Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

12.Mai 2021, 17:20

Forschungszusammenarbeit kann kein Faustpfand sein

Die Schweiz tut sich schwer mit dem neuen Rahmenabkommen, das die EU als zu Ende verhandelt betrachtet, während es für unsere Seite viel zu viele offene Fragen gibt. Die Folge ist, dass Druck aufgebaut wird. Da bietet es sich an, die Schweiz von den grossen gemeinschaftlichen Forschungsprogrammen in Europa auszuschliessen. Keine Frage, dass das weh tut. Und äusserst fragwürdig ist. Und entlarvend.

Wenn wir etwas in diesen struben und wilden Zeiten lernen, dann ist es das Mantra, dass Lösung und Entwicklung aller offenen und drängenden bis existenziellen Fragen durch die Forschung zu erwarten sind, den technischen Fortschritt, die Entwicklung neuer Medikamente und Energiegewinnungen und -Einsparungen. Doch wenn es den Regierungen tatsächlich so ernst damit ist, dann sollte gerade die Erfahrungen dieser Jahre zeigen, dass die Lösungen, die wir suchen und brauchen, von überall kommen können und die Suche danach eine globale ist. Einen Forschungsstandort wie die Schweiz da mutwillig zurückzubinden, um andere Interessen durchzusetzen, kann ein Schuss in die Beine der eigenen Völker sein und steht eigentlich keinem Verhandlungspartner gut zu Gesicht, genau so wenig wie das koloniale Verhalten von Grossmächten, wenn es um die Regulierung und Sicherung von Impfstoffen oder – früher in dieser Neuzeit – um den Rückbehalt von Maskenimporten geht.

Ich schreibe es ganz ehrlich: Man mag uns Schweizern Sperrigkeit vorwerfen, aber ich habe langsam von dem Gehabe der EU genug. Ich kann zum Beispiel nicht vergessen, dass unsere Nachbarstaaten Italien und insbesondere Deutschland in ihren Zusagen, den Bahnverkehr unseren mit der Neat geschaffenen Verbindungen anzugleichen und entsprechend Bruchteile der Schweizer Investitionen auch selbst zu tätigen, um geschätzte zwei Jahrzehnte hinterher hinken. Es ist also nicht nur ein Jammer, dass wir uns gegenseitig nicht auf neue Verträge einigen können – es bleibt beschämend, was mit den abgeschlossenen Vereinbarungen nicht eingehalten wurde. Das Schweizer Stimmvolk hat – im Gegensatz zu ganz vielen Völkern Europas – mehrmals klar und deutlich zu EU-konformen Verträgen an der Stimmurne ja gesagt. Es muss uns niemand vorwerfen, wir wären Rosinenpicker – schon gar nicht, wenn wir unsere eigenständige, souveräne direkte Demokratie in allen Belangen uns erhalten wollen.

Auch der Druck auf Forschungsimpulse wird daran nichts ändern. Weil zumindest in diesem Bereich doch nicht allen Ernstes die Unvernunft siegen wird. Oder?

09.Mai 2021, 7:00

Die Welt da draussen

Was die Welt so treibt und was sie umtreibt – sie entfremdet sich mir. Ich weiss, das ist mein Problem. Und vielleicht bin ich nicht wirklich gemacht für sie – zumindest nicht so, wie sie sich entwickelt. Oder zeigt sie sich mir einfach erst jetzt so, wie sie eben ist? Mein Wertesystem ist ein anderes – der Vorteil dabei ist einer, der auch Einsamkeit erträgt: Ich muss schauen, dass ich bei mir bleibe.

Im Juni sollen wir über die Kompetenzen des Bundesrates in der Bewältigung der Corona-Zeit abstimmen. Eine Art Nachlegitimation für die Exekutive für die Prinzipien der Krisenbewältigung. Eigentlich ein ganz wichtiges, weil – eben – prinzipielles Thema. Doch ich kenne keinen anderen Aspekt zu Corona, der in der Breite zur Zeit noch interessiert als die Frage, wer wann welchen Impfstoff bekommt – oder eben nicht. Die Menschen haben genug. Sie wollen ihre Freiheit wieder haben, aber sie haben längst akzeptiert und sich zu eigen gemacht, dass sie nach den Risiken beurteilt werden, welche die Impfung als einziges bleibendes Kriterium vorgibt. Der Stand der Impfung wird zum Massstab, welcher den Regierungen nach ihrer eigenen Einschätzung die objektive Begründung liefert, Massnahmen zurück zu nehmen. Der weltweite Erstversuch einer Hypermassenimpfung, für die man Restrisiken sich wegdenkt, wie es noch nie in der Weltgeschichte geschehen ist. Und wer mag vor den Sommerferien und angesichts der Frage der Bedingungen für sich lockernde Reisebeschränkungen noch prinzipielle Diskussionen über grunddemokratische Basisrechte, zumal in einer direkten Demokratie, führen, zum Beispiel über die Bedingungen, unter denen Demonstrationen, welche die Bezeichnung auch verdienen, durchgeführt werden dürfen?

Wir haben seit Anbeginn der Krise der Erhaltung des nackten Lebens mehr Gewicht beigemessen als der Bewahrung einer minimalen Lebensqualität. Wir haben das Recht auf Bildung für mehrere Jahrgänge massiv beschädigt und wir haben für die Bewahrung der wirtschaftlichen Grundfunktionen unserer Gesellschaft Branchen mit nicht allzu grossem Gewicht fürs BIP einer Rosskur unterzogen, deren Kollateralschäden die bereits einkommensschwachen Menschen unserer Vereinzelungsgesellschaft begleichen werden. Wir haben das alles für die so unter Druck stehenden Pflegenden, für die Ärzte und schwer kranken Patienten getan. Doch gleichzeitig ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit weiter angewendet worden, sind Intensivbetten zum Teil noch abgebaut worden, hat der Kampf um Pflegekräfte zu Abwerbungen in anderen Ländern geführt – aber nicht zu sofort an die Hand genommenen Programmen zur Adhoc-Ausbildung weiterer Betreuungspersonen. Es mag sie geben, aber davon zu reden, würde bedeuten, der Angst einen Lösungsansatz entgegen zu stellen, und die Angst wird gebraucht. Aber es bleibt dabei: Ganz viele Pflegekräfte werden uns fehlen, denn Klatschen genügt nicht – und ansonsten hat die Politik wenig bis nichts für sie getan.

Wir haben ganz viel aufgegeben angesichts einer Angst, welche wir absurd gross haben werden lassen in unserer hoch entwickelten Welt, die alles Vergnügen bejaht aber die Endlichkeit ausblendet. Und wir werden viel zu viel davon auch nicht zurück bekommen – weil unser Verhalten eben Gründe hat und zeigt, wie sehr wir als Gesellschaft korrumpierbar sind, weil wir einfach leben wollen im Saus und Braus. Und so werden wir uns auch in der Klimafrage verhalten. Da mache ich mir nichts vor. Denn es wird genügend Fachleute, Experten und, ja, Wissenschaftler geben, welche uns glauben lassen, mit dem technischen Fortschritt würden wir durch weiteres Wachstum sogar weniger Ressourcen verbrauchen. Die Verantwortung für unser Ende und das Ende, das wir herbeiführen, ist etwas für später.

Derweil gibt es unter den Schwächeren unter uns eine vielfache Anzahl von Menschen, die sich mit Angstpsychosen nicht mehr aus der Wohnung wagen. Wenn wir längst nicht mehr von Corona-Statistiken reden werden, wird man uns die ersten Statistiken zu den bleibenden Verlierern der Krise vorlegen. Vielleicht.

In diesen Tagen hat das Schweizer Parlament sich bei der Regelung der Organspende für einen grundlegenden Wechsel des Systems entschieden. Zukünftig wird auch bei uns grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein Hirntoter seine Organe spenden will – und es muss keine ausdrückliche Willenserklärung des Betroffenen mehr vorliegen. Das Recht des Menschen auf körperliche Unversehrtheit weicht dem Verlangen, unbedingt leben zu wollen, Koste es andere, was es auch wolle. Wie viele Menschen erleben heute mit gespendeten Organen plötzlich psychische Probleme? Und was, wenn zukünftig dazu auch der Verdacht nicht mehr weggewischt werden kann, dass der Spender womöglich doch einer ohne tatsächliches Einverständnis ist?

Wir verlieren immer mehr Tiefe in unserem Leben, aber dafür ist das Leben immer lauter und – bitte – sensationeller. Auch deshalb kommen die Fragen nach dem Ende doch bitte immer später oder gar nie. Ich höre immer wieder den Wunsch, der eigene Tod möge einen doch bitte im Schlaf heimsuchen. Noch nie habe ich jemanden die Sorge äussern hören, was mit dem Menschen sein mag, der am Morgen vielleicht neben unserem Körper erwacht? Bewusstsein… Es ist für uns etwas für die Yoga-Stunde, für irgendeine Werkstatt, in welcher wir uns unser Wohlfühlprogramm zurecht schustern, um einen weiteren Tag lang unbeschwert zu sein.

Mit oder ohne Corona, mit eigenen oder fremden Organen, mit Selbstverantwortung oder Fremdbestimmung, in Sicherheit oder Freiheit: Wir leben gar nicht wirklich.

25.April 2021, 8:44

Meine deine andere Meinung, unser aller Problem

Rund 50 deutschsprachige Schauspieler steuern für eine koordinierte Aktion ein eigenes Video bei, in welchem sie mit Ironie die Bürger zur Einhaltung der Corona-Massnahmen auffordern, dabei aber deutlich machen, wie entfremdet sie sich in dieser Gesellschaft fühlen, die alles dicht macht (und davon überzeugt ist, dass das nötig ist). Was dann geschieht, zeigt uns auf, wie gross das Problem mittlerweile geworden ist:

Natürlich löst die Aktion viele Beifallsstürme „von der falschen Seite“ aus – und es fühlen sich jene Rechtsaussen ermutigt, die mit den Statements gar nicht unterstützt werden sollten. Gleichzeitig geht ein Shitstorm los, an dem sich auch viele Berufskolleginnen beteiligen. Die Folge sind Rechtfertigungen en masse, mit denen sich die Protagonisten gegen falsche Vereinnahmungen wehren, sich einen Diskurs wünschen, der unmöglich scheint – und Teilnehmer, die ihre Videos wieder löschen.

Auch gelöscht hat seinen Tweet jener ehemalige SPD-Minister eines Bundeslandes, welcher voller Überzeugung verlangte, dass die Teilnehmerinnen dieser Aktion niemals mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten dürften – was aufzeigt, in welcher Meinungsdiktatur sich manche Deutsche wähnen – sie reklamierend oder bejammernd – und es ist nicht etwa so, dass sich da alle Stimmen in der ARD von Anfang an gegen solche Reaktionen verwahrt hätten, um es vorsichtig zu formulieren. Diese Beobachtungen zeigen ein wirklich grosses Problem: Man kann Ironie (oder gar Sarkasmus) als komplett unangebrachte Form für die Kritik bezeichnen, man kann manche der Videos als inhaltlich mässig gelungen oder falsch halten, man kann die Aktion kritisieren – aber die persönlichen Angriffe gegen die Personen sind genau so zu verdammen wie die oben beschriebenen Reaktionen von Politik UND Medien. Dass eine Medienanstalt wie die ARD sich den Vorwurf gefallen lassen muss, ein Staatsmedium zu sein, ist definitiv nicht von der Hand zu weisen. Zum Glück ist das kein homogener Haufen, wofür wiederum steht, dass es in den dritten Programmen durchaus möglich ist, dass dann im HR im Talk 3nach9 postwendend die Sendung so moderiert wird, dass in ihr Jan Josef Liefers zugeschaltet wird, während der CDU-Bundeskanzlerkandidat Armin Laschet in der Runde sitzt. Bemerkenswert, dass Laschet sehr genau fühlt, wie entschieden das eigene Statement gegen die Meinungsdiktatur und jede Benachteiligung von Künstlern der Aktion ausfallen muss und das dann auch zum Ausdruck bringt. Sehr irritierend aber bleibt auch da, dass nach dem Einspieler von Liefers‘ Videobeitrag er in einem ersten Statement die Frage von der Moderatorin gestellt bekommt, ob er sich von seiner Aktion distanzieren wolle, und in welcher Form?

Schon das ist falsch. Liefers hat ein Statement abgegeben, für Menschen gesprochen, die nach seinem Eindruck verstummt sind, und das muss doch einfach auch stehen bleiben können. Wenn dann inhaltlich diskutiert wird, kann auch erklärt und präzisiert werden. Aber der Anspruch, dass sich jeder Kritiker erst für seine Kritik erklären muss, ist schon entlarvend. Wir müssen an den Punkt kommen, an welchem wir wieder sachliche Diskurse führen können, denn es kann wohl niemand mehr behaupten, dass er den Königsweg kennt – zu ähnlich sind sich alle Ergebnisse und Fallzahlen der unterschiedlichsten Strategien. Und zum Beitrag eines solchen Diskurses gehört, dass sich alle, welche die Massnahmen komplett begrüssen, davor hüten, gegenteilige Meinungen in eine politische Ecke zu verorten und so die Diskussion abzuwürgen. Akzeptiert endlich, dass es die Kritik, das Unbehagen und die Opfer der Politik in allen Spektren der Gesellschaft gibt.

Nachtrag: Aus Schweizer Warte erlaube ich mir noch den Hinweis: Die Massnahmen, denen wir uns in der Schweiz ausgesetzt sehen, gehen deutlich weniger weit als in Deutschland. Auch bei uns hat der Bund mit landesweiten Direktiven kantonale Befugnisse weiter reduziert, aber es gibt weder eine einer Ausgangssperre auch nur ähnliche Anordnung noch – und das vor allem – einen Lockout, der Kleinkinder und Primarschüler so lange von den Klassenzimmern fern gehalten hat, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber auch bei uns muss das Bemühen um eine Diskussion, die diesen Namen auch verdient, ständig wach gehalten und unterstützt werden.


Webseite zur Aktion: allesdichtmachen
Haschtags:
#allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer

09.April 2021, 1:15

Sicherheit gegen Freiheit – wir verlieren Beides

9/11 und diverse andere Terror-Befürchtungen, welche Regierungen in aller Welt angeführt haben, um Massnahmen für mehr Sicherheit zu begründen und dafür – zum Beispiel – die Überwachung zu intensivieren, sind gerade nicht mehr unser grösstes Thema. Doch um unsere Sicherheit sorgen sich die Behörden in der ‚Pandemie‘ erst recht – und wieder wird ein Sicherheitsbedürfnis in einer Weise priorisiert, die auf Kosten demokratischer Grundrechte geht und Entscheidungsprozesse und Verfügungen möglich macht, wie sie in „normalen“ Zeiten undenkbar schienen.

Dazu werden sich immer ganz viele Fragen stellen und Aussagen treffen lassen, die ihre Wichtigkeit und Gültigkeit immer wieder neu beweisen, mag es auch noch so unangenehm klingen und dazu führen, dass Menschen, welche diese Freiheiten hoch halten und verteidigen wollen, schon beinahe als Saboteure des Volkswohls verunglimpft werden.

Doch was geschieht in diesen Fällen eigentlich IMMER? Es wird eine Gefahr gesehen und geschildert, welche die entsprechenden Gegenmassnahmen als geboten erscheinen lässt, gerade so, dass es unverantwortlich ist, die Beschränkungen nicht einzuführen. Im Laufe der Zeit stellt sich immer heraus, dass die herauf beschworene Gefahr sich nicht als so real herausgestellt hat, wie befürchtet, und die Reaktion darauf ist: Noch mal Glück gehabt. Es ist dann nicht der Nachhall einer voreiligen Überreaktion vorherrschend, sondern die nicht belegbare aber auch nicht widerlegbare Behauptung, dass es nicht so schlimm gekommen ist, WEIL so entschlossen reagiert wurde.

Aus dem Recht auf Überwachung zum Schutz der Bürger ist in diesem Jahrhundert die Gewohnheit unserer Überwachung geworden, nicht nur getragen von den Interessen jeder Macht, welche die Kontrolle behalten will, sondern auch von einer regelrechten Industrie, die daraus entstanden ist. Die Digitalisierung lässt viele Schnittstellen zwischen Optimierung von Leistungen und Kontrolle der Leistenden zusätzlich schwammig werden, und das Resultat sind Datenmengen, die in jedem Fall über uns entstehen und jederzeit genutzt werden können, auch getragen von unserer Naivität, die uns vertrauen lässt und sagen, dass ja niemand was zu befürchten hat, der ein braver Bürger ist – ohne jedes Bewusstsein dafür, dass in diesem System der sich abschwächenden demokratischen Prozesse die Hoheitsmacht, welche dieses Bravsein bewertet, sich zunehmend von uns weg bewegt – in die Hand von Wenigen.

Es lässt sich feststellen: Wenn wir aufgefordert werden, zugunsten von mehr Sicherheit auf ein Stück Freiheit zu verzichten, so ist der Ausgang, was unsere Sicherheit betrifft, sehr offen, weil die Sicherheit, die uns versprochen wird, gar nicht garantiert werden kann. Die Freiheit aber, die wir dafür hergegeben haben, wird nie wirklich wieder ganz hergestellt.

Was diese Erfahrungen und Beobachtungen für die Bewältigung der aktuellen ‚Pandemie‘ bedeuten… die Prognose hierfür ist nicht gut. Nicht für die Sicherheit, für die wir alles hingenommen haben, und die uns doch niemand garantieren kann, und erst recht nicht für die Entscheidungsprozesse, die uns aus der Hand genommen wurden. Denn die Macht wird zu begründen wissen, warum es die Deutungshoheit und den Werteabgleich zwischen Freiheit und Sicherheit braucht, und das wird nicht nur für die Statistiken gelten, die dafür beigezogen werden, sondern auch für den Umgang mit der Kritik, die weiter und noch mehr im Verdacht stehen wird, zersetzen zu wollen.

Wir sollen durchaus Angst vor den Folgen der ‚Pandemie‘ haben, damit wir die Massnahmen weiter tragen. Unsere Unsicherheit soll sich darauf beschränken, um unsere Gesundheit zu fürchten, während die Führung sich betreffend der Wirksamkeit ihrer Massnahmen nicht sicher sein kann aber ganz offensichtlich weiter behaupten darf, dass nichts so sicher ist wie die weiter bestehende Gefahr. Die Art und Weise, wie wir Corona zu einer tatsächlich so vielschichtigen Krise haben werden lassen, wird uns auf den Kopf fallen und Brocken vor die Füsse werfen, von denen ich glaube, dass wir sie nicht wirklich aus dem Weg geräumt bekommen.

Wie gesagt: Es geht um die Begriffe und Inhalte von Freiheit und Sicherheit. Der Blick darauf, und wie mit diesen Werten umgegangen wird, kann bei der Einordnung immer helfen. Das bleibt. Immerhin.

02.April 2021, 21:15

Wertschätzung für die Altenpflege

Wir zählen die Wellen, die Patienten, die Getesteten, die Spitaleintritte, die Toten.
Wir zählen auf die Pflegenden. Aber können Sie auch auf uns zählen?

Liebe Menschen in der Altenpflege

Wir haben im letzten Frühjahr geklatscht auf den Balkonen, und haben uns dabei gut gefühlt. Wir waren uns bewusst, so haben wir wenigstens behauptet, was Ihr leistet. Aber was ist davon geblieben? Auf jeden Fall scheint nichts daraus entstanden zu sein. Ihr habt für Eure Anliegen demonstriert – und seid dafür in die Pfanne gehauen worden. Das macht man doch nicht, mitten in der Krise! Eure Antwort: Nachher werden wir eh nicht mehr gehört. Das sitzt. Und es ist wahr.

Ihr arbeitet in einem teuren Wirtschaftssektor, wie ihr wisst. Das Gesundheitssystem der Schweiz soll das weltweit zweitteuerste sein. Wie sich das anhört, wenn man bei eigenem tiefem Lohn ständig an der Belastungsgrenze steht, kann ich mir vorstellen. Die meisten von Euch arbeiten Teilzeit. Weil ein volles Pensum zuviel solche Belastung wäre. Eine Spätfolge von Corona könnte sein, dass es zu einer Kündigungswelle kommt. Dabei fehlen schon jetzt zehntausende Pflegekräfte.

Ausser einem einmaligen Klatschen habt Ihr von uns nicht viel gehört. Wir sind ja auch damit beschäftigt, uns einzuigeln, uns vor dem Virus zu verstecken. Euch allerdings haben wir zur Arbeit geschickt ohne Schutzmaterial, und ob ihr positiv getestet wart, war auch kein Grund, zuhause zu bleiben. Nach der Arbeit allerdings solltet Ihr dann strikteste Isolation einhalten.

Wir wissen eigentlich gar nicht so genau, was Ihr da so tut, im Altenheim. Wir wollen ja alle auf keinen Fall dahin kommen und bekräftigen unsere Alten in ihrem Wunsch, länger und noch länger in der eigenen Wohnung zu bleiben. Müssen sie dann doch ins Heim, ist es meist viel später, als es gut für sie gewesen wäre, und doch ist es oft möglich, sie aufzupäppeln. Regelmässiges und abwechslungsreiches Essen wirkt Wunder, tägliche Kontakte auch. Ich konnte lernen: Eure Arbeit ist – tatsächlich – unbezahlbar. Weil sie so unspektakulär einfach daher kommt und selbstverständlich getan wird und so einen grossen Segen bewirken kann: Menschlicher Kontakt, Gemeinschaft, Ansprache, Gespräche oder schlicht das Halten einer Hand.

Fürsorge ist nicht gerade ein Wert, der gut bezahlt wäre. Das ist zwar nicht neu, aber nun ist es ganz neu schmerzhaft: Ich schäme mich. Für das, was wir in der Krise offenbaren. Wir haben die Welt stillgelegt, damit genügend Beatmungsmaschinen Tode verhindern können, und von Euch haben wir verlangt, dass Ihr Eure Bewohner separiert, in den Zimmern einschliesst, keine Besuche mehr möglich sind. Ihr habt täglich mit ihnen gelitten, und ganz Viele von Euch haben versucht, kleine Inseln zu schaffen, Variationen, in denen eben doch etwas menschliche Wärme möglich sein sollte. Ihr erlebt das Sterben auch. Täglich. Und so mancher Bewohner will nicht mehr, weil er nicht versteht und verstehen will, warum das so Kleine, aber so Kostbare nicht mehr sein darf? Das Herz soll schlagen, aber die Seele nicht mehr fühlen können?

Foto: iStock/muratmalli

Ihr fordert nicht einfach mehr Geld. Es sollte auch mehr Mitbestimmung geben. Wir sollten Euch einfach mal ernst nehmen. Und uns überlegen: Wenn wir schon Skrupel haben, alte Menschen sterben zu lassen, dann sollte dieser Skrupel bei der verbleibenden Lebensqualität aber auch vorhanden sein. Die Folge wäre: Es bräuchte Programme, mehr statt weniger Personal, nicht einfach mehr Ausbildung sondern die Ausbildung von Konzepten, welche unseren Alten ihre Würde lassen. Denn eines ist klar: Machen wir das nicht, werden wir auch und gerade Euch Pflegenden nicht gerecht. Und nutzen die riesige Macht Eurer Kompetenzen nicht zum Wohle unserer Alten, zu denen wir alle auch mal gehören werden. Und was werden wir dann antworten, wenn wir wählen könnten? Mit etwas Risiko leben, der Gebrechlichkeit geschuldet, und die kleinen Abwechslungen geniessen, die unsere Pflegepersonen in unsere Tage bringen – oder Überleben in einer sterilen Welt?

Die Messwerte der Kapazität unseres Gesundheitswesen haben unser Verhalten bestimmt. Die Politik hat den Intensivpflegebetten und der Situation in den Altenheimen unser ganzes Leben angepasst und es eingeschränkt. Wie sehr das nötig war, wird noch lange kontrovers diskutiert werden. Doch zu befürchten ist, dass über Eure Situation nicht so lange diskutiert werden wird. Was das doch alles kostet, wird ganz schnell beherrschend sein. Ich habe von keinem einzigen Zukunftskonzept gelesen, das mit viel Geld die Situation für die Pflegenden in Spitälern und Altenheimen besser machen soll.

Bis zur nächsten Krise. Ich hoffe, Ihr seid dann noch da, aber verdenken kann ich es Euch nicht, wenn Ihr leichtere Berufe sucht. Aber vielleicht ist da gerade im nächsten Dienst dieses besondere Lächeln der lieben Frau in Zimmer 5 – und das Strahlen, wenn es wieder eine Zusammenkunft gibt auf der Abteilung. Und dann packt es Euch wieder und die Zufriedenheit wärmt die Seele – und auch darum ist es so schön, wenn Ihr um Eure Anliegen kämpft. Ihr tut es nämlich, wahrhaftig, für uns.

29.März 2021, 23:15

Normalität und Veränderung

Wir wünschen uns die Normalität zurück. Wir haben genug. Wir fühlen uns bedrängt, manipuliert, eingesperrt. Wir wollen unser Leben zurück. Die Beizen, das Strassenleben, die Lebendigkeit, das Gesellige, den Konsum. Und was ist mit den Aufgaben, denen wir uns für den Erhalt der Erde zu stellen haben?

Ich kann verstehen, dass junge und alte Klimaaktivisten sich daran reiben, dass es der Masse ganz offensichtlich schlicht darum geht, den Konsum wieder aufnehmen zu können – während doch die Zeit der Lockdowns gerade der Natur in einigen Segmenten ein bisschen Durchatmen erlaubt haben mag. Aber die Nachhaltigkeit in unserem Verhalten kann sich nicht durch die Angst vor einem Virus einstellen. Sie muss verstanden und gelernt werden – und gewollt. Aus freien Stücken. Und darum bleibt der Konsum unser Thema, dem wir uns stellen müssen, eine jede Person persönlich: Was vertreten wir? Was brauchen wir? Und was meinen wir mit „brauchen“? Wir werden auf jeden Fall in unserer Gesellschaft nie einen politischen Kurs durchgesetzt bekommen, welcher nicht das Auskommen für Alle möglich macht. Und sehr viele Segmente unserer Wirtschaftsleistung erbringen wir für Güter, die ein Bedürfnis befriedigen sollen, das zuvor künstlich geschaffen wurde.

So sind wir und so bleiben wir. Wir wollen es bequem und schön haben – was das heisst und wie sehr, müssen wir definieren, erst allenfalls neu lernen. Oder korrigieren. Unsere Einstellung zum Konsum kann sich nur anhand der Erfahrungen ändern – und vielleicht haben wir eine Ahnung gewonnen, wie es auch gehen könnte. Aber, ganz ehrlich: Was wir der Natur an Atempause ermöglicht haben, ist ein Klacks – und ging auf Kosten vieler Menschen, die umgekehrt bildlich gesprochen viel zu wenig Sauerstoff bekommen haben. Der Weg, ein natürlich natürlicher Mensch zu werden, ist verdammt lang – und gewissermassen zubetoniert. Und doch müssen wir zurück, zurück in unsere Normalität, in das, was wir darunter verstehen, weil nur Programme und Leitlinien, die wir frei entscheiden, in wirklicher Sorge um die Natur, so ehrlich und konsistent sind, dass sie Stresstests bestehen. Das macht nicht unbedingt optimistisch, ich weiss. Genau so wenig, wie die Tatsache, mit wie wenig Umsicht und Lebensnähe wir dem Virus die Stirn geboten haben – oder auch nicht.

Alles, wirklich alles, bleibt eine Frage der persönlichen Einstellung. Es ist das, was mir am meisten in den Knochen sitzt und sich als bleibende Erfahrung anfühlt:

Meine persönlichen Werte und meine Sicht auf meine Endlichkeit haben sich gefestigt, so dass ich dadurch ganz viel Frieden spüre und Freude an meinem Leben. Aber die Welt, die mich regiert, mit welchen guten oder weniger guten Absichten auch immer, ist mir fremder geworden. Das wird mich nicht hindern, in meiner Freude so zu leben, dass es auch andere spüren können. Ich will Menschen gut tun und sie nicht verunsichern. Aber ich verstehe die Unsicherheit, und ich befürchte, dass sie zu oft nicht ausgehalten wird, sondern zugedeckt. Wir passen uns an. Suchen bestenfalls einfache Antworten. Die niemand hat. Heute weniger denn je.

Dabei ist so unfassbar Vieles in uns Allen angelegt… denn wir haben das Leben in uns. Wir sind Schöpfung.

26.Februar 2021, 13:26

Die Alten in unserem Nadelöhr

Ich hadere wirklich mit unserem Umgang mit diesem Virus. Und ganz losgelöst von der Frage, ob und wie wir die Lebensbereiche von Einschränkungen befreien sollten, gibt es diesen grossen Bereich, von dem wir alle reden, zu dem wir aber nach wie vor keinen Zugang haben: Die Alten in den Heimen.

Alle getroffenen Massnahmen gegen die Verbreitung der Corona-Viren orientieren sich einhellig an einem objektiven Umstand: Das Leben der alten Menschen ist am meisten bedroht – und das Gesundheitssystem ist ob dieser Tatsache extrem belastet – und im Umkehrschluss ist damit die gesundheitliche Perfekt-Versorgung von uns allen gefährdet. Also machten wir dicht. Nicht nur in Alters- und Pflegeheimen, aber dort erst recht. Wir konstatierten die Gefahren durch und für das Pflegepersonal, wir sperrten zu, verbarrikadierten, isolierten, wir spendeten dem Personal unseren Applaus. Und wir jonglieren noch immer mit Konzepten, reden und verwerfen Massentests und durchgängige Tests für alle, die ein Heim oder Spital betreten, betreten wollen. Doch alle Konzepte messen ihren Erfolg nur an der einzig absoluten Zahl: Den Todesfällen. Und die sollen nicht sein. Was wir nicht schützen, ist die Lebensqualität. Dass die in vielen Situationen geopfert wurde, mag Hilflosigkeit gewesen sein oder Überzeugung, um das – scheinbar – Schlimmste zu verhindern. Ich habe keine einzige positive Reportage über geförderte und unterstützte Programme gelesen, mit denen versucht wurde, bei notwendigem Schutz möglichst viel Lebensqualität zu erhalten (ich meine nicht persönliche Initiativen, sondern erarbeitete Strategien). Und bitte, kommt mir jetzt nicht mit Erzählungen von Ständchen der Enkel zum Geburtstag vor dem Fenster der Oma.

Was als Eindruck vorherrscht, zeigen uns jene Alten, die dazu noch eine Meinung äussern und nach ihr leben können: Neueintritte bleiben aus, weil ältere Menschen nicht eingesperrt werden wollen. Und was folgt daraus? Unterbelegungen führen zu Stellenabbau. Es entsteht für die Heime bei sinkender Belegung und bleibend hohen Fixkosten ein zunehmender Spardruck infolge hoher finanzieller Defizite. Der Konkurrenzkampf wird zunehmen, die Verteilkämpfe um die knappen Mittel werden zunehmen. Die Löhne kommen noch mehr unter Druck, statt zu steigen. Was sie dringend müssen, scheissegal, wie teuer das Gesundheitssystem schon ist, das wir haben. Denn wir haben in den letzten zwölf Monaten bewiesen, wie wichtig uns das – eigentlich – ist.

Ich habe von viel Geld gelesen, das der Bundesrat in die Stützung der Wirtschaft und die Abfederung der Kurzarbeits- und Arbeitsprogramme stecken will – und auch muss. Das ist richtig und notwendig. Aber wo sind die Massnahmen, welche das eigentliche Nadelöhr weiten könnten? Die bessere Entlöhnung des Pflegepersonals? Die Unterstützung durch Finanzierung von Konzepten für die Erhaltung der Lebensqualität von Heimbewohnern? Die Erhöhung der Grundkapazitäten der Intensivmedizin (denn ganz offensichtlich wollen wir die Erhaltung des Lebens um jeden Preis). Weil sich die Schutz-Reflexe der Gesellschaft auf die nackte Erhaltung schlagender Herzen beschränkt und herzlich wenig um die Lebensfreude der Seelen der Menschen schert, haben wir da draussen ganz viele Menschen, die irgendwie versuchen, zurecht zu kommen: Die Alten, von ihrem Alltag überfordert und längst auf mehr fachliche Pflege angewiesen, während sie weiter vereinsamen, aber nun erst recht nicht ins Heim wollen, und am andern Ende die ganz Jungen, welche die Orientierung nicht verlieren können, weil sie diese gar nicht erst finden. Aber das ist ein anderes, weiteres Thema…

Eine Konsequenz aus unserem Verhalten und dem daraus folgenden Verlauf der Krise muss doch sein, dass wir die Pflegeberufe so attraktiv machen, bei höherem Lohn und kürzeren Arbeitszeiten, dass pflegende und gepflegte Menschen sich gegenseitig bekräftigen können, was das Leben an dessen Ende wirklich ausmacht. Kein Intubations-Set in der Intensivpflege, aber viele mögliche praktische Antworten auf die Bedrohung des Lebens – etwas, mit dem sich viele alte Menschen sehr viel bewusster beschäftigen können, als wir womöglich meinen. Wenn wir das bejahen, dann wird diese verdammte Chose wenigstens etwas Gutes gebracht haben. Und das wäre dann tatsächlich zum Vorteil der Alten. Und damit auch der Pflegenden.

BEWEGT EUCH ENDLICH, die Ihr das Sagen habt.

21.Februar 2021, 20:50

Den Jungen gehört die Welt

Wir verlangen viel von unseren Jungen. Ihnen sollte die Welt gehören, denn sie müssen sie ja auch gestalten, oder? Und was ist? Wir trüben die Aussicht unserer Kinder mit lauter Fragezeichen. Meiner Meinung nach haben die heutigen Jungen viel mehr Fragen zu lösen als frühere Generationen.

Was hinterlassen wir ihnen? Aktuell behindern wir ihre Ausbildung – und zwar in massiver Weise. Wir gewichten die Risiken einer relativ gefährlichen Pandemie eindeutig höher als die unwägbaren Folgen der Hindernisse zweier Jahrgänge an den Schwellen zur Berufsbildung. Studenten und Lehrlinge haben es am Beginn und am Ende ihrer Ausbildung gerade extrem schwer, Orientierung zu bekommen – und eine faire Bestätigung in Form von ergebnisgerechten Prüfungen. Und all jene, die darauf antworten mögen, dass die eigenen Kinder das gut wegstecken, sollten mal genau diese Kinder fragen, ob sie denken, dass alle ihre Schulkameraden und Studienkolleginnen in der gleichen Situation ähnlich durch die Krise kommen? Und welches Gefühl für einander bleibt denn übrig in dieser Welt der digitalen Selektion?

Die letzten Jahrzehnte haben uns viele Diskussionen gebracht, in welchen wir die Befürchtungen um die Altersvorsorge mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortung abgewehrt haben – wobei wir wenigstens am System der zweiten und dritten Säule nicht grundsätzlich zu rütteln begannen. So, wie wir uns geben, könnte man meinen, wir würden wenigstens dafür sorgen, dass das Wirtschaftssystem geschmiert bleibt und daraus wenigstens viele Chancen erwachsen. Aber, ganz ehrlich: Sind wir gerade in diese Richtung unterwegs? Es wächst das Gefühl einer Willkür, deren Antrieb zwar niemand so genau zu fassen vermag, aber wirklich verständlich ist es nicht, warum die Einen zurückstecken müssen und andere freie Fahrt haben?

Und wenn wir um die nächste Ecke biegen, wartet da die Klimafrage auf uns. Und alles deutet darauf hin, dass wir vor den Gefahren, die im Zusammenhang damit beschrieben werden, sehr viel weniger Respekt haben als vor den Corona-Fallzahlen. Wird schon gehen. Läuft. Mein Auto hat zwar mehr PS als das letzte, aber der Antrieb ist nun ein anderer. Die Gesamtbilanz ist ökologisch nicht besser, aber die Wirtschaft ist innovativ und wechselt die ausgebeuteten Rohstoffressourcen wenigstens zum Teil aus. Der Glaube in die Technologie, in den technischen Fortschritt ist ungebrochen. Einen anderen Glauben brauchen wir ja nicht mehr.

Na, da bin ich ja wieder mal absolut gefrustet unterwegs und trage gerade massiv dazu bei, dass die Lesenden Trübsal blasen und die Köpfe hängen lassen.

Foto: iStock/MariaDubova

Wären da nicht eben gerade die Jungen. Die wahrscheinlich genau so auf diesen Text reagieren, wie ich es früher getan habe, wenn mich Ältere bedauert haben wegen der angeblich schlechten Perspektiven. Unsere Jungen haben den Anspruch, siehe oben, die Welt zu gestalten und sich zu behaupten, zu entwickeln. Sie wollen nicht mehr so dringend ein eigenes Auto, wie das bei uns noch der Fall war, und bei einer Jobwahl spielt die Work Life Balance tatsächlich oft eine Rolle. Zeit zur Verfügung zu haben kann sogar wichtiger werden als mehr Geld. Die Welt ist nicht so grau, wie ich glaube. Und wird mit anderen Augen gesehen.

Also sollten wir Älteren still aber nachdrücklich dafür sorgen, dass die Naivität, die jedem jungen positiven Lebensentwurf auch innewohnen mag, keine Utopie wird, sondern tatsächlich das Erreichen einer Lebensqualität begünstigt. Indem wir eben dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen in Ausbildung und Entwicklung von Berufslaufbahnen und Unternehmungen stimmig sind, dynamisch und fair. Wir noch nicht so Alten aber doch Angegrauten werden genau den Erfolg dieser Bemühungen brauchen – für den Frieden im Blick auf die Welt, die immer auch unsere ist, für die wir tatsächlich Verantwortung haben.

13.Februar 2021, 3:00

Die Unsicherheit

credit: iStock/MisterM

Corona ist wohl definitiv eine riesige Herausforderung für uns alle geworden, und jeder Einzelne von uns muss seine eigene Einstellung dazu finden – und damit ist nicht das Verhalten zu den Aufrufen zu einer bestimmten Verhaltensweise gemeint – sondern für uns selbst zu definieren, wie sehr oder wie wenig wir eine Ansteckung fürchten? Es geht um die Frage: Wie halte ich es mit der Unsicherheit?

Politik tritt immer wieder mit dem Anspruch an, Sicherheit garantieren zu wollen, für einen Schutz zu stehen. Damit wurde in der Terrordiskussion argumentiert, und nun ist es genau so. Es ist das Merkmal der heutigen Generationen und die Legitimation für ganz viele Massnahmen. Aber die Sicherheit ist oft nicht so gefährdet, wie erklärt und umgekehrt nicht so eindeutig zu gewähren, wie versprochen wird. Darin liegt nicht die Basis für eine weitere Verschwörungstheorie. Es ist schlicht eine feststellbare Tatsache.

Neue Mutationen, neue Impfungen, Wirksamkeitsgrade, Ansteckungs-gefahr, Übertragungsunsicherheit, Überlastungsszenarien – alles wird bleiben. Und Statistiken werden weiter belegen wollen, dass Massnahmen einerseits notwendig sind und gleichzeitig verhältnismässig. Aber die Zahlen nehmen uns die Entscheidung nicht ab, selbst dann nicht, wenn sie aussagefähig werden. Denn für ganz viele Elemente der Abwägung gibt es sie nicht. Nicht für die Langzeitfolgen für Covid-Patienten, nicht für die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgeschäden der getroffenen Massnahmen. Zu was wollen wir sie denn ins Verhältnis setzen? Was es aber gibt, und entgegen aller Hoffnung bleiben wird, ist die Notwendigkeit unserer ganz persönlichen Einschätzung einer Gefahr und unsere Einstellung dazu: Was bin ich bereit, für meine „Sicherheit“ als Risiko einzugehen? Die Lockerungen müssen kommen, werden kommen, und meine grösste Angst ist, dass sie so spät kommen, dass das Verhältnis zwischen Volk und Regierung tiefe Risse bekommt.

Die Entscheidung wird eine persönliche werden müssen:
Impfen lassen? Und wie mich danach verhalten? Welche Sicherheit bietet sich mir wirklich? Welche Mutationen werden noch folgen? Maske tragen? Wo? In Restaurants gehen, auf Veranstaltungen?

Achtung, das ist keine Verharmlosung, aber eine Analogie: Wir müssen es schaffen, mit Corona so umzugehen wie mit einer Grippeepidemie, denn Corona wird genau so bleiben. Es wird meine persönliche Verantwortung werden, wie ich mich in meinem Alltag verhalte und mit wieviel Angst ich damit umgehe, angesteckt werden zu können. Wenn wir Lockerungen haben, wird es mehr Überlegungen geben müssen, wie das denn mit Grippeviren jeweils ist? Es gibt Wellen, Schwankungen, und Veränderungen in der Ausgestaltung. Womöglich wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass sich die Viren schneller verbreiten als zu Beginn, sie aber gleichzeitig weniger Menschen krank werden lassen – und diese tendenziell weniger schwer. Das ist die Beobachtung bei vielen Grippewellen, und es spricht einiges dafür, dass es hier ähnlich sein wird. Nur: Wir wissen es nicht. Wir müssen einfach einen Umgang damit finden. Und eine positive Sichtweise. Denn was wir jetzt haben, und in zunehmendem Mass, ist eine Unsicherheit, die an sich schon krank macht. Wir brauchen die positive Erfahrung, dass wir mit einander Umgang haben können – und das tatsächlich nicht nur überleben, sondern gerade dadurch gesunden können. Und es einer überwältigenden Vielzahl von Menschen möglich bleibt, für sich zu sorgen – auch wirtschaftlich und sozial. Für die Kranken muss die bestmögliche Hilfe geleistet werden. Und aus tatsächlichen Erfahrungen ableitbar akut Gefähredete müssen geschützt werden. Es wird entsprechend neue Begrifflichkeiten brauchen.

Wir werden schwer daran zu beissen haben, dass uns so viel Respekt eingebläut wurde, dass daraus viel mehr Angst geworden ist, als wir jetzt noch abschätzen können. Psychiatrische Anlaufstellen wissen schon längst sehr viel davon zu berichten, und auch bei uns allen, denen „es gut geht“, ist längst nicht alles gut. Und das wird auch nicht einfach verfliegen, wenn die Viren ihre Kraft einbüssen. Sie sind längst Teil unserer Gesellschaft geworden – in einer Weise, vor der wir uns nicht mit einer Impfung schützen können.

Vielleicht hilft es, wenn wir Corona endlich auch als Lehrmeister begreifen, und nicht der Utopie nachhangen, nach welcher das Ding so schnell wieder verschwinden wird, wie es gekommen ist. Corona hat uns so sehr in die Klauen bekommen, dass es elementar sein wird, daraus zu lernen. Und zwar anders, als wir bisher bereit sind, es zu tun.

04.Februar 2021, 22:30

Oh Gott, wir Menschen

Als der Mensch genetisch entschlüsselt war, wurde er immer lauter: Dieser Ausspruch, dass die Menschheit Gott nun nicht mehr brauchen würde. Was erklärbar wird, ist nicht länger ein Wunder. Und nur das Unerklärbare lässt die Vermutung göttlicher Mächte zu?

Die Wissbegier des Menschen ist unersättlich, und seine Fähigkeit, Geheimnisse zu entschlüsseln, wirklich erstaunlich. Das lässt die Menschheit hoffen, der Mensch selbst würde die Lösungen für alle Bedrohungen durch sein Wissen finden. Nur, welche Motivation hat der Mensch, sein Wissen anzuwenden? Und in welche Richtung forscht er?

Uns allen ist ein Überlebensdrang eigen. Arme Menschen wollen überleben. Vermögende Menschen können gut leben und sind im besten Fall dankbar dafür. Reiche Menschen haben Überfluss und gehen unterschiedlich damit um. Die Sachzwänge der Macht, aber auch die Faszination der Macht ist allgegenwärtig, und damit der Wunsch, Menschen und ihre Verhalten vorhersehen oder steuern zu können. Denn das verspricht reichen Ertrag. Und darauf ist der Mensch auch ausgerichtet. Kaum eine Errungenschaft, welche die Menschheit erreicht hat, ist nur für friedliche Zwecke genutzt worden. Und Entwicklungen, die uns begeistern, erfahren dann unsere Anwendung und Verwendung, und wir wissen wohl alle, dass wir mit diesen Möglichkeiten sehr unterschiedlich umgehen – und aus vermeintlichem Segen auch eine Crux werden kann. Was Geld und Macht verspricht, wird getan. Keine menschliche Ethik, die eine Berufsgruppe oder Gesellschaft festlegt, kann darauf bauen, Bestand zu haben. Das Machbare wird gemacht.

Ich habe nie verstanden, wie man aus der Entdeckung, wie etwas konstruiert, gebaut ist und warum, ableiten kann, es gäbe das darin liegende Wunder nicht mehr. Mindestens muss daraus doch ein Staunen folgen – und ein Blick dafür, dass sich auch die neue Entdeckung mit ganz vielen weiteren Phänomen vernetzt – und wir genau das zu erforschen nie auch nur im Ansatz fertig sein werden. Wie schlecht der Mensch fähig ist, einigermassen vernetzt zu denken und Wechsel- und Folgewirkungen von Eingriffen zu bedenken, zeigt sich ihm immer wieder, wenn er es denn sehen will. Aber oft sind wir blind, weil wir nur schon in Zeitbegriffen denken, welche für die Erde einfach lächerlich sind. Wir können die Folgen für die Umwelt nicht mal für die nächste Generation wirklich erfassen und stehen immer wieder vor der Frage, weshalb ein Phänomen plötzlich auftritt? Zu glauben, Master Of The Universe zu sein oder zu werden, ist ketzerisch und eine Überheblichkeit, vor der wir uns Alle fürchten sollten. Denn unsere Anmassung liegt auch darin, dass wir glauben, die Welt würde immer unser Konsumtempel bleiben. Keine unserer Massnahmen zum Schutz des Klimas zielt darauf ab, weniger zu haben, zu brauchen, zu konsumieren. Wir sollen es nur anders machen. Und damit weiter Wachstum generieren – und andere Ressourcen aufbrauchen.

Der Mensch hat vielleicht einen Sinn dafür, das Geschenk seiner Erde zu erkennen. Aber er hat nicht die spirituelle Tiefe noch die irdische Verbundenheit, sich als Bewahrer dieser Erde zu begreifen und entsprechende Kompromisse in seinem Konsum zu machen – und in seinen Erwartungen. Gott ist nicht tot. Wir ignorieren ihn nur. Wir kommen ohne ihn aus. Es kommt einmal ein Tag, an welchem Gott beschlossen hat, uns nicht mehr zu brauchen. So glaube und empfinde ich seine Präsenz. Wir müssen nicht an ihn glauben – aber wenn wir denn schon denken, ohne ihn klar zu kommen, dann sollten wir das Staunen über die Schöpfung nicht verlieren – und uns immer wieder bewusst sein, dass wir zwar grandiose Anstrengungen unternehmen können, die Richtung aber stets auch das Resultat der Unwissenheit ist. Wir sollten uns selbst auf die Finger schauen. Immer wieder. Und dabei schadet es keineswegs, die göttliche Idee in unserer Erschaffung zu suchen (warum sind wir wirklich hier?). Ob wir dann so leben würden, wie wir es tun, mit Einschluss aller Errungenschaften, die wir erreicht haben? Ich glaube es nicht. Gott ist nicht gestorben, nur weil wir ihn vergessen. Stattdessen könnten wir so Mensch werden, wie wir wohl wirklich gedacht sein dürften. Und dabei erfahren, wie viel Liebe in uns ist, die den richtigen Weg weist. Für den Nächsten, für die Erde, die Welt, unseren Umgang mit jeder Art von Gefahr. Wenn wir das Bewusstsein unserer Endlichkeit zum Prinzip unseres Lebens machen, bekommt das Machbare eine andere Bedeutung, die keine vergängliche Macht sucht. Dann wird auch die Ohnmacht nicht bleiben, wenn wir vor riesigen Problemen stehen – oder einem Ende. Wer weiss schon, was wirklich endgültig ist.

Den unsäglichen Sprüchen über den Tod von Gott oder seinen verlorenen Zweck stelle ich die Frage entgegen:

Was, glaubst du, bedeutet es für uns, für dich, wenn Gott einfach viel mehr Zeit hat als jeder von uns?