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03.Oktober 2017, 18:46

Ein Walliser mit Talent und Charakter

Am Donnerstag um ein Uhr in der Nacht nach MEZ startet die neue NHL-Saison, die unbestritten beste Eishockeyliga der Welt, und wenn diese Saison mit mehr Aufmerksamkeit in der Schweiz verfolgt wird, dann hat das vor allem mit einem jungen noch nicht 19jährigen Mann aus Naters zu tun. Nico Hischier ist nicht besonders gross und schon gar nicht besonders schwer – und war im ausgeklügelten Scouting- und Draftsystem der NHL dennoch der begehrteste Junior dieses Jahres. Was zeichnet diesen Jungen also aus?

Wenn man sich den Wildwuchs im europäischen Transfergebaren im Fussball vor Augen führt, so wird der Blick über den grossen Teich sehr neidisch. Denn in der NHL gibt es nicht nur einen Salary Cap, eine maximale Lohnsumme, über die kein Team hinaus gehen darf – sondern auch ein Evaluationssystem für neue Spieler, das gerade im Juniorenbereich einzigartig ist. Die Liga selbst führt eine grosse Scouting-Abteilung mit dutzenden von Beobachtern, welche die Entwicklung junger Spieler über Jahre verfolgen – hinzu kommen die Scouts aller einunddreissig Vereine, welche ihre eigenen Beobachtungen mit den Auswertungen der Ligaorganisation vergleichen. Nun ist keine Statistik eine Garantie für den tatsächlichen zukünftigen Wert eines Spielers für seine Mannschaft, und nie lässt sich seine weitere Entwicklung garantieren. Aber die Liga und ihre Attraktivität, die sich auch über die Ausgeglichenheit der Meisterschaft definiert, lebt davon, dass dieses Scouting möglichst verlässliche Ergebnisse liefert. Also gibt es nicht nur Statistiken über Tore, letzte entscheidende Pässe zu Toren, über Plus-Minus-Bilanzen an Toren während der Einsatzzeiten auf dem Eis, geblockte und abgegebene Schüsse usw. usw. Nein, gemessen wird auch, ob ein Spieler seine Mitspieler und damit sein Team besser macht. Eishockey ist ein sehr intensiver Kontaktsport mit extrem schnell wechselnden Spielsituationen. Um so wichtiger ist die Fähigkeit, diese Situationen voraus sehen und “freies Eis” nutzen zu können – oder eben dem Gegner keine Räume zuzugestehen. Es wird also auch das Schussverhältnis gemessen: Welche Spieler weisen welche Statistik auf, wenn sie mit diesem oder jenem Mannschaftskollegen auf dem Eis stehen?

Nico Hischier hat eine einzige Saison in Nordamerika im Junioreneishockey absolviert. Sein Einstand, aber auch seine weitere Entwicklung in diesem Jahr waren erstaunlich und sein Auftritt an zwei Juniorenweltmeisterschaften mit der Schweiz mehr als bemerkenswert. Was aber die Scouts mehr beeindruckte als Scorerwerte war genau dieser Umstand: Hischier machte alle seine Teams als Mannschaftsspieler besser. Er verfügt bereits über ausgereifte Merkmale eines Zweiwegstürmers, eines Centers, der auch an die Defensive denkt und “nach hinten arbeitet” – obwohl doch so oft nichts am Ende wirklich so strahlt wie die Tor- und Assiststatistik. Wenn man Hischier im Rummel um seine Person in diesem Sommer beobachtet, dann kann man nur staunen: Er geht mit der Aufmerksamkeit, die er weckt, sehr gelassen um und scheint komplett fokussiert bleiben zu können. Wie soll er sich bei den New Jersey Devils etablieren, einem der schlechtesten Teams der letzten Saison? Mit nur einem Jahr Junioreneishockey auf den engen Rinks in Nordamerika ist der Sprung in die Erwachsenenliga, der weltweit härtesten und körperlich anspruchvollsten Meisterschaft überhaupt doch sehr gross. Niemand weiss das so gut wie Hischier selber – aber der Junge scheint bereits Lösungen auf dem Eis zu finden. Er wurde in vier Vorbereitungsspielen eingesetzt, mit laufend wechselnden Sturmpartnern. Er hat in jedem Spiel ein Tor geschossen und dazu noch drei Torvorlagen geliefert. Und sein Einfluss auf positive Werte seiner Spielpartner wurde von Spiel zu Spiel grösser. Damit ist die Frage, ob er die Saison auch in der NHL beginnen wird, schon mal beantwortet, und es wäre mittlerweile eine Überraschung, würde er nach neun Spielen wieder aus dem Team genommen – etwas, was man bewusst für NHL-Neulinge eingeführt hat, um deren Entwicklung geordnet ermöglichen zu können. Es wird Rückschläge geben, aber für Hischier ist eine grosse Karriere möglich – gerade weil auch für ihn selber nichts selbstverständlich ist – auch nicht das Glück, für seinen Traum arbeiten zu dürfen.

Devils-Generalmanager Shero hat diesen Charakter seines kleinen Juwels von Anfang an betont – und es wäre nicht Nordamerika, gäbe es auch nicht dafür eine Auszeichnung: The E.J. McGuire Award of Excellence – die Auszeichnung wird im Draft auch für besondere Hingabe und Charakter verliehen. Aktueller Preisträger: Nico Hischier.

Auch wenn ich Fan bin, so glaube ich, nicht falsch zu liegen mit folgender Aussage: Es mag in den letzten Jahren noch herausragendere Persönlichkeiten in den Drafts zur Auswahl gegeben haben – aber kein anderer Spieler hat sich in vergleichbar so kurzer Zeit so sehr in den Vordergrund gespielt. Verglüht der Stern nicht, so kann er noch sehr viel Glanz bekommen. Und als Freund des Mannschaftssports sage ich: Hischier ist genau die Sorte Kumpel, mit der ich gerne da raus ginge, bereit zu leiden, bereit, zu lernen, bereit, auf seine Ideen einzugehen, von ihm zu lernen und erstaunt, dass er auch von mir lernen will.

*

Start in die Saison:

Do 5. Oktober 01h00 MEZ: Winnipeg Jets vs. Toronto Maple Leafs

Erstes Spiel der NJD:

Sa 7. Oktober 20h00 MEZ: New Jersey Devils vs. Colorado Avalanche

 

Ein Gedanke zu „Ein Walliser mit Talent und Charakter

  1. Thinkabout Artikelautor

    Die ersten zehn Spiele sind absolviert. Hischier hat sie alle absolviert, steht bei zwei Toren und fünf Assists, spielt nun durchwegs als Center der ersten oder zweiten Linie. Mit der zehnten Partie beginnt auch sein Dreijahresvertrag definitiv zu laufen. Die New Jersey Devils, letztes Jahr eines der schlechtesten Teams der NHL überhaupt, haben von den zehn ersten Partien acht gewonnen und liegen auf Platz zwei von sechzehn Teams in der Eastern Conference. Die Saison ist noch lang, aber ein Anfang ist gemacht. Die anderen beiden Frischlinge im Team, Butcher und Bratt, der eine aus dem College-Hockey kommend, der andere aus der zweiten schwedischen Liga, sind noch auffallender gestartet. Es herrscht Aufbruchstimmung, es ist eine Freude. Der Walliser, der absolut Jüngste im Team, lernt, macht dabei Fehler, lernt weiter – und hat ganz offensichtlich den Support der Teamleitung. Sollte es harziger werden, ist zu hoffen, dass das so bleibt. Der Anfang ist gemacht.

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