere Seele zu nähren und mit beiden Füssen die Erde spürend gleichzeitig den Himmel zu greifen.

thinkabout/myblog.de vom 13. Nov. 2004, heute bearbeitet und ergänzt

08.Juni 2021, 2:00

Lebensmittel für ein gutes Leben

Wir stimmen am nächsten Wochenende über eine Volksinitiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung ab, und über die Volksinitiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“. Wieder mal ist es einigermassen kompliziert, als Laie den Durchblick zu bekommen.

Die Schweiz ist ein kleines Land – und eine einigermassen autarke Landwirtschaft verheisst uns ein wenig Sicherheit. Gerne wird auch behauptet, dass Schweizer Produkte eh schon einen hohen Standard an Natürlichkeit erfüllen. Die entsprechenden Werbespots der Grossverteiler haben teilweise etwas von einer Märchenstunde, so übertrieben wird uns die Idylle auf dem Bauernhof vorgegaukelt.

Schlussendlich werden Produkte produziert, mit dem Ziel, Gewinne zu erwirtschaften. Die Schweizer Bauern haben seit Generationen eine starke Lobby. Es tut sich auch Einiges in Sachen Bio, aber der Wildwuchs der Labels ist grotesk und die Kriterien dafür müssen nicht immer logisch oder sinnvoll sein. Das Prinzip treibt der guten Absicht manchmal den Sinn aus den Tier- und Pflanzenfasern…

Aber nun ist Feuer im Dach. Im kleinen Schweizer Land häufen sich die Nachrichten über eine immer schlechtere Grund- und Quellwasserqualität, und die Rückstände an Pestiziden im menschlichen Körper nehmen laufend zu.

Die Bauern prognostizieren uns bei Annahme eine ausgedünnte Angebotsvielfalt, einen Ausstieg aus den Direktzahlungsprogrammen, welche den Einsatz von Pestiziden kontrollieren, und, das vor allem, viel höhere Gestehungskosten und damit höhere Preise. Da scheint guter Rat teuer. Also vielleicht doch nach dem Bauchgefühl gehen…

Welche Angst ist nun grösser? Diejenige, auf Angebote verzichten oder dafür viel mehr bezahlen zu müssen – oder uns in all der Vielfalt der Speisen still und heimlich weiter zu vergiften? Weniger radikale Lösungen suchen, auf entsprechende Initiativen der ursächlichen Landwirtschaftsproduktion vertrauen? Aber deren Verlautbarungen und Absichten haben schon vor Jahrzehnten ähnlich geklungen… Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Die junge Generation scheint mir bereit zu sein, neue Standards zu wollen. Koste es auch, was es solle.

07.Juni 2021, 6:34

Wie die direkte Demokratie ausgehebelt wird

istock/MHJ

Wir Schweizer sind uns wohl gar nicht bewusst, dass viele Blicke aus dem Ausland auf das kommende Abstimmungswochenende bei uns gerichtet sind. Denn wir stimmen über das sog. Covid-19-Gesetz ab. Unser System der direkten Demokratie erlaubt es, dass die Bürger die Corona-Massnahmen der Regierung gutheissen oder verwerfen können. Nirgends sonst ist es möglich, dass das Volk das beanspruchte Notrecht bejahen oder verwerfen kann, nachträglich – und für eine befristete weitere Zeit. Das ist die Theorie, nach welcher Regierung und Parlament Aufschluss darüber bekommen, ob das Volk hinter der politischen Führung steht. Aber das wird nicht der Fall sein, denn die Vorlage weiss es zu verhindern, den Volkswillen klar zu befragen, indem sie gegen den Grundsatz der Einheit der Materie verstösst.

Dieser Grundsatz ist ein Rechtsinstitut, ein Prinzip der Bundesverfassung der Schweizer Eidgenossenschaft, der besagt, dass zwischen den einzelnen Teilen einer Abstimmungsvorlage ein sachlicher Zusammenhang bestehen muss. Auf den ersten Blick scheint das gegeben, denn wir stimmen über die Prinzipien und Grundlagen ab, nach denen der Bundesrat seine Massnahmen im „Kampf“ gegen Covid-19 beschliesst. Doch unser Ja oder Nein sanktioniert eben nicht nur die Massnahmen des Bundesrates, sondern es entscheidet auch darüber, ob die finanziellen Entschädigungen und Unterstützungen, die für die Betroffenen gesprochen wurden und weiter bezahlt werden, weiter geführt werden können oder im September auslaufen. Und damit ist der Grundsatz der Einheit der Materie grundlegend verletzt, denn sein tieferer Sinn ist, dass die Stimmbürger ihren politischen Willen frei und unverfälscht bilden und auch äussern können. Genau dies wird hier aber nicht gewährleistet, denn ich kann sehr entschieden gegen die Anwendung und Interpretation des Notrechts durch den Bundesrat und die daraus abgeleiteten Beschränkungen der Freiheitsrechte sein, setze mich mit einem Nein aber dem Vorwurf aus, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohten Berufs- und Bevölkerungsgruppen ab September endgültig ins Elend zu stürzen. Ein erheblicher Teil des Stimmvolks hat grundlegende Bedenken gegenüber den Einschränkungen und Massnahmen, anerkennt aber umgekehrt, dass der Bundesrat mit seinen getroffenen Abfederungen, z.B. mit den Regelungen für Kurzarbeit oder den Erwerbsersatz für die Selbständigen, die wirtschaftlichen Benachteiligungen schnell, speditiv, erstaunlich unbürokratisch und relativ breit zu lindern möglich gemacht hat. Nur ist ein einigermassen dichter Flickenteppich kein Argument dafür, die Handlungen, welche die Flicken notwendig gemacht haben, aufrecht zu erhalten. Und genau dies festzustellen, wird den Stimmbürgern sehr schwer gemacht, weil im Abstimmungskampf dem Volk die Verantwortung für die finanzielle Abfederung der Schäden für die Benachteiligten zugeschanzt wird. Und es wird nicht möglich sein, zu eruieren, wie gross der Prozentsatz der Stimmbürger ist, welche nur ein Ja eingelegt haben, weil sie die Folgen der Massnahmen abgefedert wissen wollen, aber nicht, weil sie die ursprünglichen Entscheidungen für richtig halten. Die beiden Fragen müssten, wenn schon, getrennt vorgelegt werden, und wenn der Charakter der Gesetzgebung eine solche Trennung nicht erlaubt, so hätte das Parlament die notwendigen Schritte einleiten müssen, welche die Fortführung der bisher gewährten Entschädigungen in jedem Fall erlaubt hätte.

Ich bin im Übrigen überzeugt, dass es diese Überlegungen auch gibt und Notfallpläne bestehen, um bei einem Nein Härtefälle im Herbst eben doch zu verhindern. Als Parlamentarier zu behaupten, das wäre nun nicht mehr möglich, ist eine Bankrotterklärung – und in erster Linie eine Aussage, welche bescheinigt, dass das Parlament selbst seiner Aufgabe überhaupt nicht nachgekommen ist. Das politische Kalkül ist offensichtlich, mit dieser Unsicherheit genau diese grosse Gruppe von Ja-Stimmen zu sichern und so die Handhabung des Notrechts in seiner Gänze sanktioniert zu bekommen. Mit allen offenen, nur vorläufig zu beantwortenden Fragen zur Handhabung von Impfzertifikaten und dergleichen, und, notabene, mit einem Gesetzestext, der so, wie er in der Abstimmungsbroschüre aufgelegt und in alle Haushaltungen verschickt wurde, schon nicht mehr gültig ist. Denn gleich zu Beginn gibt es seit der Drucklegung eine massgebliche, sehr bedeutsame Änderung:

Im Abstimmungsbüchlein regelt das Bundesgesetztes über die gesetzlichen Grundlagen für Verordnungen des Bundesrates zur Bewältigung der Covid-19-Epidemie (Covid-19-Gesetz) in Art. 1 „Gegenstand und Grundsätze“ und in Art. 2 „Massnahmen im Bereich der politischen Rechte“.

Im Netz kann der Gesetztestext mit Stand am 1. April 2021 aufgerufen werden, und der enthält einen Gummiparagraphen: Art. 1a:

Der Bundesrat legt die Kriterien und Richtwerte für Einschränkungen und Erleichterungen des wirtschaftlichen und gesellschaftli­chen Lebens fest. Er berücksichtigt nebst der epi­demiologischen Lage auch die wirtschaftlichen und ge­sellschaftlichen Konsequenzen.

Wie problematisch oder nicht eine solch dynamisch sich weiter verändernde Vorlage ist, wie beabsichtigt es sein mag, die Variante vom 1. April dieses Jahres in die im Mai verschickten Unterlagen nicht zu integrieren, so dass dieser Art. 1a nicht gelesen werden kann im Abstimmungstext, kann nur gemutmasst werden, und ich höre schon wieder den Totschlagspruch auf mich niederprasseln, ein Verschwörungstheoretiker zu sein.
Ich weiss auch nicht, ob die Feststellung die Sache besser macht, dass schlicht der Text des BG vom 20. September 2020 ohne später erlassene Zusatzartikel – mehr als ein Dutzend mit lit. a) oder b) – abgedruckt wurde.

Ich bin sehr stolz auf unsere direkte Demokratie. Ich bin schon um sie besorgt durch die Beurteilung und Massnahmen der Politik in Situationen, wie wir sie in den letzten 15 Monaten erlebt haben, aber das ist wahrscheinlich viel leichter erklärbar und korrigierbar als das, was diese unsägliche Vorlage über unsere Legislative verrät. Es sind Taschenspieler- und Hütchentricks, welche ein bestimmtes, gewolltes Ergebnis garantieren sollen. Das Quälendste daran ist, dass sie gar nicht nötig wären. Im Dialog mit dem Volk wären sehr brauchbare Prinzipien zu erarbeiten, welche das Vertrauen in die Regierung stärken und die Sicherheit erhöhen würden, mit dem Rückhalt der Bevölkerung auch für sie tätig sein zu können. Wahrscheinlich muss der Weg dazu in der weiteren Aufarbeitung der Epidemie-Erfahrungen liegen, in welche dann auch die Praktikabilität und Plausibilität des angewendeten Epidemiengesetzes von 2016 einfliessen kann.

28.Mai 2021, 14:50

Die Nacht als Tageszeit

Ich weiss gar nicht mehr, wann das angefangen hat, dass ich die Nacht gerne zu einem Teil meines Tages gemacht habe. Es hat mir schon als Student entsprochen und ist bis heute so:

WACHE NACHT

Ich liebe die Nacht,
die mich empfängt
mit Stille und Geschichten.
Ich sitze da und denke
ganz anders als am Tag,
wenn helle Lichter blenden.

Ich lief ganz jung schon
nachts durch dunkle Strassen,
den spiegelglatt glänzenden Asphalt
regennass unter meinen Füssen:
Zuflucht für bedrängte Herzen,
Wanderpfad für meine Seele.

Nicht Bedrohung fühle ich,
nicht Angst, nicht Ruhelosigkeit.
Es bescheint ein fahlgelber Mond
meine springenden Gedanken,
bis mich schläfrige Sanftmut
in eine neue Ruhe entführt.

thinkabout.myblog.de am 12.11.04, heute bearbeitet

In der Nacht bin ich unter Menschen allein. Ich weiss sie schlafend, arbeitend, unter der Decke, in den Freuden oder Sorgen wegen morgen. Das ein Morgen ist. An dem die Sonne wieder aufgeht. Ganz sicher. Was für ein Wunder, jeden Tag. Ich bin in diesen Stunden allein – aber bin ich es wirklich? Und mehr als am Tag, wenn ich unter ebenfalls wachen Menschen bin? Wir kommen allein und wir gehen allein. Der erste und der letzte Teil des Weges kann nicht geteilt werden. Und die Entwicklungsschritte, die wir gehen, sind auch die unseren. Wir können sie nicht abgeben. Niemand geht den Weg für uns und niemand geht genau den gleichen. Aber ich trete aus der Nacht und dem folgenden Schlaf heraus in einen Tag, der Begegnungen bereit hält. In denen ich wahrhaftig sein kann, wenn ich in mir selber wohne in einer Weise, die auch und gerade in der Nacht der Unsicherheit standhält, Angst aushält und überwindet. Viele Briefe, die ich schreibe, schreibe ich nachts. Wenn ich bei mir bin. Und etwas davon zu jemandem tragen will. Einen Gruss. Einen Gedanken. Das Gefühl, das ich habe, wenn ich den Mond betrachte, und wieder mal sehe, welch unfassbare Kraft er besitzt. Er blendet nicht. Aber er scheint. Leuchtet. Geht seinen Weg und vergisst dabei die Erde nie. Wenn ich ihn am Himmel suche und finde, ist alles gut.

26.Mai 2021, 18:15

Von der Schreibsucht zur Unlust

Im November 2004, noch mitten in meinem früheren Berufsleben, habe ich, kurz nachdem ich das Bloggen für mich entdeckt hatte, erfüllt vom Erleben, wie reich die Gedankenvielfalt war, die da ihr Ventil fand, folgendes geschrieben:

Schreibsucht

Es gibt Tage, da rasen meine Gedanken vor Sehnsucht.

Ich möchte aus Blind- und Taubheit neu aufsteigen,
wie ein neu geborenes Geschöpf hören und sehen lernen.

Nicht arbeiten und doch ständig bei der Arbeit, bei mir selber sein.

Die Arbeit aber, die ich im Büro vor mir her schiebe, ist immer weniger die meine.

Nichts an ihr zieht mich an.
Diese Macht hat nur ein Blatt Papier –
eine Anziehung, wie sie von einer bildhübschen, jungen Frau ausgeht.

Schreiben ist meine Zu-Flucht.

Ich sehne die fünfte Stunde des Nachmittags herbei.
Dann Aufbruch, Wegfahrt. Kleiderwechsel.
Joggen, laufen. Nur weg, hin zu mir selbst.

thinkabout.myblog.de vom 11. Nov. 2004

Nun, meine Arbeit ist nicht zu einer Qual geworden – ich konnte ihr ihren Platz zuordnen, meine Aufgaben erfüllen und meinen Partnern gerecht werden (oder bleiben), zumindest glaube ich das. Nun, nach dem Ausscheiden aus der Arbeitswelt, wäre also erst recht Raum für mein Schreiben, für das laute Denken. Doch nun fehlen mir weniger die Gedanken als die Stimme dafür. Ich bin angezählt. Die Art, oder besser die Unart, mit welcher wir alles andere als einen wahrhaftigen Diskurs über das Für und Wider im Umgang mit der Pandemie führen, beschäftigt mich enorm und raubt mir die Lust und den Glauben, wir könnten etwas anderes anstreben in der ganzen Irrlichterei als die möglichst schnell eingeimpfte Rückkehr zur Normalität. Etwas Anderes will scheinbar niemand – und diese fast alte Normalität wird dazu führen, dass wir das Erlebte ablegen wie einen Albtraum, der hoffentlich nicht wiederkommt. Und jene, die das nicht können, sind die bleibenden Opfer der Pandemie, und jene, die das nicht wollen, sind unverbesserliche Schwarzmaler mit Aluhüten auf dem Schrank und der Nazifahne im Schrank. Absurder könnten die Abstraktionen nicht betrieben und die Verunglimpfungen nicht geführt werden.

18.Mai 2021, 14:25

Freundschaft hat eine ewige Kraft

Es gibt Begegnungen, die machen ein Leben so reich, und dabei schaut man staunend auf sein Glück: Unfassbar, dass mir das geschieht – dass ich Dinge erlebe, die ich mir so nicht mal vorgestellt habe. Das Glück einer tiefen Freundschaft ist unerklärbar, aber der Versuch, sie zu pflegen und zu schützen, immer weiter zu vertiefen, ist nicht nur menschlich – er ist auch Ausdruck von Selbstliebe, denn in der Freundschaft erfahre ich Geborgenheit, und ich empfange das Geschenk, angenommen und geliebt zu werden. Meine Stärken können inspirieren, und meine Schwächen werden aufgefangen.

iStock/MHJ

Wie eine Freundschaft entsteht, kannst du dir nicht verdienen. Wie lange sie anhält, ist auch Ausdruck dessen, wie wertvoll sie Beiden ist. Doch wie ein Mensch in ein Leben tritt, so kann er einem auch wieder genommen werden. Manchmal endgültig. Die gemeinsame Lebensstrecke endet nie dann, wann wir bereit dafür sind. Im Moment des Verlustes ist der Tod ein grausamer, übermächtiger Feind, ein Räuber, ein Monster. Kündigt er sich an und kann man sich darauf vorbereiten, so stellt er riesige Aufgaben. Doch wie er auch erscheint, die Leere, die er bringt, ist auch nur eine Hülle. Wir können ihm so viel entgegen setzen. Und dazu gehören all die gemeinsamem Momente, die Liebe und das Lachen, das Strahlen in unbeschwerten Augenblicken. Keiner von ihnen kann lächerlich gemacht werden, weil er nicht wiederkehren kann. Keiner von ihnen kann uns genommen werden. Denn Freundschaft bedeutet auch, dass wir allen Zuspruch für einander für immer in uns tragen. Und wer weiss? So geheimnisvoll wie das Wunder ist, das wir uns begegnet sind, so voller Geheimnisse bleibt der weitere Weg. Und ich glaube nicht, dass wir uns je im dunklen Nichts verlieren werden, sondern dass es immer Verbindung gibt. Der Reichtum, den wir einander schenken, bleibt lebendig. Liebe hat eine Ewigkeit, aus der sie kommt und in der sie nie verloren geht. Und so lebst Du in all meinen Freundschaften weiter, denn Du hast mir geholfen, mich weiter zu entwickeln und mir gezeigt, wie segensreich es ist, immer an die Kraft der Liebe zu glauben, sie zu schenken – aber auch anzunehmen, dass es sie auch für mich gibt. Und dass Du meine Liebe weiter mit Dir trägst, ist die Gewissheit, die auf jedes Verlustgefühl eines Abschieds folgen darf.

12.Mai 2021, 17:20

Forschungszusammenarbeit kann kein Faustpfand sein

Die Schweiz tut sich schwer mit dem neuen Rahmenabkommen, das die EU als zu Ende verhandelt betrachtet, während es für unsere Seite viel zu viele offene Fragen gibt. Die Folge ist, dass Druck aufgebaut wird. Da bietet es sich an, die Schweiz von den grossen gemeinschaftlichen Forschungsprogrammen in Europa auszuschliessen. Keine Frage, dass das weh tut. Und äusserst fragwürdig ist. Und entlarvend.

Wenn wir etwas in diesen struben und wilden Zeiten lernen, dann ist es das Mantra, dass Lösung und Entwicklung aller offenen und drängenden bis existenziellen Fragen durch die Forschung zu erwarten sind, den technischen Fortschritt, die Entwicklung neuer Medikamente und Energiegewinnungen und -Einsparungen. Doch wenn es den Regierungen tatsächlich so ernst damit ist, dann sollte gerade die Erfahrungen dieser Jahre zeigen, dass die Lösungen, die wir suchen und brauchen, von überall kommen können und die Suche danach eine globale ist. Einen Forschungsstandort wie die Schweiz da mutwillig zurückzubinden, um andere Interessen durchzusetzen, kann ein Schuss in die Beine der eigenen Völker sein und steht eigentlich keinem Verhandlungspartner gut zu Gesicht, genau so wenig wie das koloniale Verhalten von Grossmächten, wenn es um die Regulierung und Sicherung von Impfstoffen oder – früher in dieser Neuzeit – um den Rückbehalt von Maskenimporten geht.

Ich schreibe es ganz ehrlich: Man mag uns Schweizern Sperrigkeit vorwerfen, aber ich habe langsam von dem Gehabe der EU genug. Ich kann zum Beispiel nicht vergessen, dass unsere Nachbarstaaten Italien und insbesondere Deutschland in ihren Zusagen, den Bahnverkehr unseren mit der Neat geschaffenen Verbindungen anzugleichen und entsprechend Bruchteile der Schweizer Investitionen auch selbst zu tätigen, um geschätzte zwei Jahrzehnte hinterher hinken. Es ist also nicht nur ein Jammer, dass wir uns gegenseitig nicht auf neue Verträge einigen können – es bleibt beschämend, was mit den abgeschlossenen Vereinbarungen nicht eingehalten wurde. Das Schweizer Stimmvolk hat – im Gegensatz zu ganz vielen Völkern Europas – mehrmals klar und deutlich zu EU-konformen Verträgen an der Stimmurne ja gesagt. Es muss uns niemand vorwerfen, wir wären Rosinenpicker – schon gar nicht, wenn wir unsere eigenständige, souveräne direkte Demokratie in allen Belangen uns erhalten wollen.

Auch der Druck auf Forschungsimpulse wird daran nichts ändern. Weil zumindest in diesem Bereich doch nicht allen Ernstes die Unvernunft siegen wird. Oder?

09.Mai 2021, 7:00

Die Welt da draussen

Was die Welt so treibt und was sie umtreibt – sie entfremdet sich mir. Ich weiss, das ist mein Problem. Und vielleicht bin ich nicht wirklich gemacht für sie – zumindest nicht so, wie sie sich entwickelt. Oder zeigt sie sich mir einfach erst jetzt so, wie sie eben ist? Mein Wertesystem ist ein anderes – der Vorteil dabei ist einer, der auch Einsamkeit erträgt: Ich muss schauen, dass ich bei mir bleibe.

Im Juni sollen wir über die Kompetenzen des Bundesrates in der Bewältigung der Corona-Zeit abstimmen. Eine Art Nachlegitimation für die Exekutive für die Prinzipien der Krisenbewältigung. Eigentlich ein ganz wichtiges, weil – eben – prinzipielles Thema. Doch ich kenne keinen anderen Aspekt zu Corona, der in der Breite zur Zeit noch interessiert als die Frage, wer wann welchen Impfstoff bekommt – oder eben nicht. Die Menschen haben genug. Sie wollen ihre Freiheit wieder haben, aber sie haben längst akzeptiert und sich zu eigen gemacht, dass sie nach den Risiken beurteilt werden, welche die Impfung als einziges bleibendes Kriterium vorgibt. Der Stand der Impfung wird zum Massstab, welcher den Regierungen nach ihrer eigenen Einschätzung die objektive Begründung liefert, Massnahmen zurück zu nehmen. Der weltweite Erstversuch einer Hypermassenimpfung, für die man Restrisiken sich wegdenkt, wie es noch nie in der Weltgeschichte geschehen ist. Und wer mag vor den Sommerferien und angesichts der Frage der Bedingungen für sich lockernde Reisebeschränkungen noch prinzipielle Diskussionen über grunddemokratische Basisrechte, zumal in einer direkten Demokratie, führen, zum Beispiel über die Bedingungen, unter denen Demonstrationen, welche die Bezeichnung auch verdienen, durchgeführt werden dürfen?

Wir haben seit Anbeginn der Krise der Erhaltung des nackten Lebens mehr Gewicht beigemessen als der Bewahrung einer minimalen Lebensqualität. Wir haben das Recht auf Bildung für mehrere Jahrgänge massiv beschädigt und wir haben für die Bewahrung der wirtschaftlichen Grundfunktionen unserer Gesellschaft Branchen mit nicht allzu grossem Gewicht fürs BIP einer Rosskur unterzogen, deren Kollateralschäden die bereits einkommensschwachen Menschen unserer Vereinzelungsgesellschaft begleichen werden. Wir haben das alles für die so unter Druck stehenden Pflegenden, für die Ärzte und schwer kranken Patienten getan. Doch gleichzeitig ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit weiter angewendet worden, sind Intensivbetten zum Teil noch abgebaut worden, hat der Kampf um Pflegekräfte zu Abwerbungen in anderen Ländern geführt – aber nicht zu sofort an die Hand genommenen Programmen zur Adhoc-Ausbildung weiterer Betreuungspersonen. Es mag sie geben, aber davon zu reden, würde bedeuten, der Angst einen Lösungsansatz entgegen zu stellen, und die Angst wird gebraucht. Aber es bleibt dabei: Ganz viele Pflegekräfte werden uns fehlen, denn Klatschen genügt nicht – und ansonsten hat die Politik wenig bis nichts für sie getan.

Wir haben ganz viel aufgegeben angesichts einer Angst, welche wir absurd gross haben werden lassen in unserer hoch entwickelten Welt, die alles Vergnügen bejaht aber die Endlichkeit ausblendet. Und wir werden viel zu viel davon auch nicht zurück bekommen – weil unser Verhalten eben Gründe hat und zeigt, wie sehr wir als Gesellschaft korrumpierbar sind, weil wir einfach leben wollen im Saus und Braus. Und so werden wir uns auch in der Klimafrage verhalten. Da mache ich mir nichts vor. Denn es wird genügend Fachleute, Experten und, ja, Wissenschaftler geben, welche uns glauben lassen, mit dem technischen Fortschritt würden wir durch weiteres Wachstum sogar weniger Ressourcen verbrauchen. Die Verantwortung für unser Ende und das Ende, das wir herbeiführen, ist etwas für später.

Derweil gibt es unter den Schwächeren unter uns eine vielfache Anzahl von Menschen, die sich mit Angstpsychosen nicht mehr aus der Wohnung wagen. Wenn wir längst nicht mehr von Corona-Statistiken reden werden, wird man uns die ersten Statistiken zu den bleibenden Verlierern der Krise vorlegen. Vielleicht.

In diesen Tagen hat das Schweizer Parlament sich bei der Regelung der Organspende für einen grundlegenden Wechsel des Systems entschieden. Zukünftig wird auch bei uns grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein Hirntoter seine Organe spenden will – und es muss keine ausdrückliche Willenserklärung des Betroffenen mehr vorliegen. Das Recht des Menschen auf körperliche Unversehrtheit weicht dem Verlangen, unbedingt leben zu wollen, Koste es andere, was es auch wolle. Wie viele Menschen erleben heute mit gespendeten Organen plötzlich psychische Probleme? Und was, wenn zukünftig dazu auch der Verdacht nicht mehr weggewischt werden kann, dass der Spender womöglich doch einer ohne tatsächliches Einverständnis ist?

Wir verlieren immer mehr Tiefe in unserem Leben, aber dafür ist das Leben immer lauter und – bitte – sensationeller. Auch deshalb kommen die Fragen nach dem Ende doch bitte immer später oder gar nie. Ich höre immer wieder den Wunsch, der eigene Tod möge einen doch bitte im Schlaf heimsuchen. Noch nie habe ich jemanden die Sorge äussern hören, was mit dem Menschen sein mag, der am Morgen vielleicht neben unserem Körper erwacht? Bewusstsein… Es ist für uns etwas für die Yoga-Stunde, für irgendeine Werkstatt, in welcher wir uns unser Wohlfühlprogramm zurecht schustern, um einen weiteren Tag lang unbeschwert zu sein.

Mit oder ohne Corona, mit eigenen oder fremden Organen, mit Selbstverantwortung oder Fremdbestimmung, in Sicherheit oder Freiheit: Wir leben gar nicht wirklich.