Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

09.Mai 2022, 2:00

Ein Widerspruch, der nicht notwendig werden sollte

Die letzten zwei Jahre waren für uns alle sehr anstrengend, und es wird ja nicht wirklich leichter. Der Angriff Russlands auf die Ukraine wird uns noch lange beschäftigen. Doch ich möchte in diesem Text bei der Art von Grundsatzfragen und Rüttelungen bleiben, auf die wir mehr Einfluss haben und für die eine neue Entscheidung zu treffen ist: Nach der Debatte rund um die Impfpflicht und das deshalb einzuschränkende Recht der Verfügungsmacht über den eigenen Körper wird exakt diese Frage neu und noch viel einschneidender gestellt: Das sog. Widerspruchsmodell soll die Voraussetzungen für eine Organspende neu regeln.

Bis jetzt muss, wer seine Organe spenden will, diesen Willen deklariert haben, einen Organspenderausweis auf sich tragen oder sich in einem entsprechenden Verzeichnis registrieren lassen. Die Organspende setzt also den ausdrücklichen Willen des Spenders voraus und wird als altruistischer Akt eines Menschen gesehen, der eine höchst persönliche Entscheidung getreu seinem eigenen Verständnis von Leben und Tod trifft. Doch die Wenigsten haben diesen Schritt gemacht, ganz unabhängig von ihrer Überzeugung. Nun soll das Missverhältnis zwischen der Höhe der in der Befragung Spenderwilligen und den tatsächlich als Spender deklarierten Menschen korrigiert werden. Endlich scheint für die Politik nurmehr die Trägheit der Menschen das Problem zu sein, das die Medizin zu wenig Spenderorgane finden lässt, also will man das Prinzip umkehren und vom trägen Menschen grundsätzlich annehmen, dass er ein Organspender sei. Hier soll also zukünftig das Grundrecht der Verfügungsmacht über den eigenen Körper nur dann gelten, wenn der Patient auf diesem Freiheitsrecht explizit bestanden hat. Damit wird erstmals ein grundlegendes Freiheitsrecht zwar gewährt, aber nur, wenn es zuvor verlangt wurde. Der Anspruch auf das Grundrecht wird nicht angenommen, sondern der Verzicht darauf. Das ist eine entscheidende Umkehr in der Frage der Grundrechte, und niemand sollte glauben, dass das etwas anderes sein wird als nur ein Beginn. Man wird von unserem Einverständnis zu einem Vorgehen immer weiter und vermehrt ausgehen, und es damit begründen, dass es im Interesse der Gesellschaft sei. Und was das Interesse dieser Gesellschaft ist, bestimmt in der Demokratie – scheinbar – die Mehrheit. Doch selbst wenn dies so ist: Mehrheiten verändern, wandeln sich, und niemand kann sich wirklich wünschen, dass seine ihm wichtigsten und grundlegendsten Rechte davon abhängig sind, dass deren Aufrechterhaltung der Mehrheit wichtig sind.

Nicht wenige von uns haben in diesen letzten zwei Jahren erstmals am eigenen Leib erlebt, wie es ist, plötzlich am Rand zu stehen, ausgegrenzt zu werden und Etiketts und Einordnungen zu unterliegen, welche die Mehrheit den Lästigen zuordnet, denjenigen, welche die Ordnung stören, die definierte Normalität verhindern, wobei das Normale eben zunehmend ein Zustand ist, welchen die Mehrheit definiert – und dabei auch wandelt. Jenseits des Wunsches, in jedem Fall möglichst lange zu leben, sind uns nicht viele Werte geblieben, und dabei stellen wir auch immer seltener die Frage, was ein Leben denn lebenswert macht? Darauf kann man mir antworten, dass, wenn ich denn tatsächlich so eine andere Ansicht habe, ich es – halt eben – zu deklarieren habe. Also alles in Ordnung?

Wie ich lese, soll die Fraktion der Befürworter der Widerspruchslösung eine stabile Mehrheit haben. Es wundert mich nicht. Doch auch in diesem Fall bleibt am Schluss einfach noch die Feststellung: Noch ist meine Freiheit, es anders zu wollen, nicht unmöglich zu bewahren – aber die Welt, wie sie sich versteht, wird mir zunehmend fremd. Und ich bemerke an mir, dass ich mich zurückziehe, ich den Ausgleich und das Verständnis mit den mir Lieben suche, und die übrige Welt zu verstehen nicht mehr wichtig sein darf, denn ich reibe mich an ihr in einer Weise, die mich krank machen kann.

29.März 2022, 18:25

Die Sache mit der Angst

Wenn wir uns selbst auf den Zahn fühlen wollen, dann schauen wir uns am besten genau an, wovor wir Angst haben und warum? Angst kann uns treiben, aber sie kann auch ein Lehrer sein. Sehr oft wird sie eingesetzt: Wer uns Angst macht, will ein bestimmtes Verhalten von uns – und sei es nur ein Einverständnis…

Die Freiheit beginnt dort, wo die Angst aufhört.

leider unbekannt

Politik funktioniert sehr oft so, dass eine Gefahr beschworen wird – gegen die es dann die propagierten Massnahmen zu ergreifen gibt. Die Terrorgefahr hat man uns in den letzten zwanzig Jahren so intensiv beschrieben, dass wir heute Überwachungs- und Kontrollmechanismen akzeptieren, die früher unvorstellbar waren. Doch immerhin ist uns dabei ein Feind von aussen beschrieben worden und man hat ihn nicht unter uns gesucht. Also, nicht unter unseresgleichen. Dafür haben ganz sicher zuviele Flüchtlinge zusätzlich leiden müssen. Angst frisst die Seele auf. Diffus können sie sein, diese Ängste. Das macht es eher noch schlimmer. Wir haben uns in der Pandemie von mancher Angst getrieben – sic – treiben lassen. In ein Wohlverhalten, damit es uns wohl gehen möge. Selbstverständlich. Wann ist jemals jemand dafür bestraft worden, dass er Ängste geschürt hat? Im Zweifelsfall war die Warnung unbegründet, aber gut gemeint, und es hätte ja sein können? Der Schaden, der damit angerichtet wird in der Gemeinschaft, ist nicht zu beziffern. Es sind nicht nur die Kameras, die nicht mehr verschwinden. Wer erlebt hat, wie er zum Problem werden konnte, nur, weil er sich eine andere Meinung erlaubte und die für sich und seinen eigenen Körper auch aufrecht erhielt, weiss, wovon ich schreibe. Es wird nie mehr genau das Gleiche sein. Vielleicht ist das eine Art von Erfahrung, wie wir sie zu Dutzenden als junge Erwachsene gemacht haben, als wir glaubten, die Welt wäre mit dem Glauben an wirkliche Ideale zu verändern. Das war dann Naivität, die abzulegen war. Leider. Dabei hat der Sieg über die Mauer, die Überwindung des kalten Krieges und die Möglichkeit zur fast weltweiten Interaktion der Menschheit wohl einmalige Chancen eröffnet. An denen sie krachend gescheitert ist.

Der propagierte Wandel durch Handel hat nur als Deckmantel, als moralisches Notgerüst funktioniert, in deren Dunst die Profitgier ungehemmt gewütet hat. Der hochmütig arrogante Anspruch des Westens, moralisch überlegen zu sein, ist unerträglich. Sieger, die sich auch als solche geben, müssen sich in der Folge anrechnen lassen, was sie aus ihrem Triumph gemacht haben. Die Bilanz ist verheerend.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine kann gar keine Rechtfertigung haben und jeder einzelne Tote ist einer zuviel – die russischen Soldaten eingeschlossen. Die jüngst wieder angeschlagene Rhetorik der USA allerdings ist wohl die hässlichste Art, zu zeigen, dass auch und gerade jetzt die Menschen in der Ukraine nur Spielball sind. Ja, wir sind den Mächten hilflos ausgeliefert. Aber wir sind nicht einfach nur hiflos oder schuldlos. Und wir zeigen das ja auch: Durch unzählige Aktionen, die unsere ehrliche Betroffenheit bezeugen. Erstmals hat man den Eindruck, dass Europa als Kontinent tatsächlich eine Geschlossenheit erreichen kann – auch hier wirkt die Angst vor der Bedrohung. Doch diese Bedrohung ist konkret, und das führt dazu, dass wir uns ihr auch viel eher stellen. Wir begreifen: Die Bedrohung rührt an etwas, was uns wichtig ist, was bedeutend ist und wertvoll, mögen wir es auch lange Zeit uns nicht mehr bewusst gemacht haben: Selbstbestimmung ist ein hohes, wichtiges Gut! Wir wehren uns gegen die Aggression, und es ist dabei auch gut, wenn wir sie auf allen Seiten erkennen und nicht gutheissen. Und ja, auch Worte sind da gemeint. Die Rede von Joe Biden jüngst in Polen war eine Katastrophe, und der Krebsgang, der danach in der amerikanischen Diplomatie eingesetzt hat, legt das offen.

Schauen wir uns also unsere Angst an, helfen wir den Menschen, wehren wir uns, fassen wir Mut. So, wie es ganz viele Menschen gerade vorleben. Wir haben tatsächlich viel mehr zu verlieren als die Möglichkeit auf freien, unbeschränkten Konsum. Und seien wir uns bewusst: Die grösste Herausforderung beginnt dann, wenn sich die Angst legt und wir Freiheit zurück gewinnen (sollten): Damit müssen wir nämlich was anfangen. Dann beginnt sie erst recht, die Verantwortung für uns und andere. Für die Erde, die uns nur noch sehr schwer erträgt. Wir haben so viel zu ändern. Aber keine Angst sollte so gross sein, dass wir es nicht wagen, es anzugehen.

21.Februar 2022, 1:00

Wenn Stigmas sich auflösen

So viel in unserem Leben wird uns scheinbar hingeworfen, und während wir das Pech beklagen, sind wir uns des Glückes oft nicht bewusst. Wenn ich dann Erzählungen höre vom Aufwachsen von Kindern in fremden Ländern, sagt mir zwar mein Verstand, wie gut ich es doch getroffen habe, doch mein Herz berührt es nicht immer: Vielleicht zu oft gehört, zu oft gesehen? Was mich aber umhauen kann, sind Schilderungen vom Leben hier, bei uns, an meinem Platz – nur, sagen wir mal, eine Generation früher.

Wie war es schwer, das Thema Alzheimer zu benennen? Es war quälend schwierig, einen Angehörigen zu pflegen und die Contenance zu halten zwischen der Kaschierung der Verwirrung des Vaters oder der schieren Verzweiflung ob der Herausforderungen, welche die geistig abbauende Mutter an einen stellte. Alle überfordert, alle stigmatisiert, kein Verstehen zu erwarten, und Lösungen schon gar nicht.

Oder Autismus… Wie erklären und selbst verstehen, dass das Kind in einer eigenen Welt gefangen blieb, während wir von aussen aus es betrachten mit einer Mischung zwischen Faszination für bestimmte Auffassungsgaben und der Befremdung über die Blockade gegenüber jeder menschlichen Berührung… und dann legt eine Gesellschaft irgendwie den Schalter um, und scheinbar innert weniger Jahre gibt es plötzlich Kinofilme zum Thema Altersdemenz – und ganze populäre Serien, in denen Autisten eine markante Neben- oder sogar die Hauptrolle spielen. Und wo vorher Unwissen und Verdrängung oder einfach Nichtbeachtung war, eifern nun Hashtags in den asozialen Medien dem Phänomen nach, eifrig bemüht, etwas vom Trend mitzunehmen und Beachtung zu erhalten. Wie fragwürdig das auch sein mag, eindeutig kann man feststellen: Welch Laune des Schicksals, einen Angehörigen mit einer solchen Aufgabe zu versehen – und das nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Wie bizarr muss es sein, als Betroffener zurück zu blicken und sich zu fragen, wie viel leichter es gewesen wäre, auch als Pflegende und Begleiter genügend Kraft zu haben, wäre betroffenen Menschen schon damals menschlicher und verständnisvoller begegnet worden.

Und während wir als Gesellschaft auf den Wogen der Launen von Beachtung oder Ignoranz oder gar Stigmatisierung dahin dümpeln, wünsche ich Menschen, die gerade jetzt und heute einen solchen Kampf im Grau unserer Missachtung führen, dass wir alle, wenn wir mit uns Fremdem konfrontiert werden, einfach mal mutmassen, dass das störende Etwas, das bei einem mir bekannten Menschen nicht „funktioniert“, mehr eine Herausforderung für mein Unwissen ist als eine Zumutung. Jedes Stigma ist von Menschen gemacht. Und damit grausam.

19.Januar 2022, 6:21

Der Andere und die Anderen

Alphatiere mit Selbstüberschätzung haben Hochkonjunktur. Irgendwie scheinen sie anzunehmen, dass für sie andere Regeln gelten. Während António Horta-Osório sich als Verwaltungsratspräsident der Grossbank Credit Suisse in einer Welt bewegt, die Vielen nicht so geläufig sein mag und seine Missachtung der Corona-Verhaltensregeln vielleicht auch nur willkommen war, um ihn schnell wieder loszuwerden, sind Menschen wie der lange Zeit erfolgreichste Tennisspieler Novak Djokovic geradezu süchtig danach, uns ihre Welt zu zeigen und sie für uns zu malen. Dafür gibt es dann Social Media und wenn es schief geht ganz schnell ganz viele Wahrheiten über einen Impfskeptiker, der für sich einen Sonderweg ausgemacht zu haben schien. Davon werden dann auch gleich ganz viele Geschichten erzählt, von denen die Saga, dass sie wahr sei, eben erst mal einfach eine Saga ist, eine Version.

Und während auf dem Tennisplatz ganz viele Situationen ganz sensationell von ihm noch zu kontrollieren sind, ist die grösste Hybris dieses Stars (und ganz vieler Anderer auch) wohl die, zu glauben, er könnte auch das rapportierte Bild von sich abseits seiner Bühne dauerhaft selbst bestimmen.

Die Manipulation kehrt sich gegen den Manipulierenden, und das macht es für uns alle nicht besser. In Djokovic nun den weltweiten Repräsentanten der Impfkritiker zu sehen, ist absurd. Das wird ja auch nicht wirklich von den Impfkritikern behauptet, sondern vielmehr von den Kritikern der Impfkritiker kolportiert. Mit Verlaub: Djokovic ist ein serbischer Einzelsportler, der im Tennis einmalige Erfolge feiert, ohne damit den Frust überwinden zu können, nicht wie seine Kontrahenten geliebt zu werden. Also biegt er Bestimmungen zurecht, fordert besondere Rechte und sucht Hintertürchen, um mit einigermassen den Erfordernissen entsprechenden Dokumenten eine Starterlaubnis zu erhalten. Denn Sieg Nr. 21 bei einem Grand Slam Turnier ist das, was wirklich für ihn zählt und wofür er alle Energie aufwendet.

Dass er nun in einem Atemzug mit anderen impfkritischen Sportlern wie Joshua Kimmich genannt wird, ist ein Witz und eine Beleidigung für letzteren. Denn Kimmich hat sich hin gestellt und seine Bedenken geäussert, ist zu einer Haltung gestanden und hat entsprechend das Fett abbekommen, ohne dass ihm irgend ein Fehlverhalten hätte vorgeworfen werden können. Jeder Tennisspieler, der auf Grund der absurden Bestimmungen als Ungeimpfter zur Zeit nicht mal mit 3G in einer riesigen Tennishalle mit einem einzigen Tennispartner spielen kann, die Regel aber akzeptiert, weil die Bestimmungen nun mal so sind und anderen es im Beisein nur so wohl sein kann, fühlt sich von den Tricks eines selbstgerechten Egomanen ganz sicher nicht wirklich repräsentiert. Dass es eine zu grosse Versuchung ist, angesichts dieses vernichtenden Zeugnisses, das Djokovic abgegeben hat, zusätzlichen Druck für die Impfpflicht aufzubauen, ist ja klar.

An Euch da draussen „im öffentlichen Leben“ geht die Botschaft, dass es – wie langweilig, das immer und immer wieder zu wiederholen – ganz viele nicht Geimpfte gibt, die einfach nicht in Eure Schemata passen wollen und können, während Ihr von Euren eigenen Ängsten weiter getrieben werdet und es zunehmend absurder wird, Euch über den Respekt anderer vor der Impfung zu mokieren. Wir nehmen Euch nichts, und wir sind in nicht so kleiner Anzahl alles andere als Hasardeure, welche die Gesundheit irgend eines Mitmenschen mehr riskieren als ganz Viele von Euch es tun, die Ihr dem normalen Leben nachrennt und dafür sehr viel schneller als wir Grenzen missachtet, die es halt leider auch für Geimpfte weiter geben müsste. Es sei denn, wir legen die Angst an sich ab und greifen nach jener Art von Vernunft, welche den Respekt für Andere mit einschliesst. Und dann, ja, dann könnte man „einfach“ leben. Das ist ganz sicher nicht das, was Herr Djokovic anstrebte. Für ihn war nie akzeptabel, nicht der Beste unter Allen zu sein und entsprechend anders – er hat einfach ausser Acht gelassen, dass die Norm für die Anerkennung eines Menschen einer wandelbaren Stimmung der Masse folgt, was es sehr ungesund macht, ihr nachzujagen. Ganz viele Menschen erleben das in diesen Jahren, die sich vorher nie am Rande der Gesellschaft sahen und auch nie so fühlten. So gesehen ist am Ende Djokovic doch vielen Menschen plötzlich näher, als ich dachte… ??

14.Dezember 2021, 23:30

Hände weg von der Krippe

Jetzt gibt es sie wieder, auf Gemeindeplätzen und in vielen öffentlichen und privaten Räumen: Die Weihnachtskrippe mit dem Jesus-Kind, Maria und Josef, Ochs und Esel und den Drei Königen. Doch mit denen ist etwas falsch. Wirklich?

Foto: Thinkabout

Ja, Einiges. Sie sind, so wie wir sie heute dargestellt bekommen, reine Legende. Es waren Sterndeuter, drei weisse Männer, die dem Jesuskind Geschenke darbrachten – und anschliessend entgegen dem Auftrag von Herodes nicht zu ihm zurückkehrten, um ihm den Aufenthalt mitzuteilen und das Kind damit zu verraten, sondern wer weiss wohin verschwanden. Die Überlieferung hat daraus drei Repräsentanten verschiedener Erdteile werden lassen, sinnbildlich für die Achtung und Offenheit verschiedener Kulturen, und der Schwarze Mann ist in diesem Kontext eben gerade keiner Minderwertigkeit ausgesetzt, sondern steht oder kniet im Verbund mit seinen Begleitern gleichberechtigt an der Krippe im Stall.

Dass die Sternsinger den Brauch ablegen, dass sich einige Teilnehmer die Haut schwarz färben, kann ich noch so knapp verstehen,

dass aber Gemeinden dazu übergehen, den schwarzen Mann unter den Krippenfiguren hell einzufärben,

torpediert den Sinn der Geschichte geradezu und nimmt ihr die Botschaft, dass die Welt hoffnungsfroh zusammenfindet. Es schliesst schwarze Menschen eher vom schönen Grundgedanken aus. Das scheint mir wieder so eine Ersatzhandlung dafür zu sein, dass Symbole geradezu vorauseilend entfremdet werden, ohne dass dadurch ein einziges schwarzes Kind in der Schule schlechter oder besser behandelt wird. Viel gescheiter und dann tatsächlich pädagogisch wäre es, die Symbolik beizubehalten und die Wertigkeit des Einen unter Dreien zu betonen.

Das Thema ist ein Beispiel, wie intellektuell verkopft wir – möglichst laut auch noch – Stellvertreterdiskussionen über Rassismus führen, die mit der Realität im Alltag rein gar nichts zu tun haben. Statt Traditionen abzuschneiden, als wären sie eh nur ein alter Zopf, wäre es viel hilfreicher, wir würden die Geschichten, die dazu gehören, so erzählen, wie sie sich allen Menschen erschliessen können. Mit dicken oder dünnen, weissen oder farbigen Figuren.

02.Dezember 2021, 6:30

Nach der Abstimmung ist vor der Umsetzung

Durchatmen scheint angesagt. Und ansatzweise darf vermutet werden, dass es auch geschieht – ich blende nun das wieder vorauseilende Theater wegen Omikron mal aus:
Die Schweizer Stimmbürger haben das Covid-Gesetz des Bundes mit 62% Ja der eingegangenen Stimmen angenommen. Damit beginnt – wie ich meine immer – die wirklich entscheidende Herausforderung für die direkte Demokratie – und das gilt für jedes Abstimmungswochenende: Das Ergebnis gilt es nun zu deuten, und naturgemäss fällt diese Analyse bei Befürwortern und Gegnern unterschiedlich aus.

Faktisch bedeutet das Ja, dass die Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger hinter der offiziellen Corona-Politik steht und also die 3-G-Regel, das Contact-Tracing und die Wirtschaftshilfe für geschädigte Branchen gutheisst . Das ist das Ergebnis, und es sollte zur Kenntnis genommen und akzeptiert werden. Diese grundsätzliche Bereitschaft, das Ja der Mehrheit anzuerkennen, ist die Basis unseres Zusammenhalts, genau so wie der Respekt der Mehrheit für die Bedenken der Minderheit. Eine Abstimmung schafft Legitimation, und sie hat das Zeug zu mehr: Sie kann darüber hinaus als Bestandesaufnahme dafür sorgen, dass die weitere Entwicklung einer Politik in eine Richtung geht, welche möglichst viele Bürger weiter UND neu hinter sich schart. Denn niemand wird behaupten wollen, dass es in unserem Land fast 40% Irre, zumindest fehl Geleitete, Schwurbler und Verschwörungstheoretiker gibt. Die Vorlage war genau so komplex wie die Pandemie für uns zur Herausforderung geworden ist. Und wie wir ja alle vorgeführt bekommen, geht unser aller Herausforderung in die nächste Runde.

So, wie gewisse Aktionen der Gegner komplett aus dem Ruder gelaufen sind, so peinlich war umgekehrt das Herumdrucksen des Bundesrates vor der Abstimmung um beabsichtigte weitere Massnahmen, die falsche Darstellung der möglichen Konsequenzen einer Ablehnung der Zertifikatspflicht und die Behauptung, wirtschaftliche Hilfen könnten dann nicht mehr geleistet werden sowie die im besten Fall schlaumeierisch zu nennende tendenziöse Formulierung der Abstimmungsfrage auf dem Stimmzettel zum Covid-Gesetz, welche das Zertifikat genau so wenig erwähnte wie die erweiterten Machtbefugnisse des Bundesrates.

Und rund um die Saga, wie gross die Geldmittel der Gegner im Abstimmungskampf gewesen seien, wäre dann die Macht der Medien zu nennen, die sich in grosser Zahl und oft nicht sehr reflektierend zum Sprachrohr der Politik machten.

Es gibt durchaus die Hoffnung, dass nun – und zwar trotz oder gar wegen der neuen Aufregung um Omikron – etwas mehr Gelassenheit einkehrt und wir die weitere Bekämpfung der Pandemie mit weniger Moralsäure und mehr Sachverstand angehen und zum Beispiel die folgenden Themen offen diskutieren:

  • Warum gibt es keine bekannte konkrete Bestrebung, die Situation in der Intensivpflege zu verbessern und mehr Personal auszubilden? Das Argument, das würde zwei Jahre dauern, hat sich tot gedauert – bald zwei Jahre nach Ausbruch von Corona. Angesichts der zu erwartenden Verlängerung der Krise und schlicht als Konsequenz aller Erfahrungen, die darin gipfeln, dass wir unser Überleben um jeden Preis wollen, müsste die Folgerung doch sein, dass wir uns eine Intensivpflegekapazität für den Notfall leisten. Jaaaah, was das kostet? Nicht im Ernst, oder? Denn mit dem Schauer vor einer Knappheit in den Intensivstationen hat man nicht nur die Impfprogramme befeuert sondern auch viele die Wirtschaft tangierende Massnahmen begründet. Die Pflegeinitiative ist angenommen worden – aber wir Alle wissen, dass Buchstaben das Eine sind, Menschen und Programme, die sinngemäss umsetzen, etwas Anderes.
    Und BITTE: Hört auf, die Ungeimpften für die Intensivpflegenotstände verantwortlich zu machen – Es sind bereits heute ein Drittel der Patienten geimpft, und es werden, logischerweise, immer mehr werden. Das Problem wird also unweigerlich zu einem der Geimpften werden, denen niemand so genau sagen kann, wer wann wie schnell was Boostern soll, weil der Schutz womöglich kürzer ist und schneller schlechter wird als gewünscht und Impfdurchbrüche sehr wohl sehr schwere Verläufe haben können.
  • Wann schafft es die Regierung, ihr Schutzkonzept anzupassen? Was sich aufdrängt, ist testen, testen, testen – immer schön in der Konsequenz derjenigen Meinungsträger, welche das Thema besetzen. Nicht 3G oder 2Gplus ist eine Lösung. Das Narrativ, wonach eine Impfung nicht nur Schutz bietet sondern von allen Massnahmen befreit, ist der bereits aktuelle und zukünftig hauptsächliche Treiber der Ansteckungen, denn Geimpfte sind offensichtlich für eine gewisse Zeit genau so infektiös wie Ungeimpfte. Die Lösung muss sein: Wo Menschen in einer zu definierenden Gruppengrösse zusammenkommen, muss ein aktueller negativer Test vorliegen. Und umgekehrt müssen Menschen in kleinerer Anzahl zusammenkommen können, im Restaurant am Tisch oder zuhause.
    Natürlich gehört dazu, dass die Tests gratis sein müssen und leicht zu absolvieren. Die Dichte der Testmöglichkeiten ist mit entscheidend und entsprechende Angebote direkt vor Lokalen, Stadien und anderen Anlässen können Zeugnisse dafür sein, dass den Menschen Zerstreuung und Unterhaltung möglich sein soll.
    Der Winkelzug des Bundesrates, womit er nicht nur die Tests nicht mehr gratis anbieten liess, sondern zusätzlich verfügte, dass nur noch Nasen-Rachen-Tests gültig sind, aber keine Nasentests mehr, um ein Kurzzeit-Zertifikat zu erhalten, hat keine wissenschaftlich erhärtete Evidenz. Er sollte lediglich das Prozedere noch mühsamer machen und die Leute in die Impfstationen treiben.
  • Ein schlicht unmögliches Faktum ist, dass es für die PCR-Tests bis heute keine Vorgabe für die Labore gibt, wie hoch der maximale Ct-Wert sein darf bei der Testung der Proben – obwohl es völlig unbestritten ist, dass mit höherem Ct-Wert die Zuverlässigkeit der Tests rapide sinkt.
  • Nach ersten Auswertungen hat die Gruppe der 18- bis 35-jährigen das Covidgesetz deutlich abgelehnt. Ein deutliches Zeichen und eine Mahnung, den Bogen der Regulierungen in Vielfalt und Schärfe nicht zu überspannen und vor allem in Rechnung zu stellen, dass es die Jungen sind, welche die Hauptlast tragen – sei es bei den Bildungsangeboten oder den wirtschaftlichen Spätfolgen der Pandemie. Der Schulbetrieb und die Berufsbildung darf nicht weiter beeinträchtigt werden und für die Wiederherstellung von möglichst viel Chancengleichheit muss viel investiert werden. Leider hat das Bildungswesen in der Politik naturgemäss eine Lobby, die im Vergleich mit der Pharma- und Gesundheitsbranche schlicht vernachlässigbar ist. Die Pandemie führt krachend vor Augen, wie extrem störend und für uns als Gesellschaft ungesund diese Tatsache ist.
  • Die Entspannung in der Diskussion, die auch ich mir wünsche, kann nur anhaltend sein, wenn eine Art Dynamik erkennbar wird, die darin besteht, dass Viele das Gute wollen und sich dabei auch gegenseitig gestatten, mal falsch zu liegen. Aber die Impfblende, die noch immer Viele glauben lässt, der nächste Booster werde alle Probleme lösen, muss aufgegeben werden.

Es gibt den Leitsatz, dass Freiheiten, die aufgegeben werden – oder aufgeschoben – selten bis nie zurück kehren. Die Zukunft wird zeigen, ob es hier anders ist. Die Praxis der digitalen Zertifikate bleibt extrem heikel und die möglichen weiteren Anwendungen werden bestimmt vorgeschlagen oder auch direkt versucht werden. Es wird sehr schwer werden, sich dagegen zu wehren – genau so, wie heute die Video-Überwachung des öffentlichen Raums, einst uns als Sicherheit vor dem Terror verkauft, niemals mehr abgebaut werden wird. Nicht nur in China grassieren die Ideen, wie praktisch eine digital vollständig kontrollierbare Bevölkerung doch ist – für deren Sicherheit, natürlich. Punktesysteme für die staatlich definierte Sozialverträglichkeit kennen wir noch nicht – die Softwaresysteme dafür gibt es allerdings auch bei uns schon lange.

Zum Schluss noch der Hinweis auf das Interesse der Krankenkassen, Zusatzangebote in Korrelation mit Fitness-Apps zu kreieren, in welchen Kunden mit guten Werten bessere, also günstigere Angebote bekommen und Bonuspunkte „verdienen“ können. Unsere Gesundheit ist, natürlich, ein Kostenfaktor, und danach werden wir eingeschätzt – nicht nur im Rahmen der Faktoren, die wir mit gesundem Lebenswandel tatsächlich beeinflussen können. Unsere persönlichen Dispositionen, genetischen Voraussetzungen, sozialen Umfelder und andere mit gegebene Konditionierungen lassen uns zu den Glücklichen oder den Pechmaries gehören. Und alle diese Systeme reduzieren uns auf Einzelfälle und sehen immer weniger das Tragen einer Grundversorgung für Alle vor. Wer diese Glocken läuten hört ist kein Verschwörungstheoretiker. Nur schlicht ein Beobachter.

16.November 2021, 18:30

Haus- und Besuchsverbot – und dann?

Je länger die Impfe uns thematisch im Griff behält, um so drastischer werden die Positionen. Und gerade Comedians finden es offensichtlich gar nicht mehr lustig. Und dann wird es tragisch.

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Es gibt Euch und Uns, die Schlechten und die Guten, und jetzt ist mal Schluss mit Lustig – und…

Ich wähne mich im Krieg. Vielleicht deswegen die Rede vom Kollaborieren? Und jetzt werde ich ernst, denn solche Statements sind auch bei mir schon angekommen, in der eigenen Familie. Und wenn das bei Euch noch nicht so weit ist, dann rate ich Euch, alles dafür zu tun, dass das auch so bleibt. Denn: Die Pandemie wird vorbei gehen. Aber das, was wir hier miteinander veranstalten, das wird bleiben… Und das ist ein sehr hoher Preis. Seid Euch einfach bewusst: Wenn Ihr dann die Gnade habt, Eure Türen wieder aufzumachen und die Leute, die ihr zuvor ausgeschlossen habt, sogar wieder eintreten sollten, ist deswegen nicht die heile Welt zurück. Das Erlebte und Gefühlte bleibt. Diese Brüche werden nur schwer zu kitten sein.

12.Oktober 2021, 1:30

Wir verlieren uns

Der Bundesrat und der Mainstream der Politik kämpft um eine Verbesserung der Impfquote. Und ich bin überzeugt, jeder zusätzliche Pieks wird als Erfolg gefeiert.
Es gibt für ganz viele Menschen und Unternehmen ganz viele gute Gründe für die Impfung. Und ein jeder Mensch soll das für sich entscheiden können. Doch so weit sind wir schon lange nicht mehr, nicht wahr?

Wir müssen gar nicht mehr darüber diskutieren, ob es einen Impfzwang gibt oder nicht. Entscheidend für den bröckelnden Zusammenhalt der Gesellschaft ist, dass dieser Zwang subjektiv als solcher empfunden wird. Was wir also als Erfolg verbuchen, bei den Prozenten, die wir jetzt noch zulegen in der Impfstatistik, ist nicht wirklich einer. Wir handeln uns mit dieser ganzen Übung einen viel zu hohen Anteil von Bürgern ein, die sich mehr als nur ein bisschen gegängelt fühlen. Sie gehen verloren. Und das Problem sind nicht jene, die laut protestieren – sondern die stillen, die sich scheinbar schicken. Aber die Erfahrung, plötzlich am Rand gestanden und auch so beurteilt worden zu sein, die bleibt. So manche, die sich jetzt umstimmen lassen, behalten bei sich ein stilles Kopfschütteln – mit der Feststellung, dass man selbst nie für möglich gehalten hätte, dass das geschieht: Meine eigene Gruppe hat kein Problem, über meine körperliche Integrität zu befinden. Menschen, die sich immer als Teil einer Gemeinschaft verstanden haben, sehen sich plötzlich an den Rand gedrängt und zu einem Schritt genötigt, den sie eigentlich nicht gehen möchten. Wenn sie ihn dann doch gehen, bedeutet das nicht, dass sie „verstanden haben“. Oft bleibt etwas zurück. Es entsteht eine Distanz, eine Entfremdung. Das erfahrene Unbehagen sitzt tiefer als der Pieks selbst je eindringen mag.

Und immer wieder die Frage, wie selbstverständlich sich alle über die nicht wirklich beantwortbaren Fragen hinweg setzen können – aber auch das gelingt, natürlich, in der Gruppe ganz leicht. Es gelingt uns immer ganz leicht, wenn wir uns auf der richtigen Seite wähnen, wie auch immer wir uns das zu garantieren glauben. Die Bestätigung ist ja da. Auf Schritt und Tritt.

Wir werden das Virus meistern. Mit ihm leben lernen. Irgendwann. Und ganz schnell werden ganz Viele von uns weiter leben wie zuvor. Denn das ist das, was alle wollen. Aber für ganz Viele von uns wird es nicht mehr das Gleiche sein wie zuvor. Die Solidarität, so wie sie jetzt eingefordert wird, ist für sie nicht wirklich eine. Sie sind nicht gehört und nicht verstanden worden. Es gab eigentlich noch nicht mal den Versuch dazu. Auf jeden Fall viel zu selten.

Die Lebensqualität einer demokratischen Gesellschaft misst sich daran, wie die Mehrheit mit der Minderheit umgeht. So gesehen sind wir gerade dabei, die grösste uns bisher auferlegte Prüfung maximal zu versauen. Die Regierung ist die Exekutive. Wie passend ist diese Bezeichnung!

25.September 2021, 7:11

Wider die Angst

Wenn die Angst uns packt,
das Herz uns in die Hose sackt,
das Denken kreist und schreit,
nur die Flucht uns noch befreit.

Wer uns nun Schutz verheisst,
den Weg ans Licht uns weist,
kann alles von uns kriegen,
mag er nur die Furcht besiegen.

Was uns Angst macht ist die Kunde
möglicher Not in eigner Runde.
Wir leben sicher und auch satt,
im Paradies, das kein Ende hat.

Wird uns Sicherheit genommen,
taumeln wir sofort benommen,
durch den Aufruhr der Gefühle,
im Kopf ein einziges Gewühle.

Die Angst, die uns so sehr bestimmt
uns Allen unsren Frieden nimmt.
Sie überwinden kann gelingen,
wenn wir um Balance ringen.

Nicht nur andre überzeugen,
uns auch in Demut selber beugen,
die Angst als Lehrerin begreifen,
um sie persönlich abzustreifen.

Der Weg ins Licht ist eigen,
persönlich gehbar in dem Reigen
eigener Gelassenheit im Fragen
und von Demut still getragen.

Fragen bleiben, Unbehagen auch,
ein nervöses Flirren tief im Bauch.
Wir reden einander ins Gewissen,
doch niemand hat das letzte Wissen.

Das Ziel bleibt doch am Ende,
dass alles sich zum Guten wende,
wenn wir Unsicherheit aushalten,
und unsren Frieden uns erhalten.

Wir werden alles überstehen,
Licht am Tunnelende sehen.
Versuchen wir, uns zu verstehen.
Lernen wir, uns neu zu sehen.






21.September 2021, 0:20

Die Sache mit dem „Ja, aber…“

iStock_MHJ

Es ist nicht einfach, einander zuzuhören. Eine Meinung stehen zu lassen. Irrglaube und Irrmeinung muss doch korrigiert werden! Sofort! In der (auch privaten) Debatte über politische Inhalte ist der Widerspruch, der Diskurs ja auch eine Art Programm. Dennoch reden wir so oft an einander vorbei, nicht wahr? Und da ist auch diese feine Art der verweigerten Einlassung, wenn uns unter lieben Menschen ein Gefühl angezeigt wird, das, wie wir finden, nicht sein kann oder darf. Verzagen ist nicht, Aufgeben eh nicht, und also wischen wir weg, was nicht sein soll. Und dabei gelingt es uns sogar, uns gut dabei zu fühlen, weil wir ja vorsagen, was stattdessen zu sehen und zu tun ist.

Das mit dem Zuhören ist in unserer Gesellschaft so eine Sache. Mag sein, dass das nie einfach war und schon immer eine Kunst, aber in Zeiten von Social Media scheint es echt verloren zu gehen. Und die Kakophonie der Meinungen auf allen Kanälen verführt erst recht dazu, sich die Schlagworte rauszusuchen, die einem richtig erscheinen, und dann mit dem gleichen #Hashtag hinterher zu reden. Nein. Zu schreien. Sich empört zu geben. Wohin wir uns als Gruppe begegnen, ist immer seltener eine Frage der Argumente als der Lautstärke – und dass wir dabei sein wollen in der Gruppe ist klar, denn sie verspricht in der Zustimmung Halt und Stärke. Eine andere Meinung wird aufgedeckt, erkannt, ist blitzschnell zu verorten: Das ist „Eine von Denen“, oder „noch so ein Spinner“ oder „ein Verblendeter“. Bis zur „Verlorenen“ ist es dann nicht mehr weit.

Zugehört hat man dabei kaum je, mitgefühlt erst recht nicht. Stattdessen wird eine Vernunft aufgerufen, die ihrerseits auf Abwägungen basiert. Die Mehrheit hat es immer leicht, sich „recht“ zu fühlen und agiert darin sehr oft ungerecht, ohne dass es sie zu scheren bräuchte, denn die andern haben selber Schuld, sind schuld.

Fronten bewegen sich nicht aufeinander zu, es sei denn, um zu schlagen. Im besten Fall verharren sie. Am Grund des Übels gab es und gibt es keinen Meinungsaustausch. Alles wird sofort verortet. Schublade auf und Schublade zu. Vielleicht hat man mal Argumente und passende Fakten oder vorläufige Erkenntnisse aufgereiht und angeführt, und im besten Fall beginnt unsere Antwort als Reflex mit:

Ja, aber…

Dabei gibt es keine mächtigere Pause als jene vor einer Antwort, wenn man denn eine Chance zu einem Gespräch bekommt und wahrnehmen kann. Man darf einfach keine Angst vor dieser Pause haben. Sie hat ja durchaus das Potenzial, dass Gesagtes Nachwirken kann – aber auch, dass die eigene Antwort ruhiger und gerundeter daherkommt. Und was ist denn das Ziel? Die unmittelbare Bekehrung? Der Sieg in einer Diskussion, welche beide Seiten wahrscheinlich nicht zum ersten Mal führen? Ein wirklicher Austausch von Meinungen ist eine Chance, die andere und die eigene Position besser zu verstehen. Das Gegenüber hilft mir, zu verstehen und zu lernen – und auch bei Unverständnis wächst zumindest die eigene Informationsfülle. Wenn ich kein Gefühl für die Menschen mit anderer Meinung bekomme, kann ich nicht erwarten, dass sie umgekehrt mir zuhören, weil ich einfach schlicht so brillant bin.

Mit dem Ja, aber schnappe ich ein, hake ich ein, gehe ich sogleich in den Widerstreit. Das mag ja ein rhetorisches Gefecht geben, aber mit rauchenden Colts wird hier niemand aus dem Feld geschlagen. Wir leben miteinander. So ist es gedacht, und so müssen wir es versuchen, wenn wir Frieden erhalten oder schaffen wollen.

Wenn eine oder einer unserer Lieben erkennen lässt, dass er den Mut verliert, ihn eine Lebenssituation überfordert, wenn ein junger Mensch trübsinnig oder ein alter Mensch lebensmüde wird, sich entsprechend äussert, und wir antworten mit

Ja, aber

haben wir das Ja tatsächlich schon übersprungen. Wir zeigen, dass wir es nicht fühlen. Und tatsächlich werden alte Menschen inmitten ihrer Familie oft noch einsamer, wenn ihnen ihre Herausforderung nicht zugestanden werden kann – und nur eine positive Reaktion auf die Trübsal erwartet wird. Wir schwingen uns auf in eine Position, die ein Stück weit eine Anmassung ist, und was wir gut zu meinen glauben, hat mehr damit zu tun, dass wir das Thema, das den lieben Menschen am meisten beschäftigt, im Grunde scheuen. Doch da ist ganz viel Chance drin für uns alle. Denn wie geschrieben: Es sind liebe Menschen, um die es geht und denen wir auch lieb sind. Also, einfach mal

Ja

sagen und lauschen, wie es klingt, mit aller Hilflosigkeit, die dazu gehören kann. Und aus dem gezeigten Verstehen wird womöglich ein Weg, der zusammen gegangen werden kann, ein Vorleben und Mitnehmen, welches die Tage allen nochmals heller macht.

Tatsächlich ist im Umgang mit nahen und fremden Menschen Empathie eine Kunst, die es erlaubt, mit der Meinung und Empfindung der andern auch den Menschen selbst stehen lassen zu können. Abwenden kann ich mich immer noch. Aber dann weiss ich, dass damit rein gar nichts gewonnen ist.