Ressort: Lebenskunst(Weitere Infos)

19.April 2021, 6:20

Glanz und Arroganz des Erfolgreichen

Was ist die Voraussetzung für Erfolg?
Jeder betont ständig, wie hart er arbeitet:
Auch so eine Worthülse, die man getrost nach Amerika zurückschicken könnte, von wo sie herkommt.

Ich empfinde es immer als Affront gegenüber den nicht ganz so Erfolgreichen, wenn ein Sieger im Sport seinen Erfolg damit begründet, dass er so hart gearbeitet habe.
Damit sagt er indirekt, dass er mehr tat als andere.
Wie will er das wissen?
Er kann davon ausgehen, dass bei diesem Wettkampf alles bei ihm am besten zusammen gepasst hat, und er mag so viel Selbstbewusstsein haben, dass er denkt, dazu eine ganze Menge beigetragen zu haben durch Talent, und ja, auch durch Fleiss und Willenskraft und Bereitschaft zum Verzicht, zur Überwindung des inneren Schweinehundes, und über den Lohn aller Mühen glücklich zu sein, ist wunderbar mit zu erleben.

Aber an einem bestimmten Tag besser zu sein als alle anderen oder unverhofft einen Auftrag zu kriegen oder ein Projekt erfolgreich zu Ende zu bringen, das beweist vielleicht meine grosse Geschicklichkeit, zeugt auch von Fähigkeiten, aber es lässt auch Fügung erahnen hinter dem auch beteiligten Zufall, der, tritt er ein, sich nie völlig schlüssig herleiten lässt: Warum wurde ich hier und jetzt nicht von einem Konkurrenzangebot, von einem Konkurrenten überrascht? Ich nenne dies Grund zur Demut und Dank für das Geschick meines Lebens. Also versuche ich nicht nur, mich nach Möglichkeit in meine Lebensumstände zu schicken – ich möchte sie begreifen und darin den Leitfaden sehen, nach dem und an dem ich mich weiter entwickeln kann.

Ja – es gibt die Menschen, die herausragend erfolgreich sind. Die – wie im Sport – messbar die Besten in ihrer Tätigkeit sind. Aber die Strahlkraft, das Besondere an ihnen ist ganz schnell nicht der Erfolg allein, sondern, wie sie mit ihm umgehen. Und sie können Mutmacher sein, eine Inspiration: Nicht aufzugeben, wenn die Dinge schlecht stehen. Denn schaut man genau hin, gerade bei den ganz grossen Karrieren, so findet man fast immer auch Brüche. Den strahlenden ewigen Sieger gibt es nicht. Jede Tenniskarriere, auch die strahlendste, gibt unzählige Geschichten von bitteren Niederlagen her. Wenn wir Höhen und Tiefen so betrachten können, dass sie uns etwas lehren wollen für einen möglichst sicheren, geraden, ausgeglichenen Weg, dann erhalten wir etwas von der Sicherheit, die Siege allein nicht vermitteln können.


Basis des Textes: thinkabout.myblog.de vom 10. Nov. 2004 – heute ergänzt und vertieft

4 Gedanken zu „Glanz und Arroganz des Erfolgreichen

  1. ClaudiaBerlin

    Endlich mal jemand, der auch gegen die brave Übername des „Hardworking“ protestiert. Ist mir schon lange ein Dorn im Auge, denn „hart arbeiten“ ist nicht mal unbedingt Voraussetzung für Erfolg und erst recht kein grundsätzlicher Wert!

    Ganz im Gegenteil kann man die Geschichte der Menschheit als Bemühen beschreiben, die Dinge weniger anstrengend zu machen. Flaschenzug statt Eimer hoch ziehen, Motoren statt Muskeln, Fahren statt Laufen usw.

    Die Griechen und Römer, die „Wiegen des Abendlands“ wussten noch, dass „harte Arbeit“ den edleren Aspekten des Menschseins nicht dienlich ist. Dass sie es auf Sklaven abgeschoben haben, ist natürlich keine Lösung – aber am Ende sind wir bezüglich der schmutzigen und/oder anstrengenden Arbeiten heute gar nicht so sehr anders drauf, denn diese überlassen wir hauptsächlich schlecht bezahlten Migranten.

    Alsdenn: Nieder mit Hardworking, es lebe die Work-Life-Balance!

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    1. Thinkabout Beitragsautor

      Ich danke Dir, Claudia, für die ergänzenden Gedanken, mit denen Du mit ganz eigenen Augen viele weitere Aspekte zum Thema hinzu addierst. Mir kommt dazu spontan noch ein Satz in den Sinn, den ich gerade nicht korrekt verorten kann, es sei aber gerne zugegeben, dass er von mir gemocht wird, aber nicht als Eigenformulierung beansprucht werden kann:
      Auf die Frage, was am Ende eines langen Lebens rückblickend am meisten bereut würde, war die Antwort:
      „Dass ich in meinem Leben nicht mehr getrödelt habe.“

      Das lasse ich dann mal so stehen, vielleicht mit der Frage, warum uns dieser Satz womöglich überrascht?

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  2. Relax-Senf

    Ein typischer Thinkabout-Artikel mit einer beeindruckenden Anzahl von Facetten die das Thema zielgerichtet ausleuchtet, besser beleuchtet, denn es kommen schlicht auch Aspekte zu kurz. Das ist auch kein Wunder, denn es handelt sich um ein sehr komplexes Thema, soll heissen, bei gutem Wein lässt sich trefflich nächtelang darüber diskutieren und so wie wir Zwei es machen lernt jeder viel dabei.

    Erfolg hat immer viele Väter und bereits an dieser Stelle zeigt sich das Können und die Stärke vom Leithammel, denn er muss „idealerweise“ den Beitrag der Erfolgsteilnehmer zuordnen und werten können.

    Nicht nur im Sport lässt sich Leistung messen a b e r die Teamleistung U N D die Leistung Dritter im Haus oder extern gehört dazu! Die glücklichen Umstände vergessen Sieger immer gerne. Nur beim Misserfolg kommen die zur Sprache und in diesem Fall fehlen natürlich auch die vielen Erfolgsväter, die dann auch nicht ihre Trommeln und Fanfaren aktivieren.

    Genauso wie der erfolgreiche Sportler in sein Training investiert, muss man auch im Beruf mehr Energie und Zeit aufbringen, wenn man aus der Heerscharen „der Sklaven“ (verwende hier bewusst Claudia Berlin) herauszuragen will. Denn nur wer dem Sklavendasein entkommt, kann sich der Lebensweise römischer und griechischer Adliger nähern.

    Allerdings ist es einfach wissenschaftlich erwiesen, dass das wirkliche Entkommen von der Sklavenarbeit gar nicht möglich ist, denn der Erfolgreiche wird zum Sklave seines Erfolgs, denn um den Erfolg zu wahren oder gar noch zu vergrössern folgt der Zwang noch mehr auf „freie Zeit“ und auf eine kultivierte Work-Life-Balance zu verzichten.

    Hard Working mag hier negativ besetzt sein, doch im angelsächsischen Kulturraum muss man bei der Bewerbung dem HR sagen, dass „man einen neuen Standard beim Hard Working“ demonstrieren wird. Ohne dieses Bekenntnis ist man der falsche Bewerber! Genauso wie es sich im angelsächsischen gehört, dass man schon beim Rekrutierungsprozess sagt, dass man eines Tages CEO in dieser Firma werden möchte! Solch eine Aussage in Deutschland oder Schweiz, ist wiederum der Todesstoss für eine erfolgreiche Bewerbung.

    „Hard working“ was ist falsch an dieser Aussage! Ich ärgere mich bei Smalltalk und sozialen Tischrunden mehr über die Leute, die unverblümt kundtun, dass jene die viel arbeiten Deppen sind und sie mit ihrer take it easy Einstellung viel lockerer ans Ziel kommen (und die Deppen dabei hilfreich sind):.

    Es gibt einen grossen Landstrich in Deutschland, den Claudia Berlin auch bestens kennt, wo das hard working eine Auszeichnung in der gesellschaftlichen Hierarchie ist. Anders gesagt, wo ich meine Wurzeln habe, können Männer gewisse Charakter-Schwächen haben – Alkohol, Frauen, Autos etc. – das wird gesellschaftlich – im überblickbaren Rahmen – immer (oft) hingenommen vom nachbarschaftlichen Umfeld wie Nachbarn und/oder Verwandten solange die Einschätzung steht:
    …. aber Schaffen tut er viel und gut!!! Mit Zwinkern festgehalten.

    Fazit: Die pauschale Verurteilung von harter Arbeit finde ich falsch. UND festzuhalten ist auch: solange jemand hart arbeitet, macht er keinen anderen Seich.

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    1. Thinkabout Beitragsautor

      Lieber Relax
      Unseren „Live-Gesprächen“ zum Trotz habe ich eben Deinen Kommentar wieder gelesen – und dabei fällt mir auf, dass jene, welche das Publikum des Erfolgreichen bilden, diesen Erfolg auf eine bestimmte Weise verorten – jene, welche den Alkohol, die Frauen oder Autos oder anderes Überblickbares nicht wirklich seitwärts lassen können, womöglich als direkt Betroffene oder in der Rangordnung „abgeschätzte“, werden da nicht dazu gehören. Was in einer Gesellschaft sich opportun verhält und in eine Erfolgsaura gejubelt wird, scheint gerade in diesen Zeiten einer Willkür zuzuordnen sein, deren Wertemassstäbe nicht unbedingt der Gängigkeit wegen schon passabel sein müssen…
      Erfolg ist wohl am Ende, vom Erfolg nicht abhängig zu sein. Also auch nicht vom Applaus…. Dafür gelingt es dann womöglich besser, in der einzelnen Lebenssituation nicht unausstehlich zu sein, sondern gerade standsicher und hilfreich – für sich selbst und andere.

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