14.April 2021, 1:00

Die Macht der Worte

Ja, mein Freund.
Du hast recht.
Worte haben Macht.
Sie können Waffen sein.
Sie können Wunden schlagen,
sich in sie hinein legen
und darin zu wühlen beginnen.

Sie können aber auch heilen,
unsere Seele wärmen,
uns stärken,
deine Wunde erkunden,
sich darüber legen,
schützend und behütend,
wie kühlende Gaze,
und mit warmem Strich
über schwellende Narben fahren,
bis der Schmerz der Entzündung nachlässt.

Darum sollten wir
unsere Worte bewusst wählen,
und sie zum Werkzeug unseres Herzens machen.


thinkabout.myblog.de vom 9.11.2004

„Fühl dich umarmt“ ist so eine hilflose Redewendung in unseren virtuellen Begegnungsräumen. Und doch kann ein Herz das andere fühlen, wenn es sich beim Schreiben öffnet. Grossartig an einem Wort ist nicht die Form, sondern das Herz, das es hat.

12.April 2021, 6:50

Wunschlos zufrieden

Wünsche, die wir hegen, verraten uns, wie wir unsere Welt und unser Leben sehen. Sie erzählen von uns selbst und helfen uns daher auch, uns auf die Schliche zu kommen. Im Nachhinein erweist sich so mancher brennende Wunsch als verzichtbar. Wünsche wollen einen empfundenen Mangel beseitigen. Das, was wir in unserem Leben als mangelhaft, als unzureichend, verbesserungswürdig bezeichnen, sagt mehr über unseren Frieden mit uns selbst aus als manches daher gesagte Glaubensbekenntnis.

Wünsche zu haben, ist völlig normal, und gerade junge Menschen besetzen Wünsche und Vorstellungen mit einem positiven Denken, aus dem ihr Tatendrang entsteht. Es ist die Bedeutung der jugendlichen unverbrauchten Kraft, energisch und enthusiastisch ins Leben zu drängen, um die Welt zu ergreifen und zu verändern und nicht nur zu fordern. Darum ist es so verheerend, wenn wir ihre Kraft so sehr beschneiden, wie es gerade geschieht. Denn tatsächlich verändert nicht nur die Tat, sondern auch die Haltung zur Gegenwart die Welt, denn darin liegt der Antrieb für alles Gestalten.

Wenn das Leben aber durch unerfüllte Wünsche angetrieben wird, wird man zum Hamster im Rad. Denn der Korb dieser Wünsche wird niemals leer sein, und ein anderer Korb ist immer noch besser gefüllt.

Zum Glück haben wir die Fähigkeit, auf ein Stück Käse in der Falle zu verzichten:

„Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Otto Klaus

Und wenn wir das Kaleidoskop unserer Wünsche retrospektiv betrachten, dann staunen wir, wie sich diese Liste im Lauf der Jahre verändert hat. So sagen unsere Wünsche eine Menge über unsere Haltung dem Leben gegenüber aus.

Auf einen reifen Menschen kann dann, seiner Fähigkeit zur Zufriedenheit entsprechend, folgendes gelten:

„Eines jeden Menschen Wunsch entspricht seiner inneren Entwicklung. Das, wofür er reif ist, erscheint ihm wünschenswert.“

unbekannt

Und unsere Wüsche haben verschiedenste Ursprünge, Motivationen. Was ist Herzenswunsch, was schon BeGIERde? Blockieren uns unsere Wünsche gar?

„Des Menschen Begierden lenken ihn ab von den Wünschen des Herzens, und die Wünsche des Herzens halten ihn fern von der Versenkung in seine Seele.“

unbekannt

Das tiefste Innere unseres Seins, unsere Seele, wird durch materielle Dinge nicht gestärkt, berührt oder erschüttert. Ja selbst Glück oder Unglück vermag sie nicht zu erschüttern. Wir können sie immer aufsuchen, in ihr ruhen, ganz egal, wie die äusseren Umstände sind. Wir erkennen vielleicht sogar, dass Euphorie über Erfolg uns mehr von uns selbst trennen kann, als so manches Leid…

Es ist befreiend, keine Wünsche zu haben. Nichts benennen zu können, zu müssen, das sich im eigenen Leben noch ändern, wegdrücken lassen oder einstellen müsste, um zufrieden sein zu können.
Das hat nichts mit dem fatalistischen Satz: „Ich erwarte nichts mehr vom Leben“, zu tun. Es ist keine Haltung, die auf enttäuschten Erwartungen, auf Frustration beruht.

Für mich ist es eher ein Trost, eine Quelle der Kraft: Egal, wie und wo ich mein Leben bestreite, egal ob es Leid oder Freude im Überfluss bereit hält – mir steht immer frei, wie ich damit umgehen will und wohin ich meine Schritte lenken möchte.
Es bedeutet Freiheit.

Mein grösster Wunsch ist es, meine Wünsche ablegen zu können und in mir zu ruhen.


thinkabout.myblog.de vom 8.11.2004 – heute redigiert und ergänzt.

09.April 2021, 1:15

Sicherheit gegen Freiheit – wir verlieren Beides

9/11 und diverse andere Terror-Befürchtungen, welche Regierungen in aller Welt angeführt haben, um Massnahmen für mehr Sicherheit zu begründen und dafür – zum Beispiel – die Überwachung zu intensivieren, sind gerade nicht mehr unser grösstes Thema. Doch um unsere Sicherheit sorgen sich die Behörden in der ‚Pandemie‘ erst recht – und wieder wird ein Sicherheitsbedürfnis in einer Weise priorisiert, die auf Kosten demokratischer Grundrechte geht und Entscheidungsprozesse und Verfügungen möglich macht, wie sie in „normalen“ Zeiten undenkbar schienen.

Dazu werden sich immer ganz viele Fragen stellen und Aussagen treffen lassen, die ihre Wichtigkeit und Gültigkeit immer wieder neu beweisen, mag es auch noch so unangenehm klingen und dazu führen, dass Menschen, welche diese Freiheiten hoch halten und verteidigen wollen, schon beinahe als Saboteure des Volkswohls verunglimpft werden.

Doch was geschieht in diesen Fällen eigentlich IMMER? Es wird eine Gefahr gesehen und geschildert, welche die entsprechenden Gegenmassnahmen als geboten erscheinen lässt, gerade so, dass es unverantwortlich ist, die Beschränkungen nicht einzuführen. Im Laufe der Zeit stellt sich immer heraus, dass die herauf beschworene Gefahr sich nicht als so real herausgestellt hat, wie befürchtet, und die Reaktion darauf ist: Noch mal Glück gehabt. Es ist dann nicht der Nachhall einer voreiligen Überreaktion vorherrschend, sondern die nicht belegbare aber auch nicht widerlegbare Behauptung, dass es nicht so schlimm gekommen ist, WEIL so entschlossen reagiert wurde.

Aus dem Recht auf Überwachung zum Schutz der Bürger ist in diesem Jahrhundert die Gewohnheit unserer Überwachung geworden, nicht nur getragen von den Interessen jeder Macht, welche die Kontrolle behalten will, sondern auch von einer regelrechten Industrie, die daraus entstanden ist. Die Digitalisierung lässt viele Schnittstellen zwischen Optimierung von Leistungen und Kontrolle der Leistenden zusätzlich schwammig werden, und das Resultat sind Datenmengen, die in jedem Fall über uns entstehen und jederzeit genutzt werden können, auch getragen von unserer Naivität, die uns vertrauen lässt und sagen, dass ja niemand was zu befürchten hat, der ein braver Bürger ist – ohne jedes Bewusstsein dafür, dass in diesem System der sich abschwächenden demokratischen Prozesse die Hoheitsmacht, welche dieses Bravsein bewertet, sich zunehmend von uns weg bewegt – in die Hand von Wenigen.

Es lässt sich feststellen: Wenn wir aufgefordert werden, zugunsten von mehr Sicherheit auf ein Stück Freiheit zu verzichten, so ist der Ausgang, was unsere Sicherheit betrifft, sehr offen, weil die Sicherheit, die uns versprochen wird, gar nicht garantiert werden kann. Die Freiheit aber, die wir dafür hergegeben haben, wird nie wirklich wieder ganz hergestellt.

Was diese Erfahrungen und Beobachtungen für die Bewältigung der aktuellen ‚Pandemie‘ bedeuten… die Prognose hierfür ist nicht gut. Nicht für die Sicherheit, für die wir alles hingenommen haben, und die uns doch niemand garantieren kann, und erst recht nicht für die Entscheidungsprozesse, die uns aus der Hand genommen wurden. Denn die Macht wird zu begründen wissen, warum es die Deutungshoheit und den Werteabgleich zwischen Freiheit und Sicherheit braucht, und das wird nicht nur für die Statistiken gelten, die dafür beigezogen werden, sondern auch für den Umgang mit der Kritik, die weiter und noch mehr im Verdacht stehen wird, zersetzen zu wollen.

Wir sollen durchaus Angst vor den Folgen der ‚Pandemie‘ haben, damit wir die Massnahmen weiter tragen. Unsere Unsicherheit soll sich darauf beschränken, um unsere Gesundheit zu fürchten, während die Führung sich betreffend der Wirksamkeit ihrer Massnahmen nicht sicher sein kann aber ganz offensichtlich weiter behaupten darf, dass nichts so sicher ist wie die weiter bestehende Gefahr. Die Art und Weise, wie wir Corona zu einer tatsächlich so vielschichtigen Krise haben werden lassen, wird uns auf den Kopf fallen und Brocken vor die Füsse werfen, von denen ich glaube, dass wir sie nicht wirklich aus dem Weg geräumt bekommen.

Wie gesagt: Es geht um die Begriffe und Inhalte von Freiheit und Sicherheit. Der Blick darauf, und wie mit diesen Werten umgegangen wird, kann bei der Einordnung immer helfen. Das bleibt. Immerhin.

06.April 2021, 20:30

An eine Seele im grauen Nebel

Vorbemerkung: Das Netz und speziell die Bloggerwelt kann immer wieder zu Kontakten mit Menschen führen, die mit einem Schatten auf der Seele leben und das im Schutz der Anonymität auch thematisieren. Depressionen sind ein sehr persönliches Thema, und Aussenstehende haben gut auf sich selbst acht zu geben, wenn sie sich „damit“, und also mit Menschen beschäftigen, die darunter leiden. Wenn die gefühlte Sinnlosigkeit für Menschen den Tod zu einem Sehnsuchtsort macht, kann das erschrecken, und es stellt sich die Frage, für welche Art Hilferuf die Hinweise stehen mögen. Die eigenen Gedanken dazu nicht zurück zu halten, verbunden mit einer Haltung, die versucht zu zeigen, dass weder Thema noch Situation Unruhe und Krise als geschlossenes System bedeuten müssen, kann ein Weg sein, die Not ernst zu nehmen, dabei aber darauf zu achten, ganz bei sich selbst zu bleiben. Für den Ausstieg aus tiefen Löchern braucht es professionelle Hilfe – aber Zeuge kannst du immer sein: Dass nämlich Gedanken über den Tod auch zu Gedanken zum Leben und zum Lebenwollen auslösen können. Der folgende Text kann unter Wahrung aller Persönlichkeitsrechte eingestellt werden – der Anlass ist viele Jahre her, die Gedanken darin werden allerdings kaum je Patina ansetzen – oder nur jene, die sie zeitlos erscheinen lässt… bis ich tiefere Wahrheiten finde.


Vielleicht hilft Dir das ein wenig:

Wenn wir den Gedanken an den Tod ausweichen, ihn mystifizieren, das Unbekannte scheuen, nicht wissen, wo wir hingehen oder hingeleitet werden mögen – Warum fragt niemand von uns, woher wir kommen? Warum ist die Geburt selbstverständlich, der Tod aber ein Tabu?

Die Bestimmung, die uns in unsere Körper geführt hat, wird uns auch hinaus helfen.

Du sagst, Du willst nicht verletzen, ziehst Dich von Freunden zurück. Du bist nicht der Erste und Einzige, dem bei der Bewältigung seines Schicksals vor allem die Angst der Nächsten alles noch viel schwerer macht.

Versuche einfach, Deine eigene Situation so gut wie möglich zu meistern. Nur damit kannst Du nach aussen wirken und den anderen Menschen helfen.

Ziehe Dich nur da und dann zurück, wenn Du es für Dich brauchst, und nicht, um andere zu schonen.

Übrigens ist Deine fehlende Perspektive vielleicht Dein grösster Trugschluss. Was meinst Du, warum wir so gerne von Dir lesen? Vielleicht, weil Du uns gerade in Deiner Situation so viel zum Leben zu sagen hast.

Nur wenn wir uns bewusst sind, dass unser Leben ein Ende hat und das jederzeit eintreten kann, haben wir wirklich einen Antrieb, bewusst zu leben und mit unserer Zeit sorgsam umzugehen.

Gib uns davon eine Ahnung – und wer weiss, vielleicht sind deine weiteren Schritte solche, die Dir gar neues Leben, neue Lebendigkeit schenken. Deine Seele auf jeden Fall lebt – mag sie auch wie ein Bergsee unter dichter Bewölkung momentan etwas dunkel scheinen.

Mach stets nur einen Schritt, auch im Kopf – und gewähre Dir auch mal eine Pause, eine Rast, eine Stille. Gerade Du kannst uns lehren, wie wertvoll das sein kann.

Ich danke Dir für Deinen Umgang mit Deinem Dasein.


thinkabout.myblog.de vom 7.11.04 – heute redigiert, mit Einleitung

05.April 2021, 18:55

Lernen wollen: Lust auf mein Leben haben

Eine Gebrauchsanweisung, die ich – je länger je mehr – auf jede Falle anzuwenden versuche, in die ich tappe. Solche Fallen lauern für uns überall, und sie sind für unsere Freiheit ganz kleine oder auch ganz kapitale Katastrophen.

Es ist die deutsche Version der „Autobiographie in fünf Kapiteln“ von Portia Nelson.
(Den englischen Text setze ich ans Ende dieses Beitrags).

1.
Ich gehe die Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren…
Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2.
Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

3.
Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein… aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiss, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4.
Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

5.
Ich gehe eine andere Strasse.


Vieles, das mir in meinem Leben Energie raubt, beruht auf Impulsen, die mich die immer gleichen Runden drehen lassen. Meine Reflexe folgen meinen Mustern, wie wenn mein Verhalten durch mein vegetatives Nervensystems gesteuert wäre. Und das Leid, das es bedeutet, scheint mir lieber Orientierung zu sein, als dass ich es zu überwinden versuchte.

Manchmal ist es allein schon sehr harte Arbeit, das Loch überhaupt zu erkennen, mich darin als Gefangener zu begreifen. Dabei ist das Loch genau dafür so gross und so dunkel – will es mich wirklich verschlucken, oder nicht eher warnen?

So wohlig kann ich mich – scheinbar – fühlen, so zusammengekauert im Loch. Ich verweile da, weil da kein Weg mehr ist, den ich glaube gehen zu können (gehen zu müssen?). Die fehlende Perspektive lockt mich mit Selbstaufgabe. Warum sich wehren? Das Loch ist ja immer da.

Aber die Welt ist viel grösser, als sie aus einem Erdloch gesehen werden kann.
Um dieses Wissen bin ich dankbar, denn es lässt mich aus den tiefsten Löchern krabbeln und am Ende neue Strassen finden, die mir, die uns allen offen stehen. An die stelle von Reflexen kann ein Gestalten treten, ein Plan, ein Weg mit einem Ziel, einem Bewusstsein.

There’s a Hole in my Sidewalk
Autobiography in Five Short Chapters
By Portia Nelson

Chapter One
I walk down the street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I fall in.
I am lost …. I am helpless.
It isn’t my fault.
It takes forever to find a way out.

Chapter Two
I walk down the street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I pretend that I don’t see it.
I fall in again.
I can’t believe I am in this same place.
But, it isn’t my fault.
It still takes a long time to get out.

Chapter Three
I walk down the same street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I see it is there.
I still fall in … it’s a habit … but, my eyes are open.
I know where I am.
It is my fault.
I get out immediately.

Chapter Four
I walk down the same street.
There is a deep hole in the sidewalk.
I walk around it.

Chapter Five
I walk down another street.

Zu finden hier (und mehr): The Sidewalk of Life


thinkabout.myblog.de vom 7.11.04 – heute redigiert und ergänzt

02.April 2021, 23:15

Begegnung mit einer alten Liebe

Ich bin wieder zuhause. Die Aussicht auf den Zwetschgenkuchen, den wir gestern gebacken haben, hat mich etwas früher aus meiner Jogging-Runde heim gezogen. Kleine Sünde, grosse Freude… Er ist soo herrlich saftig!!

Ich geniesse die behagliche Wärme der geheizten Wohnung, zufrieden mit meiner Welt. Und ich denke an das Paar, das mir beim Laufen immer wieder begegnet ist, auch heute wieder:

Eine alte, freundliche Frau, die ihren Mann in einem Rollstuhl spazieren schiebt, jeden Tag, bei jedem Wetter. Sie spricht ständig mit ihm, lebhaft und voller Liebe. Er aber redet nie, sagt keinen Ton, und sein Gesicht, das bis auf sein kantiges Kinn und einen harten, schmallippigen Mund hinter den dunklen Gläsern einer dicken Hornbrille versteckt ist, verrät keine Regung. Wahrscheinlich hat er eine Lähmung, denn er sitzt stets mit verkrampfter Haltung in seinem Rollstuhl, so, als hätte man seinen Körper zurecht biegen müssen, um ihn hinsetzen zu können.

Wie ich die beiden nach einem kurzen Gruss hinter mir zurücklasse, mit ausholenden Schritten weiter laufend, frage ich mich, ob mir dieser Mann nicht bittere Gedanken nachsenden mag? Auch wenn ich über meine Bestimmung für den morgigen Tag nichts weiss, so ist doch klar, dass unsere Lebenslinien unterschiedliche Krümmungen aufweisen.

Das einzige aber, was ich höre, ist die Stimme seiner Frau, die nicht müde wird, ihm weiter von allem Möglichen zu erzählen. Der Wind trägt mir ihre Stimme noch lange nach, als möchte er damit die Liebe dieser Frau ehren, die ihrem Mann jeden Atemhauch ihrer Kraft schenkt, Tag für Tag.


thinkabout.myblog.de vom 6.11.04 – heute redigiert

02.April 2021, 21:15

Wertschätzung für die Altenpflege

Wir zählen die Wellen, die Patienten, die Getesteten, die Spitaleintritte, die Toten.
Wir zählen auf die Pflegenden. Aber können Sie auch auf uns zählen?

Liebe Menschen in der Altenpflege

Wir haben im letzten Frühjahr geklatscht auf den Balkonen, und haben uns dabei gut gefühlt. Wir waren uns bewusst, so haben wir wenigstens behauptet, was Ihr leistet. Aber was ist davon geblieben? Auf jeden Fall scheint nichts daraus entstanden zu sein. Ihr habt für Eure Anliegen demonstriert – und seid dafür in die Pfanne gehauen worden. Das macht man doch nicht, mitten in der Krise! Eure Antwort: Nachher werden wir eh nicht mehr gehört. Das sitzt. Und es ist wahr.

Ihr arbeitet in einem teuren Wirtschaftssektor, wie ihr wisst. Das Gesundheitssystem der Schweiz soll das weltweit zweitteuerste sein. Wie sich das anhört, wenn man bei eigenem tiefem Lohn ständig an der Belastungsgrenze steht, kann ich mir vorstellen. Die meisten von Euch arbeiten Teilzeit. Weil ein volles Pensum zuviel solche Belastung wäre. Eine Spätfolge von Corona könnte sein, dass es zu einer Kündigungswelle kommt. Dabei fehlen schon jetzt zehntausende Pflegekräfte.

Ausser einem einmaligen Klatschen habt Ihr von uns nicht viel gehört. Wir sind ja auch damit beschäftigt, uns einzuigeln, uns vor dem Virus zu verstecken. Euch allerdings haben wir zur Arbeit geschickt ohne Schutzmaterial, und ob ihr positiv getestet wart, war auch kein Grund, zuhause zu bleiben. Nach der Arbeit allerdings solltet Ihr dann strikteste Isolation einhalten.

Wir wissen eigentlich gar nicht so genau, was Ihr da so tut, im Altenheim. Wir wollen ja alle auf keinen Fall dahin kommen und bekräftigen unsere Alten in ihrem Wunsch, länger und noch länger in der eigenen Wohnung zu bleiben. Müssen sie dann doch ins Heim, ist es meist viel später, als es gut für sie gewesen wäre, und doch ist es oft möglich, sie aufzupäppeln. Regelmässiges und abwechslungsreiches Essen wirkt Wunder, tägliche Kontakte auch. Ich konnte lernen: Eure Arbeit ist – tatsächlich – unbezahlbar. Weil sie so unspektakulär einfach daher kommt und selbstverständlich getan wird und so einen grossen Segen bewirken kann: Menschlicher Kontakt, Gemeinschaft, Ansprache, Gespräche oder schlicht das Halten einer Hand.

Fürsorge ist nicht gerade ein Wert, der gut bezahlt wäre. Das ist zwar nicht neu, aber nun ist es ganz neu schmerzhaft: Ich schäme mich. Für das, was wir in der Krise offenbaren. Wir haben die Welt stillgelegt, damit genügend Beatmungsmaschinen Tode verhindern können, und von Euch haben wir verlangt, dass Ihr Eure Bewohner separiert, in den Zimmern einschliesst, keine Besuche mehr möglich sind. Ihr habt täglich mit ihnen gelitten, und ganz Viele von Euch haben versucht, kleine Inseln zu schaffen, Variationen, in denen eben doch etwas menschliche Wärme möglich sein sollte. Ihr erlebt das Sterben auch. Täglich. Und so mancher Bewohner will nicht mehr, weil er nicht versteht und verstehen will, warum das so Kleine, aber so Kostbare nicht mehr sein darf? Das Herz soll schlagen, aber die Seele nicht mehr fühlen können?

Foto: iStock/muratmalli

Ihr fordert nicht einfach mehr Geld. Es sollte auch mehr Mitbestimmung geben. Wir sollten Euch einfach mal ernst nehmen. Und uns überlegen: Wenn wir schon Skrupel haben, alte Menschen sterben zu lassen, dann sollte dieser Skrupel bei der verbleibenden Lebensqualität aber auch vorhanden sein. Die Folge wäre: Es bräuchte Programme, mehr statt weniger Personal, nicht einfach mehr Ausbildung sondern die Ausbildung von Konzepten, welche unseren Alten ihre Würde lassen. Denn eines ist klar: Machen wir das nicht, werden wir auch und gerade Euch Pflegenden nicht gerecht. Und nutzen die riesige Macht Eurer Kompetenzen nicht zum Wohle unserer Alten, zu denen wir alle auch mal gehören werden. Und was werden wir dann antworten, wenn wir wählen könnten? Mit etwas Risiko leben, der Gebrechlichkeit geschuldet, und die kleinen Abwechslungen geniessen, die unsere Pflegepersonen in unsere Tage bringen – oder Überleben in einer sterilen Welt?

Die Messwerte der Kapazität unseres Gesundheitswesen haben unser Verhalten bestimmt. Die Politik hat den Intensivpflegebetten und der Situation in den Altenheimen unser ganzes Leben angepasst und es eingeschränkt. Wie sehr das nötig war, wird noch lange kontrovers diskutiert werden. Doch zu befürchten ist, dass über Eure Situation nicht so lange diskutiert werden wird. Was das doch alles kostet, wird ganz schnell beherrschend sein. Ich habe von keinem einzigen Zukunftskonzept gelesen, das mit viel Geld die Situation für die Pflegenden in Spitälern und Altenheimen besser machen soll.

Bis zur nächsten Krise. Ich hoffe, Ihr seid dann noch da, aber verdenken kann ich es Euch nicht, wenn Ihr leichtere Berufe sucht. Aber vielleicht ist da gerade im nächsten Dienst dieses besondere Lächeln der lieben Frau in Zimmer 5 – und das Strahlen, wenn es wieder eine Zusammenkunft gibt auf der Abteilung. Und dann packt es Euch wieder und die Zufriedenheit wärmt die Seele – und auch darum ist es so schön, wenn Ihr um Eure Anliegen kämpft. Ihr tut es nämlich, wahrhaftig, für uns.

01.April 2021, 7:50

10min schreiben über: Freizeit

Freizeit ist freie Zeit. Kein Chef sagt mir, was ich zu tun habe, kein Auftrag mahnt mich, weiter zu arbeiten. Ich bin frei, Zeit zu haben. Sollte ich sein. Wir haben so viele Möglichkeiten, freie Zeit zu nutzen, etwas „Gescheites“ damit anzufangen – und schon packen wir Erwartung in sie hinein und schaffen damit die Grundlage, dass wir ganz sicher zu wenig davon haben. Weil wir enttäuscht sein werden, wenn sie vorbei ist, die freie Zeit. Wie schnell ist sie gerannt, die Zeit!

Wir verstehen Freizeit als eine weitere Zeit mit Betrieb. Aktive Erholung – das Wort muss die Freizeitindustrie erfunden haben! Der Sportartikelverkäufer lebt davon, dass wir uns die Zeit nicht einfach gefallen lassen. Wir müssen sie besetzen mit Sinn. Kaum jemand kommt auf die Idee, dass die Freizeit ihren Sinn genau darin haben könnte, dass die Zeit frei bleibt.

Hat man plötzlich freie Zeit, auch dann, wenn sie einem nicht als Aufgabe gestellt wird, weil man versetzt wird, vom Partner, vom Freund, vom Arbeitgeber, sondern weil die Lebensplanung sich durchaus erfüllt: Teilzeit, die Wahl, mehr Zeit statt mehr Lohn zu haben, erfüllt sich, oder die Pensionierung ist da. Alle, welche diese Ausgangslage kennen, werden bestätigen, dass die grösste Herausforderung darin liegt, nicht ganz schnell auch jetzt „keine Zeit“ mehr zu haben. Es gibt schlicht zu wenig davon. Wir alle sind darauf getrimmt, sie zu füllen. Zeit zu verbringen, ohne wohin kommen zu müssen, hat den Hauch der Vergeudung. Zeit zu haben ist eine Chance für ein Werk. Eine Leistung. Ein Ergebnis. Ich glaube, dass unsere Freizeit viel zu wenig wirklich freie Zeit enthält.

Und auch wenn wir sie suchen, geben wir ihr sofort Struktur. Wir lassen uns anleiten. Wir sind in der Lage, auch zur Kunst, Zeit zu haben, erst mal einen Kurs zu besuchen.

Freie Zeit, die darin besteht, dass ich mich einfach mal hinsetze und aus dem Fenster schaue. Das ist eine Herausforderung. Unglaublich, wie laut es da erst in mir ist. Dann hinter mir, dann… wenn Ruhe nicht beunruhigt, ist das wirklich freie Zeit.


eine Auftragsarbeit

29.März 2021, 23:15

Normalität und Veränderung

Wir wünschen uns die Normalität zurück. Wir haben genug. Wir fühlen uns bedrängt, manipuliert, eingesperrt. Wir wollen unser Leben zurück. Die Beizen, das Strassenleben, die Lebendigkeit, das Gesellige, den Konsum. Und was ist mit den Aufgaben, denen wir uns für den Erhalt der Erde zu stellen haben?

Ich kann verstehen, dass junge und alte Klimaaktivisten sich daran reiben, dass es der Masse ganz offensichtlich schlicht darum geht, den Konsum wieder aufnehmen zu können – während doch die Zeit der Lockdowns gerade der Natur in einigen Segmenten ein bisschen Durchatmen erlaubt haben mag. Aber die Nachhaltigkeit in unserem Verhalten kann sich nicht durch die Angst vor einem Virus einstellen. Sie muss verstanden und gelernt werden – und gewollt. Aus freien Stücken. Und darum bleibt der Konsum unser Thema, dem wir uns stellen müssen, eine jede Person persönlich: Was vertreten wir? Was brauchen wir? Und was meinen wir mit „brauchen“? Wir werden auf jeden Fall in unserer Gesellschaft nie einen politischen Kurs durchgesetzt bekommen, welcher nicht das Auskommen für Alle möglich macht. Und sehr viele Segmente unserer Wirtschaftsleistung erbringen wir für Güter, die ein Bedürfnis befriedigen sollen, das zuvor künstlich geschaffen wurde.

So sind wir und so bleiben wir. Wir wollen es bequem und schön haben – was das heisst und wie sehr, müssen wir definieren, erst allenfalls neu lernen. Oder korrigieren. Unsere Einstellung zum Konsum kann sich nur anhand der Erfahrungen ändern – und vielleicht haben wir eine Ahnung gewonnen, wie es auch gehen könnte. Aber, ganz ehrlich: Was wir der Natur an Atempause ermöglicht haben, ist ein Klacks – und ging auf Kosten vieler Menschen, die umgekehrt bildlich gesprochen viel zu wenig Sauerstoff bekommen haben. Der Weg, ein natürlich natürlicher Mensch zu werden, ist verdammt lang – und gewissermassen zubetoniert. Und doch müssen wir zurück, zurück in unsere Normalität, in das, was wir darunter verstehen, weil nur Programme und Leitlinien, die wir frei entscheiden, in wirklicher Sorge um die Natur, so ehrlich und konsistent sind, dass sie Stresstests bestehen. Das macht nicht unbedingt optimistisch, ich weiss. Genau so wenig, wie die Tatsache, mit wie wenig Umsicht und Lebensnähe wir dem Virus die Stirn geboten haben – oder auch nicht.

Alles, wirklich alles, bleibt eine Frage der persönlichen Einstellung. Es ist das, was mir am meisten in den Knochen sitzt und sich als bleibende Erfahrung anfühlt:

Meine persönlichen Werte und meine Sicht auf meine Endlichkeit haben sich gefestigt, so dass ich dadurch ganz viel Frieden spüre und Freude an meinem Leben. Aber die Welt, die mich regiert, mit welchen guten oder weniger guten Absichten auch immer, ist mir fremder geworden. Das wird mich nicht hindern, in meiner Freude so zu leben, dass es auch andere spüren können. Ich will Menschen gut tun und sie nicht verunsichern. Aber ich verstehe die Unsicherheit, und ich befürchte, dass sie zu oft nicht ausgehalten wird, sondern zugedeckt. Wir passen uns an. Suchen bestenfalls einfache Antworten. Die niemand hat. Heute weniger denn je.

Dabei ist so unfassbar Vieles in uns Allen angelegt… denn wir haben das Leben in uns. Wir sind Schöpfung.

29.März 2021, 0:45

Heimkoller

Im Militär haben wir manchmal vom Lagerkoller gesprochen. In der aktuellen Homeofficezeit, die in ihrer Durchsetzung ja nicht auf einer bewussten Arbeitsplatzgestaltung beruht, sondern von den Unwägbarkeiten und Unverständlichkeiten behördlicher Vorgaben stark mit beeinflusst wird, stelle ich ähnliche Phänomene fest. Es reicht langsam, und ganz allmählich werden wir stinkig.

Ein Video-Chat oder erst recht eine Videokonferenz ist auch kein Telefongespräch. Die Menschen auf den Bildschirmen kommen uns mit ihren Gesichtern sehr viel näher als in jeder tatsächlichen Begegnung, und oft unbemerkt liegt darin eine Nähe, die uns stresst. Sich selbst beim Reden sehen zu können, macht es auch nicht einfacher. Kurz: Unsere „Kontakte“ sind Notbehelfe, und sie ersetzen die persönliche Begegnung in keiner Weise. Mir scheint, dass Viele an dem Punkt angekommen sind, an dem ihnen das Zuwenig eindeutig Zuviel wird.

Tools der Online-Kommunikation, die wir doch ursprünglich mit so viel Freude eingerichtet hatten, weil wir uns damit zeigen konnten, dass wir uns doch zu helfen wissen, nutzen sich ab. Die Chats werden seltener, der Humor wird dünner, die Gehässigkeit grösser, will heissen, Witze werden vermehrt auf Kosten anderer gemacht, oder Luft muss entweichen. Dafür eignen sich Politiker als Zielscheiben immer, aber es kann auch andere treffen – und dabei treffen wir uns selbst. Weil die üble Laune dadurch nicht wirklich entweichen kann, ist das eine Sackgasse, und mit der Zeit wird es im eigenen Oberstübchen so muffig wie in einer wochenlang nicht mehr gelüfteten Studierstube. Mein Rat: Ehrlich mal sagen, wie sehr einem die ganze Situation auf den Keks geht, es aber so formulieren, dass andere durchaus erkennen können, dass es tiefer geht. Hat man mit etwas Mühe, erfordert es eine persönliche Mühe, da raus zu kommen, sich auf ein positives Niveau zurück zu hieven. Wenn man dann dabei durch exakt die angesprochenen Tools Hilfe bekommt, durch Menschen eben, die ja die Situation kennen, dann sind die Onlinehilfen plötzlich wieder so toll, wie sie tatsächlich sein können. Weil wir sie nutzen, indem wir nicht nur an der Oberfläche bleiben.

Ich würde mal vermuten, dass sehr Viele, die als „Verantwortliche“ Corona-Massnahmen in Betrieben umsetzen und durchsetzen mussten, sehr viel Unwillen abbekommen haben, ohne dafür auch nur das Geringste zu können. Mit der Zeit hilft es diesen Personen dann auch nicht weiter, wenn der üblen Laune der Satz nachgeschoben wird: Ich weiss ja, dass Du nichts dafür kannst. Darum gilt wohl auch hier: Wenn wir uns um eine positive Sicht bemühen, immer wieder, helfen wir nicht nur uns. Aber uns ganz sicher.