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05.Juni 2022, 14:58

RAFA – Ein Mann und sein Schmerz

Heute Nachmittag steht Rafael Nadal erneut im Final des Grandslam-Tennisturniers in Roland Garros, Paris. Er hat dieses Ziel erneut wider alle Wahrscheinlichkeiten und wider den eigenen Zweifel erreicht. Und je älter er wird, desto grösser wird die Faszination über diesen Mann und seine Leistung, aber auch die Fragen stehen je länger je drängender im Raum: Wie, RAFA, ist das alles möglich – und auch: Warum muss es noch immer sein?

Nur die vier Grandslam-Tennisturniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York gehen über sieben Runden à drei Gewinnsätze, und auf keiner Unterlage ist das körperlich härter als auf Sand in Paris.

Und nun – spätestens seit anfangs Mai – seit der Niederlage im Achtelfinal von Rom wissen die Interessierten, dass der erfolgreichste Spieler der Tennisgeschichte neben allen Verletzungen, die er immer wieder überwinden musste, ein Problem mit sich herum trägt, oder besser, ständig weiteres Gewicht auf dieses Problem einwirken lässt, das ihm gleichzeitig die Freude nimmt:

Die ständigen Schmerzen rauben einem alle Freude. Nicht nur am Tennis, am ganzen Leben. Und mein Problem ist, dass es in meinem Leben zu viele Tage gibt, an denen ich mit Schmerzen leben muss.

Rafael Nadal

Oft müsse er tonnenweise Schmerzmittel nehmen, um überhaupt trainieren zu können (NZZaS, 22. Mai 2022, Print: „Schmerzensmann“).

Nadal leidet am Müller-Weiss-Syndrom – einer Krankheit, von der wohl fast alle von uns zuvor noch nie gehört haben. Die chronische Krankheit ist unheilbar, aber sie kann verschieden ausgeprägt auftreten. In unseren Füssen sind 26 Knochen über 33 Gelenke miteinander verbunden, 20 Muskeln erlauben Bewegung und einen festen Stand. Der Fuss bildet ein sich selbsttragendes Gewölbe, in sich so geschlossen, dass es die Belastungen aus Alltag und Sport tragen kann. Beim Müller-Weiss-Syndrom beginnt der zentrale Knochen im Fuss, das Kahnbein, abzusterben. Das Gewölbe wird erschüttert, beim Laufen treten Schmerzen auf, beim Sprinten und Stoppen erst recht. Die Ausprägung der Krankheit kann variieren. Doch wie schlimm ist es bei Nadal?

Nadal selbst sagt, dass sein Leiden immer da ist.

Ich bin nicht verletzt. Ich bin ein Spieler, der mit einer chronischen Verletzung spielt.

Rafael Nadal

Nadal trägt Einlagen in seinen Schuhen. So kann das Fussgewölbe gestützt werden. Und geht, nein sprintet und rutscht weiter auf dem Court über seine Schmerzgrenzen hinaus. Doch was folgt weiter? Der Knochen kann bei fortschreitender Krankheit brechen. Dann müssen Schrauben das Gebilde versteifen. Die vielen Schläge auf den Fuss sind ganz sicher nicht hilfreich. Mittlerweile hat Nadal seinen Arzt immer dabei, der ihn auf das jeweils nächste Ziel hin fit zu machen versucht.

Im Viertelfinal gegen seinen grössten Rivalen Novak Djokovic, ist die Mimik und die Art seiner Gebärden eindeutig: Der Fuss tut weh, er läuft nicht „rund“. Er verliert den Satz und geht in die Katakomben. Nach der kurzen Pause kommt er zurück und gewinnt in vier Sätzen, bewegt sich wieder einwandfrei, steigert sich in seine typische physisch extreme Präsenz hinein und setzt sich schliesslich durch.

Und so wird der Mann, den man für seinen Willen und seine Leistungen bewundert, auch immer mit der Frage leben müssen, mit welchen Mitteln und Unterstützungen das alles möglich werden konnte? Das mag in höchstem Masse unfair sein, denn es ist zweifellos eine fast unmenschliche Bereitschaft zur Leistung, zum Training und die Fähigkeit absoluter Fokussierung für solche Ergebnisse notwendig. Aber auch Nadal hat ein Leben danach, nach dem Centre Court, und das Leben ist – statistisch gesehen – länger als dasjenige, das er schon gelebt hat. Er mag viele Menschen dazu inspirieren, sich zu überwinden, etwas auf sich zu nehmen für ein Ziel – aber die Vernunft, die Liebe und Achtsamkeit zum eigenen Körper verlangt eine sich wandelnde Einstellung.

Der Mann hat wohl mindestens eine halbe Milliarde Vermögen, hat eine eigene Stiftung gegründet und unterstützt mit dem eigenen Trainings- und Tenniszentrum die jüngeren Generationen. Längst hat er vorgesorgt und die neuen Aufgaben liegen vor ihm. Wie seine grossen Kontrahenten Djokovic und Federer muss er es schaffen, die eigene Identität neben der Tennisarena zu finden und in ihr genau so viel Wert und Freude empfinden zu können wie als herausragender Wettkämpfer einer Weltsportart. Das Adrenalin verhindert das Altern nicht wirklich. Und es mag den fokussierten Blick auf ein Ziel erleichtern – für den Weitblick braucht es ein klares und auf andere Weise mutiges Denken: Selbst Rafael Nadal ist als Mensch nicht der Wert seiner Leistungen. Sein grösstes Vermächtnis besteht darin, wie er mit seinen Bedingungen umgegangen ist. Die Antwort darauf steht am Ende nur ihm zu. Von aussen betrachtet ist die Bewunderung bei vielen Menschen nicht (mehr) uneingeschränkt.

Das wird auch den Gegnern so gehen. Wer sich alles abverlangt, trainiert mit aller Seriösität, und dann geschlagen wird von einem Mann, der seit seiner Jugend mit einer chronischen Fussverletzung spielt, macht sich unterschiedliche Gedanken. Wer ein Match gegen ihn gewinnt, und dann von den Problemen hört, die ihn geplagt haben und immer beeinträchtigen, ist Teil eines Szenerie, in welcher Hauptrollen vergeben sind. Shapovalov heisst der Mann, der Nadal in Rom geschlagen hat. Zverev hat sich im Halbfinal gegen Nadal bei seinem Sturz mehrere Bänder am Fuss gerissen. Wenn er dann hört, dass Nadal seine Finalqualifikation „für einen neuen Fuss“ herschenken würde, wird ihn das nicht unbedingt in seiner eigenen Gemütslage abholen. Aber das ist ganz eindeutig nicht Nadals Problem. Er nimmt die eigenen Herausforderungen wie wir alle mit in den nächsten Tag, als Teil des persönlichen Lebens.

In diesen Minuten beginnt der Final in Paris… Caspar Ruud, ein Norweger, seht zum ersten Mal in einem Grandslam-Final gegen den Mann, der alles versuchen wir, auch den 14. Final zu gewinnen.

26.Mai 2022, 1:06

10min schreiben über: Liebe

Einleitend: Jaaah, über die Liebe wird so oft so viel gesprochen, gepredigt, geredet. Wie langweilig, es also auch hier in dieser Form zu bearbeiten. Doch gerade das Format der 10min-Texte – Genau 10min spontanes Schreiben zu einem Begriff – zeigt, wie unterschiedlich und vielfältig die Gedanken – und Gefühle – dazu sein können. Und so lehne ich auch nie einen Begriff ab, mag er noch so „allgemein“ erscheinen (oder, nebenbei erwähnt, umgekehrt auch „ausgefallen“). Und es wird mir auch nie langweilig, weil auch für mich natürlich die gleichen Themen besondere Bedeutung haben – und so ist es auch für mich schön, mich immer wieder damit zu beschäftigen und dabei die verschiedensten Gedanken und Sichtweisen zu einem Thema zu entdecken. Dieses Format soll ja Interessierten genau dies sein: Eine Anregung zu eigenen Gedanken, eine Ergänzung oder eine initiale Ideengebung, um für eine Rede, einen Essay oder schlicht eigene private Gedanken Input zu bekommen. Also: Immer wieder gerne.

Die Liebe ist nach meiner Erfahrung die alles bestimmende Kraft auf Erden, die positive Energie, die nicht auszuradieren ist. Und wie trübe auch ein Herz gerade verhangen ist, eine Seele hadert: Dahinter ist bereits Lebensenergie am Werk, welche auch dieser Seele wieder Licht zuführen will. Liebe ist Lebenskraft, und jedes auf der Erde entstehende Leben ist mit ihr verwandt. Das Göttliche, das wir vermuten, von dem wir überzeugt sind oder dem wir uns verschliessen, oder an das wir nicht glauben können – es kann uns in der Liebe erreichen. In jener, die uns anspringt wie eine Verliebtheit, die einfach über uns kommt, unerwartet, plötzlich, unabwendbar, aufgesogen mit aller Vehemenz, mit der ein Herz klopfen kann, oder in derer, die uns in die Arme nimmt, wenn uns Fehler verziehen werden, Freundschaften neu aufblühen, Ehepartner sich stützen:

Die Liebe kann eine Kraft entfalten in uns, die nicht aufrechnet, nicht einfach antwortet, sondern getragen wird von einem Grundgefühl, einem Urvertrauen, dass es ein Zusammensein gibt mit jemand Besonderem – und ein Entdecken der eigenen Einzigartigkeit. Die Liebe mag heute auch chemisch bis neurologisch erklärt werden, die Wissenschaft mag von Botenstoffen reden und Synapsen, die uns Energien schenken – Tatsache bleibt, dass, wer liebt, unfassbar viel schenken und empfangen kann – mit einem Blick auf die Welt, welcher den Einklang, das Auskommen mit sich selbst, der eigenen Person, unserem Ich mit meint. Wir sind mehr als Atemzüge zwischen Leben und Tod. Und die Liebe erzählt uns davon.

23.Mai 2022, 19:00

10min schreiben über: Disziplin

Vielleicht kommen uns erst Situationen in den Sinn, in denen Disziplin eingefordert wird – in autoritären Verhältnissen, von Eltern, Trainern zum Beispiel. Doch in aller Regel braucht die Disziplin eine Motivation. Für einen Freigeist wie mich reicht ein Müssen nicht weit… es sei denn, ich setze dieses Müssen mir selbst.

Jeder Sportler, der Training braucht, benötigt Disziplin. Sie wehrt sich gegen Ablenkung, Trägheit. Sie überwindet den inneren Schweinehund. Sie kennt ein Ziel. Und in diesem Ziel einen Wert, den zu erreichen, zu erleben die Mühe lohnt. Disziplin hilft, Leere zu überwinden, Müdigkeit zu verdrängen, Kraft zu kanalisieren.

Disziplin hat scheinbar nichts Charmantes. Sie wirkt spröde, kasernistisch. Ist jemand diszipliniert, wird das anerkannt, vielleicht gar bewundert, aber für eine Person, die dabei stört und erlebt, dass sie nun gerade dafür zurück treten muss, ist das oft nicht so schön. Disziplin fällt also leichter, wenn Begleiter ihren Sinn teilen, wenn sie sehen, dass diese Disziplin hilft, einen Fokus zu setzen, eine Priorität zu befolgen, die einem Menschen hilft, ihm Identität gibt, einen Weg.

Disziplin freut sich über Unterstützung, doch sie muss aus dem Menschen heraus immer wieder gefunden werden, genährt, bekräftigt. Sie kann auch zu einer Identität werden, die ich vorschiebe: Wenn ich meine Morgenrunde nicht gejoggt bin, kann mein Tag nicht gut werden. Wenn ich heute nichts schreibe, wird mein Tag nicht vollendet sein. Disziplin schafft manchmal Serien. Einen Monat ohne „Ausfall“. Das macht es leichter, die Disziplin zu verlängern. Disziplin wirkt der Wankelmütigkeit vor. Aber keine Disziplin kann sich selbst genug sein. Denn nicht nur andere fragen nach dem Resultat. Wem tut sie gut, und wem nicht? Und warum?

09.Mai 2022, 2:00

Ein Widerspruch, der nicht notwendig werden sollte

Die letzten zwei Jahre waren für uns alle sehr anstrengend, und es wird ja nicht wirklich leichter. Der Angriff Russlands auf die Ukraine wird uns noch lange beschäftigen. Doch ich möchte in diesem Text bei der Art von Grundsatzfragen und Rüttelungen bleiben, auf die wir mehr Einfluss haben und für die eine neue Entscheidung zu treffen ist: Nach der Debatte rund um die Impfpflicht und das deshalb einzuschränkende Recht der Verfügungsmacht über den eigenen Körper wird exakt diese Frage neu und noch viel einschneidender gestellt: Das sog. Widerspruchsmodell soll die Voraussetzungen für eine Organspende neu regeln.

Bis jetzt muss, wer seine Organe spenden will, diesen Willen deklariert haben, einen Organspenderausweis auf sich tragen oder sich in einem entsprechenden Verzeichnis registrieren lassen. Die Organspende setzt also den ausdrücklichen Willen des Spenders voraus und wird als altruistischer Akt eines Menschen gesehen, der eine höchst persönliche Entscheidung getreu seinem eigenen Verständnis von Leben und Tod trifft. Doch die Wenigsten haben diesen Schritt gemacht, ganz unabhängig von ihrer Überzeugung. Nun soll das Missverhältnis zwischen der Höhe der in der Befragung Spenderwilligen und den tatsächlich als Spender deklarierten Menschen korrigiert werden. Endlich scheint für die Politik nurmehr die Trägheit der Menschen das Problem zu sein, das die Medizin zu wenig Spenderorgane finden lässt, also will man das Prinzip umkehren und vom trägen Menschen grundsätzlich annehmen, dass er ein Organspender sei. Hier soll also zukünftig das Grundrecht der Verfügungsmacht über den eigenen Körper nur dann gelten, wenn der Patient auf diesem Freiheitsrecht explizit bestanden hat. Damit wird erstmals ein grundlegendes Freiheitsrecht zwar gewährt, aber nur, wenn es zuvor verlangt wurde. Der Anspruch auf das Grundrecht wird nicht angenommen, sondern der Verzicht darauf. Das ist eine entscheidende Umkehr in der Frage der Grundrechte, und niemand sollte glauben, dass das etwas anderes sein wird als nur ein Beginn. Man wird von unserem Einverständnis zu einem Vorgehen immer weiter und vermehrt ausgehen, und es damit begründen, dass es im Interesse der Gesellschaft sei. Und was das Interesse dieser Gesellschaft ist, bestimmt in der Demokratie – scheinbar – die Mehrheit. Doch selbst wenn dies so ist: Mehrheiten verändern, wandeln sich, und niemand kann sich wirklich wünschen, dass seine ihm wichtigsten und grundlegendsten Rechte davon abhängig sind, dass deren Aufrechterhaltung der Mehrheit wichtig sind.

Nicht wenige von uns haben in diesen letzten zwei Jahren erstmals am eigenen Leib erlebt, wie es ist, plötzlich am Rand zu stehen, ausgegrenzt zu werden und Etiketts und Einordnungen zu unterliegen, welche die Mehrheit den Lästigen zuordnet, denjenigen, welche die Ordnung stören, die definierte Normalität verhindern, wobei das Normale eben zunehmend ein Zustand ist, welchen die Mehrheit definiert – und dabei auch wandelt. Jenseits des Wunsches, in jedem Fall möglichst lange zu leben, sind uns nicht viele Werte geblieben, und dabei stellen wir auch immer seltener die Frage, was ein Leben denn lebenswert macht? Darauf kann man mir antworten, dass, wenn ich denn tatsächlich so eine andere Ansicht habe, ich es – halt eben – zu deklarieren habe. Also alles in Ordnung?

Wie ich lese, soll die Fraktion der Befürworter der Widerspruchslösung eine stabile Mehrheit haben. Es wundert mich nicht. Doch auch in diesem Fall bleibt am Schluss einfach noch die Feststellung: Noch ist meine Freiheit, es anders zu wollen, nicht unmöglich zu bewahren – aber die Welt, wie sie sich versteht, wird mir zunehmend fremd. Und ich bemerke an mir, dass ich mich zurückziehe, ich den Ausgleich und das Verständnis mit den mir Lieben suche, und die übrige Welt zu verstehen nicht mehr wichtig sein darf, denn ich reibe mich an ihr in einer Weise, die mich krank machen kann.

07.April 2022, 16:20

Die Wahrheit in uns

Was, wenn alle Wahrheit, die wir erkennen können, bereits in uns angelegt ist? Wenn in unserer Tiefe, dort, wo wir nur selten hin gelangen, vielleicht auch, weil wir uns nicht trauen, eine Geborgenheit angelegt ist, in welcher wir immer ruhen können?

In meinem Umfeld reden wir manchmal vom Urvertrauen, und ich denke, das versuche ich einleitend zu beschreiben. Es ist eine Art Fügsamkeit gegenüber dem eigenen Schicksal, eine Demut, mit welcher wir die Angst vor der Zukunft ablegen können wie die Rastlosigkeit, etwas Nächstes und dann Übernächstes unbedingt erreichen zu wollen, zu müssen. Was macht mich aus? Was ist bestimmend für mein Leben? Wie viele Bedingungen stelle ich, um mein Leben schön zu finden, es annehmen zu können und zufrieden damit zu sein? Und wem will ich diese Bedingungen denn stellen? Eine Unzufriedenheit über andere, die „Gemeinschaft“, den „Staat“, die „Familie“ – beruht oft auf der Lernkurve, auf der wir erkennen, dass das, womit wir konfrontiert werden, nicht wirklich zu kontrollieren ist. Und wir alle wissen nicht, ob wir stets die richtige Strategie zur Hand haben, wenn wir uns bedroht fühlen werden.

Doch es gibt Menschen, an denen kann das Schicksal noch so sehr rütteln, kann ihnen so manches Unglück aufbürden – und sie werden dennoch Gutes in ihrem Dasein sehen, in ihrer Geschichte, in Erlebtem und Bestehendem – und sich nicht von der Angst vor der Zukunft auffressen lassen, sondern ganz bei sich bleiben oder zu sich finden.

Wenn mich jemand fragt, wer oder was Gott ist, dann antworte ich gerade spontan: Das Göttliche liegt in den Antworten, die Du auf die Fragen Deines Lebens finden kannst. Gott straft nicht. Die Schöpfung hat uns Menschen so erschaffen, dass wir in allem die Liebe finden oder sie gestärkt bewahren können. So unsäglich Vieles, das wir zu brauchen glauben, ist am Ende so leicht, dass es getrost fortgeweht werden kann. Was uns aber ausmacht, kann uns nicht genommen werden.

Nachrichtenlagen wie die aktuelle führen erst recht dazu, dass der Schrecken dominiert und damit das Zeugnis der Schlechtigkeit des Menschen. Doch auch wenn die vielen kleinen und grossen Geschichten der Nächstenliebe, der Nachbarschaftshilfe und des Lebensmutes kaum erzählt werden, so gibt es sie doch, und sie sind nicht auszulöschen. Sie finden überall statt, und die Tatsache, dass sie unterzugehen scheinen, ist nur ein vermeintlicher Sieg der Kriegsraserei, der Krankheit, der Pandemie. Denn tausendfach, millionenfach findet es immer wieder statt: Das Wunder der Barmherzigkeit, der Grossherzigkeit, des beherzten Mutes einer liebenden Seele, die Kraft eines Lebens, das sich getragen fühlt von guten Mächten. Vielleicht sind Zeiten wie diese heutigen unsere Gelegenheiten, zu überdenken, ob wir wirklich alles scheinbar Unwirkliche, Übersinnliche, Spirituelle belächeln sollen? Und ob es umgekehrt nicht persönlicher, individueller, realer zu erleben wäre als in einem Kurs, der gerade angesagt ist und den zu besuchen ja sicher nichts schaden kann?

Ein gebasteltes Patchwork, das gute Energien verspricht, muss sich am Ende auch einfach darauf besinnen wollen, was wir wirklich als unsere Wahrheit erkennen können. Das vermeintlich schreckliche an ihr ist nie das Ende, sondern der Anfang eines neuen, persönlichen Weges.

29.März 2022, 18:25

Die Sache mit der Angst

Wenn wir uns selbst auf den Zahn fühlen wollen, dann schauen wir uns am besten genau an, wovor wir Angst haben und warum? Angst kann uns treiben, aber sie kann auch ein Lehrer sein. Sehr oft wird sie eingesetzt: Wer uns Angst macht, will ein bestimmtes Verhalten von uns – und sei es nur ein Einverständnis…

Die Freiheit beginnt dort, wo die Angst aufhört.

leider unbekannt

Politik funktioniert sehr oft so, dass eine Gefahr beschworen wird – gegen die es dann die propagierten Massnahmen zu ergreifen gibt. Die Terrorgefahr hat man uns in den letzten zwanzig Jahren so intensiv beschrieben, dass wir heute Überwachungs- und Kontrollmechanismen akzeptieren, die früher unvorstellbar waren. Doch immerhin ist uns dabei ein Feind von aussen beschrieben worden und man hat ihn nicht unter uns gesucht. Also, nicht unter unseresgleichen. Dafür haben ganz sicher zuviele Flüchtlinge zusätzlich leiden müssen. Angst frisst die Seele auf. Diffus können sie sein, diese Ängste. Das macht es eher noch schlimmer. Wir haben uns in der Pandemie von mancher Angst getrieben – sic – treiben lassen. In ein Wohlverhalten, damit es uns wohl gehen möge. Selbstverständlich. Wann ist jemals jemand dafür bestraft worden, dass er Ängste geschürt hat? Im Zweifelsfall war die Warnung unbegründet, aber gut gemeint, und es hätte ja sein können? Der Schaden, der damit angerichtet wird in der Gemeinschaft, ist nicht zu beziffern. Es sind nicht nur die Kameras, die nicht mehr verschwinden. Wer erlebt hat, wie er zum Problem werden konnte, nur, weil er sich eine andere Meinung erlaubte und die für sich und seinen eigenen Körper auch aufrecht erhielt, weiss, wovon ich schreibe. Es wird nie mehr genau das Gleiche sein. Vielleicht ist das eine Art von Erfahrung, wie wir sie zu Dutzenden als junge Erwachsene gemacht haben, als wir glaubten, die Welt wäre mit dem Glauben an wirkliche Ideale zu verändern. Das war dann Naivität, die abzulegen war. Leider. Dabei hat der Sieg über die Mauer, die Überwindung des kalten Krieges und die Möglichkeit zur fast weltweiten Interaktion der Menschheit wohl einmalige Chancen eröffnet. An denen sie krachend gescheitert ist.

Der propagierte Wandel durch Handel hat nur als Deckmantel, als moralisches Notgerüst funktioniert, in deren Dunst die Profitgier ungehemmt gewütet hat. Der hochmütig arrogante Anspruch des Westens, moralisch überlegen zu sein, ist unerträglich. Sieger, die sich auch als solche geben, müssen sich in der Folge anrechnen lassen, was sie aus ihrem Triumph gemacht haben. Die Bilanz ist verheerend.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine kann gar keine Rechtfertigung haben und jeder einzelne Tote ist einer zuviel – die russischen Soldaten eingeschlossen. Die jüngst wieder angeschlagene Rhetorik der USA allerdings ist wohl die hässlichste Art, zu zeigen, dass auch und gerade jetzt die Menschen in der Ukraine nur Spielball sind. Ja, wir sind den Mächten hilflos ausgeliefert. Aber wir sind nicht einfach nur hiflos oder schuldlos. Und wir zeigen das ja auch: Durch unzählige Aktionen, die unsere ehrliche Betroffenheit bezeugen. Erstmals hat man den Eindruck, dass Europa als Kontinent tatsächlich eine Geschlossenheit erreichen kann – auch hier wirkt die Angst vor der Bedrohung. Doch diese Bedrohung ist konkret, und das führt dazu, dass wir uns ihr auch viel eher stellen. Wir begreifen: Die Bedrohung rührt an etwas, was uns wichtig ist, was bedeutend ist und wertvoll, mögen wir es auch lange Zeit uns nicht mehr bewusst gemacht haben: Selbstbestimmung ist ein hohes, wichtiges Gut! Wir wehren uns gegen die Aggression, und es ist dabei auch gut, wenn wir sie auf allen Seiten erkennen und nicht gutheissen. Und ja, auch Worte sind da gemeint. Die Rede von Joe Biden jüngst in Polen war eine Katastrophe, und der Krebsgang, der danach in der amerikanischen Diplomatie eingesetzt hat, legt das offen.

Schauen wir uns also unsere Angst an, helfen wir den Menschen, wehren wir uns, fassen wir Mut. So, wie es ganz viele Menschen gerade vorleben. Wir haben tatsächlich viel mehr zu verlieren als die Möglichkeit auf freien, unbeschränkten Konsum. Und seien wir uns bewusst: Die grösste Herausforderung beginnt dann, wenn sich die Angst legt und wir Freiheit zurück gewinnen (sollten): Damit müssen wir nämlich was anfangen. Dann beginnt sie erst recht, die Verantwortung für uns und andere. Für die Erde, die uns nur noch sehr schwer erträgt. Wir haben so viel zu ändern. Aber keine Angst sollte so gross sein, dass wir es nicht wagen, es anzugehen.

14.März 2022, 0:45

Die grosse fremde und die eigene kleine Welt

Mir ist nicht so ums Schreiben. Worte, die nicht in einem Brief oder in einer Nachricht direkt an einen Menschen gerichtet sind, scheinen gerade im allgemeinen Geschrei unter zu gehen.

Es ist ein Klagen spürbar, ein Hader, der zwischen Unwille und Unverständnis wabert. Was ist nur mit uns los? Jaaah, wir haben mit Krieg nichts am Hut, aber plötzlich auch nicht mehr so sehr mit Corona. Alles relativiert sich, aber auf den asozialen Medien ist immer eine Suppe am Kochen. Garantiert. Das Erschrecken über die plötzliche Nähe des Irrsinns ist gross, und gerade jetzt vermisse ich die leiseren Töne. Das Netz ist ein Ort der Parteien, der Debatten, der Anklagen und der Lügen. Allerdings scheint mir, dass mit dem Ukrainekrieg vermehrt erkannt wird, dass Manipulation und Information sehr oft nicht auseinanderzuhalten ist. Was also tun? Einen Schritt zurück machen und mehr darüber nachdenken, was denn für mein Leben wirklich Bedeutung hat? Was ist real, ist fassbare Wahrheit, was kann ich greifen und mit ein wenig Achtsamkeit gar beeinflussen?

Wie müssen diese Zeiten für die Kranken unter uns sein? Wie absurd mag ihnen manches Geschrei vorkommen und sie entsprechend anrühren, wie belastend kann es wirken, dass die Menschen aufsaugen, was in der Ferne geschieht oder sie irgendwann bedrohen könnte, während ihnen nahes Leid unangenehm ist? Dabei ist gerade da, wo ein grauer Schleier über der aufgehenden Sonne hängt, ein Lächeln ein Segen. Ein gutes Wort, ein Moment des Zuhörens, ein kleiner Schalk, ein Innehalten. Wir brauchen auch im Nahen, im Kleinen nicht immer Antworten haben. Aber einen Zustand einfach mal aushalten, eine Antwort auf unser „Wie geht’s?“ aufnehmen, wenn sie nicht so freudig klingt. Nachhören, noch nicht mal insistieren, drängen, aber einmal zeigen, dass die Welt, die grosse, weiter ziehen mag, während unser Platz gerade jetzt bei einfach einem Menschen ist – das ist schön. Das ist Leben. Wahrhaftige Bedrohungen machen uns empfindsam. Wer weiss, wie verletzlich er ist, steht einem tatsächlich Verletzten womöglich offener bei. Entrüstung und Empörung über die Welt da draussen sollte keinen Funken Energie verbrennen, den wir stattdessen für unsere kleine Welt verwenden können. In ihr entsteht das Lächeln, nährt sich die Liebe, wird Angst überwunden und Zuversicht geschöpft. Die Verzweiflung über „die Welt“ ist abstrakt, wirkt beinahe anmassend, wenn die Menschen um mich herum Probleme zu bewältigen haben, die ich sehr wohl sehen kann, wenn ich es will.

Und wenn aus dieser realen, unmittelbaren Welt ein Lächeln zurück kommt oder an mich heran getragen wird, dann geht die Sonne wirklich auf. Denn da gibt es ja noch meine innere Welt, und jede Hilfe, die mich Demut lehrt für das Glück und Kraft für die Bewältigung von Unglück, ist reales Erleben.

21.Februar 2022, 1:00

Wenn Stigmas sich auflösen

So viel in unserem Leben wird uns scheinbar hingeworfen, und während wir das Pech beklagen, sind wir uns des Glückes oft nicht bewusst. Wenn ich dann Erzählungen höre vom Aufwachsen von Kindern in fremden Ländern, sagt mir zwar mein Verstand, wie gut ich es doch getroffen habe, doch mein Herz berührt es nicht immer: Vielleicht zu oft gehört, zu oft gesehen? Was mich aber umhauen kann, sind Schilderungen vom Leben hier, bei uns, an meinem Platz – nur, sagen wir mal, eine Generation früher.

Wie war es schwer, das Thema Alzheimer zu benennen? Es war quälend schwierig, einen Angehörigen zu pflegen und die Contenance zu halten zwischen der Kaschierung der Verwirrung des Vaters oder der schieren Verzweiflung ob der Herausforderungen, welche die geistig abbauende Mutter an einen stellte. Alle überfordert, alle stigmatisiert, kein Verstehen zu erwarten, und Lösungen schon gar nicht.

Oder Autismus… Wie erklären und selbst verstehen, dass das Kind in einer eigenen Welt gefangen blieb, während wir von aussen aus es betrachten mit einer Mischung zwischen Faszination für bestimmte Auffassungsgaben und der Befremdung über die Blockade gegenüber jeder menschlichen Berührung… und dann legt eine Gesellschaft irgendwie den Schalter um, und scheinbar innert weniger Jahre gibt es plötzlich Kinofilme zum Thema Altersdemenz – und ganze populäre Serien, in denen Autisten eine markante Neben- oder sogar die Hauptrolle spielen. Und wo vorher Unwissen und Verdrängung oder einfach Nichtbeachtung war, eifern nun Hashtags in den asozialen Medien dem Phänomen nach, eifrig bemüht, etwas vom Trend mitzunehmen und Beachtung zu erhalten. Wie fragwürdig das auch sein mag, eindeutig kann man feststellen: Welch Laune des Schicksals, einen Angehörigen mit einer solchen Aufgabe zu versehen – und das nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Wie bizarr muss es sein, als Betroffener zurück zu blicken und sich zu fragen, wie viel leichter es gewesen wäre, auch als Pflegende und Begleiter genügend Kraft zu haben, wäre betroffenen Menschen schon damals menschlicher und verständnisvoller begegnet worden.

Und während wir als Gesellschaft auf den Wogen der Launen von Beachtung oder Ignoranz oder gar Stigmatisierung dahin dümpeln, wünsche ich Menschen, die gerade jetzt und heute einen solchen Kampf im Grau unserer Missachtung führen, dass wir alle, wenn wir mit uns Fremdem konfrontiert werden, einfach mal mutmassen, dass das störende Etwas, das bei einem mir bekannten Menschen nicht „funktioniert“, mehr eine Herausforderung für mein Unwissen ist als eine Zumutung. Jedes Stigma ist von Menschen gemacht. Und damit grausam.

09.Februar 2022, 0:20

Einzigartige müssen sich nicht vergleichen

In der Wirtschaft nach westlichem Vorbild dominiert das Konkurrenzdenken. Der Glaube an den Segen des freien Wettbewerbs ist ungebrochen. Die gesellschaftliche Facette, die daraus folgt, ist, dass wir uns immer wieder genötigt sehen, uns zu vergleichen. Damit kreieren wir Bedürfnisse, die wir für unser Glück nicht brauchten. Im Grunde machen wir Glück unmöglich, weil Glück kein Zustand ist, in dem uns noch etwas fehlt.

Unser Wirtschaftssystem ist exakt darauf ausgerichtet, diese neuen Bedürfnisse künstlich zu schaffen. Wir sprechen von unserem Wohlstand. Doch gemeint ist nicht, dass es uns wohl ist im Stand. Im Status Quo. Du sollst mehr wollen, mehr ausgeben. Wir messen uns mit dem Nächsten, und es ist, leider, sehr wichtig, was wir haben. Und so verkehren wir, je älter wir werden, um so mehr, in Kreisen, die ähnlich „unterwegs“ sind wie wir selbst. Wir haben keinen Blick für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Wir könnten fragen: Was kann mir der nächste Mensch heute geben, beibringen, zeigen, wofür ein Beispiel sein? Wir könnten der Frau an der Kasse in die Augen sehen, statt stumpf an ihr vorbei. Nur wenn ich den Menschen anschaue, kann ich das Geschenk seines Lächelns empfangen – und es zurück geben.

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem die Tatsache, dass andere mehr hatten, immer wieder eine Herausforderung war. So waren Momente, in denen es gelang, sich auf sich selbst und seinen Wert zu besinnen für Viele um mich herum viel zu selten. Dabei ist es für jeden Menschen gültig und wichtig, sich sagen zu können:

Ich bin einzigartig.

Ich lernte eben früh sehr viele Menschen kennen, die ihr Leben als Begegnung mit anderen verstanden: Das Gegenüber hatte was zu sagen. Ich war jemand, den zu entdecken sich lohnte. Ich wurde gehört. Und gesehen.

Ich hatte in meinem Leben viel Glück – ganz sicher mehr als andere. Ich bin nicht einzigartiger als sie. Aber es hilft keine Beteuerung, nur das Beispiel. Der offene Blick, das ehrliche Wort, die lebendige Neugier, das achtsame Interesse. Wirklicher Reichtum liegt in der Herzwärme einer Begegnung. Über alle Zäune und Vergleiche hinweg, auf Augenhöhe.

02.Februar 2022, 22:30

Ein empathischer Manager schaut nun zu sich selbst

Es gibt wohl keinen zweiten Sportdirektor eines Fussballbundesliga-Vereins, wie das Max Eberl in Gladbach war. Das bezieht sich auf seine fachlichen, aber auch und gerade auf seine menschlichen Qualifikationen. Kaum ein Manager hat sich so sehr hinter seine Trainer gestellt und eine so menschliche Linie verfolgt, überzeugt, dass es den Respekt für die Mitarbeiter braucht, will man von ihnen Zusammenhalt für den Erfolg des Vereins einfordern.

Eberl war die verkörperte Verlässlichkeit, und dass dieser Mann nun erklärt hat, öffentlich und unter Tränen, dass er keine Kraft mehr hat, macht sehr betroffen. Er will mit uns nichts mehr zu tun haben, und das sollten wir auch genau so verstehen. Denn auch wir Konsumenten und Fans, Fussballinteressierte und News-Konsumenten hocken täglich den Rattenfängern auf, die unsere Aufmerksamkeit, unsere Klicks mit möglichst aufregenden Schlagzeilen abgreifen wollen. Und wir stöbern gerne nach, lassen uns jedes Gerücht unter die Nase halten, für dessen Verbreiterung der Journi oder der SocialMedia-Betreiber nicht mehr braucht als ein Hörensagen – ohne jede Nachprüfung des Wahrheitsgehalts. So verkommen Transferperioden zum Spiessrutenlauf – in dem gerade die finanziell nicht so stark da stehenden Vereine die Zeche bezahlen. Und es ist gut zu beobachten, dass zunehmend alle Beteiligten an der Aushandlung eines neuen Vertrages keine Manipulationen mehr scheuen, um mit der Speisung solcher „Meldungen“ Druck aufzubauen.

Max Eberl hat auf die schmerzhafteste Weise erfahren, dass Menschlichkeit und Anstand keine Garantie in sich tragen, dass in genau gleicher Weise zurück gezahlt wird. Oh nein. Wir sind uns alle selbst die Nächsten.

Ja, der Chef muss vorangehen, und es kommt selten gut, wenn der Leitwolf nicht wirklich brennt für seinen Job. Doch wenn er erlebt, dass für nächste Mitarbeiter im Führungsteam eine ähnliche Verbindlichkeit obsolet ist und bessere Verträge andernorts jede vorherige Beteuerung von der Liebeserklärung zur Ohrfeige mutieren lassen, dann kommt der Moment, in dem die eigene Kerze an beiden Enden zu brennen anfängt. So ist es zu erklären, dass der Überzeugungstäter Max Eberl viel zu spät erkennen konnte, dass ihn die menschlichen Enttäuschungen viel mehr beschäftigen und an seinen Kräften zehren, als er es zulassen wollte. Es hilft auch nicht, wenn in jedem Einzelfall die objektive Sachlage dazu veranlasst, eine angestrebte Trennung auch zuzulassen, weil man Reisende nicht aufhalten soll. Die schiere Häufung der Hiobsbotschaften und ihrer Auswirkungen waren schlussendlich nicht mehr zu tragen. Der Trainer Marco Rose wollte dem Verein, der ihm die Etablierung in der Bundesliga ermöglichte, nicht über den Sommer hinaus zur Verfügung stehen, trotz laufendem Vertrag, Nationalspieler verlängerten ihre Verträge nicht, die sportliche Schieflage wurde, gemessen am Kader, immer grotesker, und Corona verschärft jedes wirtschaftliche und personelle Problem betreffend der Führungsaufgaben zusätzlich.

Max Eberl hätte es anders verdient. Ganz anders. Den Respekt fast aller Beobachter wird er nie verlieren. Da hat ein Mensch gearbeitet und ist ein Mensch abgetreten, sich öffentlich eingestehend, dass es nun einfach nur noch um ihn gehen darf und muss. Wohl noch nie hat ein Manager in der Öffentlichkeit so ehrlich und berührend von seiner Not erzählt, und es ist typisch Eberl, dass seine Sätze druckfertig daher kamen bis zum Schluss – ohne dass auch nur ein Satz aus Worthülsen bestanden hätte. Ist er gescheitert? Ich hoffe, viele Chefs nehmen sich genau Max Eberl zum Vorbild. Und ich hoffe, ihre Botschaft kommt so bei ihren Angestellten an, dass die Lust und Freude gross bleibt, zurück zu zahlen. Und das ist keine Währung aus Euros oder Franken. Das ist die Überzeugung, einen Job zu haben und ihn so erfüllen zu wollen, wie er vereinbart wurde, wie man sich dafür verwendet und beworben hat, mit der klaren Idee, dass der Job auch getan sein soll, bevor man über Veränderungen verhandelt. Genau das kann Max Eberl nun nicht mehr. Es wäre ihm zu wünschen gewesen, er hätte dabei auf der gegenüberliegenden Tischseite Menschen vorgefunden, die ihm empathisch wenigstens ein bisschen gerecht hätten werden können. Nun, mindestens öffentlich war dem nicht so. Nicht nur Eberl ist in Mönchengladbach zuletzt überfordert…

Ich möchte noch zurückblenden in die Jahre 2011 bis 2015: Max Eberl hatte das Gespür für die richtige Trainerverpflichtung, als Borussia Mönchengladbach scheinbar hoffnungslos abgeschlagen wie der Absteiger feststand. Lucien Favre schaffte es nicht nur, die Klasse doch noch zu halten, er entwickelte die Mannschaft weiter, bis sie gar die Championsleague erreichte. Die Spieler glaubten bedingungslos an seine Philosophie, und die Erfolgserlebnisse taten ihr Übriges. Doch dann begann eine neue Saison – und nichts schien mehr zu funktionieren. Favres Mannschaft verlor sechs Spiele in Folge, und die Zweifel steckten den Spielern in jedem gespielten Pass auf dem Feld in den Füssen. Das Herz mochte noch so genau erinnern, dass dieser Trainer schon wusste, was sie brauchten – es funktionierte nicht. Niemand hätte Favre entlassen, erst recht nicht ein Mensch wie Max Eberl. Er glaubte, Favre alles zu verdanken. Man würde da wieder rauskommen. Favre bot den Rücktritt an. Er wurde abgelehnt. Worauf Favre seinen Rücktritt einseitig erklärte und die Arbeit niederlegte. Das hängt ihm heute noch nach. Aber ein Trainer spürt, wenn er seine Jungs nicht mehr erreicht, wenn er deren Zweifel im Kopf nicht beseitigen kann. Favre begriff, dass die Loyalität der Vereinsspitze, getragen von Eberl, verhindern würde, die Sackgasse zu erkennen. Er entschloss sich zu einem radikalen Schritt, der alle im Verein schockierte. Von einem Moment auf den andern war der ehemalige Heilsbringer nicht mehr greifbar. Erst das aber liess alle Verantwortlichen, die Führungsspieler inklusive, begreifen, was es geschlagen hatte – und Eberl zog mit Andre Schubert genau die richtige, ganz andere Person nach, die sofort Erfolg hatte. Ich bin sicher, Max Eberl hat damals sehr gelitten unter Favres Entscheidung – aber sie hatte wohl auch ihren Grund in der Bedingungslosigkeit, mit welcher Eberl an Favre festgehalten hätte, allen Anzeichen grundlegender Probleme zum Trotz. Auch das war die Geschichte eines Trainers, der auf Eberls Schiff von Bord ging – aber eine ganz andere…