Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

09.Mai 2021, 7:00

Die Welt da draussen

Was die Welt so treibt und was sie umtreibt – sie entfremdet sich mir. Ich weiss, das ist mein Problem. Und vielleicht bin ich nicht wirklich gemacht für sie – zumindest nicht so, wie sie sich entwickelt. Oder zeigt sie sich mir einfach erst jetzt so, wie sie eben ist? Mein Wertesystem ist ein anderes – der Vorteil dabei ist einer, der auch Einsamkeit erträgt: Ich muss schauen, dass ich bei mir bleibe.

Im Juni sollen wir über die Kompetenzen des Bundesrates in der Bewältigung der Corona-Zeit abstimmen. Eine Art Nachlegitimation für die Exekutive für die Prinzipien der Krisenbewältigung. Eigentlich ein ganz wichtiges, weil – eben – prinzipielles Thema. Doch ich kenne keinen anderen Aspekt zu Corona, der in der Breite zur Zeit noch interessiert als die Frage, wer wann welchen Impfstoff bekommt – oder eben nicht. Die Menschen haben genug. Sie wollen ihre Freiheit wieder haben, aber sie haben längst akzeptiert und sich zu eigen gemacht, dass sie nach den Risiken beurteilt werden, welche die Impfung als einziges bleibendes Kriterium vorgibt. Der Stand der Impfung wird zum Massstab, welcher den Regierungen nach ihrer eigenen Einschätzung die objektive Begründung liefert, Massnahmen zurück zu nehmen. Der weltweite Erstversuch einer Hypermassenimpfung, für die man Restrisiken sich wegdenkt, wie es noch nie in der Weltgeschichte geschehen ist. Und wer mag vor den Sommerferien und angesichts der Frage der Bedingungen für sich lockernde Reisebeschränkungen noch prinzipielle Diskussionen über grunddemokratische Basisrechte, zumal in einer direkten Demokratie, führen, zum Beispiel über die Bedingungen, unter denen Demonstrationen, welche die Bezeichnung auch verdienen, durchgeführt werden dürfen?

Wir haben seit Anbeginn der Krise der Erhaltung des nackten Lebens mehr Gewicht beigemessen als der Bewahrung einer minimalen Lebensqualität. Wir haben das Recht auf Bildung für mehrere Jahrgänge massiv beschädigt und wir haben für die Bewahrung der wirtschaftlichen Grundfunktionen unserer Gesellschaft Branchen mit nicht allzu grossem Gewicht fürs BIP einer Rosskur unterzogen, deren Kollateralschäden die bereits einkommensschwachen Menschen unserer Vereinzelungsgesellschaft begleichen werden. Wir haben das alles für die so unter Druck stehenden Pflegenden, für die Ärzte und schwer kranken Patienten getan. Doch gleichzeitig ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit weiter angewendet worden, sind Intensivbetten zum Teil noch abgebaut worden, hat der Kampf um Pflegekräfte zu Abwerbungen in anderen Ländern geführt – aber nicht zu sofort an die Hand genommenen Programmen zur Adhoc-Ausbildung weiterer Betreuungspersonen. Es mag sie geben, aber davon zu reden, würde bedeuten, der Angst einen Lösungsansatz entgegen zu stellen, und die Angst wird gebraucht. Aber es bleibt dabei: Ganz viele Pflegekräfte werden uns fehlen, denn Klatschen genügt nicht – und ansonsten hat die Politik wenig bis nichts für sie getan.

Wir haben ganz viel aufgegeben angesichts einer Angst, welche wir absurd gross haben werden lassen in unserer hoch entwickelten Welt, die alles Vergnügen bejaht aber die Endlichkeit ausblendet. Und wir werden viel zu viel davon auch nicht zurück bekommen – weil unser Verhalten eben Gründe hat und zeigt, wie sehr wir als Gesellschaft korrumpierbar sind, weil wir einfach leben wollen im Saus und Braus. Und so werden wir uns auch in der Klimafrage verhalten. Da mache ich mir nichts vor. Denn es wird genügend Fachleute, Experten und, ja, Wissenschaftler geben, welche uns glauben lassen, mit dem technischen Fortschritt würden wir durch weiteres Wachstum sogar weniger Ressourcen verbrauchen. Die Verantwortung für unser Ende und das Ende, das wir herbeiführen, ist etwas für später.

Derweil gibt es unter den Schwächeren unter uns eine vielfache Anzahl von Menschen, die sich mit Angstpsychosen nicht mehr aus der Wohnung wagen. Wenn wir längst nicht mehr von Corona-Statistiken reden werden, wird man uns die ersten Statistiken zu den bleibenden Verlierern der Krise vorlegen. Vielleicht.

In diesen Tagen hat das Schweizer Parlament sich bei der Regelung der Organspende für einen grundlegenden Wechsel des Systems entschieden. Zukünftig wird auch bei uns grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein Hirntoter seine Organe spenden will – und es muss keine ausdrückliche Willenserklärung des Betroffenen mehr vorliegen. Das Recht des Menschen auf körperliche Unversehrtheit weicht dem Verlangen, unbedingt leben zu wollen, Koste es andere, was es auch wolle. Wie viele Menschen erleben heute mit gespendeten Organen plötzlich psychische Probleme? Und was, wenn zukünftig dazu auch der Verdacht nicht mehr weggewischt werden kann, dass der Spender womöglich doch einer ohne tatsächliches Einverständnis ist?

Wir verlieren immer mehr Tiefe in unserem Leben, aber dafür ist das Leben immer lauter und – bitte – sensationeller. Auch deshalb kommen die Fragen nach dem Ende doch bitte immer später oder gar nie. Ich höre immer wieder den Wunsch, der eigene Tod möge einen doch bitte im Schlaf heimsuchen. Noch nie habe ich jemanden die Sorge äussern hören, was mit dem Menschen sein mag, der am Morgen vielleicht neben unserem Körper erwacht? Bewusstsein… Es ist für uns etwas für die Yoga-Stunde, für irgendeine Werkstatt, in welcher wir uns unser Wohlfühlprogramm zurecht schustern, um einen weiteren Tag lang unbeschwert zu sein.

Mit oder ohne Corona, mit eigenen oder fremden Organen, mit Selbstverantwortung oder Fremdbestimmung, in Sicherheit oder Freiheit: Wir leben gar nicht wirklich.

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