Archiv des Autors: Thinkabout

19.Januar 2022, 6:21

Der Andere und die Anderen

Alphatiere mit Selbstüberschätzung haben Hochkonjunktur. Irgendwie scheinen sie anzunehmen, dass für sie andere Regeln gelten. Während António Horta-Osório sich als Verwaltungsratspräsident der Grossbank Credit Suisse in einer Welt bewegt, die Vielen nicht so geläufig sein mag und seine Missachtung der Corona-Verhaltensregeln vielleicht auch nur willkommen war, um ihn schnell wieder loszuwerden, sind Menschen wie der lange Zeit erfolgreichste Tennisspieler Novak Djokovic geradezu süchtig danach, uns ihre Welt zu zeigen und sie für uns zu malen. Dafür gibt es dann Social Media und wenn es schief geht ganz schnell ganz viele Wahrheiten über einen Impfskeptiker, der für sich einen Sonderweg ausgemacht zu haben schien. Davon werden dann auch gleich ganz viele Geschichten erzählt, von denen die Saga, dass sie wahr sei, eben erst mal einfach eine Saga ist, eine Version.

Und während auf dem Tennisplatz ganz viele Situationen ganz sensationell von ihm noch zu kontrollieren sind, ist die grösste Hybris dieses Stars (und ganz vieler Anderer auch) wohl die, zu glauben, er könnte auch das rapportierte Bild von sich abseits seiner Bühne dauerhaft selbst bestimmen.

Die Manipulation kehrt sich gegen den Manipulierenden, und das macht es für uns alle nicht besser. In Djokovic nun den weltweiten Repräsentanten der Impfkritiker zu sehen, ist absurd. Das wird ja auch nicht wirklich von den Impfkritikern behauptet, sondern vielmehr von den Kritikern der Impfkritiker kolportiert. Mit Verlaub: Djokovic ist ein serbischer Einzelsportler, der im Tennis einmalige Erfolge feiert, ohne damit den Frust überwinden zu können, nicht wie seine Kontrahenten geliebt zu werden. Also biegt er Bestimmungen zurecht, fordert besondere Rechte und sucht Hintertürchen, um mit einigermassen den Erfordernissen entsprechenden Dokumenten eine Starterlaubnis zu erhalten. Denn Sieg Nr. 21 bei einem Grand Slam Turnier ist das, was wirklich für ihn zählt und wofür er alle Energie aufwendet.

Dass er nun in einem Atemzug mit anderen impfkritischen Sportlern wie Joshua Kimmich genannt wird, ist ein Witz und eine Beleidigung für letzteren. Denn Kimmich hat sich hin gestellt und seine Bedenken geäussert, ist zu einer Haltung gestanden und hat entsprechend das Fett abbekommen, ohne dass ihm irgend ein Fehlverhalten hätte vorgeworfen werden können. Jeder Tennisspieler, der auf Grund der absurden Bestimmungen als Ungeimpfter zur Zeit nicht mal mit 3G in einer riesigen Tennishalle mit einem einzigen Tennispartner spielen kann, die Regel aber akzeptiert, weil die Bestimmungen nun mal so sind und anderen es im Beisein nur so wohl sein kann, fühlt sich von den Tricks eines selbstgerechten Egomanen ganz sicher nicht wirklich repräsentiert. Dass es eine zu grosse Versuchung ist, angesichts dieses vernichtenden Zeugnisses, das Djokovic abgegeben hat, zusätzlichen Druck für die Impfpflicht aufzubauen, ist ja klar.

An Euch da draussen „im öffentlichen Leben“ geht die Botschaft, dass es – wie langweilig, das immer und immer wieder zu wiederholen – ganz viele nicht Geimpfte gibt, die einfach nicht in Eure Schemata passen wollen und können, während Ihr von Euren eigenen Ängsten weiter getrieben werdet und es zunehmend absurder wird, Euch über den Respekt anderer vor der Impfung zu mokieren. Wir nehmen Euch nichts, und wir sind in nicht so kleiner Anzahl alles andere als Hasardeure, welche die Gesundheit irgend eines Mitmenschen mehr riskieren als ganz Viele von Euch es tun, die Ihr dem normalen Leben nachrennt und dafür sehr viel schneller als wir Grenzen missachtet, die es halt leider auch für Geimpfte weiter geben müsste. Es sei denn, wir legen die Angst an sich ab und greifen nach jener Art von Vernunft, welche den Respekt für Andere mit einschliesst. Und dann, ja, dann könnte man „einfach“ leben. Das ist ganz sicher nicht das, was Herr Djokovic anstrebte. Für ihn war nie akzeptabel, nicht der Beste unter Allen zu sein und entsprechend anders – er hat einfach ausser Acht gelassen, dass die Norm für die Anerkennung eines Menschen einer wandelbaren Stimmung der Masse folgt, was es sehr ungesund macht, ihr nachzujagen. Ganz viele Menschen erleben das in diesen Jahren, die sich vorher nie am Rande der Gesellschaft sahen und auch nie so fühlten. So gesehen ist am Ende Djokovic doch vielen Menschen plötzlich näher, als ich dachte… ??

04.Januar 2022, 17:00

Für jeden neuen Tag

Das Alte wird nicht einfach neu. Aber wir können uns neu damit beschäftigen.

Das Neue Jahr hat einfach so begonnen, wie das alte einfach so verging. Nichts macht einen Tag besonders als die Bedeutung, die wir ihm selbst geben. Und wir allein sind es, die ihm seinen Gehalt geben – oder ihn erkennen. Wie auch immer ihr gefeiert habt, wo auch immer ihr sein durftet. Es gab da einen warmen Ort. Eine Bleibe. Womöglich gar ein Daheim. Zur Zeit reden Andere mit, wer dazu gehört und wer nicht. Familien haben nicht nur die normale Herausforderung von Weihnachten hinter sich – und sie hoffentlich gelöst bekommen. Schlussendlich sind die meisten Seelen auf Begegnungen angewiesen, auf Impulse, die, aus Liebe erzeugt werden, gegeben und empfangen.

Nun ist es da, das Neue Jahr. Es hat keine Gespenster verscheucht, kein Problem vergessen. Aber es ist auch eine neue, eine weitere Chance, jedes einzelne Problem neu zu betrachten, und es endlich einzuordnen. Wir Alle neigen dazu, die EINE Sache oder eine Überzeugung über anderes und Andere zu stellen. Wir laden auf mit Emotionen, wir vertreten Meinungen mit dem Anspruch, die Ja- und Neinsager entsprechend zu bewerten. Dabei könnten wir doch ganz aktuell lernen, wie begrenzt unser Wissen ist, und dass zum Lernen die Erkenntnis gehört, dass es eine Gnade ist, auch mal auf einen früheren Punkt zurück kommen zu dürfen. Wenn es in einer Diskussion darum geht, Sieger und Verlierer zu generieren, gewinnt niemand wirklich. Wir gehören dann einfach dazu oder zu den anderen.

Die grösste Herausforderung ist es, den Respekt zu bewahren. Nur wenn wir den aufbringen, hören wir auch wirklich noch zu. Und auch wenn wir es manchmal nicht glauben mögen – Grund zuzuhören und nachzudenken haben wir alle weiterhin. Und das wird uns bleiben. Immerhin. Und glücklicherweise. Für ein gutes Neues Jahr.

21.Dezember 2021, 20:45

Worte und ihre (Ohn-)Macht

Hoffentlich kein Geplapper über Geplaudertes. Aber es liegt in der Natur des Schreibens, dass du dir immer wieder Gedanken machst über den Prozess und seine Wirkungen auf dich selbst und auf andere:

VOM SCHWEIGEN
Khalil Gibran

Obwohl die Stürme der Worte
uns unablässig überschwemmen,
in den Tiefen unseres Ichs
herrscht das Schweigen auf immer.

***

WIEVIEL WIR REDEN

Nur ja die Stille verhindern,
die wir nur als quälende Pause kennen,
als peinlichen Unterbruch
zwischen zwei Konversationsfetzen.
Ruhe ist fremd.
Stille eine Bedrohung.
Dabei reden wir doch gerade,
um unsere Unruhe los zu werden.

Hinweg mit dem Gebrabbel und Geplapper,
mit dem ich meine Zeit verschwende.

Still werden vor mir selbst und
in der scheinbaren Leere meiner Seele
die Tiefe erkennen,
die Weisheit und Wahrheit kennt

Thinkabout


thinkabout.myblog.de am 14.11.2004 – heute redigiert

WORTE UND IHRE OHNMACHT

Wenn du schreibst, bist Du gerade mit Dir allein und es Dir auch bewusst. Wer dich liest, nimmt sich einen Moment Zeit für sich selbst – und für dich? Was erfährst du davon? Was machen die Worte, die du formuliert hast? Wo bleiben sie? Wen erreichst du damit? Sie verlassen deinen Mund oder deine Tastatur und ziehen weiter. Sie lassen dich zurück und du sie. Ein Zeugnis des Moments, die Aufzeichnung eines Gedankens, eines Gefühls. Gibt es Sätze, die noch nie gesagt oder geschrieben wurden? Kaum. Aber neu an ihnen kann immer mein Verstehen sein. Mein Zugang – oder die Voraussetzung, die zu ihrem Abgang bei mir geführt hat. Worte kleiden eine Empfindung in eine Hülle, die etwas fassbar machen soll. Es gelingt nie wirklich. Wir scheinen alle Wahrnehmung nur teilen zu können, wenn wir sie reduzieren. Es wäre daher schön, wir wären so demütig, einzugestehen, dass alles viel grösser ist, als wir es begreifen. Die Worte, die wir dann benützten, wären wahrhaftiger.

14.Dezember 2021, 23:30

Hände weg von der Krippe

Jetzt gibt es sie wieder, auf Gemeindeplätzen und in vielen öffentlichen und privaten Räumen: Die Weihnachtskrippe mit dem Jesus-Kind, Maria und Josef, Ochs und Esel und den Drei Königen. Doch mit denen ist etwas falsch. Wirklich?

Foto: Thinkabout

Ja, Einiges. Sie sind, so wie wir sie heute dargestellt bekommen, reine Legende. Es waren Sterndeuter, drei weisse Männer, die dem Jesuskind Geschenke darbrachten – und anschliessend entgegen dem Auftrag von Herodes nicht zu ihm zurückkehrten, um ihm den Aufenthalt mitzuteilen und das Kind damit zu verraten, sondern wer weiss wohin verschwanden. Die Überlieferung hat daraus drei Repräsentanten verschiedener Erdteile werden lassen, sinnbildlich für die Achtung und Offenheit verschiedener Kulturen, und der Schwarze Mann ist in diesem Kontext eben gerade keiner Minderwertigkeit ausgesetzt, sondern steht oder kniet im Verbund mit seinen Begleitern gleichberechtigt an der Krippe im Stall.

Dass die Sternsinger den Brauch ablegen, dass sich einige Teilnehmer die Haut schwarz färben, kann ich noch so knapp verstehen,

dass aber Gemeinden dazu übergehen, den schwarzen Mann unter den Krippenfiguren hell einzufärben,

torpediert den Sinn der Geschichte geradezu und nimmt ihr die Botschaft, dass die Welt hoffnungsfroh zusammenfindet. Es schliesst schwarze Menschen eher vom schönen Grundgedanken aus. Das scheint mir wieder so eine Ersatzhandlung dafür zu sein, dass Symbole geradezu vorauseilend entfremdet werden, ohne dass dadurch ein einziges schwarzes Kind in der Schule schlechter oder besser behandelt wird. Viel gescheiter und dann tatsächlich pädagogisch wäre es, die Symbolik beizubehalten und die Wertigkeit des Einen unter Dreien zu betonen.

Das Thema ist ein Beispiel, wie intellektuell verkopft wir – möglichst laut auch noch – Stellvertreterdiskussionen über Rassismus führen, die mit der Realität im Alltag rein gar nichts zu tun haben. Statt Traditionen abzuschneiden, als wären sie eh nur ein alter Zopf, wäre es viel hilfreicher, wir würden die Geschichten, die dazu gehören, so erzählen, wie sie sich allen Menschen erschliessen können. Mit dicken oder dünnen, weissen oder farbigen Figuren.

11.Dezember 2021, 23:45

Der Blick meiner Muse auf mich

Du erleichterst mir
den Zugang zu meiner Seele.
Würde ich Dir nicht glauben,
wenn du sagst, dass ich schön bin,
und Schönes schreibe,
würde ich uns Beide beleidigen.

Stattdessen will ich Dich
und meinen Schöpfer ehren,
indem ich mich ehrlich bemühe,
meine Kreativität zu schulen,
und mit meinen Talenten zu arbeiten.

Ich will die Reflexe ablegen,
die mich alles verwerfen liessen.
Ich erahne meine Talente.
Ich werde keine Projekte mehr weglegen,
bevor jemand anderer als ich selbst gesagt hat,
dass sie nichts taugen,
nein, bevor ich damit nicht wirklich gescheitert bin.


thinkabout.myblog.de vom 14.11.04, heute redigiert
und heute dazu weiter gedacht:

Na, das habe ich ja bisher prächtig hinbekommen, denke ich spontan. Doch hätte ich die innere Wahrheit zwischen den Zeilen nicht doch ein gutes Stück weit verinnerlicht, so gäbe es Thinkabout als Blog heute natürlich nicht mehr. Die letzten Jahre in den Tasten haben nicht nur mich auf eine neue Weise mürbe gemacht, und es ist höchste Zeit, weniger die Welt verändern zu wollen als mich selbst mehr zu finden. Da habe ich dann auch wirklich etwas davon. Eine Impfung hilft auch dabei nicht weiter, aber nach wie vor mit dem Verlangen getränkt zu sein, etwas Kreatives zu versuchen, immer wieder, macht mich glücklich.

02.Dezember 2021, 6:30

Nach der Abstimmung ist vor der Umsetzung

Durchatmen scheint angesagt. Und ansatzweise darf vermutet werden, dass es auch geschieht – ich blende nun das wieder vorauseilende Theater wegen Omikron mal aus:
Die Schweizer Stimmbürger haben das Covid-Gesetz des Bundes mit 62% Ja der eingegangenen Stimmen angenommen. Damit beginnt – wie ich meine immer – die wirklich entscheidende Herausforderung für die direkte Demokratie – und das gilt für jedes Abstimmungswochenende: Das Ergebnis gilt es nun zu deuten, und naturgemäss fällt diese Analyse bei Befürwortern und Gegnern unterschiedlich aus.

Faktisch bedeutet das Ja, dass die Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger hinter der offiziellen Corona-Politik steht und also die 3-G-Regel, das Contact-Tracing und die Wirtschaftshilfe für geschädigte Branchen gutheisst . Das ist das Ergebnis, und es sollte zur Kenntnis genommen und akzeptiert werden. Diese grundsätzliche Bereitschaft, das Ja der Mehrheit anzuerkennen, ist die Basis unseres Zusammenhalts, genau so wie der Respekt der Mehrheit für die Bedenken der Minderheit. Eine Abstimmung schafft Legitimation, und sie hat das Zeug zu mehr: Sie kann darüber hinaus als Bestandesaufnahme dafür sorgen, dass die weitere Entwicklung einer Politik in eine Richtung geht, welche möglichst viele Bürger weiter UND neu hinter sich schart. Denn niemand wird behaupten wollen, dass es in unserem Land fast 40% Irre, zumindest fehl Geleitete, Schwurbler und Verschwörungstheoretiker gibt. Die Vorlage war genau so komplex wie die Pandemie für uns zur Herausforderung geworden ist. Und wie wir ja alle vorgeführt bekommen, geht unser aller Herausforderung in die nächste Runde.

So, wie gewisse Aktionen der Gegner komplett aus dem Ruder gelaufen sind, so peinlich war umgekehrt das Herumdrucksen des Bundesrates vor der Abstimmung um beabsichtigte weitere Massnahmen, die falsche Darstellung der möglichen Konsequenzen einer Ablehnung der Zertifikatspflicht und die Behauptung, wirtschaftliche Hilfen könnten dann nicht mehr geleistet werden sowie die im besten Fall schlaumeierisch zu nennende tendenziöse Formulierung der Abstimmungsfrage auf dem Stimmzettel zum Covid-Gesetz, welche das Zertifikat genau so wenig erwähnte wie die erweiterten Machtbefugnisse des Bundesrates.

Und rund um die Saga, wie gross die Geldmittel der Gegner im Abstimmungskampf gewesen seien, wäre dann die Macht der Medien zu nennen, die sich in grosser Zahl und oft nicht sehr reflektierend zum Sprachrohr der Politik machten.

Es gibt durchaus die Hoffnung, dass nun – und zwar trotz oder gar wegen der neuen Aufregung um Omikron – etwas mehr Gelassenheit einkehrt und wir die weitere Bekämpfung der Pandemie mit weniger Moralsäure und mehr Sachverstand angehen und zum Beispiel die folgenden Themen offen diskutieren:

  • Warum gibt es keine bekannte konkrete Bestrebung, die Situation in der Intensivpflege zu verbessern und mehr Personal auszubilden? Das Argument, das würde zwei Jahre dauern, hat sich tot gedauert – bald zwei Jahre nach Ausbruch von Corona. Angesichts der zu erwartenden Verlängerung der Krise und schlicht als Konsequenz aller Erfahrungen, die darin gipfeln, dass wir unser Überleben um jeden Preis wollen, müsste die Folgerung doch sein, dass wir uns eine Intensivpflegekapazität für den Notfall leisten. Jaaaah, was das kostet? Nicht im Ernst, oder? Denn mit dem Schauer vor einer Knappheit in den Intensivstationen hat man nicht nur die Impfprogramme befeuert sondern auch viele die Wirtschaft tangierende Massnahmen begründet. Die Pflegeinitiative ist angenommen worden – aber wir Alle wissen, dass Buchstaben das Eine sind, Menschen und Programme, die sinngemäss umsetzen, etwas Anderes.
    Und BITTE: Hört auf, die Ungeimpften für die Intensivpflegenotstände verantwortlich zu machen – Es sind bereits heute ein Drittel der Patienten geimpft, und es werden, logischerweise, immer mehr werden. Das Problem wird also unweigerlich zu einem der Geimpften werden, denen niemand so genau sagen kann, wer wann wie schnell was Boostern soll, weil der Schutz womöglich kürzer ist und schneller schlechter wird als gewünscht und Impfdurchbrüche sehr wohl sehr schwere Verläufe haben können.
  • Wann schafft es die Regierung, ihr Schutzkonzept anzupassen? Was sich aufdrängt, ist testen, testen, testen – immer schön in der Konsequenz derjenigen Meinungsträger, welche das Thema besetzen. Nicht 3G oder 2Gplus ist eine Lösung. Das Narrativ, wonach eine Impfung nicht nur Schutz bietet sondern von allen Massnahmen befreit, ist der bereits aktuelle und zukünftig hauptsächliche Treiber der Ansteckungen, denn Geimpfte sind offensichtlich für eine gewisse Zeit genau so infektiös wie Ungeimpfte. Die Lösung muss sein: Wo Menschen in einer zu definierenden Gruppengrösse zusammenkommen, muss ein aktueller negativer Test vorliegen. Und umgekehrt müssen Menschen in kleinerer Anzahl zusammenkommen können, im Restaurant am Tisch oder zuhause.
    Natürlich gehört dazu, dass die Tests gratis sein müssen und leicht zu absolvieren. Die Dichte der Testmöglichkeiten ist mit entscheidend und entsprechende Angebote direkt vor Lokalen, Stadien und anderen Anlässen können Zeugnisse dafür sein, dass den Menschen Zerstreuung und Unterhaltung möglich sein soll.
    Der Winkelzug des Bundesrates, womit er nicht nur die Tests nicht mehr gratis anbieten liess, sondern zusätzlich verfügte, dass nur noch Nasen-Rachen-Tests gültig sind, aber keine Nasentests mehr, um ein Kurzzeit-Zertifikat zu erhalten, hat keine wissenschaftlich erhärtete Evidenz. Er sollte lediglich das Prozedere noch mühsamer machen und die Leute in die Impfstationen treiben.
  • Ein schlicht unmögliches Faktum ist, dass es für die PCR-Tests bis heute keine Vorgabe für die Labore gibt, wie hoch der maximale Ct-Wert sein darf bei der Testung der Proben – obwohl es völlig unbestritten ist, dass mit höherem Ct-Wert die Zuverlässigkeit der Tests rapide sinkt.
  • Nach ersten Auswertungen hat die Gruppe der 18- bis 35-jährigen das Covidgesetz deutlich abgelehnt. Ein deutliches Zeichen und eine Mahnung, den Bogen der Regulierungen in Vielfalt und Schärfe nicht zu überspannen und vor allem in Rechnung zu stellen, dass es die Jungen sind, welche die Hauptlast tragen – sei es bei den Bildungsangeboten oder den wirtschaftlichen Spätfolgen der Pandemie. Der Schulbetrieb und die Berufsbildung darf nicht weiter beeinträchtigt werden und für die Wiederherstellung von möglichst viel Chancengleichheit muss viel investiert werden. Leider hat das Bildungswesen in der Politik naturgemäss eine Lobby, die im Vergleich mit der Pharma- und Gesundheitsbranche schlicht vernachlässigbar ist. Die Pandemie führt krachend vor Augen, wie extrem störend und für uns als Gesellschaft ungesund diese Tatsache ist.
  • Die Entspannung in der Diskussion, die auch ich mir wünsche, kann nur anhaltend sein, wenn eine Art Dynamik erkennbar wird, die darin besteht, dass Viele das Gute wollen und sich dabei auch gegenseitig gestatten, mal falsch zu liegen. Aber die Impfblende, die noch immer Viele glauben lässt, der nächste Booster werde alle Probleme lösen, muss aufgegeben werden.

Es gibt den Leitsatz, dass Freiheiten, die aufgegeben werden – oder aufgeschoben – selten bis nie zurück kehren. Die Zukunft wird zeigen, ob es hier anders ist. Die Praxis der digitalen Zertifikate bleibt extrem heikel und die möglichen weiteren Anwendungen werden bestimmt vorgeschlagen oder auch direkt versucht werden. Es wird sehr schwer werden, sich dagegen zu wehren – genau so, wie heute die Video-Überwachung des öffentlichen Raums, einst uns als Sicherheit vor dem Terror verkauft, niemals mehr abgebaut werden wird. Nicht nur in China grassieren die Ideen, wie praktisch eine digital vollständig kontrollierbare Bevölkerung doch ist – für deren Sicherheit, natürlich. Punktesysteme für die staatlich definierte Sozialverträglichkeit kennen wir noch nicht – die Softwaresysteme dafür gibt es allerdings auch bei uns schon lange.

Zum Schluss noch der Hinweis auf das Interesse der Krankenkassen, Zusatzangebote in Korrelation mit Fitness-Apps zu kreieren, in welchen Kunden mit guten Werten bessere, also günstigere Angebote bekommen und Bonuspunkte „verdienen“ können. Unsere Gesundheit ist, natürlich, ein Kostenfaktor, und danach werden wir eingeschätzt – nicht nur im Rahmen der Faktoren, die wir mit gesundem Lebenswandel tatsächlich beeinflussen können. Unsere persönlichen Dispositionen, genetischen Voraussetzungen, sozialen Umfelder und andere mit gegebene Konditionierungen lassen uns zu den Glücklichen oder den Pechmaries gehören. Und alle diese Systeme reduzieren uns auf Einzelfälle und sehen immer weniger das Tragen einer Grundversorgung für Alle vor. Wer diese Glocken läuten hört ist kein Verschwörungstheoretiker. Nur schlicht ein Beobachter.

16.November 2021, 18:30

Haus- und Besuchsverbot – und dann?

Je länger die Impfe uns thematisch im Griff behält, um so drastischer werden die Positionen. Und gerade Comedians finden es offensichtlich gar nicht mehr lustig. Und dann wird es tragisch.

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Es gibt Euch und Uns, die Schlechten und die Guten, und jetzt ist mal Schluss mit Lustig – und…

Ich wähne mich im Krieg. Vielleicht deswegen die Rede vom Kollaborieren? Und jetzt werde ich ernst, denn solche Statements sind auch bei mir schon angekommen, in der eigenen Familie. Und wenn das bei Euch noch nicht so weit ist, dann rate ich Euch, alles dafür zu tun, dass das auch so bleibt. Denn: Die Pandemie wird vorbei gehen. Aber das, was wir hier miteinander veranstalten, das wird bleiben… Und das ist ein sehr hoher Preis. Seid Euch einfach bewusst: Wenn Ihr dann die Gnade habt, Eure Türen wieder aufzumachen und die Leute, die ihr zuvor ausgeschlossen habt, sogar wieder eintreten sollten, ist deswegen nicht die heile Welt zurück. Das Erlebte und Gefühlte bleibt. Diese Brüche werden nur schwer zu kitten sein.

11.November 2021, 8:00

Ein Herbst- und Wintermärchen in Einem

Wir haben Ferien gemacht. Zwei Wochen im Oberengadin, weit weg von jeder Corona-Regel, uns selbst genügend in der gemieteten Wohnung, gebucht für einen Zeitpunkt, der Nachsaison genannt wird. Bahnen: Stillgelegt für die Revision vor der hoffentlich brummenden Wintersaison. Restaurants und viele Läden: Geschlossen. Kein Eintritt, mit oder ohne Zertifikat. Der Volg in Sils hatte offen – und das reichte vollkommen.

Wir spekulierten auf den Indian Summer im Oberengadin, die Zeit, wenn die Lärchen goldgrün leuchten und der erste Schnee, das Gelb der Wälder und das Blau der Seen atemlos machen können. Und wir hatten nicht nur Glück. Wir hatten Schwein. So was von. Ich bin noch immer besoffen vor Freude, wenn ich die Bilder ansehe. Ihr Lieben, die Ihr diese Bilder seht: Genau so schön war es. Ohne Flugzeug, keine drei Stunden von Zürich entfernt.

Die erste Woche schenkte und strahlendes, stabiles Wetter, und das Timing war einfach perfekt. Die Ebene um Sils bietet unfassbare Ausblicke und Flanierwege am See zuhauf, und Wanderungen auf der Via Engadina oder ins Fextal sind reine Sinnesfreuden für Augen, Nase und Herz. Ich habe bestimmt noch nie so viele glückliche Menschen auf Wanderwegen gesehen, so viele offene, lachende Gesichter und staunende Blicke.

Und dann war es zwei Tage wolkenverhangen. Und es begann zu schneien. Die Wolken schütteten nicht etwa einfach etwas weissen Zucker aus, sondern mehr als einen halben Meter Schnee. Es war, als würden wir sanft in eine Zauberwelt gesetzt – und da sitzt Du dann und staunst und wirst ganz still.

Ich habe mich nicht zum Reporter machen wollen. Ich wollte einfach staunen, geniessen, Kindergeburtstag feiern. Aber das hier möchte ich noch teilen. Denn es gibt Fotos, die im goldenen Herbst und dann im Winterzauber gemacht wurden, an der praktisch gleichen Stelle. Hier einfach zum Geniessen!

Hotel Waldhaus, oberhalb von Sils:

Blick auf den Beach Club am Silvaplanersee:

Sils Maria:

Mit neuer Demut und Dankbarkeit und vollgetankt tauche ich wieder ein in unseren Irrsinn. So herrlich unwichtig und unnötig sind so viele unserer Aufregungen.

28.Oktober 2021, 22:55

Nebenwirkungen wegen fehlender Meldungen über Nebenwirkungen

Die Debatte rund um die Corona-Impfungen ist endlos. Immer wieder wird angeführt, dass die Häufigkeit von Nebenwirkungen bei der Impfung sehr gering sei und schwerere Komplikationen kaum vorkämen. Dazu gibt es dann Statistiken, die das im Nullkommanullnull… – Promillebereich verorten. Damit operieren nicht nur Medien, welche die Kampagne befeuern, sondern auch die Arzneimittelbehörde Swissmedic und das BAG selbst. Um so störender, dass das dazu verfügbare Datenmaterial im Grunde unbrauchbar ist, wie das etablierte Konsumentenschutz-Portal saldo.ch in diesem Bezahl-Artikel festgestellt hat. Gerne gebe ich die wichtigsten Eckdaten des Artikels hier wieder.

Der Bundesrat hat die Zertifikatspflicht massiv ausgeweitet, und Covid-Tests sind wieder kostenpflichtig. Mit einer 100 Mio CHF teuren nationalen Impfwoche vom 8. bis zum 14. November soll die Impfrate nochmals gesteigert werden. Gut und vertrauensbildend klingt, dass der Bundesrat die Kantonsbehörden anweist, es möglich zu machen, dass sich Ungeimpfte persönlich beraten lassen können, um ihnen Ängste vor Nebenwirkungen der Corona-Impfung zu nehmen. Dazu gibt es dann eben beeindruckende Statistiken von Swissmedic, welche Fälle schwerer Nebenwirkungen als praktisch inexistent erscheinen lassen.

Doch es gibt keine Instruktionen, wie und wo Impfnebenwirkungen von den Hausärzten oder Spitälern gemeldet werden können, und schon gar nicht wird zu Impfrapporten angehalten. Swissmedic nimmt Meldungen entgegen, erfasst die Nebenwirkungen aber nicht systematisch. Swissmedic hält rasche Nebenwirkungsmeldungen für unerlässlich, fordert aber keine Berichte an. Es gibt auch keine einheitlichen Kriterien für die Meldung oder gar so was wie eine Meldepflicht. Hausärzte erklären denn auch freimütig, dass Nebenwirkungen in der Regel nicht gemeldet würden, selbst wenn sie über die bekannten Symptome wie Schüttelforst oder Fieber hinausgingen. Sie beklagen fehlende Instruktion und fehlende Zeit.

Dabei will die Regelung im Heilmittelgesetz klar etwas anderes: Ärzte müssen verdächtige Fälle rapportieren, die auf schwere oder bisher nicht bekannte unerwünschte Wirkungen der Impfung hindeuten. Doch Swissmedic prüft die Einhaltung des Gesetzes nicht.

Es könnte auch an Personal fehlen… Die Abteilung für Arzneimittelsicherheit bei Swissmedic beschäftigt 26 Personen – genau gleich viele wie vor der Pandemie.

Wie eine Untersuchung von Info­sperber.ch (Link sehr lesenswert!)  aufzeigt, wäre die Zahl bekannter schwerer Fälle wohl um ein Vielfaches höher, würden von Ärzten Berichte zu Nebenwirkungen systematisch eingefordert werden: Genaues und sehr genaues Hinschauen kann einen Unterschied mit Faktor 200 ausmachen!

Die Tatsache, dass es sehr wohl einige Länder gibt, welche aussagekräftige Informationen zu Nebenwirkungen schneller und systematischer sammeln als die Schweiz, ist der Grund dafür, dass Finnland und Schweden Anfang Oktober Moderna-Impfungen für Männer unter 30 wegen gehäuften Entzündungen am Herzen gestoppt haben. Swissmedic will dazu noch im November einen Bericht vorlegen. Nur… mit welcher Verlässlichkeit eigener Daten?


Persönliche Bemerkung zu daraus folgenden Nebenwirkungen in der Debatte: Es ist dieser Umgang mit Basisdaten, der viele Bürger ärgert. Und leider ist es nicht nur die Auswahl der Daten und deren Interpretation, die stutzig macht, sondern auch die mangelnde Systematik, die der Erhebung oft zugrunde liegt. Und Aussagen über die Unbedenklichkeit der Impfungen werden dadurch äusserst zweifelhaft. Sie führen im besten Fall dazu, dass sich beide Meinungsgruppen zementieren. Für die einen ist die Evidenz der Unbedenklichkeit so oder so gegeben, für die andern so erst recht nicht. Und wenn Swissmedic und BAG mit statistischen Zahlen operieren, muss die Frage erlaubt sein, wie diese Zahlen erhoben werden. Das Resultat solcher Nachforschungen ist irritierend bis beschämend. Vertrauen, für welche Impfkampagne auch immer, wird so nicht geschaffen.

12.Oktober 2021, 1:30

Wir verlieren uns

Der Bundesrat und der Mainstream der Politik kämpft um eine Verbesserung der Impfquote. Und ich bin überzeugt, jeder zusätzliche Pieks wird als Erfolg gefeiert.
Es gibt für ganz viele Menschen und Unternehmen ganz viele gute Gründe für die Impfung. Und ein jeder Mensch soll das für sich entscheiden können. Doch so weit sind wir schon lange nicht mehr, nicht wahr?

Wir müssen gar nicht mehr darüber diskutieren, ob es einen Impfzwang gibt oder nicht. Entscheidend für den bröckelnden Zusammenhalt der Gesellschaft ist, dass dieser Zwang subjektiv als solcher empfunden wird. Was wir also als Erfolg verbuchen, bei den Prozenten, die wir jetzt noch zulegen in der Impfstatistik, ist nicht wirklich einer. Wir handeln uns mit dieser ganzen Übung einen viel zu hohen Anteil von Bürgern ein, die sich mehr als nur ein bisschen gegängelt fühlen. Sie gehen verloren. Und das Problem sind nicht jene, die laut protestieren – sondern die stillen, die sich scheinbar schicken. Aber die Erfahrung, plötzlich am Rand gestanden und auch so beurteilt worden zu sein, die bleibt. So manche, die sich jetzt umstimmen lassen, behalten bei sich ein stilles Kopfschütteln – mit der Feststellung, dass man selbst nie für möglich gehalten hätte, dass das geschieht: Meine eigene Gruppe hat kein Problem, über meine körperliche Integrität zu befinden. Menschen, die sich immer als Teil einer Gemeinschaft verstanden haben, sehen sich plötzlich an den Rand gedrängt und zu einem Schritt genötigt, den sie eigentlich nicht gehen möchten. Wenn sie ihn dann doch gehen, bedeutet das nicht, dass sie „verstanden haben“. Oft bleibt etwas zurück. Es entsteht eine Distanz, eine Entfremdung. Das erfahrene Unbehagen sitzt tiefer als der Pieks selbst je eindringen mag.

Und immer wieder die Frage, wie selbstverständlich sich alle über die nicht wirklich beantwortbaren Fragen hinweg setzen können – aber auch das gelingt, natürlich, in der Gruppe ganz leicht. Es gelingt uns immer ganz leicht, wenn wir uns auf der richtigen Seite wähnen, wie auch immer wir uns das zu garantieren glauben. Die Bestätigung ist ja da. Auf Schritt und Tritt.

Wir werden das Virus meistern. Mit ihm leben lernen. Irgendwann. Und ganz schnell werden ganz Viele von uns weiter leben wie zuvor. Denn das ist das, was alle wollen. Aber für ganz Viele von uns wird es nicht mehr das Gleiche sein wie zuvor. Die Solidarität, so wie sie jetzt eingefordert wird, ist für sie nicht wirklich eine. Sie sind nicht gehört und nicht verstanden worden. Es gab eigentlich noch nicht mal den Versuch dazu. Auf jeden Fall viel zu selten.

Die Lebensqualität einer demokratischen Gesellschaft misst sich daran, wie die Mehrheit mit der Minderheit umgeht. So gesehen sind wir gerade dabei, die grösste uns bisher auferlegte Prüfung maximal zu versauen. Die Regierung ist die Exekutive. Wie passend ist diese Bezeichnung!