14.Februar 2026, 17:15

Eine halbierte SRG würde zum Totalschaden für uns Alle

Am 8. November stimmt das Schweizer Stimmvolk darüber ab, ob zukünftig 200 CHF Jahresbeitrag pro privatem Haushalt für Radio und Fernsehen genug sind. Die Vorlage dieser Mittelkürzung wird gemeinhin als „Halbierungsinitiative“ bezeichnet. Und das nicht, weil gefühlt die Hälfte der Bevölkerung eh kaum mehr Radio hört oder TV schaut. Warum die Kürzung der Mittel auch dieser Hälfte nicht egal sein sollte, will ich zu erklären versuchen.

Eigentlich kann man die Antwort damit geben, dass man sich die Sache mal vom Ende her denkt. Was sind denn konkret unsere Erfahrungen mit jenen Informationsgefässen, die privat finanziert werden?

Wir sind ja völlig frei in der Wahl der Formate, die wir konsumieren wollen, und viele von ihnen waren lange vermeintlich gratis. Vielleicht ist es schon aufgefallen, dass immer mehr Online-News-Angebote hinter Abo-Bedingungen verschwinden – oder wir werden durch irreführende Formulierungen zur Angabe von Daten „motiviert“, bevor wir dann doch auf eine Bezahlschranke stossen? Wir alle haben unsere „Orte“, an denen wir uns wohl fühlen und die wir entsprechend gerne aufsuchen. Unterschwellig werden wir alle gerne lieber in unserer Meinung bestätigt als hinterfragt. Beobachtet man, wie sog. Meinungsbildung heute funktioniert, so geschieht ganz viel schlicht durch Präsenz: Je omnipräsenter ein Thema ist, um so durchsetzungsmächtiger werden jene, die es setzen. Und wohl niemand wird glauben, dass privat finanzierte Medienportale einfach die Vielfalt kultivieren möchten. Sie folgen einer politischen Überzeugung, die nicht unbedingt offengelegt wird, die aber zu den wirtschaftlichen Interessen passt. Information vermischt sich mit Infotainment, soll für eine möglichst grosse Community interessant sein, die werbetechnisch und konsumorientiert Geld einbringen soll. Und alle diese Formate sind ein mögliches Betätigungsfeld für gezielte Falsch- und Desinformation. Reine Social-Media-Portale haben hinlänglich bewiesen, dass sie, wenn nicht unsere Seele so doch zumindest unsere Daten hemmungslos verkaufen, sie bei Druck schnell herausrücken und sich nicht scheuen, schon fast vorauseilend Filter anzuwenden, die uns die Entscheidung abnehmen, was wahr und was falsch ist.

Nun gibt es – natürlich – Leitmedien, die nicht mit der Amoral der Tech-Milliardäre gleich zu stellen sind – doch was geschieht denn in all den Verlagen mit den redaktionellen Angeboten bei den News-Titeln ? Sie werden ausgedünnt, die Redaktionen verkleinert. Womit verdient die Tx-Group denn Geld? Etwas böse gesagt, sind die journalistischen Erzeugnisse einfach die Image-Hülle, die man sich gerade noch leisten mag. Lokaljournalismus ist nicht (mehr) finanzierbar.

Sport, so heisst es, soll nicht mehr vom Schweizer Fernsehen angeboten werden. Welcher Sport? Wie viele Sportarten werden denn auf anderen Portalen wohl zukünftig überhaupt noch Medienpräsenz haben? Und für Fussball brauchen wir aktuell mehrere Bezahlabos, um die Champions League und die Schweizer Super League zu verfolgen. Aktuell kann man sich mit Zusammenfassungen und Einzelübertragungen bei SRF ersatzbefriedigen – das wird zukünftig wegfallen – und es wird für Interessierte nicht billiger werden.

Und was ist mit den Künstlern, die Kleinkunstbühnen brauchen? Sie können keine Alben verkaufen, und kommen bei Spotify auf Kleinstumsätze – ganz sicher erst recht, wenn die Chance auf TV-Präsenz ganz wegfällt. Und wer informiert zukünftig noch über Dinge, die hinter dem nicht nur vermeintlichen Röstigraben in den anderen Sprachregionen geschehen?

Es ist auch nicht so, dass die SRF-Sender es sich leisten könnten, sich auf News-Journalismus zu konzentrieren, obwohl sie das tatsächlich am besten können. denn das generiert nicht das Massenpublikum, das sich dann auch noch bei unbequemen Inhalten genügend repräsentiert fühlen sollte. Die aktuelle Sparübung, welche die SRG schon durchläuft, hat bereits dazu geführt, dass mehrere tolle Radio-Formate für Wirtschaft und Forschung auf srf4news eingestampft worden sind.
Die Welt wird nicht immer informierter, je kommerzieller das Infotainment organisiert wird, sondern immer blöder, denn die Masse, die den Zaster verspricht, will nur Oberflächlichkeit.

Ein gebührenfinanziertes Medienhaus hat zumindest die Möglichkeit, sich nach dem Prinzip einer gewissen Ausgewogenheit um unterschiedliche Themen und Schwerpunkte aus allen Regionen zu kümmern. Es gehört gewissermassen uns, weshalb es auch Ombudsstellen für Beschwerden gibt. Die sind gewiss auch angebracht – auch ich habe mich häufig schon geärgert. Aber es ist bestimmt in Zukunft wirksamer, die Repräsentanten der SRG auf Ausgewogenheit zu verpflichten als, z.B., einen Marc Walder für die journalistische Problematik einer obrigkeitsgetreuen Berichterstattung in die Verantwortung zu nehmen.

Der so genannte Service Public schliesst journalistische Prinzipien mit ein, die reklamiert werden können. Eine kaputt gesparte SRG führt zu einer Versandung der Informationskultur – und die schadet gerade auch der Demokratie, in welcher es darum geht, dass wir Bürger uns unsere Meinung durch die Vielfalt der möglichen Informationsbeschaffung bilden. Ein Haus zu haben, in dem Journalisten schon per se verantwortlich dafür gemacht werden können, dass sie Objektivität anstreben, ist ein Segen. Erfüllt die SRG diesen Anspruch? Womöglich nicht immer oder nicht oft genug. Aber eine Alternative gibt es nicht. Die Reibung mit der bestehenden SRG schadet nicht. Aber hinter dem Antrieb der Befürworter von ganz rechts steht nicht der Wunsch nach mehr und nach breiter Information, sondern mehr Lautstärke und Raum für die eigenen Formate. Für den Bürger sparen zu wollen, klingt immer gut. Wird damit Ausgewogenheit weg gespart, bekommt die Polarisierung noch mehr Raum, und das ist nicht im Sinne der Mehrheit. Auch wenn sie die Angebote der SRG wenig nutzt oder gar nicht. Dass sie es kann, ist aber sehr entscheidend. Auch, weil sie mit Menschen diskutieren dürfte, die ihrerseits mit SRG-Inhalten ihre Positionen vertieft haben.

11.Januar 2026, 20:15

Katastrophaler Verlust

midjourney / photoshop

Kaum jemand, der nicht über die Brandkatastrophe in Crans Montana spricht. Diese Katastrophe, die so viele junge Menschen völlig unvermittelt getroffen hat, macht Menschen auf der ganzen Welt betroffen. Und für einmal haben Menschen, denen solches Leid widerfährt, eine Stimme. Sie werden gesehen und nicht verschwiegen.

Viele Familien, welche ein Kind verlieren, haben eine ganz besondere Herausforderung zu meistern, die mit dem Verlust oft einher geht. Während Geschwister sich oft schuldig fühlen, haben Eltern eine zusätzliche Zerreissprobe zu meistern: Mutter und Vater trauern oft nicht auf die gleiche Weise und drohen sich in dieser Extremsituation gegenseitig zu verlieren. Das ist ohne externe Hilfe oft nicht zu meistern – zumal das Problem das Paar meist unvorbereitet trifft. Damit meine ich, dass plötzlich eine Irritation über das Verhalten des Gegenübers im Raum steht, die nicht begreifbar scheint. Statt miteinander sehen sie sich plötzlich gegeneinander stehen. Der Schmerz ist furchtbar, und dieser Kampf wird sehr oft nach innen ausgetragen, womöglich in quälender Stille und dem Gefühl kompletter Verlassenheit.

Es wäre schön, wenn nicht nur die unglaubliche Herausforderung, mit Brandverletzungen umzugehen, mehr Raum bekäme, sondern auch die Aufgabe, den Tod eines gemeinsamen Kindes verarbeiten zu müssen.

31.Dezember 2025, 7:00

Zugehörig sein

Es gibt viele Menschen, die sich nicht zugehörig fühlen, aber doch so gerne zu einer Gemeinschaft gehören wollen. Jede heutige Gesellschaft hat unter sich Fremde, die sich wohl oft mehr so fühlen, als wir vermuten würden. Politisch wird das sehr wohl thematisiert, indem wir vorgesagt bekommen, dass es gedankenlos ist, einen Menschen mit offensichtlich fremdem Aussehen zu fragen, wo er (ursprünglich) herkomme?

Ich frage mich, was das soll? Die Frage ist folgerichtig. Natürlich steckt auch eine Neugier darin. Aber das ist nicht falsch. Es ist ehrlich. Entscheidend ist doch vielmehr, wie ich frage, und vor allem auch, wie ich allenfalls nachfrage. Ich kann mich ja auch ehrlich dafür interessieren und dabei zum Ausdruck bringen, dass es schön ist, mehr zu erfahren – wie bei jedem anderen Menschen auch.

Ich wünsche mir fürs kommende Jahr, dass wir ehrlicher miteinander sind – und dass wir Toleranz nicht verschlagworten, sondern sie aktiv leben – aber ich wünsche mir auch, dass wir den Mumm haben, Grenzen zu setzen und auch den Aufwand zu betreiben, um das verständlich zu vermitteln.

Wir verscherbeln unsere Werte und tapsen zunehmend orientierungslos durch die Welt. Daran sind aber nicht Migranten schuld. Es ist unsere eigene innere Leere, welche die Erhaltung unserer Werte erschwert.

30.November 2025, 13:45

Nur Scherben?

So viel kaputt
aber so vieles nicht.
Jeder der Scherben
spiegelt das Licht.

Judith Holofernes „Kaputt“ – „Wir sind Helden“
geschenkt von Benedict Wells in seinem Buch „Die Geschichten in uns“

30.November 2025, 13:30

Zivilcourage

Zivilcourage ist das, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn der Chef das Zimmer betritt.

Wernher von Braun

09.November 2025, 18:30

Zusammen bringen

Die Worte von früher und die Worte von später – sie halten das Leben zusammen, wie eine grosse Klammer, die Einheit gibt.

Pascal Mercier – „Das Gewicht der Worte“

Was lässt uns Tagebuch schreiben? Wir möchten wohl alle verstanden werden – doch Freiheit gewinnen wir, wenn wir selbst uns verstehen und leiden können. Manchmal brauchen wir Hilfe, manchmal kann sie uns nicht erreichen. So manche Herausforderung, die wir uns selber sind, muss ausgehalten werden. Ein Tagebuch kann helfen.

Mir haben sie immer geholfen. Auch die vielen tausend Seiten, die ich geschrieben habe und wieder vernichtet. Wenn ich versuche, für ein Problem Worte zu finden, bin ich auf dem Weg, das Problem zu lösen und ihm erst mal seine quälende Dringlichkeit zu nehmen, indem ich mich ihm ganz unbeholfen stelle.
Früher und später – die Worte von damals und heute sind auch ein Zeugnis der Zeit, die in unser aller Leben die Dinge zurecht rückt oder zum Fliessen bringt. Was mal wichtig war, wird nicht unwichtig für die Entwicklung, nur weil es heute naiv erscheint. Morgen wissen wir es wieder besser – oder zweifeln anders.

Im Gegensatz zu gefühlt hundert Tagebüchern, die ich wieder löschte, sind die Blog-Texte noch immer da, wenn auch in verschiedenen Gefässen verstreut. Mein Impuls, sie hier zusammenzuführen, wird wieder stärker. Mein ganz persönlicher Zettelkasten darf das sein, was bleibt. Von früher, heute und morgen.

09.November 2025, 17:29

Die letzten Jahre

Die letzten Jahre waren herausfordernd. Ich habe mich nie gescheut, Stellung zu beziehen, Meinungen und Überzeugungen zu vertreten. Ich versuchte, nicht nachzureden, selbst zu denken und abzuwägen. Nach meinem eigenen Empfinden differenzierte ich sehr wohl. Ich wägte ab, gab Recht und auch wieder nicht. Wo schwarz oder weiss gefragt war, gab es und gibt es für mich viele Grautöne.

Meinem Platz in der äusseren Welt ist das nicht gut bekommen. Mein schon immer eher überschaubarer Freundeskreis hat sich ausgedünnt. Menschen auf allen Seiten rieben sich an mir – weil ich eine andere Haltung einnahm, als jene, die ihnen dringend geboten schien. Ich war ihnen nicht entschieden genug für die eigene Sache und gegenüber „falschen“ Argumenten unverantwortlich aufgeschlossen. Ich wollte zuhören und verstehen, nicht schreien und verurteilen. Nun, der Freundeskreis mag kleiner geworden sein, aber zu ihm gehören neu auch Menschen, die ich ohne diese Prozesse nicht kennen gelernt hätte.

Ich bin es gewohnt, zwischen den Stühlen zu sitzen, doch diesmal habe ich mit einer neuen Einsamkeit zu kämpfen gehabt, bis ich begriff, dass ich für mein Empfinden auch diesmal selbst verantwortlich bin. Die Achtung, welche Menschen vor dir haben, hat nicht die gleiche Bedeutung wie der Blick, den ich in meinem Innern auf mich richte. Die Achtung hat Launen und wird auch von Annahmen geprägt, die manche nur zu gern sehr schnell treffen – der innere Umgang mit mir selbst aber kann eine Festigkeit haben, die davon unbeeindruckt bleibt und nur dem verpflichtet ist, was ich für meine Selbstachtung wirklich brauche.

Bin ich mit mir versöhnt, so kann ich die Güte auch wieder nach aussen tragen.

08.Oktober 2025, 7:00

Im Hass bekommt niemand Recht

Bild: chatgpt.com

Auch für mich ist der Nahostkonflikt schon so lange, wie ich mich überhaupt für Politik interessiere, immer ein Rätsel geblieben. Und das sind auch schon deutlich mehr als vierzig Jahre. Und im Gegensatz zu manch anderer politischer Frage ist oder war der Teil der Menschen, die ratlos sind, gross. In den letzten Jahren ist er kleiner geworden. Die Kritik und Ablehnung gegenüber Israel wächst. Das kann ich verstehen, aber ein paar Dinge stören mich dabei massiv.

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09.Juli 2025, 7:30

Frauenfussball mit auch Schweizer Heldinnen

In der Schweiz findet zur Zeit die Fussball-Europameisterschaft der Frauen statt, und irgendwie erleben wir ganz unverhofft ein kleines Schweizer Sommermärchen. Die Schweizerinnen wehren sich nämlich ganz prächtig, spielen erfrischenden Fussball und lassen ganz viel von den negativen Begleitgeräuschen im Vorfeld hinter sich. Und die einzelnen Charaktere sind erfrischend natürlich und positiv.

Acht mal in Folge nicht mehr gewonnen, in der Vorbereitung gegen eine regionale Juniorentruppe sang und klanglos verloren, dazu Verletzungen wichtiger Spielerinnen – was war da an Häme auszumachen, gerade auch in den asozialen Medien!

Und jetzt? Begeisternd gekämpft, dennoch das erste Spiel unglücklich verloren. Genau so, wie es bei den Männern jahrzehntelang im besten Fall zu vermelden war. Aber dann in Spiel zwei viel Kampf und etwas Wettkampfglück – und eine mitreissende letzte halbe Stunde. Teenager bekommen Verantwortung – und einem Fussballfreak wie mir fällt sofort auf, dass da ganz viel Talent auf dem Rasen ist – und Frau Sundhage, die Trainerin mit so viel Lebenserfahrung und Fachverstand, lässt sie laufen. Und dribbeln. Und schiessen. Und so ist vor dem letzten Gruppenspiel tatsächlich noch das Weiterkommen möglich. Die Frauen spielen in den grössten Schweizer Stadien, in Basel, in Bern und am Donnerstag in Genf. Die Spiele sind ausverkauft, die Stimmung top. Die Schweiz eine Festhütte? Auf jeden Fall ereignet sich gerade ein kleines Happening, und die Frauschaft um Lia Wälti, die Captain des Teams, hat sich das so was von verdient.

Was ich vor allem erfrischend finde? Es hat sich noch nichts abgenutzt an der ganzen Freude. Ja, man kann auch als Frau heute Profi sein und in einigen Ligen davon leben. Und das soll auch so sein. Aber der Enthusiasmus braucht noch immer Idealismus, und es ist beeindruckend, wie die 32jährige Wälti Verantwortung übernimmt – quasi für den ganzen Frauenfussball in der Schweiz. Sie ist nicht wirklich fit, spielt trotz Verletzung. Es ist DAS Ereignis nach zwölf Jahren Profisport für sie, und sie will dem Sommermärchen realistischere Träume folgen lassen, für alle Mädchen, die gerne Fussball spielen möchten. Wälti schultert nicht nur die zentrale Verantwortung auf dem Platz, sie will sich auch gesellschaftlich einbringen und damit anderen die Gelegenheit geben, es leichter zu haben in Zukunft.

Das Niveau wird weiter steigen, und die Schweizerinnen werden hoffentlich weitere schöne Geschichten schreiben. Auch nach dem Turnier. Unabhängig vom Resultat am Donnerstagabend.

03.April 2025, 18:00

Unsere Blase

Wie ChatGPT diesen Text sieht

Wenn ich davon rede, was ich höre, im kleinen Kreis diskutiert habe, oder was mir zugetragen wurde, dann spreche ich gerne von meinem Umfeld. Nun taucht für die Bezeichnung der eigenen relativ kleinen Welt immer wieder der Begriff der Blase auf – und ich glaube, dass das sehr treffend ist. Verwendet wird er wohl erst, seit die Phänomene der asozialen Medien wenigstens teilweise reflektiert werden. Aber er wird auch darüber hinaus immer zutreffender.

Als Mensch, der viel mit dem Internet arbeitet, erscheint es mir unwirklich, dass fast 50 Prozent der Menschen gar keine News mehr konsumieren, aber ich kann beobachten, dass ganz Viele sich heute sehr stark über die asozialen Medien informieren – und daselbst meist nur bei gefühlt einem, zwei Kanälen. Die Informationen werden in Schnipseln konsumiert und sind auch entsprechend getrimmt, dass „es“ aufgenommen wird. Es geht um Kernaussagen, um Griffigkeit und eine Form von (Ein-)Dringlichkeit, die haften bleiben soll. Sind die News umfangreicher, so wird es anstrengender – und reflektiert wird es dann erst recht von jenen, die vollständig gleicher Meinung sind – oder vereinzelt von denen, die komplett dagegen opponieren. Das ist aber ganz selten. Denn es ist ganz eindeutig viel angenehmer, sich dort zu äussern, wo man mit Zustimmung rechnen kann – und eine Gegenrede nicht förmlich niedergeknüppelt wird. Und so bilden sich Blasen, die neben einander her verlaufen und sich kaum mehr berühren. Im Grunde will damit die Nachricht nicht mehr informieren, sondern mobilisieren.

Unsere Neigung, in Blasen zu leben und zu denken, nimmt auch, wie mir scheint, abseits der asozialen Medien zu und ist damit – siehe oben – auch ein Phänomen der anderen 50 Prozent. Wir haben komplexe Herausforderungen vor der Brust, und je nach dem persönlichen Rüstzeug, der so genannten Resilienz, macht uns das mehr oder weniger Angst. Vom Eindruck, dass niemand Bescheid weiss, bis zum Verdacht, dass „die“ uns für dumm verkaufen, ist es manchmal ein kurzer Weg, und gerade in komplexen Problemstellungen haben einfache Antworten ein Verführungspotenzial, weshalb politische Parteien, welche die Probleme auf ein, zwei Kernursachen zurückführen, die möglichst wenig mit unserem eigenen Verhalten zu tun haben, goldene Zeiten erleben.

Mein Eindruck ist, dass die meisten Menschen heute auch im kleinen Kreis viel weniger offen über Probleme debattieren, dass abweichende Meinungen nur schwer ausgehalten werden. Wir brauchen die eigene Blase, in der uns wohl ist, und sei es nur in der geteilten Unbehaglichkeit. Die grosse Herausforderung für alle Medienformate mit dem Ziel, eine differenzierende Berichterstattung und damit verschiedenste Aspekte für die Meinungsbildung anzubieten, ist es, dies in einer Weise zu tun, die attraktiv genug bleibt, um überhaupt beachtet zu werden. Es ist ein harter Job und eine grosse Herausforderung. Ich bin ja schon als Leser und Debattierer überfordert, indem ich damit umgehen muss, dass ich nie wirklich wo dazugehöre. Es ist kompliziert mit mir. Mir fehlen in allen Blasen die differenzierten Betrachtungen, der Mut nicht nur zur Gegenrede, sondern zum Aushalten von Unklarheiten, und ich bin ständig damit beschäftigt, mich auch gegen den Eindruck zu wehren, dieser oder jener Strömung anzugehören. Denn das scheint in diesen unruhigen Zeiten wichtig zu sein. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich ein kleines Bisschen beklage, keine eigene Blase zu haben – und also eigentlich nirgends dazu zu gehören. Der Preis der eigenen Meinung und des eigenen Lebensentwurfs ist die ständige Herausforderung, mich selbst zu überprüfen, wie subjektiv oder objektiv ich mir meine Meinungen bilde.